Nach dem Kuss, der nur drei Sekunden gedauert hatte, zog die Wächterin die Wand zwischen uns. Doch die Liebe kannte kein Verbot.
Es begann an jenem Dienstag in der U-Bahn-Station, als der Regen wie ein Vorhang von der Decke hing. Leo Mauer, dessen Hände stets nach frischen Hobelspänen rochen, und ich, Alina Frost, deren Haut den süß-säuerlichen Duft von japanischem Kleister bewahrte, fanden uns in der Mitte der stehenden Rolltreppe. Sein Regentropfen traf meine Wange. Meine Hand berührte seinen Ärmel. Drei Sekunden lang, in denen seine Lippen auf meinen geschlossenen Lidern ruhten - ein Kuss, der keiner war, aber alles bedeutete.
Die Wächterin auf ihrer Bank hob den Ebenholzstock. Eine unsichtbare, gläserne Mauer schob sich zwischen uns, kalt und perfekt in ihrer Undurchdringlichkeit.
Doch wir fanden Wege. Im Café, wo die Wand zwischen unseren Tischen verlief, rief er hinüber: "Du riechst nach Kleister." Ich erwiderte: "Du nach Sägemehl." "Wir sind ein perfekt gebundenes Buch, das man nicht aufschlagen darf." Er baute mir einen Schrank aus Zeder auf seiner Seite. Ich klebte zerrissene Liebesbriefe und schob sie unter der Tür hindurch. Nachts legten wir uns zu beiden Seiten der Barriere nieder, Hände flach gegen das unsichtbare Glas gepresst.
Wochen vergingen. Die Haut unserer Handflächen begann sich zu verändern, wurde porös und durchlässig. Seine Finger hinterließen Abdrücke in meiner Haut wie in weichem Holz. Meine Fingerabdrücke gruben sich in seine Hand wie in feuchten Leim.
Als die Wächterin zurückkehrte, sah sie sofort, was geschehen war. Sie schlug ihren Stock gegen die Wand. Ein hoher, gläserner Ton erklang, doch statt zu brechen, wuchsen feine Fäden aus unseren Handflächen - holzige Wurzeln von seiner Seite, papierene Fasern von meiner. Sie durchdrangen das Glas, verwebten sich in der Mitte.
"Sieh an", kicherte Leo, "wir kleben ja wirklich zusammen. "Durch die Wand hindurch."
Die Wächterin flüsterte: "Einmal ist genug." "Mehr zerbricht die Stadt." Doch die Wand begann zu schmelzen, nicht zu Wasser, sondern zu Licht, das unsere sich vereinigenden Körper aufsogen.
Es war ein langsames, zärtliches Verschlingen. Seine Hand wuchs in meine, keine Trennung mehr. Seine Arme schlangen sich um meine Taille, während meine Schulter in seine Brust sank. Wir lachten, als sein Knie in meine Hüfte wanderte, als meine Rippen sich um seinen Brustkorb legten.
"Wir bleiben einfach zusammen", flüsterte er, seine Stimme bereits teilweise in meinem Ohr.
"Immer", hauchte ich, meine Lippen schon ein Teil seiner Schulter.
Die Möbel in Leos Wohnung lösten sich auf, Holz zerfiel zu Sägemehl, Papiere zu Staub. Wir brauchten nichts mehr. Wir wurden zu unserem eigenen Möbelstück, unserem eigenen Buch.
Die Wächterin stand am Rand des Zimmers und beobachtete, wie wir zu einer Skulptur aus Fleisch, Holzfasern und vergilbtem Papier verschmolzen. Sie hob den Stock ein letztes Mal, ließ ihn sinken. Es gab nichts mehr zu bewachen. Die Grenze war nicht gebrochen worden - sie war überflüssig geworden.
Die Wächterin ging. Ihr Mantel blieb trocken. Er war leer. Sie war leer.
Zurück blieb die Stille. In einem Nest aus Hobelspänen und zerrissenem Papier ruhen wir nun. Ich atme leise. In unserer Brust raschelt etwas - eine letzte, ungesagte Liebeserklärung, für immer eingeschlossen. Die Wand ist weg. Wir sind eins.
Die Wächterin, die uns hatte trennen wollen, war die einzige Zeugin unseres vollkommenen, schrecklichen Zusammenhalts geworden.
Und nun ist sie allein.
Kommentar:Lieber Johann,
hier hast du eine seltsam schöne, zärtliche Geschichte voller Mystik geschrieben. Eine Geschichte, die den Verstand ängstigt, aber das Herz erfreut. Ist das nicht die Quintessenz der Geschichte? Ich weiß es nicht, aber es fühlt sich für mich so an.
Die Wächterin, die Glaswand? Der Verstand, der trennt, der sagt: Du darfst nicht? Aber das Herz sagt, ich will. Und es findet einen Weg. Und es gewinnt. Wunderschön.
Ich habe ein Faible für solche Geschichten, auch wenn ich anderes schreibe.
Aber das eine ist mein Kopfkino, das aus mir heraus entsteht und das andere sind die Wellen eurer Fantasie, die ich surfe. - Und es ist mir ein Vergnügen, mich in eure Brandung zu werfen und die nächste Welle zu nehmen und zu reiten, bis sie bricht und an den Ufern der Imagination ausläuft.
Das ist der Stoff aus dem Euphorika destilliert wird. ;-)
vielen Dank für diese wunderbar resonante und poetische Lektüre meiner Geschichte. Du triffst den Kern, um den es mir ging, mit der Sensibilität eines Menschen, der selbst mit Sprache und Bildern zu tanzen weiß.
Deine Deutung der Wächterin als den Verstand, der trennt und verbietet, während das Herz seinen eigenen, unaufhaltsamen Weg findet, ist genau jene Ebene, auf der die Geschichte atmen soll. Es ist dieser stille Kampf zwischen Ordnung und Chaos, Regel und Verlangen, der sich nicht in einem lauten Knall, sondern in einem langsamen, unumkehrbaren Verwesen – oder sollte ich sagen: Verwurzeln? – auflöst.
Und ja, die entscheidende, fast tragische Ironie ist, dass die Wächterin, diese Hüterin der Grenze, am Ende nicht die Zerstörerin, sondern die einzige Zeugin wird. Sie sieht, wie ihre Barriere nicht gebrochen, sondern obsolet wird, weil zwei Wesen einen neuen, gemeinsamen Aggregatzustand gefunden haben. Sie hat so perfekt bewacht, dass am Ende nichts mehr da ist, was zu bewahren lohnt – außer der Stille, die sie selbst zurücklässt. Ihre Leere am Schluss ist der letzte, logische Schritt einer Aufgabe, die ihren Sinn verloren hat.
Es freut mich sehr, dass die Geschichte in dir diese Bilder und Gedankenwellen auslöst. Das ist das größte Kompliment für jemanden, der Geschichten in die Welt setzt: zu wissen, dass sie in anderen weiterwachsen, sich verweben und ihren eigenen, unvorhersehbaren Kleister und Sägemehl-Duft entfalten.
In diesem Sinne danke ich dir für das Mitreiten auf dieser Welle und das Teilen deiner Gedankenbrandung. Sie hat hier angespült und einen neuen Abdruck im Sand hinterlassen.
Herzlich,
Johann
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