Ich ging den ganzen Weg zu Fuß zurück, so schnell ich konnte. Meine Beine trugen mich kaum. Die Füße anzuheben war mühsam, aber Aufgeben kam nicht in Frage. Meine Schuhsohlen schabten über das Pflaster. Die wenigen Leute, die mir um diese Uhrzeit begegneten, sahen mich ziemlich befremdet bis entsetzt an. Ich trug zwar die Sweatjacke über meinem geschundenen Oberkörper, aber mehr auch nicht. Sie war am Rücken schnell von Blut durchtränkt. Die Zeit dehnte sich quälend aus.

Ich schleppte mich mit reiner Willenskraft die Treppe hoch zu meiner Wohnung. Ich musste mit den Armen nachhelfen und hing zwischenzeitig über dem Geländer. In meinem übermüdeten Hirn blitzte ein Bild auf, wie meine Herrin jetzt hinter mir stehen und mich beschimpfen würde. Anschließend versohlt sie mir den Arsch. Bot sich ja auch gerade an.
Ein Wunder, das ich das Schlüsselloch traf. Die Tür ging mit einem schauerlichen Quietschen auf. Ich machte mir nicht die Mühe, das Licht anzuknipsen. Beruhigende Stille umfing mich. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss. Ein hohles Gefühl der Leere verschluckte alles.
Der Schmerz verschwand und machte einer gewissen Taubheit Platz. Ich war keine drei Schritte gegangen, als meine Beine nachgaben und ich der Länge nach auf die Fliesen fiel. Mein Kopf schlug auf den Boden. Saftige Schwärze mit ein paar bunten Schlieren breitete sich vor meinen Augen aus.

Als ich aufwachte, dröhnte mir der Kopf. Ich konnte nicht ausmachen, wie viel Zeit vergangen war. Zwischen ein paar Minuten und mehreren Stunden war alles möglich.
Ich lag im Flur in meiner Wohnung auf dem Boden, ohne mich genau entsinnen zu können, wie ich da hingekommen war. Die Fliesen waren krass unbequem, hart und kalt unter mir. Mein ganzer Körper war steif. Kalter Schmerz drang durch diese Taubheit. Es war noch immer stockdunkel. Langsam stützte ich mich hoch, mein Körper zitterte unter der Anstrengung. Ich angelte nach dem Lichtschalter.
Der Flur lag in blendend weißem Licht. Ich blinzelte. Ich war todmüde und ziemlich benebelt. Ein Rest praktischen Verstandes zusammensuchend, schlurfte ich ins Bad und versuchte die Sweatjacke auszuziehen. Der Reißverschluss war nur halb zu, darunter vertrocknetes Blut auf meiner Brust verschmiert. Ich hatte mich gestern Abend offenbar ziemlich nachlässig angezogen. Auf meinem Rücken hatten sich die Verletzungen mit dem Stoff verklebt. Es kostete einiges an Überwindung, die Jacke davon abzuziehen. Einige der Krusten blieben an ihr hängen. Ich biss mir auf die Lippen, konnte aber ein Jaulen nicht unterdrücken.
Im Nachhinein weiß ich nicht mehr, wie ich es schaffte die Kratzer und Furchen auszuwaschen. Die Sweatjacke ließ ich auf dem Boden zurück, zusammen mit ein paar Pfützen aus Blut und Wasser. Danach wankte ich rüber zu meinem Bett, ließ mich auf den Bauch fallen und pennte ein.

Es war so etwa zwei oder drei Uhr am Nachmittag, als ich wieder aufwachte und mich mit nacktem Oberkörper auf meinem Bett wiederfand. Seltsam. Ich stand auf. Ein schneidender Schmerz fuhr mir über den Rücken. Ich schrie auf. Scheisse. Was war das?!
Nun sehr vorsichtig, bewegte ich mich ins Bad. Dort bot sich ein Anblick, der an meinem Gedächtnis rührte. Die ganze Schweinerei war immer noch da. Die blutbefleckte Sweatjacke lag auf dem Boden, der halb unter Wasser stand. Ich zog verwirrt die Augenbrauen hoch. Ich hatte nicht die Absicht hier sauber zu wischen. Ich brauchte noch eine Weile um zu schalten, was letzte Nacht passiert war.
Dann kam alles in voller Härte zurück, die intensiven Gefühle, die Leidenschaft, der scheinbar unendliche Schmerz. Ich schwankte. Die Last war gerade zu viel für mein breiiges Hirn.
Wir waren gemeinsam in eine andere Welt getaucht. Sie hatte mich ausgepeitscht, so heftig, das ich vor Lust gekommen war. Ich hatte mich ihr hingegeben, all das Leid für sie… , aber gleichzeitig war der höllische Schmerz auch grausam gewesen. Ich wusste nicht, wie ich es überlebt hatte. Ich hatte ja immer gewusst, das es hart war, aber so hart? Und dann hatte ich sie beschimpft. Das Ende war voller Bitterkeit gewesen. Ich hatte mich trotzig verschlossen. Sie hatte sich gleichgültig, vielleicht etwas traurig, abgewandt.
Und jetzt? Was bedeutete es? Sie hatte gesagt, das es dann wohl nicht sein sollte. Aber ich war heimlich davongeschlichen. Letztendlich ... ja, was? Die Antwort wollte sich nicht zeigen. Es machte mich konfus. Ich wusste nicht mehr wohin mit mir, wusste weder ein, noch aus. Ich musste irgendwas tun.
Als erste Maßnahme setzte ich mir die fetten Kopfhörer auf, sank auf mein Bett und ließ mich zudröhnen, versank soweit in den Klängen, das ich aufhörte zu denken und nur noch hörte.

Als ich einige Stunden später wieder den Mut aufbrachte, mir meinen Rücken vorzunehmen - was dazwischen war, weiß ich nicht mehr - gab es einen lauten Knall von oben auf die Zimmerdecke. Den Nachbarn über mir war irgendetwas Schweres auf den Boden gefallen. Später erfuhr ich, das es eine altmodische Deckenlampe gewesen war, aus Messing mit Glasschirm.
Mit fahrigen Händen wusch ich mit dem, bereits blutigen Waschlappen über die Schrammen. Ich musste die Zähne zusammenbeißen, um nicht zu schreien. Die Nachbarn sollten das nicht hören.
Ich weiß nicht, wie der Tag schließlich herumging. Es war ein dunkler Tag, vielleicht der dunkelste.
Ich saß am Abend auf meiner Bettkante und starrte blicklos auf meine Hände.
Wie weit würde das alles noch gehen?! Selbst jetzt konnte ich die Anziehungskraft meiner Herrin spüren. Sie rief mich. Sie zerrte an mir. Da war ein massiger Stein in meiner Brust, der mir die Luft zum Atmen nahm.
Ich musste hier weg, fort aus ihrem Einfluss. Einfach verschwinden. Dann würde es mir besser gehen, dachte ich. Die Gefühle waren so stark. Wie sonst konnte ich ihnen entfliehen?

Ich stand auf, zog einen Kapuzenpulli an. Dann verließ ich das Haus. Ich nahm nichts mit. Wozu auch? Draußen war die Nacht hereingebrochen. Schon wieder? Während die Zeit mir wie eine Ewigkeit vorgekommen war, rannte sie in Wirklichkeit.
Die Straßen waren belebt, die vielen bunten Lichter von Laternen, Ampeln und Schaufenstern, Reklametafeln, tanzten durcheinander. Das Brummen und Knattern der Motoren schwoll in der Luft, Geräusche des Nachtverkehrs. Da heulte eine Sirene in der Ferne.
Ein kalter Wind fegte über leere Plätze, verwaiste Parkbänke. Ich verharrte an einer niedrigen Mauer oberhalb des Kanals. Hier war sonst niemand. Ich starrte auf das stahlgraue Wasser und fühlte mich einsam auf der Welt, einsam, wie ich da stand. Ich konnte nicht hierbleiben und überhaupt musste ich weg… ich begann zu laufen.
...ich lief weg, rannte weg, weg vor ihr, fort vor dem Schmerz, in die immer dunkler werdende Nacht, rannte…

Ich rannte durch die Straßen in Richtung Norden. Meine Atem ging schnell, keuchend. Am Rand der Stadt blieb ich schwer atmend stehen. Augenscheinlich befand ich mich in einem Industriegebiet. Außer dem Mond gab es keine Beleuchtung. Ich stützte die Hände auf die Knie.
Nachdem sich mein Atem beruhigt hatte, sah ich mich um. Menschenleer. Der Schmerz holte mich wieder ein. Bitterkeit und Sehnsucht fuhren mir durch die Brust. Hier konnte ich nicht bleiben. Ich rannte weiter, rannte zurück, rannte durch die Innenstadt, einige Leute über den Haufen.
Ich wartete an der Haltestelle. Ein paar zwielichtige Kerle gammelten nicht unweit von mir rum und rauchten.
Minuten später stand ich in der Straßenbahn, erschöpft an die Wand gelehnt. Es war ziemlich leer in dem Abteil, aber ich wollte mich nicht setzen. Das käme einem Stagnieren gleich.
Ein alter Mann, der gegenüber saß, warf mir hin und wieder einen argwöhnischen Blick zu. Womöglich sah ich ein bisschen lädiert aus, aber kein Grund so zu gucken. Es war toll gewesen.
Ich senkte den Kopf.
Erst an der Endstation stieg ich aus, am anderen Rand der Stadt, einer vornehmen Wohngegend. Ich lief ein wenig herum. Ein paar Hunde bellten mich wie bescheuert an. Ich ging zurück, fuhr kopflos kreuz und quer durch die Stadt, ruhelos von einem Platz zum anderen. Ich rannte durch den Park, ging durch die Einkaufsstraßen, mit ihren blinkenden Werbetafeln und Neonlichtern. Die meisten Geschäfte hatten längst zu. Es war nicht mehr viel los.
Ich war nur ein Schatten zwischen den Nachtschwärmern. Manchmal hatte ich das Gefühl, das sie mich anstarrten. Ich verfiel in Laufschritt. Weg hier. Aber wohin?! Meine Kraft würde nicht mehr lange reichen, um weiter wegzulaufen.

Es zog mich zum Bahnhof. Ich stieg in einen Zug und versteckte mich im letzten Abteil in der hintersten Ecke.
Der Zug fuhr durch die Nacht, durch das Lichtermeer der Stadt, dann hinaus in die Dunkelheit. Eine Weile lungerte ich auf einem Bahnhof rum. In meinem Inneren herrschte tiefste Schwärze.
Ich stand da, an eine Backsteinmauer gelehnt, nach außen hin ruhig, doch in mir tobte das Chaos. Mir ging die Kraft aus, dumm hin und her zu rennen. Ich bestieg einen anderen Zug, wieder ohne Fahrkarte. Es kümmerte mich auch nicht.
Ich landete im Dunkeln in einer, mir völlig fremden Stadt. Es regnete. Aus dem Bahnhofsgebäude raus, lief ich ziellos durch die Gegend. Unbeleuchtete Straßen, eine Altstadt, enge Gassen, schwarz aufragende Häuser. Ich achtete nicht darauf, wohin ich ging. Es war mir auch völlig gleich. Irgendwann sah ich dann doch mal auf und stand vor einem Hotel oder einer Kneipe. Es war stockduster. Nur die senkrechten Buchstaben an der Hauswand auf der Seite leuchteten. Es war verschlossen. Ich ging durch den Hinterhof und befand mich auf einmal in einer Sackgasse. Die Häuser drängten sich finster aneinander. Das fahle Licht einer Straßenlaterne beleuchtete den schmutzigen Asphalt.
Das war es nun also. Hier ging es nicht weiter. Und es hatte ehrlicherweise auch wenig Sinn weiterzugehen. Ich würde überall eine Sackgasse finden. Ich war am Ende, sah keine Lösung.
An Umkehren wollte ich nicht denken. Ich verbot es mir, aber jede andere Möglichkeit bedeutete Leere. Ich konnte es nicht ertragen. Das ich gescheitert war, wollte ich vor mir selbst jedoch nicht zugeben.
Ich verkroch mich hinter einem Stapel Holzkisten, der dort stand. Ein elendes Ende für einen elenden Hund, der wie ein Obdachloser unter freiem Himmel schläft.
Aber vielleicht war es gut so, denn wenn ich jetzt ein Gebäude betrat, würde dessen Enge mich wahrscheinlich ersticken. Kleine Räume und hohe Wände waren immer eine schlechte Kombination. Ich konnte nicht schlafen, drehte mich unruhig hin und her. Der Boden war knochenhart, keine Decke, meine Kleidung nicht gerade hilfreich. Mein Rücken quälte mich noch immer. Doch ich hielt die Nacht aus, die ganze Nacht.

Am nächsten Morgen, es war noch nicht ganz hell, raffte ich mich auf, mit steifen Gliedern und zitternd, äußerlich einer Leiche ähnelnd. Es hatte wohl keinen Sinn, was ich hier tat. Da war kein Herz mehr in meiner Brust, da war nur ein Loch. Ich hatte keine Wahl.
Ich kehrte um, saß zusammengesunken auf einem Sitz im Fernzug. Ich wollte nicht weiter nachdenken. Die Schaffnerin warf mir einen Blick missbilligenden zu, ging dann aber einfach weiter. Ich schloss die Augen und wünschte mir, ich wäre tot oder das der Schlaf mich erlösen würde. Ich pennte weg.
Kurz darauf schreckte ich hoch. Über mir laute Stimmen. Ich verstand kein Wort. Meine Sinne waren völlig benebelt. Irgendein Kerl schrie mich an, packte mich grob am Arm und schleifte mich den Gang hinunter. Ich versuchte nur sehr halbherzig, mich zu wehren.
Ich fiel auf einen Bahnsteig und spürte die Blicke der Leute auf mir. Schamröte schoss mir in die Wangen. Ich wollte nicht wie ein jämmerlicher Köter daliegen. Ob Kraft oder nicht, ich rappelte mich hoch. Mir wurde schwindelig, ich musste kotzen. „Widerlich!“, schimpfte eine Frau. Irgendein Kiffer sagte etwas von einem Stück Dreck. Ich sah auf und nahm jetzt erst meine Umgebung war. Ich war zurück. Schicksal. Dieser Idiot hätte es wohl kaum wissen können.
Der Bahnhof war kalt und zugig. Wie viel Uhr war es eigentlich?! Ich hustete und würgte. Es hagelte Beleidigungen. Unfreundliches Pack.
Ich floh vor den Kommentaren und dem spöttischen Gelächter. Es war nicht annähernd so schlimm, wie meine eigenen Dämonen.

Rastlos durchquerte ich die Stadt. Schließlich kehrte ich zu meiner Wohnung im ersten Stock zurück. Es war wie ein Deja-vu. Eigentlich hätte ich gleich hierbleiben können. Im Bad stank es. Ich machte sauber, putzte, schrieb, las und zeichnete sogar etwas. Hauptsache: Nicht denken.
Am frühen Abend weckte mich der Lärm der Nachbarn, ein Stockwerk unter mir, aus meiner Trance. Nichts neues. Ich aß, duschte mich, zog einen frischen Kapuzenpullover an. Dann saß ich etwa eine Viertelstunde da und starrte die Tischplatte an. Die Unruhe packte mich erneut.

Ich verließ die Wohnung, ein letztes Mal. Was ich suchte, war Frieden und endlich Ruhe. Meine Füße lenkten mich wie von selbst zum Spielplatz. Die letzten Besucher waren verschwunden. Die Sonne war soeben am Horizont versunken und eine neue Abenddämmerung brach herein. Die Bäume warfen lange Schatten über den Platz. Ich fragte mich, wie viele Tage seither vergangen waren, seit ich weggelaufen war. Ich ging an den Schaukeln und am Klettergerüst vorbei. Der Kies knirschte unter meinen Schuhen. Die Nacht würde lau werden. Es war still und friedlich hier. Ich setzte mich auf den Rand des Sandkastens und malte Linien in den Sand.
Es in Großbuchstaben zu schreiben brauchte mehr Platz, als ich dachte. Sie. Die Herrin. Mir wurde auf einmal klar, das ich nicht mal wusste, wie sie hieß. Was wusste ich eigentlich von ihr? Nur, das sie die Eine war. Warum erschien es mir dann so viel? Warum war sie mir so vertraut? Die Antwort stand vor mir.
Und da begriff ich, wie dumm und überflüssig meine Aktion gewesen war.

Ich vermisse dich, mein Hund.
Ich schrak zusammen und hob den Kopf. Es war so deutlich, als würde sie direkt neben mir stehen. Bildete ich mir etwa schon ein, ihre Stimme zu hören?
Toll. Offenbar war ich krank. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr ihrer Worte schwirrten in meinem Kopf. Ihre Anziehungskraft zog mich zu ihr, trotz allem. Die Sehnsucht gewann Überhand.
Komm zu mir, mein Hund.
Und ich wusste auch, was meine Antwort war.
Immer, meine Herrin.

Es gab keinen Grund mehr zu warten. Ich stand auf, klopfte mir den Sand von der Hose und verließ schnellen Schrittes den Spielplatz. Dann ging ich zu ihr.

Ich stehe vor ihrem Haus. Die Herrin steht in der Tür, der Lichtschein von drinnen erhellt ihre Gestalt von hinten. Wunderschön, verführerisch, engelsgleich, nichts passt so richtig. Mir gehen die Worte aus, es zu beschreiben. Wie beim ersten Mal…
Ich stehe vor ihr, sprachlos, sehe ich sie an. Sie scheint überrascht, mich zu sehen. Der Moment zieht sich in die Länge. Sie sagt auch nichts. Mein Blick dagegen, spricht Bände.
Ich sinke auf die Knie.

„Hallo, mein Hund.“
„Hallo, meine Herrin.“

Mehr nicht. Es ist klar, was ich meine. Die Worte kommen später.

Mein Pullover fällt zu Boden. Ein Hund braucht kein Oberteil. Und meine Verletzungen zu verstecken, käme einem Leugnen meiner Gefühle gleich.

Sie nimmt mich in ihre Arme. Sie schlingen sich fest um mich. Ich weiß nicht, womit ich es verdient habe.
„Vielleicht hilft es dir ja, wenn ich dir etwas von meiner Kraft schenke.“
Wie zum Teufel muss ich denn aussehen, das sie so reagiert? Nach dem Duschen hatte ich es jedenfalls vermieden, in den Spiegel zu sehen. Ich wollte es nicht wissen.
Ihre Gnade ist das letzte, was ich meiner Meinung nach verdient hab. Ich versuche ihrem Griff zu entkommen. Keine Chance. Ich habe keine Kraft und keinen Willen mehr dafür übrig.
„Was ist mit deinem Gesicht passiert, mein Hund?“
Da hab ich wohl vergessen was zu erwähnen, vorhin. Die Zusammenfassung wäre, das ich, bevor ich gestern in die Straßenbahn stieg, eine kleine Auseinandersetzung mit den Kerlen hatte, die an der Haltestelle lungerten.
„Es ist schön dich zu sehen, meine Herrin.“ Meine Stimme klingt rau. Es ist nur ein Murmeln. Kann ich es mir gerade in dieser Situation leisten, nicht auf ihre Frage zu antworten?!
„Du wurdest verprügelt?!“
„Es ist nicht der Rede wert.“ Das ist doch jetzt völlig egal.

Eine Weile sagt keiner etwas.

„Ich habe versucht mich zu verkriechen, aber alles was ich tat, war ohne Sinn. Ich bin weggelaufen, meine Herrin, vor dir. Und vor mir selbst.“
„Ja, hab ich gemerkt.“
„Ich hätte mir ebenso gut das Herz herausreißen können.“
„Ja?“
Mein Kopf liegt auf ihrer warmen Brust. Die Geborgenheit in ihren Armen macht mich ganz zahm. Ich fühle mich wohl.
„Ich…“
„Ich spüre deinen Atem auf meiner Brust, mein Hund.“ Und ich ihre Haut. Sie ist so weich.
Ich höre ihren Herzschlag. Sie streicht über meinen Arm. Ich bin völlig benebelt von der friedlichen Stimmung zwischen uns. Das träume ich doch jetzt?!
„Mit dieser Hand habe ich dir mit voller Kraft meine Peitsche auf den Rücken geschlagen.“
Ich weiß. „Ich habe jeden Schlag geliebt, meine Herrin. Und sie mussten mich treffen, um mich erneut daran zu erinnern, das ich dir gehöre.“ Da ist kein Widerstand mehr in mir. Jetzt erscheinen mir meine Vorwürfe mehr als kleinlich.
„Mein braver Hund, der alles für mich tun wird.“, meint sie. Das erinnert mich an etwas.

Ich will noch etwas sagen. Aber bevor ich das tun kann, sagt sie: „Genieße einfach den Moment, mein Hund und versuche deine Gedanken zu entspannen.“ Was genau läuft hier falsch? Ich müsste vor ihr knien und um Vergebung flehen. Ich träume definitiv.
Aber einen Ausweg gibt es trotzdem nicht. Ich hebe den Kopf und lasse mich meiner, verblüfft dreinschauenden Herrin aus den Armen fallen, auf den Boden.

Ich knie vor ihr. Ich traue mich nicht, ihr in die Augen zu sehen.
„Bitte vergib mir, meine Herrin. Ich habe Schuld auf mich geladen. So etwas Unverschämtes einfach wegzulaufen. Und das hier… das du so reagierst, hab ich nicht verdient.“
Es sind sehr schlichte Worte im Vergleich zu den sturmartigen Gefühlen, die dahinter stehen.
Sie gräbt ihre Nägel unter mein Kinn und zwingt mich, sie anzusehen.
„Stimmt, das hast du nicht, du Hund. Und das du an einer Strafe nicht vorbeikommst, weißt du sicher.“, sagt sie scharf.
„Ja, meine Herrin. Keine Strafe kann mir zu hoch sein.“
„Wie meinst du das, Hund?“, fragt sie verwundert.
„So wie ich es sage, meine Herrin. Ich…“ Das reicht nicht aus.
Ich sehe ihr in die Augen.
„Ich muss dir etwas sagen, meine Herrin.“, sage ich ernst.
„Egal wie weit oder wohin ich laufen würde, mein Herz würde bei dir zurückbleiben, meine Herrin. Du hast es gefangen.“
„… und ich halte es mit all meiner Kraft fest, mein Hund.“ Das hab ich gespürt, meine Herrin.
Und ist es der Grund für ihre, so sanfte Reaktion?
„Ich habe mich in dich verliebt, meine Herrin.“ Ich kann kaum sprechen. „Ich kann nicht mehr ohne dich leben.“
Einen Augenblick sagt sie nichts.
„Ich wusste es, mein Hund.“
„Was?!“ Ich vergesse jede Höflichkeit. Fassungslos starre ich sie an. Aber wenn sie bereits alles wusste? Das ergibt nun wirklich keinen Sinn.
Sie deutet auf meinen Rücken.
„Du hast mir einen Liebesbrief geschrieben, mein Hund.“
„Aber ich…“
„Mit deinem Schmerz. Jemand, der mich nicht lieben würde, hätte das nicht ausgehalten.“

Ich bin sprachlos. Voller Ehrfurcht und Demut sehe ich sie an. Wie macht sie das immer? Sie ist unglaublich. Ich bin süchtig nach ihr, geradezu vernarrt. Ich brauche ihre Macht in meinem Leben und sie sehnt sich nach meiner Unterwerfung. Ich liebe diese Erregung, diese Demütigungen und den Schmerz, wenn sie mich auspeitscht. Es ist pure Leidenschaft.
Das Wort dominant bringt es nicht wirklich zum Ausdruck, es reicht nicht aus, um sie zu beschreiben. Blut, Schmerz, Liebe und Besessenheit … schwarze Romantik.
Ich gehe auch ein gewisses Risiko ein, wenn ich mich für sie aufgebe. Doch das muss ich gar nicht. Denn es ist das, was ich bin.

Sie lächelt. Ich bin verwirrt. „Komm her, mein Hund.“ Zögerlich stehe ich auf. Sie zieht mich zu sich heran und nimmt mich erneut in ihre Arme. Aber es ist, als hätte gar keine Bewegung stattgefunden. Die Zeit dehnt sich auf eine Ewigkeit aus. Ich wünschte, ich könnte sie festhalten.

„Ich habe gerade echt Angst einzuschlafen, meine Herrin.“
„Dann schlaf doch etwas, mein Hund.“
Als ob ich jetzt einschlafen wollte.
„Bist du noch in der Lage, mir vorher einen Kuss zu geben?“ Ich bin etwas überrumpelt, aber schaffe es gerade eben, richtig zu reagieren.
„Darf ich dich küssen meine Herrin?“ Ich hebe den Kopf und schiele zu ihr hoch.
„Sehr gerne mein Hund.“

Ich stütze mich vom Sessel hoch und nehme ihren Kopf zwischen meine Hände. Meine Finger greifen dabei in ihre Haare. Ich beuge mich zu ihr hinunter und küsse sie. Meine Lippen legen sich sanft auf ihre, für einen Moment. Nicht, das wir es dabei belassen würden. Das Kuss wird tiefer und wilder, leidenschaftlich. Ich versinke darin und vergesse die Zeit. Unsere Zungen ringen miteinander, gleiten umeinander. Ich spüre nichts mehr anderes als ihre Lippen unter meinen, ihre Zunge und ihren Körper, so nah bei mir.
Ihr rechter Arm hat sich um meinen Nacken geschlungen und drückt mich zu sich runter, mit der Hand des anderen krallt sie sich in meinen Rücken. Ihre Nägel kratzen über meine Haut, ungeachtet der Verletzungen. Ein paar Krusten reißen auf. Schmerz zuckt durch meinen Rücken. Es ist mir egal. Das ist das, was ich wollte. Unser Atem geht stoßweise. Ihre Hand wandert an meinem Hals nach vorne und greift nach meiner Halskette. Sie zieht daran. Der Druck um meinen Hals erinnert mich daran, das ich ihr Hund bin. Wie könnte ich das vergessen. Mein Atem geht schwer. Sie unterbricht den Kuss, um mir in die Augen zu sehen. Hätte mich nicht gewundert, wenn ich jetzt versteinert wäre.

„Wenn du dabei einschläfst, würde ich dir direkt eine durchs Gesicht pfeffern… “
„Das wäre bestimmt auch nett.“, überlege ich. „Nein, meine Herrin, das würde ich nicht wagen.“
„Hmm. Du solltest allerdings längst schlafen, mein Hund. Du hast in letzter Zeit bestimmt nicht viel Schlaf bekommen.“ Dezent. Zumindest wäre es ein bisschen gesund, etwas zu schlafen.
„Das ist jetzt wohl zu spät, meine Herrin.“ Ich will nicht gehen.
„Haha. Ich kann dich immer noch ins Bett schicken, mein Hund.“, stellt sie fest. Bei dem Tonfall krieg ich ne Gänsehaut. „Auch wenn es mein Herz nicht will.“
„Ich werde jedenfalls nicht freiwillig einschlafen, meine Herrin.“ Oder gehen.
„Obwohl du todmüde bist, mein Hund?“
„Du hast gesagt, du pfefferst mir eine durchs Gesicht, meine Herrin, wenn mir das jetzt passiert.“, verteidige ich mich.
„Beim Küssen darf man ja wohl nicht schlafen, mein Hund.“
Ja find ich auch.

„Dann beenden wir diesen wundervollen Moment.“, meint sie nach einer Weile. Wundervoll, was eine Untertreibung. Wie soll ich mich denn jetzt losreißen können?
„Ich kann mich nicht losreißen, meine Herrin.“
Trotzdem hat sie Recht. „Du bist zu müde um noch stundenlang zu funktionieren. Somit solltest du wohl besser gehen, mein Hund.“

„Gute Nacht, meine Herrin.“ Ich stehe in der Tür. Schweren Herzens sage ich diese Worte.
„Gute Nacht, mein Hund.“

Ich verlasse das Haus, drehe mich auf halbem Weg nochmal um und sehe sie an. Dieses Bild soll mir für immer im Gedächtnis bleiben.
Ich laufe die dunkle Zufahrt entlang zur Straße hin, bin so in Gedanken versunken, das ich den Schatten hinter mir nicht bemerke.
Ich biege nach rechts ab und gehe langsam die Straße herauf.
Da fallen drei Schüsse durch die Stille der Nacht. Es trifft mich mit der Wucht eines Rammbocks. Mein Körper zuckt bei jedem Einschlag. Es geht so schnell, das ich keine Angst habe. Fast verwundert schaue ich auf die dunkle Gestalt vor mir. Sie steht da und sieht mich an. Der Schmerz explodiert in meiner Brust. Jede Kraft entweicht meinem Körper.
In mich zusammensackend, falle ich rückwärts auf die offene Straße. Ich ringe nach Luft. Ich kann den Asphalt unter mir riechen. Das nächste Auto, welches hier entlang fährt, wird mich zu einem Haufen blutigem Matsch zerdrücken. Seltsam, das mich das nicht stört.
Rasselnd hole ich Luft, und weiß, für einen weiteren Atemzug wird meine Kraft nicht mehr reichen. Dann verlässt mich der Schmerz. Ich fühle nichts mehr.
Mir wird kalt, dann Taub. Ich starre in den Himmel. Die Sterne sind über mir.

Auf einmal wird mir ganz warm. Welch ein Glück war es, meinem Traum so nahe gewesen zu sein.. Doch jetzt…. die Sterne kommen immer näher, sie funkeln so schön, dann verblassen sie.


© D.M.


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