Jelena

© Gunnar Buchheister

Ich sitze am Tresen, der etwas Gediegenes ausstrahlt, etwas, das dieses Gefühl vermittelt, dass es schon immer so war und man sich überhaupt nichts anderes vorstellen kann.
Dieser Tresen war vor über drei Jahren auch schon da, und dennoch hatte er nicht diese Wirkung, diese Präsenz, vermittelte nicht den Wunsch, sich auf einen der hohen Hocker zu setzen und den Blick über die Gäste schweifen zu lassen.
Ich sitze am Tresen, und meine Erinnerungen wandern zurück zu der Zeit, als Jelena, meine Mutter, hier einen schlecht bezahlten Job bekam. Ich fragte mich damals, warum sie ausgerechnet diese Arbeit angenommen hatte. Damals dachte ich, es gäbe doch Arbeiten, bei denen sie mehr Geld verdienen würde. Die Mutter eines Schulkameraden erzählte immer wieder, wie viel Geld sie mit dem Verkauf von irgendwelchen Dingen verdienen würde, und ich wusste doch, dass wir Geld brauchten. Ich ging Zeitungen austragen, weil ich meine Mutter unterstützen wollte. Und ich verstand so gar nicht, was sie dazu bewogen hatte, genau diese Arbeit als Bedienung im „Schröders“ anzunehmen.
Ich erinnere mich an die Jahre meiner Kindheit, als das „Schröders“ noch florierte. Touristen kamen den Sommer über von Spaziergängen in den umliegenden Bergen und kehrten nachmittags ins Café ein. Dann eröffnete oben über der Stadt ein Hotel mit angeschlossenem Café, und die Touristen blieben aus. Nur die alten Stammgäste hielten dem „Schröders“ noch die Treue, und das reichte gerade, um es zu erhalten. Der alte Charme verblasste, und irgendwann würde es untergehen, wie ein Schiff, das leckgeschlagen ist. Es wäre nur eine Frage der Zeit.
Und in diesem dem Untergang geweihten Schiff wollte meine Mutter anfangen zu arbeiten. Ich verstand es absolut nicht, und wenn ich sie fragte und ihr mein Geld, das ich mit den Zeitungen verdient hatte, auf den Tisch legte, sah sie mich mit einem seltsamen Blick an, drückte mich ganz lieb und sagte nichts.
Der Sohn vom alten Schröder hatte den Laden übernommen, und das tat dem Laden überhaupt nicht gut. Der Junge interessierte sich vor allem für Autos und hatte überhaupt keine Beziehung zum Café seines Vaters. Bald war die ehemalige Perle der Innenstadt nur noch ein Schatten ihrer Selbst.
Ich erinnere mich dunkel, dass wir einmal Besuch vom alten Schröder bekamen. Er war ein liebenswerter alter Mann, und ich glaube, er hätte gerne noch selber das Café weitergeführt, doch eine Krankheit begann, ihn mehr und mehr zu behindern.
Den Abend, da er uns besuchte, sprach er leise mit meiner Mutter. Ich hörte, wie er sie fragte:
„Warum haben Sie um Gottes Willen das gerade oben über den Tresenbereich gehängt? Mein Sohn hat gesagt, ich solle Ihnen sagen, dass Sie es wieder abnehmen sollen. Es wäre geschäftsschädigend.
Ich möchte aber erst Sie fragen, was es damit auf sich hat. Sicher ist es ungewöhnlich für ein Café, aber als geschäftsschädigend kann ich es beileibe nicht sehen.“
„Ich habe es dort hingehängt, weil – diese Arbeit anzunehmen, hat mir Gott aufgetragen. Ich weiß nicht warum, aber er hat seine Gründe … Und du kannst ruhig Du zu mir sagen.“
Der alte Schröder zögerte einen Moment. „Ich bin Gustav …“ Er sah meine Mutter an und sagte dann: „Es bleibt hängen! Ich werde es meinem Sohn sagen. Er interessiert sich sowieso nicht für den Laden. Er hat nur Angst, dass er noch weniger Geld abwerfen könnte.“
Sie unterhielten sich noch eine Weile, bis sich Gustav dann am späten Abend verabschiedete.
Ich werfe einen Blick hinauf, oben über den vielen Flaschen mit dezent bunten Etiketten. Wirklich ungewöhnlich für ein Café, ein Kreuz dort oben aufzuhängen. Doch es gab auch niemanden, der sich offen daran störte. Und dann fällt mir ein, wie meine Mutter manchmal mit einem strahlenden Lächeln nach Hause kam und leise erzählte, dass sie mit einem Gast über Jesus gesprochen hatte – weil er wegen des Kreuzes nachgefragt habe.
Das „Schröders“ heißt nicht mehr länger so. Gestern waren Handwerker da, und ich habe gesehen, wie das alte Schild abmontiert und ein neues angebracht wurde.
Jelenas feines Café stand jetzt in großen handgeschriebenen Buchstaben dort oben, und heute sitze ich hier am Tresen, schaue meiner Mutter zu, wie sie mit kaum sichtbaren Handbewegungen ein kleines Orchester von jungen Mädchen dirigiert, die hilfsbereit und freundlich jedem Gast das Gefühl vermitteln, er sei der Einzige, der gerade die volle Aufmerksamkeit verdiene. Es ist eine Ruhe in dieser Betriebsamkeit, die ihresgleichen suchen darf. Hin und wieder setzt sich auch eines der Mädchen zu den Gästen für einen kurzen Plausch, was ich mir anderswo nie vorstellen könnte. Hier geht so etwas. Die Gäste lieben es und lassen es die Mädchen durch großzügige Trinkgelder wissen.
Ich sehe meine Mutter mit einer unverhohlenen Frage im Gesicht an.
„Nun frag schon …“, sagt Jelena da zu mir und lächelt, als wüsste sie schon längst, was mich denn so bewegt.
„Wie hast du das gemacht?“, flüstere ich über den Tresen, und neben mir taucht Gustav auf. Er hat eine Träne im Auge, und sein Gesicht ist voller Freude, sein Café wieder zum Leben erweckt zu sehen.
„Ja, das musst du mir auch verraten …“, flüstert er neben mir.
Jelena winkt uns hinter den Tresen, macht einen Kaffee mit einer dezenten Haselnussnote und einem Klecks Schlagrahm darauf und sagt dann: „Gott hat mir ein kleines Geheimnis verraten. Wenn du etwas bewirken willst, wirf nicht als erstes all das fort, von dem du glaubst, dass du es nicht brauchen wirst, sondern bringe ganz viel von dir selber ein, bis deine Seele darin beginnt zu leben. Das habe ich mit diesem Café gemacht. Es wurde immer mehr meins …“
„Und das spürt man“, flüstert Gustav und streichelt meiner Mutter über die Hand. „Ich habe dir heute etwas mitgebracht – wie letztens besprochen.“ Er nestelt umständlich in seiner Tasche, dann holt er einen großen Umschlag hervor.
„Damit dir mein Sohn keine Schwierigkeiten machen kann. Ein vererbbarer Pachtvertrag auf Lebenszeit.“ Gustav sieht mich an. „Vielleicht möchtest du ja, oder deine Frau irgendwann ja gerne dieses Schmuckstück weiterführen.“ Er nimmt seine Tasse Kaffee, zwinkert mir zu und trinkt. Und in seinem Oberlippenbärtchen bleibt ein Sahnestreifen wie eine heimliche Bestätigung zurück.


© Gunnar Buchheister


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Beschreibung des Autors zu "Jelena"

Nach über einer Woche Kopf im Histaminsturm, das heißt nicht schlafen und nur aufgedreht sein, ist doch etwas Sinniges geblieben, eine Idee, die immer konkretere Form annahm und die ich nun geschrieben habe, als kleine Übung, um meinen Kopf wieder ein wenig zurechtzurücken.

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Kommentare zu "Jelena"

Re: Jelena

Autor: Grafeneder Johann   Datum: 07.02.2026 18:13 Uhr

Kommentar: Gunnar,
deine Geschichte hat etwas, das man nicht planen oder konstruieren kann – sie hat dieses stille Leuchten, das nur entsteht, wenn jemand wirklich weiß, wovon er schreibt. Man spürt in jedem Absatz, dass hier nicht einfach ein Café beschrieben wird, sondern ein Ort, der durch Menschen zu etwas Lebendigem geworden ist. Jelena wirkt wie jemand, der nicht arbeitet, sondern wirkt. Und Gustav … den hätte ich gern als Nachbarn.

Besonders schön finde ich, wie du das Unsichtbare sichtbar machst: die kleinen Entscheidungen, die Haltung, die Wärme, die Seele eines Ortes. Das ist selten, und du triffst es ohne Pathos, ohne Kitsch – einfach klar und menschlich.

lg Johann

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