Das Geschenk lV
Im Jahre 1427

Elsbetha (Hebamme)

Das Leben der Bevölkerung wurde durch starke Unwetter und andere böse Vorzeichen bestimmt. Die größte Geißel aber war die Pest, das „Schwarze Fieber“. Viele Jahre zuvor hatte die Krankheit schon ein Massensterben ausgelöst, ein Großteil der Bevölkerung wurde dahingerafft. Die Verstorbenen wurden auf Leichenwagen vor die Stadtmauer gebracht und in Massengräber bestattet. Die Habseligkeiten wurden verbrannt und die Häuser der Verstorbenen ausgeräuchert, um weitere Ausbreitung der Seuche zu verhindern. Die Stadttore blieben für Händler, Handwerker und Reisende verschlossen. Man wollte
sicher gehen, keine weiteren Träger der Seuche einzuschleusen.

Im Laufe der Jahre ebbte die Krankheit ab, sie konnte aber nie ganz besiegt werden. Ärzte, Bader, Heiler; sie konnten nur ohnmächtig dem Krankheitsverlauf zusehen. Das „Schwarze Fieber“ trat vermehrt dort auf, wo viel Menschen zusammen kamen, besonders in den Armenvierteln der Städte.
Die Kirche legte die Pest als Strafe Gottes aus; Gott hätte diese Seuche gesandt um die Menschen für ihr sündiges Leben zu strafen. Die Menschen waren von dem massiven Hereinbrechen dieser Krankheit dermaßen überrollt worden, und der Gewissheit, dass niemand wirklich helfen konnte, einer anderen Krankheit verfallen, der Volksfrömmigkeit. Die Kleriker schürten dieses Feuer, um noch mehr Macht über die Menschen zu bekommen. Flagellanten, „Geißelbrüder“ zogen in kleinen Gruppen durchs Land, die sich öffentlich unter Gebete und frommen Gesängen geißelten, den Unmut Gottes zu besänftigen. Offensichtlich aber reichte dieses nicht um die Menschen von ihren Sünden zu befreien, Krankheit und Tod kamen weiterhin über sie.
Ablassmönche zogen durch das Land; sie verkauften Ablassbriefe an die vermeintlich sündigen Bürger, um sie von den bedrückenden Sündenstrafen zu befreien,
gegen einen angemessenen Obolus. Auf diese Weise bekam so manches Gotteshaus den lang ersehnten neuen Kirchturm.
Für die Kirche war die Ablasspraxis eine willkommene Einnahmequelle. Beim Volk führte das zu der Ansicht, sich durch Ablass, ganz ohne innere Beteiligung und Reue, von der Sündenschuld freikaufen zu können. Mit Empfang der Bußsakramente waren die Sünden vergeben.

Elsbetha war ungefähr 10 Jahre alt, als ihre gesamte Familie von der todbringenden Krankheit ausgelöscht wurde. Nachbarn hatten sich Elsbetha's angenommen. Der Verlust ihrer Familie hatte das Kind geprägt, aus einem fröhlichen Kind war nun ein trauriges, zurückhaltendes Mädchen geworden. Sie wirkte oft abwesend und der realen Welt entrückt. Als sie 12 Jahre alt war, sollte sie sich in einem fremden Haushalt als Magd ihren Lebensunterhalt nun selber verdingen; sie sei jetzt in einem Alter wo sie für sich selber sorgen müsse. Noch bevor dieser Tag kam, lief Elsbetha fort.
Von nun an nahm sie ihr Schicksal in die eigenen Hände.
Der „Dunkle Wald“ , in den sie geflohen war, bot ihr Schutz, sie fürchtete sich nicht vor den Tieren, die ihr bis dahin teilweise unbekannt waren. Bei ihren
Streifzügen, auf der Suche nach Nahrung, hatte sie die Höhle entdeckt, die im Laufe der Jahre ihr Zuhause wurde. Sie hatte den Eingang mit Zweigen und kleinen Sträuchern verschlossen; sie wollte nicht von herumstreifendem Gesindel vertrieben werden.
Um im Wald überleben zu können, machte sie sich mit den vielen Kräutern, die wild um die Höhle herum wuchsen, vertraut. Sie ernährte sich von Beeren, Blättern,Wurzeln und kleinen Tieren. So lernte sie die essbaren von den ungenießbaren Pflanzen zu unterscheiden, lernte Hasen und Vögel zu töten.

In den Wintermonaten zog sie mit dem Bader Hagenus Ochsenstierna in seinem Planwagen durch die Lande. Sie waren sich eines Tages im Wald begegnet und hatten die Vereinbarung getroffen, dass Elsbetha mit dem Bader gemeinsam über Land zog, um ihm bei seiner Arbeit zur Hand zugehen. Der Bader würde sie seinerseits in Pflanzen-, und Heilkunde unterweisen, so konnte Elsbetha ihre Kräuter - ,und Pflanzenkenntnisse erweitern. Sie stimmte sofort zu, als der Bader ihr diesen Handel vorschlug. Sie lebte schon eine Weile allein im Wald, und es fehlte ihr manches Mal die Gesellschaft eines anderen Menschen, mit dem sie sich austauschen konnte. Die Wintermonate waren es, in denen die Menschen mit allerlei Bronchialerkrankungen , Knochenreißen, und andere für die Jahreszeit typischen Erkrankungen in den Betten lagen. Elsbetha war wissbegierig und lernte schnell, sie war dem Bader bald eine große Hilfe. Was sie in den Monaten, in denen sie mit Hagenus Ochsenstierna unterwegs war, an Wissen in der Pflanzenheilkunde in sich aufgenommen hatte, war nicht mit Gold zu bezahlen. Die Wintermonate gingen von Windemanot des Jahres bis Ostermanot des darauf folgenden Jahres. Im Sommer zog es Hagenus in den Norden, über die Landesgrenze hinaus. Diese Wanderzeit, war eine wunderbare, lehrreiche Erfahrung in Elsbetha`s Leben. Hagenus Ochsenstierna war ein fürsorglicher Lehrmeister.
Aber Elsbetha war auch für ihn eine Bereicherung. Es war eine Freude für Hagenus, dem wissbegierigen Mädchen all sein Wissen über Heilkunde und Heilmethoden zu vermitteln. Seit Elsbetha den Verkauf von Elixieren und Tinkturen übernommen hatte, florierte das Geschäft. Hagenus dankte Elsbetha auf seine Weise. Er war nicht nur Lehrmeister und Beschützer, er fühlte sich verantwortlich für dieses Mädchen und war Stückweise auch Vaterersatz. Damit Elsbetha auch die Sommermonate überstand, bekam sie am Ende der Wanderzeit von Hagenus vier Silbertaler ausgehändigt. Wenn es den beiden Wandergesellen in dem Planwagen zu kalt wurde, hielt Hagenus sein Maultier, dass auf den Namen „Maultier“ hörte, an. “So mein Guter, jetzt ist es Zeit für eine Pause. „Brr, Hagenus zog am Zügel, „ein wärmendes Feuer wird auch dir gut tun,“ sprachs und klopfte Maultier beruhigend den Hals . Elsbetha sprang dann jedes Mal vom Bock und sammelte kleine Zweige und trockene Blätter. Hagenus zündete ein Feuer an, setzte den Wasserkessel auf die Feuerstelle für den Tee, und zündete seine Pfeife an. Elsbetha spannte Maultier aus und führte ihn ebenfalls an das wärmende Feuer. Hagenus konnte sehr spannende Geschichten über seine Reisen erzählen, die Elsbetha gierig in sich aufnahm.
Die Zeit mit Hagenus Ochsenstierna würde Elsbetha niemals vergessen. Sie hat aus ihr das gemacht, was sie heute war: Eine gute Hebamme und Heilerin.

Fortsetzung folgt........

Das Geschenk lV

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Beschreibung des Autors zu "Das Geschenk lV"

Eine Familiengeschichte aus dem Mittelalter, wie sie sich so oder so ähnlich
zugetragen haben könnte.

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Kommentare zu "Das Geschenk lV"

Re: Das Geschenk lV

Autor: Bluepen   Datum: 26.07.2020 12:25 Uhr

Kommentar: Liebe Sonja,

du beschreibst den Charakter von Elsbetha sehr anschaulich was neugierig auf die nächste Folge macht.

LG - Bluepen

Re: Das Geschenk lV

Autor: Alf Glocker   Datum: 26.07.2020 15:34 Uhr

Kommentar: wirklich ausgezeichnet!

LG Alf - aus dem gespannten Süden...

Re: Das Geschenk lV

Autor: Sonja Soller   Datum: 26.07.2020 16:37 Uhr

Kommentar: Vielen Dank liebe Bluepen, lieber Alf,
bin wirklich überrascht über so ein positives Feedback der Geschichte. :-))
Motiviert mich weiter zu erzählen!!!!

Herzliche Grüße aus dem geschichteerzählenden Norden, Sonja

Re: Das Geschenk lV

Autor: Mark Widmaier   Datum: 26.07.2020 21:57 Uhr

Kommentar: Auch dieser Teil beschreibt das Mittelalter in all seinen Facetten...und vor allem das Unheil, das es mit sich brachte. Aber auch die Hilfsbereitschaft unter den Menschen. Sehr gelungen, liebe Sonja. Es freut mich auch sehr, dass Deine Geschichte bei den anderen Lesern so gut ankommt :-)

Herzliche Grüße von deinem "kleinen Bruder" Mark

Re: Das Geschenk lV

Autor: Sonja Soller   Datum: 26.07.2020 22:18 Uhr

Kommentar: Lieber "kleiner Bruder",
danke für Deinen wunderbaren Kommentar. Freue mich, dass die Geschichte Dir gefällt. Mal schauen wie es weitergeht.......
Es macht mir Spaß mich in die mittelalterliche Zeit zu versetzen, versuchen mich in die Figuren hinein zufühlen, in die beschriebene Person hinein zuschlüpfen.

Herzliche Grüße aus dem einfühlsamen Norden, Sonja , deine große Schwester

Re: Das Geschenk lV

Autor: possum   Datum: 27.07.2020 0:48 Uhr

Kommentar: Freu mich bereits auf die nächste Folge, liebe Sonja,
gerne hier gewesen,

sei lieb gegrüßt!

Re: Das Geschenk lV

Autor: Sonja Soller   Datum: 28.07.2020 12:20 Uhr

Kommentar: Liebe Possum,
es freut mich ungemein, dass Dir die Geschichte gefällt!!!!!

Herzliche Grüße aus dem Norden, Sonja

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