Liebe Studierende und Freunde des Diagonal-, Überkreuz- und Selbstdenkens,

wenn Sie etwas über wirklich extrem verrückte Träume erfahren möchten, muss ich Ihnen folgende kleine Geschichte erzählen.

Wie vielleicht einige unter Ihnen wissen, war ich jahrzehntelang begeisterter Windsurfer. Meine Vorzugsreviere waren der italienische Gardasee, der Süden von Teneriffa, der Strand von Hookipa auf der Hawaii-Insel O'ahu, und viele andere windreiche Orte.

Vor einiger Zeit saß ich friedlich in meinem Sessel, das Surfzeug in der Garage verstaut, massierte meine verhornten Hände, als eine Stimme ertönte. "Ich brauche dich!", rief sie, "ich brauche dich dringend!". "Wer bist du?" fragte ich zurück, "du, der du mich nur an deiner Stimme teilhaben lässt".

"Ich bin Jesus", war die Antwort, "geschickt auf diesen Planeten, um auch deine Sünden auf meine Schultern zu laden".

"Und was erwartest du von mir, was du nicht selber leisten könntest?".

"Surfunterricht", war die Antwort. "Man erwartet von mir, dass ich über das Wasser des Sees Genezareth schreite, aber ich hab echt Probleme damit. Zum Glück sind sie noch nicht ganz so gravierend, wie sie nach meiner Kreuzigung eintreten würden, denn dann wären meine Füße ja auch noch zusätzlich undicht – ich sag nur ein Wort – Nagellöcher,".

Ich hatte längst aufgehört, mich zu wundern. "Und wie komme ich da runter nach Palästina, und außerdem bräuchte ich ja auch noch eine Zeitmaschine, um 2000 Jahre zurück in die Vergangenheit zu reisen".

"Das macht alles mein Management", meinte Jesus, "du brauchst dich um nichts zu kümmern".

In diesem Augenblick wurde es dunkel und ich fühlte mich seltsam schwerelos, fast einer Ohnmacht nahe. Als ich wieder bei Sinnen war, stand ich am Ufer des Sees Genezareth. Um mich herum bärtige Männer, in Lumpen und ungewaschen. Einer davon schaute dauernd schmachtend zum Anführer hinauf, er hieß Johannes, und ich wurde den Verdacht nicht los, dass er schwul war und bis über beide Ohren verknallt in Jesus. Dieser hatte eine gepflegte Hippiefrisur, offensichtlich hatte er sich modische Anregung von den Bildern der Nazarener geholt.

"Und wann und wie soll der Unterricht stattfinden?", fragte ich. Missbilligende Blicke der etwa ein Dutzend Bärtigen trafen mich, offensichtlich betrachteten sie den Erwählten in ihrer Mitte als so erhaben, dass sie den Gedanken nicht ertrugen, er könnte oder müsste von irgendeinem menschlichen Wesen Ratschläge annehmen.

Jesus aber sprach also: "Wenn du mir nur zeigst und erklärst, wie das ganze geht, bringt das nicht viel. Dass man Balance halten, das Segel dichtholen und vor allem die Füße in die Schlaufen bugsieren muss, hab ich schon bei einer Einrichtung gelesen, die ihr in Zukunft Wikipedia nennen werdet, der Begriff kommt wohl von "pedes", was ja auf Lateinisch „der Fuß“ heißt. Aber für einen wirklich effektiven Unterricht habe ich einen besseren Vorschlag". Auf meinen fragenden Blick hin meinte er, "du solltest in mich hineinschlüpfen, also rein bewegungstechnisch mit mir verschmelzen". Ich fragte mich, wie er sich das wohl vorstellte.

„Ich predige, ja, ich rede mir schon seit einer gefühlten Ewigkeit den Mund fusselig, dass sich die Menschen anderen gegenüber öffnen sollten; also mehr Transparenz, mehr Offenheit, keine Hinterlist, keine Verklemmtheiten. Kurz gesagt, ich öffne mich jetzt, und du passt den Augenblick der weitesten Öffnung ab und schlüpfst in mich hinein. Dann kann ich deine Manöver, deine Körperspannung und deine Bewegungen bis ins Detail nachempfinden. Und dann werde ich meinen Weg übers Wasser finden. Gemeinsam schaffen wir das. Ich spüre es! Nein, ich weiß es!"

Wieder wurde es für einen Moment dunkel und als ich wieder klar sehen konnte, verbeugten sich plötzlich die bärtigen Männer vor mir, küssten meine Hände, nannten mich Meister, was für mich ungewohnt, wenn auch nicht unangenehm war.

Ich kann es an dieser Stelle kurz machen, nach wenigen Augenblicken gelang es mir im Körper von Jesus, mich elegant über die Seeoberfläche zu bewegen. Hurra-Rufe ertönten, obwohl meine bzw. Jesu Fußsohlen eine zu kleine Fläche bildeten, so dass ich – oder um präzise zu sein, wir – zwar gemächlich übers Wasser laufen konnten, es uns aber durchaus nicht gelang, ins Gleiten zu kommen. Aber das war wohl auch nicht verlangt. Es hätte in dieser Situation sogar möglicherweise albern gewirkt.

Ich möchte jedoch berichten, wie es weiterging. Wir, also die Jünger und ich im Inneren des Gottessohnes, wurden politisch verfolgt, weil Jesus ständig ziemlich undurchdachte machtpolitische Statements abgegeben hatte. Und schließlich landeten wir alle im Ölbaumgarten, wir hatten dringend eine Pause nötig.

Dann musste der Trottel Petrus den Soldaten auch noch verraten, dass ich mich in ihrer Mitte befand. Er hätte ja auch sagen können, dass ich irgend ein Windsurfer war, den sie am See aufgelesen hätten. Aber nein, er machte mit dieser Durchstecherei die ganze Kreuzigungssache unausweichlich.

Die Prozeduren, die ich im Körper Jesu durchleben musste, waren eher unangenehm. Ich musste nicht nur ein anderthalb Zentner schweres Kreuz bergauf schleppen, ich wurde schließlich auch noch an dieses Mordstrumm genagelt. Ausgesprochen schmerzhaft, weil mir mein Vater auch keine Schmerztabletten für meinen Erden-Trip mitgegeben hatte "Geht auch so", hatte es zum Abschied nur geheißen.

Zum Glück raffte mich ein Kreislaufzusammenbruch dahin, bevor die Raben eine Chance hatten, mir die Augen auszuhacken. Ich hatte zwar die gesamte Prozedur gespürt, aber so richtig gestorben war ich eigentlich nicht. Sonst hätte das mit der Auferstehung ja nicht hingehauen.

Das Dumme war nur, dass Pontius Pilatus auf einer Obduktion bestand. "Ich will sicher gehen, dass der Kerl tot ist" meinte er, und ein Arzt war auch vor Ort, der Skalpelle und einen Tiefkühlbehälter mitgebracht hatte, man wollte ein paar Organe für lebensgefährlich verletzte römische Soldaten aus mir rausholen, "später wird das mal Organverpflanzung heißen", meiner Pilatus, der alte Zyniker.

Ich musste ehrlich gesagt etwas lachen, als sie nach dem Aufschneiden in Jesus keine Organe entdeckten, sondern mich. "Quid hoc! Aliquod in corporem adest!" (Was soll denn das! Irgendwas ist da drin), rief Pilatus entgeistert. Als ob ich eine Sache wäre!

Zum Glück wollte der Vater von Jesus wohl keine weiteren Komplikationen riskieren und ermöglichte mir eine Rückkehr durch ein Wurmloch im Raum-Zeitgefüge. Die schweißtreibende Aufgabe, den Stein vor der Grabkammer wegzurollen, der vermutlich noch nicht mal vernünftig rollte, weil er eher rechteckig war, blieb mir dadurch glücklicherweise erspart.

–––––

Als ich die Augen aufschlug, fiel mein Blick auf die Uhr. Ich musste wohl eine ganze Stunde geschlafen haben. Ich glaube, ich werde es in Zukunft eher vermeiden, mich in anderen Personen aufhalten. Davon abgesehen, dass es nicht übermäßig bequem ist und auch viel zu warm, entstehen bei solcher Art von an Matrjoschka-Puppen erinnernden Mensch-in-Mensch-Konstellationen nur unvorhersehbare Verwirrungen.

Ich rate Ihnen jedoch trotz allem, liebe Studierende, Ihre Träume nicht verächtlich abzutun. Es gibt keine noch so absurde Traumsituation, die nicht auch im realen Leben auftreten könnte. Glauben Sie mir das.

Oder auch nicht.

❖❖❖


© Peter Heinrichs


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Beschreibung des Autors zu "Über eine Verschmelzung mit Jesus"

Der 123. Vortrag des total durchgeknallten Professors Anatol Hirnzwick

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Kommentare zu "Über eine Verschmelzung mit Jesus"

Re: Über eine Verschmelzung mit Jesus

Autor: Wolfgang Sonntag   Datum: 15.01.2022 9:50 Uhr

Kommentar: Lieber Peter,
super, auf diese Idee muss man erst einmal kommen. Wenn dein Professor die Bibel einmal überarbeiten würde, hätte sie bestimmt mehr Interessenten.
Liebe Grüße Wolfgang

Re: Über eine Verschmelzung mit Jesus

Autor: Michael Dierl   Datum: 16.01.2022 6:54 Uhr

Kommentar: Hallo Peter, bin total begeistert von Deiner Geschichte! Klasse Idee und es kommt nie Langweile auf! Vielleicht gibt es ja eine Serie davon. Es macht schon ein wenig süchtig wie's wohl weiter geht in Deinem nächsten Traum mit Jesus oder eben Mussolini, Stalin, Napoléon oder Van Gogh, Beetoven etc. :-)

lg Michael

Re: Über eine Verschmelzung mit Jesus

Autor: mychrissie   Datum: 16.01.2022 11:41 Uhr

Kommentar: Danke, lieber Michael,

Teil einer Serie ist diese Geschichte schon. Aber natürlich sind diese (inzwischen auf 125 Stück angewachsenen) Kurzvoträge des abgedrehten Professors Anatol Hirnzwick nicht alle den Protagoniaten der Banalität des Bösen gewidmet (wobei ich Van Gogh und Beethoven natürlich ausnehme), sonder den abstrusesten unterschiedlichsten Themen. Ein paar davon habe ich ja auch hier schon eingestellt.

Es freut mich, wenn Dir das gefallen hat.

Liebe Grüße, Peter

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