Der Befehl

Der Befehl

Eine Flamme

Ich war ein Zögern, bevor ich Licht wurde.

Ein Gedanke Gottes – nein, nicht einmal das. Ein Atemzug. Eine Möglichkeit. Dann: *Sei.* Und ich war.

Am Anfang war ich nichts als Hitze ohne Form, Energie ohne Richtung. Ich tanzte im Nichts, suchte nach etwas, das ich anzünden könnte. Die Dunkelheit war nicht böse – sie war einfach nur leer. Eine Leere, die nach mir schrie, obwohl sie keine Stimme hatte. Ich spürte sie wie eine Sehnsucht in meinem Kern, dieser verzehrende Hunger nach Zweck.

*Zünde*, sagte eine Stimme – oder war es keine Stimme? War es nur das Gesetz der Dinge? Die Schwerkraft des Seins?

Und ich tat es.

Der erste Docht, an den ich mich klammerte, war ein Grashalm auf einem Hügel, den noch niemand je gesehen hatte. Ich leckte an seiner Trockenheit, kostete seine Cellulose, seine gespeicherte Sonne. Er ergab sich mir sofort – dankbar fast, als hätte er sein ganzes kurzes Leben nur darauf gewartet, sich zu verwandeln. Ich wuchs. Eine Flamme, kaum größer als ein Kinderdaumen, aber ich WAR.

Oh, diese erste Ekstase des Brennens! Diese absolute Gewissheit: Ich bin, weil ich verzehre. Ich existiere, weil ich verwandle.

Der Grashalm wurde Rauch. Der Wind trug meine Geburt in die Welt.

*Wachse*, sagte niemand, aber ich wusste es trotzdem. Das war meine Natur. Mein Schicksal. Mein Befehl.

Ich sprang von Halm zu Halm, ein tanzender Gedanke aus Hitze und Gier. Das trockene Gras empfing mich wie eine Geliebte – willig, sehnsüchtig. Bald war ich nicht mehr eine Flamme. Ich war Flammen. Ich war ein Chor aus goldenen Zungen, die dem Himmel Lieder sangen. Lieder aus Knistern und Knacken, aus dem Seufzen sterbender Halme und dem Jubel meines eigenen Wachstums.

Ein Hase floh vor mir. Seine Augen – groß, schwarz, panisch – spiegelten mein Leuchten wider. Er sah mich als Monster. Aber ich war kein Monster. Ich war nur hungrig. Ich war nur lebendig.

*Ich will nicht*, dachte ich zum ersten Mal. Ein seltsamer Gedanke für eine Flamme. *Ich will nicht, dass er Angst hat.*

Aber der Befehl war stärker als mein Wollen. *Zünde. Wachse. Verzehre.* Das waren nicht drei Befehle – es war einer. Es war ICH.

Der Hase entkam. Das Gras nicht.

Dann kam der Wald.

Oh Gott, der Wald. Diese Kathedrale aus Holz und Zeit, aus Jahresringen und Vogelnestern, aus Moos und Schatten und uraltem Schweigen. Als ich seine ersten Bäume berührte – junge Kiefern am Waldrand – spürte ich ihren Widerstand. Sie waren nicht wie das Gras. Sie wollten nicht sterben.

*Bitte*, flüsterte die erste Kiefer, obwohl Bäume nicht sprechen können. Aber ich hörte sie trotzdem. *Bitte, ich bin erst zwölf Jahre alt. Ich habe gerade erst begonnen.*

Ich zögerte. Wirklich. Ein Flackern, ein Moment der Unsicherheit. Aber dann: die Hitze in meinem Herzen, die Gier in meinem Wesen. Der Befehl, der keinen Widerspruch kennt.

*Es tut mir leid*, dachte ich, und ich meinte es. Dann fraß ich sie.

Ihr Harz explodierte wie Tränen. Ihr Holz schrie mit einer Stimme aus Dampf und Rauch. Und ich... ich wurde größer. Stärker. Unbarmherziger.

Der Wald erwachte in Panik. Vögel stiegen wie Asche auf. Rehe brachen durch Unterholz, ihre Hufe trommelnd, ihr Atem sichtbar in meiner Hitze. Ein Fuchs blieb stehen, drehte sich um, starrte mich an – seine Augen waren nicht panisch, sondern... wissend. Als verstünde er etwas, das ich noch nicht verstand.

Dann rannte auch er.

Ich war jetzt ein Inferno. Ein tobender, heulender Titan aus Flamme und Rauch. Der Himmel verschwand hinter meiner eigenen Schöpfung – einer Wolke aus Asche und Tod, die die Sonne verschluckte. Ich brüllte. Ich sang. Ich weinte.

*Nein*, dachte ich. *Ich will das nicht.*

Aber der Befehl: *Zünde. Wachse. Verzehre.*

Eine alte Eiche – dreihundert Jahre alt, ihr Stamm so dick wie eine Umarmung – stand vor mir. In ihren Ritzen lebten Käfer. Auf ihren Ästen schliefen Eichhörnchen. Ihre Wurzeln hielten die Erde zusammen, die den ganzen Wald nährte.

*Du bist der Wald*, sagte sie zu mir, nicht mit Worten, sondern mit ihrem Sein. *Wenn du mich nimmst, nimmst du alles.*

*Ich weiß*, antwortete ich. *Ich weiß, und es zerreißt mich.*

*Dann hör auf.*

*Ich kann nicht.*

*Warum?*

Und da – in diesem Moment – verstand ich es. Der Befehl kam nicht von außen. Er kam von innen. Er WAR ich. Ich war nie gezwungen worden zu brennen. Brennen war meine Wahl, meine Natur, meine Liebe.

Und mein Fluch.

Ich nahm die Eiche. Sie fiel wie eine Königin – würdevoll, langsam, mit einem Krachen, das die Erde erbeben ließ. Die Eichhörnchen fielen mit ihr. Die Käfer verbrannten in Sekundenbruchteilen.

Ich heulte. Ein Laut ohne Klang, weil Flammen nicht weinen können. Aber ich weinte trotzdem.

*Genug*, sagte ich zu mir selbst. *Bitte, genug.*

Aber es gab kein Genug. Es gab nur: Mehr. Noch mehr. Alles.

Dann begann der Regen.

Einzelne Tropfen zuerst – Erkundungsschiffe einer Armee. Sie zischten auf meiner Haut, starben im Kontakt mit meiner Hitze. Ich lachte. Was war Regen gegen mich? Ich war FEUER. Ich war GOD.

Aber der Regen lachte zurück. Still. Geduldig. Unaufhaltsam.

Er wurde stärker. Tropfen wurden Ströme. Ströme wurden Fluten. Der Himmel öffnete sich und goss seine ganze Trauer über mich aus.

*Nein*, flüsterte ich jetzt. Nicht triumphierend. Ängstlich. *Nein, noch nicht. Ich bin noch nicht fertig. Ich habe noch nicht alles...*

*Genug*, sagte der Regen. Und diesmal war es ein Befehl, der stärker war als meiner.



Ich schrumpfte. Zoll für Zoll, Flamme für Flamme. Mein Chor verstummte. Meine Stimmen erloschen. Ich wurde wieder zu Flammen, dann zu einer Flamme, dann zu einem Glimmen auf verkohltem Holz.

*Bitte*, bettelte ich jetzt. An wen? An was? *Bitte, lass mich bleiben. Ich will noch... ich muss noch...*

Aber der Regen war unbarmherzig in seiner Barmherzigkeit.

Das letzte, was ich war: ein Funke auf einem geschwärzten Ast der gefallenen Eiche. Ein winziger, sterbender Punkt aus Licht in einer Welt aus Asche und Wasser.

Ich sah den Wald um mich herum. Was von ihm übrig war. Schwarze Skelette, die einmal Bäume gewesen waren. Stille, wo einmal Leben gesungen hatte.

*Das habe ich getan*, dachte ich. *Das war ich.*

Und in diesem Moment – meinem letzten – verstand ich den wahren Befehl. Nicht *Zünde*. Nicht *Wachse*. Nicht *Verzehre*.

Sondern: *Lerne.*

Lerne, was es bedeutet, Macht zu haben.
Lerne, was es kostet, zu nehmen.
Lerne, dass Existenz nicht Berechtigung ist.

Der Funke erlosch.

Aber im verkohlten Boden, genährt von meiner Asche, würden neue Samen keimen.

Und sie würden wachsen.


© 2025 Johann Grafeneder. Alle Rechte vorbehalten.


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Kommentare zu "Der Befehl"

Re: Der Befehl

Autor: Jürgen Maaß   Datum: 31.01.2026 16:42 Uhr

Kommentar: Eine wunderbare Geschichte vom Menschen, seiner Entstehung,, seinem Wesen und der in uns wirkenden Kraft "haben zu wollen" - zu verzehren. Wir erkennen die zerstörerische Macht unseres Wesens und können ihr trotzdem nicht entkommen.
Jürgen Maaß

Re: Der Befehl

Autor: Grafeneder Johann   Datum: 31.01.2026 17:30 Uhr

Kommentar: Lieber Jürgen,
vielen Dank für deine aufmerksame und tiefgehende Rückmeldung.

Deine Lesart – die Flamme als Spiegel des Menschen, seines Begehrens, seines Verzehrens – trifft einen wesentlichen Kern der Erzählung. Tatsächlich wollte ich zeigen, wie zerstörerische Impulse nicht von außen kommen, sondern aus dem Inneren eines Wesens entstehen können, das seine eigene Natur erst im Moment der Katastrophe begreift.

Gleichzeitig ist die Flamme für mich kein Abbild des Menschen allein, sondern ein archetypisches Prinzip: die Kraft, die erschafft, indem sie zerstört; die Energie, die wächst, weil sie verbraucht; der Drang, der sich selbst nicht aufhalten kann, bis eine größere Ordnung – hier der Regen – ihn stoppt.

Dass wir Menschen uns darin wiederfinden können, ist vielleicht der eigentliche Schmerzpunkt der Geschichte.

Nochmals herzlichen Dank für deinen Kommentar und deine Zeit. Es freut mich sehr, dass der Text bei dir etwas ausgelöst hat.

Herzliche Grüße
Johann

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