Ich werde gehen. Der Himmel ist bedeckt. Die Wolken hängen tief. Ein grauer später Nachmittag. Nehme den kleinen Pfad in den Wald zwischen den hohen Bäumen, wenn du mir folgen willst.
Ein kühler Windhauch fließt um die schmalen Fichtenstämme herum. Die Stelle in meiner Brust wo mein Herz war, fühlt sich hohl an. Die Gefühle sind so schmerzhaft, so stark, das sie mich betäuben. Mein Körper scheint ferngesteuert. Wie von selbst tragen mich meine Beine immer tiefer in den Wald. Niemand wird mich einholen.
Ich denke an nichts. In meinem Kopf herrscht Leere. Dumpf und gleichmäßig gehe ich Schritt für Schritt bis zum Ende.

Jetzt erscheint mir alles so sinnlos. Die Atmosphäre ist drückend, aber unwissend. Es ist friedlich und still im Wald. Geh weiter. Der Wald wird reicher, dunkelgrüner. Ich bin nur eine unauffällige schwarze Gestalt darin. Mich wird niemand vermissen.
Die monotone Melodie meiner Schritte verklingt langsam. Ich bin im Herzen angekommen.
Über mir streckt eine Hainbuche ihre Zweige aus. Der Boden ist mit altem Laub und jungem Grün bedeckt. Ein schöner Platz.
Niemand wird mich aufhalten.
Ich bin vollkommen ruhig, sehe meine Umgebung mit den scharfen Augen eines Adlers und höre sie mit den tauben Ohren eines Herzlosen. Meines ist gebrochen. Ich kann sehen wie ein Schmetterling in fünfzig Meter Entfernung seine zartgelben Flügel entfaltet und fliegt, aber ich kann sein sanftes Flattern nicht hören.
Wozu lebe ich? Warum versuche ich so sehr mich zu erklären, mein Verhalten, mein Denken? Ich glaube an Liebe und ich glaube an Vertrauen, doch manchmal reicht das nicht. Liebe kann nicht alle Distanzen und Abgründe überwinden. Nicht jeder ist so direkt und ehrlich.

Ich vermisse Berührungen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie es sich anfühlt eine Frau in meinen Armen zu halten. Ich weiß nicht mehr, wie es sich anfühlt, wenn ein paar weiche Lippen auf meine treffen. Es ist über die Jahre verblasst. Es ist weg. Ein schneidender, absolut vernichtender Schmerz schüttelt mich. Diese Erkenntnis ist so bitter.
Meine Liebe ist stark. Aber wenn sie weg ist, bin ich allein, leer und nahezu nutzlos. Nur sie gab mir Halt.
Sachliche Wärme vermag mir nicht zu helfen. All die netten Worte können mich nicht heilen und mir auch keine Schmerzen zufügen. Sie wissen nichts.

Ihr Schweigen bringt mich um. Sie hat mich verlassen. Ich bin zurück am Boden, muss sitzen, obwohl ich knien will, muss gehen, obwohl mein Herz sie anfleht vor ihr zu kriechen.
Mein Leben war vergebens. Die Leute die mich lieben, gibt es nicht mehr. Und die Leute, die mich kennen, haben mich verkannt und vergessen. Ich hab alles verbaut, alles verkackt und verschissen.
Der Hass auf der Welt hat mich vergiftet. Jemand der nicht normal, nicht lebensfähig ist, gehört nicht in unsere Gesellschaft. Ich war immer in meiner eigenen Welt.
Du bist ein Freak flüstern die Stimmen in meinem Kopf. Dir glaubt keiner. Dich versteht keiner. Denn niemand sieht wie du. Das ist nicht wahr, schreie ich. Aber wie so oft, wenn ich schreie, verhallt der Schrei ehe ihn jemand hören kann. Es ist, als würde ich in einer unsichtbaren Blase sitzen, die mich von der Wirklichkeit trennt. Eine Wand aus Glas oder vielleicht aus Energie.
Hör auf zu träumen, hör auf mit dem Drama, sage ich spöttisch zu mir selbst.
Du bist ein Hund. Das Leben ist hart. Auch ich kann hart sein. Ich werde die Stimmen nicht los. Ich will schweigen, für immer.

Es fängt an zu regnen. Schwere Tropfen fallen vereinzelt durch das Blätterdach. Der feuchte Geruch von Moos und Laub wird der letzte sein, den ich riechen werde, den beißenden Geruch von Schießpulver nicht mitgezählt.

Ich schaue nicht nach oben, suche nicht nach Hilfe. Ich senke den Kopf. Meine Hand zittert, als ich den Revolver aus meiner Hosentasche hohle. Kaliber 38, es sind nur zwei Kugeln in der Trommel. Zeit zu gehen.
Ich setze ihn mir gegen die Brust. Ich will es fühlen. Muss ich jetzt etwa doch noch weinen?! Erbärmlich. Ich liebe Leid und ich liebe Schmerz. Melancholie … ich verabschiede mich von dir.

Der Schuss ist ein ohrenbetäubender Knall in der Stille des Waldes. Im gleichen Moment reißt mich der Schmerz mit der Wucht einer Mine von den Füßen. Ich sacke zusammen und falle wie ein Haufen wertloser Dreck der Länge nach vor die breiten Wurzeln der Buche auf die feuchte Erde zwischen verdorbenes Laub.
Ich bin zusammengebrochen. Letztendlich habe ich den Druck nicht ausgehalten. Einsamkeit macht genauso hart, wie zerbrechlich.

Meine Augen starren in den Himmel. Ich ringe nach Luft und fühle, wie die Kraft zusammen mit meinem Blut mein Körper verlässt. Mein Blick verirrt sich zwischen den Zweigen.
Tausend Bilder und Erinnerungen schießen in mein Bewusstsein. Ich spüre alles, jeder Zentimeter meines Körpers brennt. Das Unaufhaltsame, der Tod der kommen wird, ist unerträglich. Meine Hand fährt an das blutende Loch und sucht nach der Kugel. Es ist zu spät.
Die Wärme schwindet. Mir wird eiskalt. Ich kann es nicht rückgängig machen, nicht ändern. Aber ich kann es nicht ertragen, mir nicht eingestehen was ich getan habe. Ich möchte nicht damit leben zu wissen, das ich selber den Abzug gedrückt habe, der meinem Leben ein Ende machte, keine Sekunde. Mit letzter Kraft hebe ich den Arm, dessen Hand noch immer den Revolver umklammert, setze ihn mir an Schläfe und drücke nochmals ab. Endlose Schwärze breitet sich aus.


© D.M.


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Beschreibung des Autors zu "Die Hainbuche"

Die Geschichte stellt ein Albtraumszenario dar bzw. ist fiktiv. Es gibt also keinen Grund für die allgemeine Leserschaft sich Sorgen zu machen, sollte dies überhaupt der Fall gewesen sein. Meine Gedanken waren seit jeher schwarz.

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