„Psst. Hörst du das?“
„Was denn?“
„Das! Dieses… Summen. Dieses warme, goldene Brummen aus Richtung Sonne. Seit Tagen. Das ist kein normales Brennen mehr.“
In der großen, dunklen Lounge des Universums, irgendwo zwischen der Umlaufbahn des Mars und dem Asteroidengürtel, waren die Gerüchte nicht zu überhören. Die Planeten drehten sich langsamer, die Kometen hielten inne, und selbst die sonst so gleichgültigen Fixsterne zwinkerten etwas intensiver. Es gab Neuigkeiten vom himmlischen Flurfunk: Die Sonne war verliebt.
„Also ICH habe es zuerst gemerkt“, prahlte die Venus, deren eigene Atmosphäre vor Neid kochte. „Sie strahlt seit Wochen eine andere Frequenz aus. Nicht dieses normale, gesunde Gelb. Nein, das ist… ein verliebtes Pfirsich!“
„Pfirsich?“, knurrte Jupiter, der alte Riese. „Quatsch. Sie zittert. Ihr ganzes Heliumbrennen ist aus dem Takt. Das gibt früher oder später Sonnenflecken, wetten?“
„Ach, lasst sie doch“, seufzte der Saturn und ließ seine Ringe sanft klimpern. „Jung und heißblütig. Soll sie doch ein bisschen glühen.“
Das Objekt ihrer Zuneigung war, zu jedermanns Entsetzen und Belustigung, der Mond.
„Der Mond?“, kicherte ein Haufen junger Asteroiden. „Der Graue? Der Stumme? Der, der nicht mal eigenes Licht hat?“
„Genau der“, raunte es zurück. „Sie bescheint ihn anders. Sieh doch hin! Wenn sie untergeht, malt sie ihn in Rosa und Orange, nicht in dieses langweilige Silber. Das sind Liebesbriefe aus Licht!“
Und tatsächlich: Die Sonne hatte beschlossen, nicht länger nur zu leuchten. Sie begann, zu sprechen.
„Guten… ähm… Abend?“, rief sie eines Tages, als sie am westlichen Rand des Himmels stand und sich langsam zurückzog. Ihre Stimme war wie ein warmer Sommerwind, der über eine Wiese streicht.
Der Mond, der gerade seinen Platz einnahm und sich wie immer darauf vorbereitete, ihr Licht still zu reflektieren, erstarrte. „Wer… wer spricht?“
„Ich! Hier! Die… die Sonne.“
Eine Pause. Dann, leise und voller Staunen: „Du… du kannst sprechen?“
„Heute kann ich es“, sagte die Sonne, und ihre Strahlen wurden so weich wie Pfirsichhaut. „Weil ich mit dir sprechen will.“
Der himmlische Flurfunk stand kopf.
„SIE SPRECHEN MITEINANDER!“, donnerte Jupiter durchs Vakuum.
„Ich hab's doch gesagt!“, kreischte die Venus.
„Was sagen sie? WAS SAGEN SIE?“, zischelten die Asteroiden.
Der alte, weise Saturn schüttelte nur lächelnd seine Ringe. „Kinder. Wie süß.“
Der Mond war fassungslos. Niemand hatte je mit ihm gesprochen. Er war der Nachtwächter, der stille Beobachter, der kalte Spiegel.
„Aber… ich habe nichts zu sagen“, flüsterte er. „Ich bin nur Stein. Ich habe kein eigenes Licht.“
„Doch!“, rief die Sonne. „Du hast mein Licht. Und du machst etwas so Wunderbares daraus. Du machst es sanft. Du machst es geheimnisvoll. Wenn ich dich ansehe, sehe ich mein eigenes Licht, aber… ruhiger. Träumerischer. So, wie ich sein möchte, wenn ich müde bin.“
Diese Worte trafen den Mond wie ein sanfter Meteorit. Sie wärmten ihn von innen. Zum ersten Mal fühlte er sich nicht wie ein leerer Spiegel, sondern wie ein Künstler.
Ihre Gespräche wurden zur Routine. Jeden Abend, in der Dämmerung – diesem magischen, violetten Zwischenreich – unterhielten sie sich. Die Sonne erzählte von den bunten Wiesen, den lachenden Kindern, den segelnden Wolken, die sie unten sah. Der Mond erzählte von den schlafenden Städten, den heimlichen Liebespaaren, dem geheimnisvollen Ruf der Eulen, die nur unter seinem Licht auftauchten.
„Ich beneide dich um deine Stille“, gestand die Sonne eines Abends.
„Und ich beneide dich um deine Wärme“, erwiderte der Mond.
Der Tratsch und Klatsch der anderen wurde zum besten Teil der Show.
„Jetzt beneiden sie sich auch noch!“, lachte ein Komet und ließ seine Staubspur funkeln. „Unfassbar!“
„Sie sollten einfach zusammenkommen“, meinte ein kleiner, romantischer Meteor. „Warum umkreisen sie sich nur?“
„WEIL DIE BAHN ES SO WILL, DU JUNGE HEUSCHRECKE!“, brüllte Jupiter dazwischen. „ORDNUNG! GESETZE! SCHWERKRAFT!“
„Ach, Gesetze“, machte die Venus verächtlich. „Die Liebe ist das größere Gesetz.“
Saturn nickte weise. „Vielleicht ist ihre Liebe es ja, die die Bahn hält.“
Die große Geste kam vom Mond. Er war es leid, nur zu empfangen. Er wollte etwas schenken. Also studierte er seine Umlaufbahn, rechnete, plante – und schob sich eines Tages direkt vor die Sonne.
Auf der Erde hielten die Menschen den Atem an. Eine totale Sonnenfinsternis!
Im Himmel jedoch war es still. Die Sonne sah nur den dunklen, vertrauten Umriss des Mondes vor sich, umgeben von ihrer eigenen, zärtlichsten Korona.
„Was tust du?“, flüsterte sie.
„Ich gebe dir einen Moment der Stille“, flüsterte er zurück. „Das Einzige, was ich habe. Und ich zeige dir, wie du von hier aussiehst: Umgeben von einem feurigen, zarten Heiligenschein. Du bist… wunderschön.“
In diesem Moment des gemeinsamen Schweigens und Schauens war die ganze tragikomische Lästerei der anderen Stimmen verstummt. Sogar Jupiter war sprachlos. Sie alle sahen es: Diese beiden, Feuer und Stein, Redner und Zuhörer, schufen zusammen etwas, das keiner alleine könnte – einen Moment vollkommener, atemloser Schönheit.
Seitdem ist der Himmel ein wenig fröhlicher. Die Sonne strahlt ihr verliebtes Pfirsichlicht. Der Mond zeigt stolz seine von der Sonne gemalten Abendfarben. Und jeden Abend, in der Dämmerung, tauschen sie ein paar heimliche Worte aus.
Der himmlische Flurfunk hat immer was zu besprechen. Jupiter brummt zwar noch manchmal von „Ordnung“, aber selbst er muss zugeben: Die Bahn scheint seitdem perfekter zu sein als je zuvor. Vielleicht, so flüstert Saturn seinen Ringen zu, war die Liebe ja der fehlende Baustein im Gesetz des Universums. Ein Gesetz, das nicht aus Schwerkraft, sondern aus Zuneigung besteht.
danke dir – genau so ein spontanes, ehrliches „Schöööön“ ist das schönste Kompliment, das man für so eine kleine himmlische Spinnerei bekommen kann. Ich freue mich wirklich, dass dich die Geschichte erreicht hat und dir dieses leichte, funkelnde Lächeln entlocken konnte.
Manchmal tut es einfach gut, den Kosmos ein bisschen albern, ein bisschen verliebt und ein bisschen menschlich zu denken. Und wenn das bei dir angekommen ist, dann hat der Flurfunk seinen Zweck erfüllt.
Liebe Grüße
Johann
Kommentar schreiben zu "Der himmlische Flurfunk"
Möchten Sie dem Autor einen Kommentar hinterlassen? Dann Loggen Sie sich ein oder Registrieren Sie sich in unserem Netzwerk.
Sie sagte Sex
Er sagte Wasser
Sie sagte Kinder
Er sagte Feuer
Sie sagte Geld
Er sagte Erde
Sie sagte Haus
Er sagte Luft
Sie sagte Liebe
Er sagte [ ... ]
Das Pflaster dämpft den Schritt der Vielen,
ein Strom aus Zeit, der uns umschließt.
Wir treiben still in Zwischenzielen,
solang die Nacht vorüberfließt.
Der rote Bus fährt täglich. Einmal am Nachmittag. Von hier aus zwei Stunden. In die große Stadt. Sonia fährt nicht. Wieder nicht. Sie bleibt an der Haltestelle. Im Häuschen. Genau wie im Dorf. [ ... ]
Der Nazi-Kurde in der Shishabar
Eigentlich sollte es ein entspannter Abend werden. Das Übliche: Shisha, Tee, Freunde, tiefe Gespräche im dichten Dampf. Ein Typ saß bei uns, den ich vorher noch [ ... ]
Die perfekte Sprache. Du redest
kein Wort. Aber sagst nur wichtige
Dinge. Und lässt die Augen reden.
Mit jedem Blick. Mit jedem Traum.
Mit jedem Weg. Und bist die Reise.
Und bist der [ ... ]
Eine Träne wollte man nicht sein,
nicht die Trauer zeigen ganz allein,
manchmal als Zeichen für Lachen,
wird man auch nur einmal machen,
ist vielleicht nur kurz mal zu sehen,
muß Wege über [ ... ]