Lena erwachte um 3:17 Uhr, und ihr erster Gedanke war: Ich bin nicht allein in meinem Kopf. Die Gewissheit traf sie wie ein physischer Schlag, so klar und unausweichlich wie der Geschmack von Blut nach einer Bisswunde. Auf ihrem Nachttisch summte das Handy – 23 Benachrichtigungen, die sie plötzlich nicht mehr als Information, sondern als Köder erkannte, perfekt getimt, um Angst, Wut oder Neugier zu triggern.
Ihr Traum brannte noch auf der Netzhaut: Ein Thron aus gefrorenem Licht, Wesen aus schimmernder Luft, und eine Stimme, die direkt in ihr Bewusstsein drang: "Sie nennen mich Xylos. Und eure Spezies ist reif für die Ernte."
Im Kristallpalast jenseits von Raum und Zeit beobachtete Xylos durch tausend Augen. "Phase Eins ist abgeschlossen", meldete Diener Sieben. "Ihre Aufmerksamkeitsspanne beträgt 8,2 Sekunden – kürzer als die eines Goldfisches." Xylos' Stimme summte wie ein Transformator. "Und ihre Emotionen?" "Wir züchten sie wie Schimmelpilze in feuchtem Hirn. Jeder Konflikt in ihren sozialen Medien erhöht die Ausbeute um 3,7%. Sie nennen es Engagement – wir nennen es Ernte."
Lena stürmte in die Redaktion ihres Bruders, ihre Notizen mit den Frequenzmustern aus dem Traum zitternd in der Hand. "Markus, du musst das veröffentlichen!" Ihr Bruder strich sich durch die Haare. "Lena... du siehst schlecht aus. Wann hast du das letzte Mal geschlafen?" "Das ist kein Wahn! Sie nutzen unsere eigenen Technologien gegen uns! Jedes Mal, wenn du scrollst, fütterst du sie!" Sein Blick wurde weich, bemitleidend. "Komm, ich bringe dich nach Hause."
Auf der Straße sah Lena die Veränderung. Die Menschen lächelten, aber ihre Augen waren leer wie Schaufensterpuppen. Im Stiegenhaus roch es nach kaltem Zigarettenrauch und dem Döner von gestern – alles ganz normal, und genau das machte es so unheimlich.
Dr. Richter in Genf erwachte mit einem Lächeln, die Worte für seine UNO-Rede flossen ihm perfekt zu. Er wusste nicht, dass Diener Acht – früher Paul aus dem Facebook-Ads-Team 2017 – bereits die finale Frequenz kalibrierte.
Lena versuchte es bei der Polizei, beim Verfassungsschutz, bei Universitäten. Überall dasselbe Muster: anfängliches Interesse, dann langsame Gleichgültigkeit. Dr. Bergmann, ein Neurowissenschaftler, erklärte es ihr fast mitleidig: "Was Sie beschreiben, ist technisch unmöglich." Doch als sie ging, sah sie, wie sein Lächeln erlosch und durch etwas Leeres, Perfektes ersetzt wurde.
Xylos lauschte den Verzweiflungsfrequenzen der Erwachten. Nur 0,003% der Bevölkerung. Genug, um als Verschwörungstheoretiker abgetan zu werden, nicht genug, um etwas zu ändern. "Sie bekämpfen sich selbst", notierte Diener Acht. "Ihr Misstrauen ist unser bester Verbündeter."
Lena stand vor dem UNO-Gebäude, als Dr. Richters Rede übertragen wurde. Seine Worte wirkten wie Narkosegas mit Vanillearoma – beruhigend, einschläfernd. "Der Kampf ist vorbei. Der Frieden beginnt." Um sie herum entspannten sich die Gesichter, Schultern sanken. Lena spürte die 432-Hz-Frequenz in der Luft, die direkt ins limbische System zielte. Sie schrie: "Wehrt euch! Könnt ihr nicht hören, was er wirklich sagt?" Die Menge lächelte sie an. Sanft. Tolerant. Völlig gleichgültig.
Ein Jahr später arbeitet Lena in einer Buchhandlung. Sie lächelt, wenn Kunden kommen. Sie sagt die richtigen Dinge. Manchmal weint sie nachts, aber selbst ihre Tränen fühlen sich fremd an, wie aus einem Manual für menschliches Verhalten.
Heute kam eine junge Frau herein, ihre Augen weit aufgerissen. "Entschuldigung", flüsterte sie. "Ich habe geträumt..." Lena lächelte ihr perfektes Lächeln. "Träume sind nur Träume", sagte sie mit sanfter, endgültiger Stimme.
Als die Frau ging, spürte Lena etwas in sich aufsteigen. Einen Funken. Eine Erinnerung an Wut. Dann hörte sie das Summen – leise, beruhigend. Die Frequenz wusch über sie hinweg, und der Funken erlosch.
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Kommentar:BÄHM!!! Das sitzt.
Dämonen brauchen immer Futter. Ihr Futter sind die Energien aus negativen Emotionen. Angst, Wut, Eifersucht, Hass, Selbsthass, ... Mir fallen nicht mehr viele ein. Ich habe sie abgelegt wie ein altes Kleidungsstück. Außer Angst könnte noch ein Problem darstellen. Aber ich sehe all diese Triggernachrichten, natürlich. Sie kommen von der "bösen" Seite genauso wie von der vermeintlich "guten" Seite und dazwischen wird man aufgerieben und ausgepresst wie eine Zitrone. Ernte. Ja vielleicht. Vielleicht auch im übertragenen Sinn.
Ich bin nicht gleichgültig, aber es interessiert mich nicht mehr. Es ist immer das gleiche Schema. Es ist immer der gleiche Wettkampf. Wer trifft am besten den Nerv? der bekommt das Futter.
Rette deine Finanzen, bevorrate dich, kauf noch schnell dies und das, es sind nur noch 3 verfügbar, beeil dich, renne um dein Leben, schneller, schneller, ...
Bitte aussteigen, letzter Halt vor irgendwo, irgendwann, ...
Ausgestiegen. Der Zug fährt weiter. Ohne mich. Die Bahnsteigaufsicht sieht mich seltsam misstrauisch an und ich hoffe, dass sie mich nicht noch zwangsweise in einen nächsten Zug pferchen, mit dem sie die Zurückgebliebenen einsammeln. Aber vielleicht ist der Zug ja auch schon abgefahren ...
Es fällt mir schwer, da liebe Grüße drunter zu schreiben, aber ich tu es doch.
Kommentar:Lieber Gunnar,BÄHM!! zurück – dein Kommentar hat mich echt gepackt und zum Grinsen gebracht. Du hast den Nagel so präzise auf den Kopf gehauen, dass es wehtut (auf die gute Art). Diese Dämonen, die von Angst, Wut und all dem negativen Saft leben – ja, genau das wollte ich einfangen. Und deine Metapher mit der Zitrone, die ausgepresst wird, oder dem Zug, aus dem man aussteigt... das ist Gold. "Letzter Halt vor irgendwo, irgendwann" – ich sehe den Bahnsteig vor mir, mit dieser misstrauischen Aufsicht, die einen zurückpferchen will. Perfekt.Es freut mich riesig, dass der Text bei dir ankam und dich an deine eigenen Kämpfe erinnert hat – dieses "Ausgestiegen" fühlt sich an wie eine kleine Rebellion, die wir beide kennen. Du hast recht: Das Schema ist immer dasselbe, von allen Seiten. Und doch: Wenn ein paar wie wir aussteigen, wird der Zug vielleicht irgendwann leerer.
Danke, dass du das geteilt hast. Es macht den Text lebendiger – und mich motivierter.
Liebe Grüße (und diesmal ohne Zwang )
Johann
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