Das Geschenk
Anno 1441 lX

Elsbetha-Heilerin - Brida

Elsbetha erwachte mit einem Unbehagen, das sie sich nicht erklären konnte. Langsam erhob sie sich vom Nachtlager und bemerkte, dass Radea bereits die Hütte verlassen hatte; >sie wird in den Wald gegangen sein<. Elsbetha war sich sicher, dass Radea die Morgenstunde nutzte um Heilpflanzen und Kräuter zu sammeln.
Sie spürte mittlerweile die vielen Jahre, die sie auf dem Buckel hatte, was sie aber nicht daran hinderte, weiterhin den Menschen zu helfen, die sie um Hilfe baten. Der Schankwirt wurde bei einer Rauferei am Bein verletzt, als ein betrunkener Wanderarbeiter ihm sein Messer ins Bein rammte. Elsbetha hatte bereits am vorherigen Tag die Wunde mit Umschlägen aus Rotwein, mit Johannisbrotpulver vermischt, behandelt. Dieser Brei sollte die Entzündung hemmen. Heute wollte sie sehen, wie weit Heilung eingetreten war. Die Kinder des Nagelschmieds klagten über Bauchkrämpfe. Karl Huber hatte einen Jungen aus der Nachbarschaft geschickt, um Elsbetha zu holen.
Sie brühte sich gerade einen Tee auf und aß ein Stück Brot, als der Junge an die Tür pochte. Sie schnürte ihr Bündel und machte sich auf den Weg ins Dorf.
Die Sonne schickte ihre Strahlen durch das dichte Blätterwerk der Bäume, sie ließ den Morgentau auf den Gräsern und Büschen wie mit Silber überzogen glänzen. Hunderte Male war Elsbetha den Pfad ins Dorf gegangen, jedes Mal wieder war es eine Freude zusehen wie die Natur sich an jedem neuen Tag in einem anderen Kleid zeigte. Das Unbehagen, dass sie nach dem Erwachen verspürte, war vorerst verflogen.
Als Elsbetha die Dorfschenke betrat, vernahm sie schon das Wimmern von Gottlieb Holt. Das Schankmädchen hatte nach Anweisung von Elsbetha, die Wunde mit frischen Verbänden versorgt. Sie entfernte nun den Verband; ein übler Eitergeruch strömte ihr aus der Wunde entgegen. Die Verletzung hatte sich wider Erwarten weiter entzündet. Das Bein war stark angeschwollen. Es sah nicht gut aus. „Geh, hol ein scharfes, spitzes Messer und eine Schüssel, bring auch noch ein paar reine Tücher mit.“ Als Elsbetha das verletzte Bein genauer ansah, konnte sie das Entsetzen nur mit Mühe unterdrücken. Sie musste handeln, wenn Gottlieb Holt diese Verletzung überleben sollte. Sie musste die Wunde öffnen, sodass die eitrige Flüssigkeit abfließen konnte. Aus ihrem Beutel holte Elsbetha eine braune Phiole und flößte dem Schankwirt die darin befindliche schmerzstillende Flüssigkeit ein. Sie bettete das Bein behutsam auf die Leintücher, hielt die Messerklinge ins Feuer bis sie glühend war. Ohne zu zögern schnitt sie in den Eiterherd, grün und gelb spritzte es übel riechend aus der Wunde, sie hielt die Schüssel unter die geöffnete Wunde um den giftigen Körpersaft aufzufangen. Mit Erleichterung sah Elsbetha wie die Schwellung durch das Abfließen der eitrigen Flüssigkeit zurückging, der ganze Körper von Gottlieb entspannte sich. „Elli, hol mir warmes Wasser, ich muss die Wunde gründlich ausspülen bevor saubere Kräuterumschläge aufgelegt werden können.“
Auch Elli sah man die Erleichterung an, sie setzte einen Kessel mit Wasser aufs Feuer und holte noch mehr Leintücher.
Gottlieb Holt war ein guter Mensch, er hatte ihr Arbeit gegeben, als sie halb verhungert vor ihm stand und sie nicht wusste wohin. Sie musste hart arbeiten für ihre Schlafstelle unter dem Dach, und für ihr Essen. Sie war Gottlieb dennoch dankbar, dass er sie in ihrer Not aufgenommen hatte. Jetzt wollte Elli ihre Dankbarkeit zeigen, in dem sie ihn pflegte bis er wieder gesund war.

Noch immer floss eitriger Saft aus der Wunde. Elsbetha bereitete noch einmal eine Paste aus Rotwein und Johannisbrotpulver. Nachdem die Wunde gereinigt war, sollte nun Linderung eintreten. Sie presste die auseinanderklaffende Wunde zusammen und legte einen frischen festen Verband an.
Den Tee, den sie in ihrer Kräuterkammer aus den getrockneten Blütenblättern des gemeinen Erdrauchs,
echter Kamille und gemeinem Baldrian zusammen gestellt hatte, würde Gottlieb die Lebensgeister zurückbringen.
„ Der Verband muss jede Stunde gewechselt werden“, Elsbetha reichte Elli, die neben ihr stand und genau zugesehen hatte wie man den Verband anlegte. „Die gebrauchten Verbände müssen sorgfältig ausgekocht
werden, bevor du sie wieder verwenden kannst. Es sollten immer ausreichend saubere Leintücher vorrätig
sein, wirst du das schaffen? Morgen komme ich dann wieder, um zu sehen wie die Heilung voran gegangen ist, und gib dem Kranken den Tee zu trinken. Wenn er nicht selber den Becher zum Mund führen kann, wirst du ihm helfen müssen.“ Elli sah Elsbetha fest in die Augen, „du kannst dich auf mich verlassen.“
Nachdem Elsbetha Elli das Versprechen abgenommen hatte gut für Gottlieb Holt zu sorgen, nahm sie die Schüssel mit den kranken, vergifteten Körpersäften und verließ das Krankenzimmer. Im Hof grub sie mit den Händen unter einer Eiche eine kleine Kuhle aus, dort hinein goss sie den Inhalt der Schüssel, sie füllte die Kuhle mit dem ausgehobenen Erdreich wieder auf. Mit beschwörenden Formeln, das Böse von diesem Mann fern zuhalten, stampfte sie mit den Füßen das lockere Erdreich fest. Niemand konnte erahnen, dass
hier gerade ein Beschwörungsritual statt gefunden hatte. Elsbetha hatte ihr Möglichstes getan, mehr
konnte sie in diesem Moment nicht tun. Sie hatte das Böse aus dem Körper entfernt und für immer ins Erdreich verbannt. Sie war sich sicher, dass Gottlieb die Nacht überstehen würde. >Es ist alles getan.<

Sie schulterte ihren Beutel und machte sich auf den
Weg zum Nagelschmied. Die Kinder, ein Junge und ein Mädchen klagten über Bauchkrämpfe.
Die Kinder vom Nagelschmied Huber und seiner Frau Agatha streichen gern im Wald herum und haben
wahrscheinlich giftiges Kraut oder Pilze genascht.

Elsbetha hatte bereits eine Medizin vorbereitet.
„Gott zum Gruß Elsbetha.“ Nach dem Klopfen öffnete Agatha die Türe um Elsbetha einzulassen. „Wie geht es den Kindern, sind die Krämpfe schlimmer geworden?“
„Es hat sich Gott Lob nicht verschlimmert.“ Agatha führte Elsbetha in die Stube, wo Antonia und Leopold in ihren, mit Heu ausgestopften Betten lagen. Elsbetha tastete bei beiden Kindern den Leib ab; „Habt ihr etwas gegessen, was euch unbekannt war?“
„Wir haben ein paar Beeren gepflückt, wir wollten sie essen, aber sie haben uns nicht geschmeckt und haben sie gleich wieder ausgespuckt.“
„Was ist dir noch aufgefallen, - Blätter oder die Blüten?“ „Ja, die Blüten waren so bläulich schwarz.“
„Ihr habt wahrscheinlich Tollkirschen gefunden. Euer Glück war, dass ihr die Beeren gleich wieder ausgespuckt habt.“ Zu Agatha gewandt, „hier in der Phiole sind Tropfen, die du unverdünnt, mit etwas Honig, drei Mal täglich den Kindern geben musst, dann werden die Krämpfe und die Übelkeit bald vergehen.“
Sie verabschiedete sich und machte sich auf den Weg nachhause, der Tag neigte sich bereits. Die Unruhe
vom Morgen kam zurück. Zügig setzte sie einen Fuß vor den anderen, sie konnte sich die Unruhe nicht erklären.
Körperlich konnte sie spüren, dass etwas unheilvolles in der Luft lag.
*
Seit Brida, inzwischen einundzwanzigjährig, die zweite Tochter von Wolfhard Schwering, den Haushalt besorgte, war Mechthild nur noch selten auf dem Hof.
Brida hatte sich vehement geweigert einen Mann zu heiraten, der ihr vom Vater ausgesucht wurde. Dann wollte sie lieber ihres Vaters Haushalt führen, wo sie relativ selbstständig arbeiten konnte, als an der Seite eines Mannes, dem sie keine Achtung entgegenbringen konnte, geschweige denn Zuneigung. Es gab furchtbare
Wortgefechte zwischen Vater und Tochter, Brida ließ sich dennoch nicht zu einer abgesprochenen Vermählung zwingen, sie setzte sich mit allen Kräften gegen den Vater durch. Es hatte den Anschein, als würde Wolfhard diese kräfteraubenden Auseinandersetzungen mit der Tochter leid sein. Irgendwann würde schon der Richtige erscheinen und diese widerborstige und renitente Tochter bändigen.
Brida war eine ansehnliche junge Frau geworden, es gab genug Bewerber, aber Brida sah sich nicht als Mutter inmitten schreiender Kinder und einen Mann, dem sie gehorsam sein musste . Bridas Ziel war es, entgegen aller Regeln, den Schweringer Hof zu übernehmen. Wolfhard hatte wohl bemerkt, dass Brida mehr das Zeug dazu hatte, als sein einziger Sohn. In Wolfhard´s Augen war Wetzel ein Weichling, der sich nicht durchsetzen konnte. Wolfhard musste neben seinem Hof auch dem Amt als Schulze nachkommen. In seiner Abwesenheit übernahm Brida die Aufgaben des Vaters, soweit es ihr möglich war. Brida hatte die Kraft und den starken Willen des Vaters geerbt. Wetzel dagegen hatte nicht die Härte seines Vaters, sonder die Sensibilität der Mutter geerbt, er war mehr Sohn der Mutter; über deren Tod er bis heute nicht hinweggekommen war.
Wetzel machte seine Arbeit gut und besonnen, seine Liebe aber galt dem Wald und den Bergen; früh am Morgen oder spät am Abend nach getaner Arbeit, ging er dorthin, wo er sich am wohlsten fühlte; in die Berge, da wo der Wald am dichtesten war.
Von Zeit zu Zeit stahlen sich Brida und Wetzel vom Schweringer Hof, um Mechthild zu besuchen. Sie hatten nicht vergessen wie Mechthild nach dem Tod der Mutter sie getröstet und ihnen in der schweren Zeit der Trauer beigestanden hatte. Manchmal gingen sie gemeinsam zum Klosterfriedhof St. Peter, um frische Blumen auf Saras Grab zu legen. Hier am Grab der Mutter wurden die Erinnerungen noch einmal lebendig.
Der Schmerz ließ im Laufe der Jahre nach, aber vergessen -, vergessen war die Zeit mit der geliebten Mutter nicht. Sara war für immer in ihren Herzen.

Fortsetzung folgt........

Das Geschenk  lX


© Soso


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Beschreibung des Autors zu "Das Geschenk lX"

Eine Familiengeschichte aus dem Mittelalter, wie sie sich so oder so ähnlich zugetragen haben könnte.

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Kommentare zu "Das Geschenk lX"

Re: Das Geschenk lX

Autor: Bluepen   Datum: 03.08.2020 12:33 Uhr

Kommentar: Liebe Sonja,

ich habe dieses Kapitel deiner Geschichte aufmerksam gelesen und bin schon neugierig wie es weiter geht!

LG - Bluepen

Re: Das Geschenk lX

Autor: Sonja Soller   Datum: 03.08.2020 13:02 Uhr

Kommentar: Vielen Dank liebe Bluepen,
für Deine Ausdauer!!!!

Herzliche Grüße aus dem erfindungsreichen Norden, Sonja

Re: Das Geschenk lX

Autor: Mark Widmaier   Datum: 03.08.2020 13:14 Uhr

Kommentar: Das waren harte Zeiten...und Du bringst sie super rüber, liebe Sonja.

Herzliche Grüße Mark

Re: Das Geschenk lX

Autor: Sonja Soller   Datum: 03.08.2020 15:37 Uhr

Kommentar: Lieben Dank Mark,
die dunkle und harte Zeit ist noch nicht vorbei. Auch Dir Danke fürs Lesen.

Herzliche Grüße aus dem nicht so dunklen Norden, Sonja

Re: Das Geschenk lX

Autor: Alf Glocker   Datum: 04.08.2020 8:27 Uhr

Kommentar: immer wieder interessant!

LG Alf

Re: Das Geschenk lX

Autor: Sonja Soller   Datum: 04.08.2020 8:53 Uhr

Kommentar: Herzlichen Dank lieber Alf,
diese Epoche war interessant und grausam, kaum ein Unterschied zu Heute.

Liebe Morgengrüße aus dem furchtlosen Norden, Sonja

Re: Das Geschenk lX

Autor: Sonja Soller   Datum: 04.08.2020 8:53 Uhr

Kommentar: Herzlichen Dank lieber Alf,
diese Epoche war interessant und grausam, kaum ein Unterschied zu Heute.

Liebe Morgengrüße aus dem furchtlosen Norden, Sonja

Re: Das Geschenk lX

Autor: Sonja Soller   Datum: 04.08.2020 8:53 Uhr

Kommentar: Herzlichen Dank lieber Alf,
diese Epoche war interessant und grausam, kaum ein Unterschied zu Heute.

Liebe Morgengrüße aus dem furchtlosen Norden, Sonja

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