Das Geschenk
Anno 1441 X

Elsbetha - Radea

Die Dämmerung war bereits herein gebrochen, Elsbetha beschleunigte ihre Schritte, irgend etwas zog sie mit aller Gewalt nachhause.

Indes gab Radea dem Geißlein die letzte Ziegenmilch die vom Frühstück übrig geblieben war, als sie Elsbetha auf die Hütte zukommen sah. Sie lief ihrer Momsa entgegen und fiel ihr um den Hals. Überrascht von dieser Begrüßung ließ Elsbetha ihren Beutel fallen, den sie über die Schulter geworfen hatte. „Momsa, ich habe lange schon auf dich gewartet, wir müssen miteinander reden, mit mir geschieht etwas, das ich nicht begreifen kann.“
Das ungute Gefühl, dachte Elsbetha bei sich. „Radea lass uns hinein gehen. - Was ist das denn, wo kommt das Kitz her?“ Elsbetha zeigte erstaunt auf das äsende Tier. „Ja,- Momsa, darüber müssen wir ja reden.“
Elsbetha legte liebevoll den Arm um Radeas Schulter. „Komm, dann lass uns in die Hütte gehen.“
Unruhig ließ sich Radea auf einen Schemel nieder. Im
Innersten war Elsbetha auf das Schlimmste gefasst.

„Etwas Unglaubliches ist geschehen, erst war alles wie immer; ich bin in den Wald gegangen und weil der Morgen so wunderbar war bin ich immer weiter gegangen bis der Wald aufhört, da wo die Geißen und Springböcke über die Felsen springen. Plötzlich vernahm ich ein Grollen und Poltern; aber es war kein Gewitter. Eine Gerölllawine hatte sich von den Felsen gelöst und stürzte mit unglaublicher Gewalt in die Tiefe.“ Radea erzählte von der Geiß mit ihrem Jungtier, wie sie abstürzten und wie sie helfen wollte.
Es sprudelte nur so aus ihr heraus. Sie erzählte von dieser unglaublichen Kraft, die über sie kam, als sie die Hand auf die Wunde des kleinen Tierkörpers presste, wie diese Kraft sie in ein anderes Bewusstsein trug und der helle Schein, der sie und das Kitz umhüllte. Radea erzählte von dem Augenblick in dem sie sich so schwerelos fühlte. Elsbetha ließ sie erzählen, ohne sie zu unterbrechen.
Radea konnte nicht sagen, wie lange sie in diesem Trancezustand war. „Als ich wieder zu mir kam, äste das Kitz neben mir und es war vollkommen unverletzt. Momsa, was ist mit mir, ich kann es nicht begreifen. Werde ich von Dämonen beherrscht?“
„Da ist noch etwas,“ Radea machte eine Pause, - als ichnoch ein Mädchen war, an einem Markttag in Waidkirch. Damals hatte ich ein merkwürdiges Erlebnis in der Spitalkirche, über das ich da nicht sprechen konnte. Ich bin hineingegangen, obwohl du mir verboten hattest allein in ein Gotteshaus zugehen. Als ich vor der Kirche stand, wurde ich wie magisch angezogen. Es war alles so bedrückend für mich. Als ich das Jesus Kreuz sah, konnte ich nicht anders, ich musste es berühren. Während ich die Figur berührte, zogen schreckliche Bilder durch meinen Kopf. Ich habe Menschen weinen sehen, der Mann am Kreuz lag am Boden, das Kreuz auf seiner Schulter, Soldaten, Menschen, es war grausam und so traurig. Dann habe ich meine Hand zurückgenommen und sah, dass aus den Wunden der Figur Blut tropfte. mir liefen die Tränen über das Gesicht, ohne das ich es wollte. Der Mönch, Bruder Eppo versuchte mich zu trösten. Er half mir auf und ich lief voller Furcht aus der Kirche, ohne mich noch einmal umzublicken.“
Nun konnte sich Elsbetha einen Reim darauf machen, als sie an die Begegnung vor Jahren, mit dem Benediktinermönch dachte. Der Mönch lief wie vom Wahnsinn besessen auf den Marktplatz und wiederholte immer die gleichen Worte, bevor er besinnungslos auf das Straßenpflaster schlug: Er blutet, er blutet.
Also hatte Radea doch etwas damit zu tun.
Elsbetha lehnte sich zurück und sah Radea wissend in die verängstigten Augen. „ Nun ist es also geschehen, ich habe es geahnt, auch du hast diese Gabe.“ Elsbetha rückte den Stuhl näher zu Radea hin, sie ergriff ihre Hände. „Radea, - die Gabe , auf diese besondere Weise zu Heilen und Dinge zu sehen, nur durch die Berührung deiner Hände, hat dir Sara, deine Mutter vererbt. Schon lange habe ich erwartet, dass es geschehen würde. Du hast auch dieses Mal, genau wie Sara, in der linken Armbeuge. Nun bin ich es, die dir einiges zu erklären hat.“
Radea war erstaunt über die Reaktion ihrer Momsa, die so viel mehr über diese Dinge zu wissen schien, als sie angenommen hatte. „Du hast gewusst, dass verborgene Kräfte in mir wohnen, aber warum hast du mir davon nichts gesagt? Ich dachte, ich sei von bösen Dämonen besessen.“
„Wie kann man jemanden darauf vorbereiten, anders zu sein als alle anderen?
„Ich habe Sara auf dem Sterbebett versprechen müssen mit niemandem darüber zu sprechen. Ich konnte also nur abwarten, ob du die gleiche Gabe hast wie sie.
Die Menschen in Sara´s näherer Umgebung haben sich
vor ihr gefürchtet. Sie konnte , genau wie du, durch die Berührung ihrer Hände Dinge sehen und Heilen.“ Elsbetha konnte nachvollziehen, was in diesem Augenblick in Radea vorging. Sie sah müde und erschöpft aus. „Mein Lieb, nur aus einem Grund habe ich bisher nicht mit dir darüber gesprochen, um dich zu schützen. Eine übersinnliche Gabe ist nicht nur
Segen, sie ist Fluch zugleich. Niemand darf davon erfahren. Du musst lernen diese Kräfte zu beherrschen, darauf achten, anderen Menschen nicht zu nahe zukommen, besonders bei Fremden ist Vorsicht geboten, ob mit Absicht oder unabsichtlich.“ Radea saß auf dem Schemel und hörte Elsbetha erschüttert zu.
„Sara musste ihre Gabe verbergen, auch deinem Vater gegenüber. Die Kräfte kamen unverhofft und ohne Vorwarnung. Sara hat durch eine zufällige Berührung von bekannten und fremden Personen Dinge gesehen, die sie nicht verarbeiten konnte: Verbrechen, verborgene Krankheiten, alles zu was ein Mensch nur fähig ist zu tun, sie hat aber auch das Gute gesehen. Um überhaupt „normal“ ihre täglichen Aufgaben zu erledigen vermied sie es Menschen zu nahe zu kommen, sie fürchtete weiterhin Dinge zu sehen, die sie so überfordern würden, dass sie wahnsinnig werden würde. Diese Visionen machten sie körperlich und seelisch sehr schwach und angreifbar. Wolfhard wusste nicht was mit Sara geschah, er war der Ansicht, dass Dämonen den Geist seiner Frau verwirrt hatten, er konsultierte die verschiedensten Ärzte und Wunderheiler. Sara wurde mit den wundersamsten Methoden traktiert, die jedoch keine Veränderung ergaben. - Natürlich nicht.- Sara wurde nur noch schwächer und ruhiger.
Deine Mutter konnte nicht mit deinem Vater über ihre Gabe sprechen, dann hätte auch er sie verstoßen. Sie hatte schon einmal ihre Familie verloren und war dankbar bei Wolfhard Schwering ein neues Zuhause gefunden zuhaben, so schwieg sie.
Nach der Geburt des ersten Kindes ließen diese Visionen nach, nur noch selten sah sie Bilder, wenn sie andere Menschen berührte.
Sara war schon immer ein sehr zartes Geschöpf, die Geburt deines älteren Bruders nahm ihr wahrscheinlich schon einen großen Teil ihrer Fähigkeiten. Sie war nicht unglücklich darüber, denn sie litt sehr darunter, nicht nur körperlich.
Die Gabe entzog ihrem zarten Körper mehr Energie, als gut für sie war.“

Gespannt hörte Radea der Schilderung über das Leben
der Mutter zu.
„Vater und Mutter von Sara konnten sich das
merkwürdige Verhalten der Tochter, dass sie von Zeit zu Zeit an den Tag legte, nicht erklären.
Sie wurde mehr oder weniger versteckt gehalten. In diesen Augenblicken wäre Sara lieber tot gewesen.
Sie versuchte von sich aus schon, körperliche Berührungen zu vermeiden, was nicht immer möglich war.
Niemand ahnte wie einsam Sara war, sie selbst hätte gern eine Erklärung für alles gehabt, aber sie konnte sich niemandem anvertrauen.
Sie wusste, dass es so nicht weitergehen konnte. Sie hatte schon lange daran gedacht das Elternhaus zu verlassen.
Die Eltern würden sie ziehen lassen, da war sie sich ganz sicher, wenn sie ihnen sagte, dass sie fortgehen wolle.
An der Küste der Niederlande entlang, weiter in den Norden.

„ Niederlande? Und einen Bruder habe ich auch?“ Radea sah Elsbetha fragend an.
„Sara wurde in Zandvoort, in den Niederlanden geboren. Es war ein weiter Weg bis in ihre neue Heimat. Ja, du hast nicht nur einen Bruder, du hast auch noch zwei Schwestern. Aber lass mich eins nach dem anderen erzählen.“

Fortsetzung folgt..........(nach dem Kurzurlaub)

Das Geschenk  X


© Soso


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Beschreibung des Autors zu "Das Geschenk X"

Eine Familiengeschichte aus dem Mittelalter, wie sie sich so oder so ähnlich zugetragen haben könnte.

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Kommentare zu "Das Geschenk X"

Re: Das Geschenk X

Autor: Bluepen   Datum: 07.08.2020 9:31 Uhr

Kommentar: Liebe Sonja,

sehr gut geschrieben. Gute Erholung im Kurzurlaub und komm gut zurück!
Sag, bist du dir sicher, noch nie einen Roman veröffentlicht zu haben?

LG - Bluepen

Re: Das Geschenk X

Autor: Sonja Soller   Datum: 10.08.2020 10:28 Uhr

Kommentar: Danke liebe Bluepen, für die netten Worte.
Ja, diese Geschichte habe vor ca, 12 Jahren angefangen zu schreiben.
Hab sie erst wieder im letzten Jahr hervor geholt.
Danke Dir für die hohe Meinung evtl. schon einen Roman geschrieben zu haben. :-)

Herzliche Grüße aus dem vorwärmenichtauszuhaltenden Norden, Sonja

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