Das Geschenk
Anno 1441 Vlll

Beata

Das Schicksal hatte es mit Beata, der ersten Tochter von Wolfhard Schwering, nicht besonders gut gemeint. Sie war im heiratsfähigen Alter; 15 Jahre, als sie mit dem Sohn des wohlhabenden Bergbauern Rudolf von Waldau vermählt wurde. Das Paar hatte sich vorher nicht ein einziges Mal gesehen; die Väter hatten schon vor Jahren eine Vereinbarung getroffen, dass die beiden Güter vereint werden sollen. Unter diesen Zweckverbindungen hatten oft die junge Frau und gelegentlich auch der junge Mann zu leiden. Der Vater, der Patriarch bestimmte; sein Wort war Gesetz.
Die gute Seele Mechthild, die seit dem Tod der Mutter, so etwas wie Mutterersatz für die Geschwister Schwering war, stand dem jungen Mädchen auch in dieser Stunde bei und bereitete Beata, so gut sie es vermochte, auf die Brautnacht vor.

Rudolf von Waldau hatte auf das Recht der ersten Nacht verzichtet . Er wollte seinem Sohn das Vergnügen, seine Braut „gehörig einzureiten“ nicht nehmen .
Beata ließ die Hochzeitszeremonie willenlos über
sich ergehen, sie hatte ihren zukünftigen Ehemann bei der Vermählung zum ersten Mal gesehen. Sie hatte sich geschworen eine gute Frau und Mutter zu werden, an der Seite eines verständnisvollen Gatten. So war ihr Traum.
Ohne eine Gemütsregung im Gesicht des Bräutigams zu entdecken, nahm dieser die Braut vom zukünftigen Schwiegervater entgegen. Beata hatte kein gutes Gefühl als sie in die kalten Augen des Mannes blickte, der ihr Ehemann werden sollte. Friko von Waldau war nicht mehr so ganz jung, mit seinen 25 Jahren hatte er schon reichlich Erfahrung mit den „Weibern“ gemacht, und solch ein „Weib“ sah er auch in Beata. Friko beugte sich ebenso wie Beata dem Willen des Vaters, er machte sich nichts vor, er erfüllte seine Pflicht, so wie es der Vater erwartete, alles Weitere würde sich ergeben.
Die Jahre verstrichen, Beata war nichts anderes als eine bessere Magd. Ein Leben als Herrin auf dem Waldau Hof war ein Traum geblieben. Nach der Brautnacht kam Friko nur noch selten in Beatas Schlafgemach, er kam lediglich seinen ehelichen Pflichten nach, schließlich brauchte der Hof einen legitimen Erben. In den Monaten der ersten Schwangerschaft führten Beata und Friko eine Ehe , so wie es sich Beata vorgestellt hatte, Friko war besorgt und ging sehr behutsam und respektvoll mit ihr um. Die Geburt verlief ganz normal, aber als das Kind, ein Junge, das Licht der Welt erblickte, war es ganz still und hing leblos in den Armen der Hebamme. Friko, der es nicht fassen konnte, dass der Erbe tot geboren wurde, gab Beata die Schuld daran und wandte sich von ihr ab. Unglücklicher als es in diesem Augenblick Beata war, konnte kein Mensch auf Erden sein. Sie wurde von der Hebamme von den Geburtsspuren gesäubert, dann war sie mit ihrem Kummer allein. Niemand tröstete sie, niemand nahm sie in den Arm, sie war wie immer von allen allein gelassen. Beata vergrub das Gesicht in die Kissen und weinte sich in den Schlaf.
Ich muss stark sein, sagte sie zu sich, die nächste Schwangerschaft wird uns einen Erben schenken, dann wird alles wieder gut.
Es folgten ein Abortus und zwei Totgeburten. Niemand wollte noch glauben, dass Beata dem Waldau Geschlecht einen Erben schenken würde.

Inzwischen waren fast 9 Jahre seit der Vermählung mit Friko von Waldau vergangen. Beata tat die Arbeit, die man ihr auftrug, sie zog sich immer mehr in sich zurück.
Sie war das unglücklichste Wesen auf Gottes Erden. Friko nahm sie gar nicht mehr wahr, er holte sich immer wieder Kebsweiber, Huren und irgendwelches Gesindel ins Haus, um sich zu vergnügen. Rudolf von Waldau hatte den Hof an seinen Sohn Friko vererbt, der sich in der Rolle des HoGutsherren suhlte und es jeden Untergebenen spüren ließ, wer der Herr war. Die Knechte und Mägde, die dem alten Herrn gedient hatten, haben den Hof nach dessen Tod verlassen. Es sind nur die geblieben, die auch zu Lebzeiten des alten Hofherrn, dem jungen Herrn verbunden waren. Der Hof wurde immer weiter runter gewirtschaftet. Beata konnte und wollte die Demütigungen und Erniedrigungen nicht mehr ertragen, sie überlegte schon eine ganze Weile, wie sie dem Ganzen ein Ende bereiten könnte. Sie wollte dieses Leben nicht weiterführen. In ihr Elternhaus konnte sie nicht zurück. Der Vater würde sie, ohne nach den Gründen zu fragen, wieder fortschicken, zurück auf den Waldau Hof, zurück zu neuen Qualen und Demütigungen.
Beata dachte liebevoll an Mechthild, die ihr, nach dem Tod der Mutter eine wahre Freundin war und ihr oft in scheinbar ausweglosen Situationen Trost zugesprochen hatte. Heute Nacht würde sie heimlich den Waldau Hof verlassen, sie hatte es sich genau überlegt.
Erst einmal würde sie bei Mechthild unterkommen, da war sie sich ganz sicher. Mechthild war eine gute Seele, sie würde Beata nicht fortschicken. Es war ein weiter Fußmarsch in ihr Heimatdorf, dafür musste sie sich, wenn sie nicht hungern wollte, Proviant aus der Vorratskammer stehlen.
Beata genoss schon lange nicht mehr die Privilegien der Hausherrin, die sich frei bewegen konnte. Sie musste sich sehr vorsehen, ihr Ehemann würde keinen Unterschied zwischen ihr und einem gemeinen Dieb machen.

Auf dem Hof brannten nur noch wenige Lichter. Beata schlich, um sich blickend, die Treppe zur Küche hinab, sie musste durch die Küche hindurch, dann noch ein paar Treppenstufen hinab in die Vorratskammer. Sie tastete sich vorsichtig Schritt für Schritt vorwärts, nur der Schein des Mondes gab ihr etwas Helligkeit.
Beata erreichte die Vorratskammer ohne entdeckt zu werden. Sie nahm sich reichlich Brot, Dörrfleisch, ein Stück Käse und füllte einen Trinkschlauch mit Wasser Nachdem der Reisebeutel gefüllt war, schlich Beata so leise wie sie gekommen war hinaus, und verließ im Dämmerlicht des Mondes den Waldauhof.
Unruhe überkam sie bei dem Gedanken, dass Friko es nicht auf sich beruhen lassen würde, dass sein „Eheweib“ ihn verlassen hatte. Er würde Suchtrupps losschicken, um sie zu suchen.
Beata durfte keine öffentlichen Wege benutzen, sie musste sich im dichten Wald auf verborgenen Pfaden bewegen. Sie hatte zwar ihren Ehemann verlassen und war auf der Flucht vor ihm und seinen Schergen, und dennoch fühlte sie sich das erste Mal frei.
Solange es dunkel war, würde niemand auf dem Hof die Abwesenheit Beatas bemerken, deshalb schritt sie zügig und ohne Pause durch den schützenden Wald. Sie hatte bisher den Wald erschreckend und beängstigend wahrgenommen, nun gab er ihr Schutz und Sicherheit. Sie gewöhnte sich schnell an die Geräusche, die sie umgaben, an das Ächzen und Knacken der Bäume, das Scharren, das Kratzen und das Wispern der Waldtiere. In diesem Augenblick fühlte sie sich in der Dunkelheit des Waldes geborgen.

Beata hörte die Rufe von Reitern und das Schnauben ihrer Pferde in der Ferne, sie verkroch sich tiefer in das Dickicht aus Sträuchern und Farne, sie musste vorsichtig sein. Um nicht von den Schergen entdeckt zu werden verharrte sie weiter in der Erdmulde unter dem Farn versteckt, bis die Rufe der Reiter verklungen waren.
Es war nicht mehr allzu weit bis zu ihrem Heimatdorf. Drei Tage und drei Nächte war sie bereits unterwegs. Es war ein Weg voller Gefahren in dem unwegsamen Gelände. Steine und Äste lagen auf dem Waldboden, große und kleine Tiere des Waldes kreuzten erschrocken ihren Weg. In dieser Nacht strahlte der Mond besonders hell, als ob er wüsste wer heute im Wald unterwegs war.

Gott Lob hatte Beata genug Proviant aus der Vorratskammer mitgenommen, so brauchte sie keinen Hunger leiden während sie auf der Flucht war.
Friko von Waldau hatte sicher schon ihren Vater aufgesucht, um ihm von der Schmach zu berichten. Falls Brida an die Tür klopfte; sie festzuhalten und zu ihm zurückzubringen. > Niemals werde ich bei Vater um Aufnahme bitten.< Wilde Gedanken schwirrten in Bridas Kopf herum. > Sie dürfen mich nicht fangen.<

Nach einer weiteren Nacht, in den frühen Morgenstunden, hatte Beata das Haus von Mechthild erreicht. Die vertraute Umgebung ließ Beata trotz aller schlimmen Erinnerungen wehmütig werden. Die Zeit mit ihrer Mutter und den Geschwistern war die schönste in ihrem Leben, der Vater schwebte wie ein böser Geist über Allem.
Beata klopfte an die Türe; nichts rührte sich. Sie klopfte noch einmal, nun heftiger. „Mechthild, ich bin es Beata, öffne bitte die Tür.“ Sie hielt das Ohr an die Tür, sie hörte schlurfende Schritte. >Dem Himmel sei Dank, sie ist im Hause.< Leise schickte Beata ein Stoßgebet zum Himmel.

„Oh, mein Gott, du bist es wirklich. Mir war, als hörte ich bekannte Stimmen. Was in Gottes Namen ist geschehen. Wie bist du hierher gekommen?“
„Mechthild, lass mich bitte ein, es darf mich niemand sehen, ich bin vom Waldau Hof geflohen.“ Mechthild hielt Beata die Tür weit auf, um sie hereinzulassen. Bevor sie die Tür verschloss, sah sie sich um; sie konnte nichts Verdächtiges entdecken.

Beata fiel Mechthild still weinend um den Hals. „Komm mein Kind, setz dich, und beruhige dich.“ Mechthild nahm Beata bei der Hand und zog sie ins Haus. „Ich brühe uns einen Tee und dann erzählst du mir
alles.“
Das kleine Holzhaus sah behaglich aus, es hatte sich kaum etwas verändert, das wohlige Gefühl von Geborgenheit durchflutete Beata, ein Gefühl, das sie schon lange nicht mehr verspürt hatte. Der warme Tee tat ein Übriges. Nach so langer Zeit saßen die beiden Frauen erst einmal schweigend am Tisch. Die Zuneigung der alten Frau berührte Beata; wie hatte sie das vermisst. Sie nahm die alten, von der harten Arbeit gezeichneten Hände an ihre Wange und liebkoste sie. „Es war ein beschwerliche Weg bis hier her. Danke, dass du mich nicht fortschickst.“ Mechthild ließ Beata Zeit, über die vergangenen Jahre auf dem Waldau Hof zu berichten.
Mechthild hörte Beata, ohne sie zu unterbrechen, zu. Es fiel der jungen Frau nicht leicht über die Demütigungen und Erniedrigungen zu sprechen; was Friko von Waldau ihr an Körper und Seele angetan hatte.
Nach dem Beata ihre Erlebnisse geschildert hatte, blieb es eine ganze Weile still im Raum. Mechthild musste das Gehörte erst einmal verarbeiten. Sie ergriff die Hände von Beata: „Dir ist wirklich Schlimmes widerfahren, aber nun kannst du hier vorerst zur Ruhe kommen. Es ist nicht auszuschließen, dass die Waldauschen Schergen auch an meine Tür klopfen, sicher aber nicht Heute oder morgen. Du legst dich erst einmal hin und ruhst dich von den Strapazen aus , später besprechen wir wie es weitergehen soll.“
Mit guten Gefühlen versank Beata in einen tiefen Schlaf. Nun konnte sie schlafen ohne Angst von den Häschern ihres Gemahls entdeckt zu werden. Vorsichtig legte Mechthild eine wollene Decke über sie.
Mechthild verließ leise den Raum, sie wollte Beata die Zeit geben, die sie brauchte, um sich von den Ereignissen der letzten Tage zu erholen.

Sie wollte inzwischen überlegen was zu tun sei. Zu allererst musste sie Beata verborgen halten.
Mechthild wusste, wenn Beata hier bei ihr gefunden würde, würde es den Tod für beide Frauen bedeuten. Die Ehe war ein heiliges Sakrament und die Frau war dem Mann auf ewig Untertan. Ihn zu verlassen, ihn auf diese Weise zu demütigen, war das Schlimmste was eine Frau machen konnte. Frauen waren von minderem Wert und waren dem Manne nach der Heirat auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, ihn zu verlassen bedeutete die Höchststrafe für die Frau.


Fortsetzung folgt.....

Das Geschenk  Vlll

© pixabay


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Beschreibung des Autors zu "Das Geschenk Vlll"

Eine Familiengeschichte aus dem Mittelalter, wie sie sich so oder so ähnlich zugetragen haben könnte.

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Kommentare zu "Das Geschenk Vlll"

Re: Das Geschenk Vlll

Autor: possum   Datum: 01.08.2020 1:06 Uhr

Kommentar: Sehr berührend wieder liebe Sonja,

sei lieb gegrüßt!

Re: Das Geschenk Vlll

Autor: Bluepen   Datum: 01.08.2020 9:16 Uhr

Kommentar: Liebe Sonja,

du hältst den Spannungsbogen deiner Geschichte aufrecht und ich bin schon gespannt auf die nächste Folge.

LG - Bluepen

Re: Das Geschenk Vlll

Autor: Sonja Soller   Datum: 01.08.2020 11:29 Uhr

Kommentar: Herzlichen Dank, liebe Possum, liebe Bluepen,
freue mich, dass die Geschichte gefällt!!!!!:-)))

Liebe Wochenendgrüße aus dem sonnigen Norden, Sonja

Re: Das Geschenk Vlll

Autor: Karl Hausruck   Datum: 02.08.2020 9:40 Uhr

Kommentar: Liebe Sonja
Hier der Plot für einen Roman, wie er mir schon länger vorschwebt:
Der Ulmer Ahn hatte 14 Kinder von drei Frauen, die nacheinander im Kindbett starben.
Schlimmer ging es den Mägden in ihren frostigen Kammern.
Die sich verweigerten, kamen ins Kloster oder auf den Scheiterhaufen.
Die männliche Jugend wurde in patriotischer Landsknechtromantik auf den Schlachtfeldern entsorgt. Da wollen wir doch lieber Ulmer Großkaufmann und dessen Gattin sein.
Und das bis zum heutigen Tag.
K.H.

Re: Das Geschenk Vlll

Autor: Sonja Soller   Datum: 02.08.2020 12:48 Uhr

Kommentar: Hört sich gut an lieber Karl!!!!

Herzliche Sonntagsgrüße aus dem sonnigen Norden, Sonja

Re: Das Geschenk Vlll

Autor: Mark Widmaier   Datum: 02.08.2020 13:32 Uhr

Kommentar: Ich kann mich in jeden Teil so wunderbar hineinversetzen...in die Personen, vor allem aber in diese so gespenstische, aber auch faszinierende Epoche.

Herzliche Grüße von deinem kleinen Bruder

Re: Das Geschenk Vlll

Autor: Sonja Soller   Datum: 02.08.2020 14:19 Uhr

Kommentar: Herzlichen Dank, lieber Mark,
für deine Worte. Auch ich bin von dieser Zeit fasziniert, wenn sie auch dunkel und mystisch war. Ich wäre bestimmt dort eine heilkundige Kräuterhexe gewesen.

Liebe Sonntagsgrüße aus dem mystischen Norden, Sonja

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