Das Geschenk lll
Februar 1427

Abschied von Sara

Bruder Adam, der aus dem nahegelegenen Benediktinerkloster Sankt Peter gerufen wurde, faltete die Hände der Verstorbenen auf ihrem Herzen und segnete Sara, um ihr den Weg in eine unbekannte Welt zu ebnen. „ Der Tod ist unser ständiger Begleiter. Wir wollen den Herrn, unseren Gott bitten, Dinge zu ertragen, die wir nicht ändern können.“
*
Um Sara für die letzte Reise vorzubereiten, würden die „Ältesten Frauen“ des Dorfes sie für ihren letzten Gang mit wohlriechenden Ölen einsalben und in ein weißes Leinenhemd kleiden.
So friedvoll lag die Mutter auf ihrem Lager, so als würde sie schlafen. Für einen Augenblick vergaßen die Kinder, dass die geliebte Mutter nicht mehr auf dieser Welt war. Beata und Brida weinten voller Verzweiflung vor sich hin. Wetzel saß auf dem Schemel und starrte auf den Fußboden. Der Vater kniete vor dem Totenbett, den Kopf tief gesenkt.
Die tägliche Ordnung - , ihr Leben - , war von einem Moment zum anderen aus dem Lot geraten. Die Tragweite dieses Schicksalsschlages war ihnen noch nicht bewusst. Der Schock saß zu tief. Sie saßen hilflos dicht beieinander, hielten sich an den Händen und harrten der Dinge.

*
Schulze Schwering, wie er im Allgemeinen von den Dorfbewohnern genannt wurde, war nicht sehr beliebt. Der Hof, war eher ein Festung als ein Hof, gehörte zum Gut des Burggrafen von Hohenburg. Wolfhard ist vom Burggrafen, der Grundherr über Lehmwies und alle angrenzenden Ländereien war, zum Verwalter ernannt worden. Er war nicht nur bei den Dorfbewohnern wegen seiner unbeugsamen Strenge gefürchtet, auch die eigenen Kinder fürchteten den Vater.
Vor ungefähr sechzehn Jahren war Sara einfach da, Wolfhard Schwering hatte sie von einer Reise aus dem Norden mitgebracht. Von da an war sie als Ehefrau im
Haus und versorgte den Haushalt. Sie erzählte nie von ihrer Vergangenheit, sie war eine demütige, von einer unglaublichen Sanftheit gesegneten Frau. Sie war nicht nur für ihre Kinder eine Zuflucht vor der Strenge des Vaters, sie half jedem, der ihrer Hilfe bedurfte. Der Tod von Sara war ein großer Verlust für alle. Eine tiefe Trauer legte sich über das Dorf.

Priester Conrat Wümme aus Freiburg war von Wolfhard Schwering gerufen worden, um die Trauermesse zu lesen; Sara auf den letzten Weg zu geleiten.
Wolfhard schritt gemächlich hinter dem Pferdegespann, mit dem für die letzte Reise schlicht geschmückten Sarg, her. Mit gesenkten Köpfen folgten die Kinder; Wetzel, Beata und Brida. Fast das ganze Dorf schloss sich ihnen an um Sara die letzte Ehre zu erweisen. Der Trauerzug führte zum Kloster St. Peter, das außerhalb des Dorfes, weit sichtbar auf einer leichten Anhöhe lag. Der Friedhof erstreckte sich hinter dem Klostergarten.
Unter einem alten Kastanienbaum, der schon viele Tränen gesehen hatte, sollte Sara ihre letzte Ruhestätte finden.
Die Trauergemeinde versammelte sich um den Sarg, als der Priester zu sprechen begann: „ Ewige Ruhe schenke ihr, oh Herr. Empfange Sara in den Armen deiner Gnade.“
„Liebe Trauergemeinde, wir haben einen wichtigen Menschen viel zu früh verloren und unser Herz ist schwer. - Wir verabschieden uns heute von Sara, einer guten Frau und Mutter und Mitglied dieser Dorfgemeinschaft . Ein Abschied tut immer weh.
Der bittere Schmerz der ersten Zeit wird nachlassen, doch der Verlust wird die Hinterbliebenen für den Rest ihres Lebens begleiten.
Sara Schwering hat nun eine Schwelle überschritten, wohin wir sie nicht begleiten können, sie hat einen Raum betreten, der uns noch verschlossen ist. Sie war durch ihr sanftes Wesen und ihre Hilfsbereitschaft in unsere Herzen gedrungen, ein immerwährender Platz dort ist ihr gewiss. In der Familie Schwering hinterlässt sie eine große Lücke. Wir danken für manches gute Wort, für ein Lächeln, für jeden guten Rat. Uns alle bewegt in dieser Stunde auch der Dank, einen ganz besonderen Menschen gekannt zu haben. Lasst uns einen Augenblick in Stille verharren – zum seligen Gedenken an Sara Schwering.
>„Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Wege und dich bringe an den Ort, den ich bestimmt habe. „<
Der Priester hob den Kopf und sah die Trauernden direkt an.
„Ein Mensch ist nicht vergessen, solange er in unseren Herzen wohnt. Ruhe in Frieden. - Und Herr - , segne die Familie der Verstorbenen, die mit diesem Verlust wahrlich schwer zu tragen hat.“

*
Nur wenige kannten die Geschichte von Sara. Zu den wenigen gehörte Elsbetha, Sara hatte sich ihr anvertraut bei den wöchentlichen Besuchen während der Schwangerschaft. Sie hatte Elsbetha schwören lassen, über das Gehörte Stillschweigen zu bewahren, egal was noch geschehe. Elsbetha gab ihr das Versprechen.

*
Die Anwesenden konnten die Tränen nicht zurückhalten, sie ließen den Gefühlen freien Lauf. Die kleine Brida zitterte vor Schmerz und Trauer und schmiegte sich an ihre große Schwester, die selber Trost gebraucht hätte. Wetzel war nicht so stark, wie der Vater es erwartete, ihm liefen dicke Tränen über das Gesicht, er konnte sie nicht zurückhalten, selbst wenn er gewollt hätte. Der alte Schwering ließ offensichtlich ohne große Gefühlsregung das Begräbnis über sich ergehen. Nur der genaue Beobachter sah das kurze Straucheln, als er mit gesenktem Kopf vor dem schlicht geschmückten Sarg stand. Aber schnell hatte er sich wieder in der Gewalt.
Priester Wümme segnete die Gemeinde. Die Trauernden verharrten noch einen Moment, um kleine Grabbeigaben und ihre ganz persönlichen Wünsche Sara mit auf den Weg in die andere Welt zugeben. Langsam wurde der Sarg in die Grube hinab gesenkt.

*
Nach dem Begräbnis trat die Trauergemeinde gemächlichen Schrittes den Rückweg an.
Man traf sich, nachdem man die Verstorbenen zu Grabe getragen und ihm die letzte Ehre erwiesen hatte, wie es üblich war, in der Dorfschänke. Wolfhard Schwering saß schweigend am Tisch, vor sich einen Krug Bier. Karl Huber der Nagelschmied hatte bereits einige Humpen Bier zu viel getrunken. “Schulze, was hast du deiner Frau nur angetan, sie war eine gute Frau, sie hätte nicht sterben müssen, du konntest ja nicht genug bekommen, du geiler Bock. Jeder wusste wie es um Sara stand, nur der Gevatter Gatte nicht. Du solltest statt ihrer in der Grube liegen, dann hätten wir einen Tyrannen weniger auf Gottes Erden.“ Jeder dachte es, aber niemand traute sich dem Dorfschulze das direkt ins Gesicht zu sagen. „Schmied, mäßige deine Worte, du könntet es eines Tages bereuen mir nicht den nötigen Respekt gezollt zu haben.“ Alle sahen den Dorfschulze mit angehaltenem Atem an. Scharf kamen die Worte aus des Gutsherren Mund. „Mann versündige dich nicht.“ Agneta die Frau des Schmieds, konnte ihren Mann gerade noch zurückhalten, bevor dieser handgreiflich werden konnte.
Sara hatte der Familie des Schmieds hilfreich zur Seite gestanden, als Agneta schwer erkrankt ans Bett gefesselt war. Sie hatte die Kranke liebevoll gepflegt.
Bis es Agneta besser ging kam sie täglich, um Wickel zu wechseln und die von Elsbetha angerührte Medizin zu verabreichen.
Äußerlich sah man Wolfhard nicht an, wie es in ihm aussah. War es die Trauer über den Verlust seiner Frau? War es die Entscheidung sein eigen Fleisch und Blut verstoßen zuhaben? Das Gesicht des Gutsherrn Wolfhard Schwering verriet keine Gefühlsregung, es war wie in Stein gemeißelt.

Fortsetzung folgt...........

Das Geschenk lll

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Beschreibung des Autors zu "Das Geschenk lll"

Eine Familiengeschichte aus dem Mittelalter, wie sie sich so oder so ähnlich
zugetragen haben könnte.

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Kommentare zu "Das Geschenk lll"

Re: Das Geschenk lll

Autor: Bluepen   Datum: 25.07.2020 21:23 Uhr

Kommentar: Wow liebe Sonja,

Prosa scheint dir zu liegen. Der Erzählmodus wirkt sehr lebendig und real. Freue mich schon auf die Fortsetzung.

LG - Bluepen

Re: Das Geschenk lll

Autor: possum   Datum: 26.07.2020 2:29 Uhr

Kommentar: liebe Sonja,

ich bin ja eigentlich überhaupt kein Leser im Gegensatz zu den meisten Poeten,
aber jetzt hast du mich entführt,

lieben Gruß!

Re: Das Geschenk lll

Autor: Sonja Soller   Datum: 26.07.2020 10:29 Uhr

Kommentar: Vielen lieben Dank, liebe Bluepen, liebe Possum,
die Geschichte war und ist immer noch ein Wagnis.
Freue mich sehr über Eure sehr positiven Kommentare.

Herzliche Grüße aus dem altertümlichen Norden, Sonja

Re: Das Geschenk lll

Autor: Mark Widmaier   Datum: 26.07.2020 21:52 Uhr

Kommentar: Ich liebe viele Komponenten des Mittelalters und vor allem deren Festen, die ich regelmäßig besuche. Doch das ist nur die eine Wahrheit. Die andere, die dunkle, die unbarmherzige, wird von Dir, liebe Sonja, wirklich einfühlsam beschrieben.

Liebe Grüße Mark

Re: Das Geschenk lll

Autor: Sonja Soller   Datum: 26.07.2020 22:04 Uhr

Kommentar: Vielen Dank lieber Mark,
ich freue mich sehr, dass Dir die Geschichte gefällt. Vor ungefähr 12 Jahren habe ich die Geschichte angefangen zuschreiben, hatte sie dann beiseite gelegt und sie jetzt wieder hervorgeholt.
Danke für den positiven Kommentar.

Herzliche Grüße aus dem dunklen Norden, Sonja

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