„Verzeihung Miss, aber ist an Ihnen meine Fantasie vorbeigelaufen?“,

fragte mich ein Mädchen, dass plötzlich aufgetaucht war.
Gerade setzte ich zum sprechen an, als es weiter sprach.

„Sie ist mir heute während des Lesens abhanden gekommen.“,

ihre Wangen wurden leicht rosig, als wäre ihr dies schrecklich peinlich.

„Wissen Sie, meine Fantasie und ich hatten einen schrecklichen Streit. Dieser war im Übrigen ziemlich sinnlos.“

Wieder setzte ich völlig überrumpelt zum sprechen an, als sie einfach weiter redete, als würde sie gar nicht bemerken, dass ihre Geschichte ziemlich merkwürdig klang.

„Ich saß mit ihr auf meinem Lieblingssessel und habe gelesen, als plötzlich ein Drache auftauchte“,
an dieser stelle holte sie Luft und pustete diese lautstark aus.

„Wissen Sie, Drachen sind ziemlich komplexe Geschöpfe. Manchmal sind sie nett, manchmal witzig, aber des Öfteren auch wütend. Der Drache der bei mir plötzlich auftauchte, war ziemlich wütend. Da meinte meine Fantasie, dass er bestimmt so sauer war, weil ich zuvor ein paar Seiten im Buch übersprungen habe, da diese furchtbar langweilig waren.“,

leicht verzweifelt sah sie erst nach rechts und schließlich nach links. Ein weiterer Seufzer kam über ihre Lippen.

„Meine Fantasie nahm an, dass der Drache sich auf diesen Seiten bestimmt bei uns vorstellen wollte, dies aber nicht konnte, weil ich ja umgeblättert habe. Deshalb tauchte er auch später so plötzlich auf.“

Zerknirscht schaute sie auf den Boden und kickte ein Steinchen in die Regenrinne der Straße.

„Als sie mich bat, nochmal zu den anderen Seiten zurückzukehren, lehnte ich die Bitte ab, da es jetzt eh zu spät war und wir doch lieber weiterlesen sollten. Das gefiel meiner Fantasie gar nicht, weshalb sie plötzlich anfing mich zu ärgern.“,

Jetzt schaute sie mir in die Augen und lächelte.

„Meine Fantasie kann ziemlich gemein sein. Der Prinz hatte auf einmal riesige Ohren und eine Nase, die aussah wie eine Karotte“,

dabei machte sie passende Bewegungen mit ihren Händen.

„Dabei war der Prinz nicht mal das schlimmste. Bäume wurden plötzlich kunterbunt und der König und die Königin wohnten nicht mehr in einem Schloss, sondern in einem Baumhaus. Stellen Sie sich das mal vor! Ein Baumhaus!“,

Tatsächlich stellte ich mir das Szenario vor und ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen.

„Naja, auf jeden Fall, bat ich meine Fantasie, das zu unterlassen. Jedoch lehnte sie nun auch meine Bitte ab. Ich sehe ja jetzt ein, dass dies die einzig richtige Reaktion meiner Fantasie war. Doch in dem Augenblick war ich ziemlich sauer, weil ich mich ja ein wenig in den Prinzen verliebt hatte und mit diesen riesen Ohren und der Karottennase sah er einfach nur albern aus. So konnte ich ihn ja gar nicht mehr ernst nehmen.“,

Als ich vorhin dachte ihre Wangen konnten nicht mehr röter werden, wurde ich nun vom Gegenteil überzeugt. Ihre Wangen wurden bei der Erwähnung des Prinzen so rot wie eine Tomate.

„Also tat ich das einzige, was meine Fantasie gar nicht leiden kann. Ich schloss meine Augen. Glauben Sie mir, wenn Sie mal Ihre Fantasie ärgern wollen, machen Sie genau das.“,

sagte sie mir verschwörerisch.

„Als ich meine Augen ein wenig später wieder öffnete, war sie plötzlich weg. Einfach verschwunden. Seit dem bin ich auf der Suche nach ihr.“,

Als ich ihr grade antworten wollte, dass ich ihr leider nicht helfen konnte, sprach sie schon wieder einfach weiter.

„Das Leben ist ziemlich trostlos, wenn einem die Fantasie abhanden gekommen ist. Alles gleich. Nichts ist mehr spannend. Selbst meinen Prinzen kann ich nicht mehr sehen, wenn ich lese. Ich kann ihn mir nicht mehr vorstellen.“

Nun fing das Mädchen vor mir an zu weinen. Hilflos stand ihr vor diesem bezaubernden Geschöpf, völlig unwissend, was ich nun zu tun hatte.

„I..Ich ha..hab, i…Ich wol…wollte d…d…doch nicht, da…dass sie we…wegl…wegläuft.“, stotterte sie unter dem Tränenschleier.

Ich war gerade dabei ein Taschentuch aus meiner Jackentasche zu ziehen, als sie die Nase geräuschvoll hochzog und sich die Tränen mit dem Ärmel ihres Mantel wegwischte.

„Verzeihen Sie mir diesen Ausbruch meiner Gefühle. Ich werde mich nun auf den Weg machen, um sie weiter zu suchen. Vielen dank, dass sie sich Zeit genommen haben.“

Mit diesem Satz drehte sich die kleine Gestalt vor mir um und ging davon.

Immer noch verdattert und nicht mehr Herr meiner Gedanken, drehte ich mich ebenfalls um und ging meines Weges.


© Violet E.


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