Roter Teufel -Teil 1-

Inhalt:

ROTER TEUFEL - Teil 1-

Prolog
Rota Gevill
Baumhöhle
Schule und Jaden
Mallen
Nachsitzen
Verborgene Kräfte
Zuhause
Treffen
Es vergeht ein Jahr...
Alles ändert sich...
Kerker
1. Besuch Johnas Goldan
2. Besuch Onkel Jaron
3. Besuch Jaden Grat
4. Besuch Jake Flanders
Das Tribunal
Verbannung
Weg zur Höhle
Jake, Bogen, Tunnel,..
Wildnis
Erster Kontakt
Dai

ROTER TEUFEL - Teil 2-
2. Besuch
Die Falle
Zwischen zwei Baumstämme
Rama Rama Maranna Whahai
Winter
Abschied und Auferstehung
Begegnung
Unheil in Kaven
Träume und Wirklichkeit
Wiedersehen
Befreiung
Leben und Tod
Nachwort / Warum ich eine Geschichte schrieb!


Kurzbeschreibung (worum geht's?)

Rota Gevill, der Held dieser Geschichte, erlebt in einem Ort namens Kaven viel Ablehnung. Rota ist aufgrund seiner Andersartigkeit ein Außenseiter. Im ständigen Kampf sein Leben erträglicher und lebenswerter zu machen, muss er immer wieder Niederlagen und Verluste hinnehmen. Ausgerechnet das Beste was sich bisher in seinem Leben ereignete, die Freundschaft mit dem wohl beliebtesten Mädchen in Kaven, führt zu einer Situation mit katastrophalen Folgen...

Orientierung (Ort des Geschehens)

Kaven ist ein kleiner Ort auf einer ähnlich uns bekannten Welt. Die technologische Entwicklung kommt etwa dem späten Mittelalter unserer Welt nahe. Es gibt zwei rivalisierende Völker. Das Volk Krasiens und der Zusammenschluss der freien Gebiete und Städte auch einfach der Bund genannt. Die Krasianer sind ein wildes Volk. Der Bund ist im Gegensatz zu den Krasianern eine fortschrittliche zivilisierte Gemeinschaft, die sich gegen die Angriffe der Krasianer zu einer Gegenmacht vereinigt hat.


Die Geschichte wird nur aus dem Blickwinkel von Rota Gevill erzählt.


ROTER TEUFEL


Prolog

《Mit der Menge zu gehen ist einfach.
Allein zu stehen hingegen erfordert viel Mut.》
-Verfasser unbekannt-

Langsam kam immer mehr Licht durch das einzige kleine Fenster in meiner kleinen Zelle, und der Zeitpunkt meiner Urteilsvollstreckung rückte damit bedrohlich und unaufhaltsam näher. Ich spürte wieder, wie die Angst in mir aufstieg. Angst, die mein Herz dazu brachte schneller und wie ein Hammer gegen meine Brust zu schlagen. Angst, die mich stets daran hinderte die Nacht über zu schlafen und mich dazu zwang diese quälend lange Zeit des Wartens bewusst durchleben zu müssen.

Ich stand, wie ich es unzählige Male in der Nacht schon getan hatte, wieder auf und versuchte diese unerträgliche Angst irgendwie von mir abzuschütteln. Dabei lief ich dann die ganze Zeit in meiner kleinen Zelle im Kreis umher, versuchte gleichmäßig tief durchzuatmen und mir ständig zu sagen, dass alles schon so kommt, wie es nun mal kommt und ich letztlich nur das tun konnte was in meiner Macht lag. Das war zwar herzlich wenig, aber man muss auch realistisch bleiben. Soweit ich das dann getan hatte, wurde ich meistens für eine gewisse Zeit auch etwas ruhiger, bis sich irgendwann wieder diese sinnlosen und unnützen Fragen in meine Gedanken einschlichen.
Werde ich die Schmerzen aushalten können?
Gibt es vielleicht doch noch eine Möglichkeit zu entkommen?
Wieviele werden sich meine Verbannung aus Kaven wohl anschauen oder sogar daran teilnehmen um mich aus Kaven zu vertreiben?
Wird Mallen auch da sein und sich das ansehen wollen?
Fragen, worauf ich keine Antwort hatte, oder ich die Antwort schon wusste, bevor ich sie mir stellte.

Am Schlimmsten aber war die Vorstellung, dass ich mich allen auch noch völlig nackt zeigen musste. Das Urteil verlangte nämlich, dass der Verurteilte diese Bestrafung völlig unbekleidet erleiden musste.
Der Gedanke allein schon war für mich so demütigend und erfüllte mich mit soviel Angst, dass ich jedesmal vor Angst erstarrte, sobald ich wieder daran denken musste.
Und daran erinnerte ich mich ständig, da man mich bereits tags zuvor schon dazu gezwungen hatte mich komplett auszuziehen und mir anschließend die Kleider weggenommen hatte. Meine Kleider, die ich vermutlich auch nie wieder zurück erhalten werde.

Nach einer weiteren quälenden Zeit des Wartens, hörte ich dann aber die Geräusche, die ich die ganze Zeit gefürchtet hatte. Erst Schritte, Stimmen und schließlich Schließgeräusche. Die Gefängniswärter. Nun war es doch soweit gekommen. Ein heftiger Schauder der Angst überkam mich und ich konnte mich vor Angst kaum noch rühren. Wenn ich doch nur weglaufen könnte. Die Kerkertür öffnete sich. Der Wärter, der mich bereits gestern schon kurz nach der Verurteilung zwang mich vollends zu entkleiden, kam in meine Zelle. Der Mann war mittleren Alters und seine Uniform spannte vor seinem dicken Bauch.
"Es ist soweit! Rauskommen!" schnauzte er, ohne mich dabei anzusehen.
Da ich nicht sofort reagierte, packte er mich am Arm und schleuderte mich schließlich aus der Zelle.
"Rauskommen, habe ich gesagt!" schimpfte er mir nochmal hinterher.
Ich stolperte über meine eigenen Füße und kam schließlich vor den Stiefeln eines weiteren zweiten Wärters zu Fall, dessen Bekanntschaft ich jedoch noch nicht genossen habe. Er war jünger als der andere, wirkte aber auf mich genauso verschlagen wie dieser andere fette Wärter.
"Boah! Hättest du mich nicht warnen können? Der stinkt ja wie... ein nasser Fuchs! Das ist ja ekelhaft" stöhnte er, und sorgte mit ein paar Tritten gegen meine Rippen auch gleich dafür, dass ich mich schnell wieder aufrichtete, um nicht noch mehr Hiebe zu kassieren.
"Lass Dir aus meiner langjährigen Erfahrung eines gesagt sein. Anfangs magst du den Geruch hier vielleicht widerlich finden. Später aber..., hmm, vielleicht nach gut ein paar Jahren schon, ich sage dir, dann wirst du dich daran gewöhnt haben und wirst den Gestank schon gar nicht mehr bemerken. So, und nun kommts,." der fette Wärter beugte sich nun lächelnd zu dem jüngeren Wärter. "..und wenn du dann solange hier warst wie ich und du wieder diesen Geruch bei deinen.. Schützlingen wahrgenommen hast, ich sage dir, dann wirst du diesen Geruch so liebgewonnen haben, dass du zu dir selbst sagen wirst, -Ja, du hast wieder alles richtig gemacht- und wirst außerordentlich dankbar für diese Arbeit hier sein."
Der jüngere Wärter zog eine säuerliche Grimasse, "ich glaube erstmal nur eines, und zwar..., das du anscheinend eindeutig wohl zu lange hier warst! An diesen Gestank werde ich mich jedenfalls nie gewöhnen!" und stieß mich dann in die Richtung, die vermutlich aus dem Kerker nach draußen vor den Toren der Zitadelle führte.
Das erste was ich spürte, als ich nach einer gefühlten Ewigkeit im Kerker wieder ins Freie kam, war gleich ein stechender Schmerz in meinen Augen. Nach den ganzen Wochen die ich in meiner dunklen Zelle verbracht hatte, war ich einfach soviel Licht nicht mehr gewohnt. Dabei schien noch nicht mal die Sonne, und der Tag war diesig und nasskalt. Ich schloss daher schnell die Augen um mich vor dieser ungewohnten Helligkeit zu schützen, und da dies im ersten Moment nicht ausreichte, schlug ich mir auch noch reflexartig die Hände vors Gesicht.
Sie führten mich schließlich zu einem Wagen, vor dem zwei Pferde gespannt waren. Die anfängliche Blendung ließ langsam nach und ich konnte zwischen meinen Fingern erkennen, dass sich auf diesem Wagen eine große geschlosse Kiste befand.
"Rauf da!" blaffte mich jemand von hinten an und schubste mich zum Wagen. Auf dem Wagen befanden sich zwei weitere Männer von der Stadtwache, die mich packten, hochzogen und dann in diese dunkle Kiste ohne Fenster, oder irgendeine Guckloch bugsierten und die Türen hinter mir verschlossen. In der Kiste war es, wie nicht anders zu erwarten gewesen, stockduster. Ich krabbelte schnell in die hintere rechte Ecke und lehnte mich mit dem Rücken an einer der Wände. Und um mich vielleicht auch weniger nackt zu fühlen, begrub ich auch gleich meine Beine bis zu meiner Hüfte mit dem Heu, welches hier zur Genüge herumlag.

Auf dem Weg von meiner Zelle bis hierher, hatte ich kaum noch etwas von mir und meiner Umwelt gespürt. Meine Ängste, meine Nacktheit, die Kälte... alles war auf diesem Weg in weite Ferne gerückt. Ich versuchte mich nur auf das zu konzentrieren, was man von mir verlangte. Zu mehr war ich nicht in der Lage gewesen. Erst als der Mann, der den Zweispänner lenkte, den Pferdewagen ins Rollen brachte, löste sich diese Taubheit von mir und ich wurde mir meiner Situation wieder bewusst. Mein Herz pochte und Wellen der Angst rauschten stetig durch meinen Körper und ließ meinen vor Kälte angespannten Körper immer wieder erzittern. Ich versuchte mich wieder zu beruhigen und mich auf das Bevorstehende zu konzentrieren. Musste aber schnell feststellen, dass ich dazu nicht fähig war. Nur das unbewusste Schlagen meines Hinterkopf's gegen die Wand, an die ich mich lehnte, lenkte mich zwar schmerzhaft, aber durchaus wirkungsvoll von dieser schauderhaft quälenden Angst ab.

Als wir uns dann langsam dem Rathausplatz näherten, hörte ich sie auch schon rufen. Sie, die Bürger von Kaven, wie sie meinen zweiten und mir schon lange zu eigen gewordenen und verhassten Namen -Teufel- brüllten und mich beschimpften. Mich schüttelte es vor Angst, meine Beine wurden ganz weich und begannen stark zu zitterten. Ich hatte solche Angst, dass ich fürchtete mich überhaupt nicht mehr von der Stelle bewegen zu können. Schließlich öffneten sie den Käfig und zwei Wachmänner holten mich unerbittlich aus meiner trostlosen Bleibe. Und als die Menge mich schließlich entdeckte, wurde es mit einem Male sehr laut und es kam fast schon zu tumultartigen Zuständen. So viele waren hier.. Mein Gott! Fast ganz Kaven hatte sich am Rathausplatz versammelt um sich dieses Ereignis anzuschauen. Ein großer Teil des Mob's rief rhythmisch immer wieder: "...den Teufel zum Teufel jagen..., den Teufel zum Teufel jagen.." Bei diesen Leuten handelte es sich bei den meisten wohl um die sogenannten Adjutoren, da viele dabei auch wild mit ihren Weidenruten rumfuchtelten. Viele beschimpften mich. "Mörder!.. Verschwinde!.. Du Ausgeburt der Hölle! SATAN.. GEH DAHIN WO DU HINGEHÖRST.." Andere bewarfen mich mit Dreck und faulem Obst, wobei ich einige von ihnen sogar als meine Mitschüler wiedererkannte. Sie hatten zum Teil ebenfalls eine Weidenrute in der Hand und wollten zweifelsohne damit auch an dieser Hatz teilnehmen.

Schließlich wurde ich von den Wärtern zu einer von mehreren Wächtern bewachten und abgesperrten Bühne geführt. Die Bühne war gut ein Schritt hoch und hatte eine weitere, zweite Treppe, die zu einer Art Gasse führte. Die linke und rechte Seite der Gasse war mit Hilfe von zwei, jeweils rund einem Schritt hohen und mehreren hundert Schritt langen, Zäunen abgegrenzt worden. Rechts und links hinter den Zäunen verteilten sich die Adjutoren mit ihren Weidenruten und dahinter wiederum die Zuschauer. Die Gasse selbst, die ich dann wohl in einer Art Spießrutenlauf zu durchlaufen hatte, war etwa gut zwei Schritt breit. Auch hatte man bereits auf diese Gasse schon viele spitze Steine und Dornenzweige geworfen, um es mir, mit meinen bloßen Füßen, auch ja nicht zu einfach zu machen.
Ganz vorne an der linken Seite der Gasse erkannte ich meine Nachbarn, Marla und Debbie Gruden. Beide standen sie da und starrten mich mit ihren vom Hass verzerrten Gesichtern an. Warum? Was hatte ich ihnen denn getan? Glaubten sie wirklich ich hätte Zisko, ihrem Hund, etwas zu Leide tun können?
Auch Justin, der Sohn meines Onkels Jaron, der gleichzeitig auch mein Ziehvater war, entdeckte ich wild fuchtelnd, mit einer Weidenrute in der Hand, in der Menge dieses Mobs. Und weiter hinten waren auch mein Onkel Jaron selbst, mit seiner Frau Petra und seiner Tochter Sophie. Auch sie waren tatsächlich gekommen um sich dieses Spektakel, meine Verbannung aus Kaven, anzusehen. Sie, die mich vor Jahren noch pflichtbewusst in ihre Familie aufgenommen hatten.
Ihr Irren, dachte ich nur, und Wut ergriff mich..


Rota Gevill

《Schwierigkeiten und Hindernisse des Lebens sind dazu da, um sie zu überwinden und daran zu wachsen.》

Mehr als ein Jahr früher....

Wir schreiben das Jahr 3045 und damit waren es nun schon bald 850 Jahre her, seit ein Virus mit dem Namen Krass das Leben auf unserer Welt auf so radikale Weise verändert hatte.
In der Schule lehrt man uns, dass die Menschen vor dieser großen Seuche, die ganze Welt beherrschten und über Technologien verfügten, die schier unglaubliche Dinge leisten konnten. Wie etwa die -Maschinen-, die sich von selbst bewegen und Menschen, wie auch andere Lasten mit unfassbaren Geschwindigkeiten von einem Ort zum anderen Ort transportieren konnten, und das nicht nur auf dem Boden, sondern auch auf dem Wasser und sogar fliegend, in der Luft. Sie sollen sogar Maschinen, oder besser gesagt -Fluggeräte-, gebaut haben, mit denen sie sogar zum Mond geflogen und darauf gelandet sind.
Es sollen damals auch noch sehr viele andere wundersame Dinge hergestellt worden sein, wo es einem heutzutage schon sehr schwerfällt das zu glauben, dass es so etwas einmal wirklich gegeben haben soll. Aber Relikte aus diesen Zeiten bezeugen immer noch, dass diese Behauptungen wohl wahr sein müssen, und dass es diese wundersamen Maschinen und Geräte tatsächlich einmal gegeben hat.
Ich selbst habe bisher nur wenige Überbleibsel aus diesen Zeiten gesehen, und das waren auch nur diese ziemlich zerfallenen Bauruinen und rostigen Metallkonstruktionen gewesen, die man an vielen verschiedenen Orten in dieser Gegend immer wieder entdecken kann.

Als im Jahr 2196 dann aber die große Seuche kam, änderte sich alles, und die Anzahl der Menschen die auf der Welt lebten, reduzierte sich schon gleich im ersten Jahr um mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung. Die meisten, die sich mit diesem Virus Krass infizierten bekamen Fieber, Husten und schließlich die für diesen Virus typischen roten Flecken, die den ganze Körper bedeckte. Sobald sich die Symptome bei jemandem zeigten, konnte der Infizierte davon ausgehen, dass er spätestens nach einer Woche nicht mehr leben würde. Und da sich verständlicherweise jeder vor einer Infektion mit diesem Virus schützen wollte, gingen die Menschen nicht mehr zur Arbeit und blieben zu Haus.
Dies führte natürlich dazu, dass ihre gesamte Wirtschaft nach nur kurzer Zeit völlig zusammenbrach, und kaum noch etwas produziert wurde, was die Menschen zum Leben benötigten. Panik brach aus und Chaos regierte für eine lange Zeit das Geschehen. Zu der Angst, sich mit diesem tödlichen Virus anzustecken, gesellte sich nun auch noch die Angst, nicht mehr genug zu Essen zu bekommen und letzten Endes zu verhungern.
Ein Kampf um die verbliebenen Lebensmittel begann und viele Menschen brachten sich dabei gegenseitig um. Und weil die Menschen damals auch noch über sehr mächtige Waffen, mit einer schier tödlichen Effizienz, verfügten, sind im Laufe der darauffolgenden drei Jahr mehr Menschen in diesem Chaos gestorben, als an dem Virus selbst.

Viele Versuche die Wirtschaft wieder aufzubauen scheiterten kläglich. Das wohl größte Problem dabei war wohl die damals extreme Arbeitsteilung gewesen. Die Arbeit, die nicht von Maschinen verrichtet werden musste, war nämlich auf sehr viele Menschen verteilt gewesen. Jeder war zwar ein Experte in dem Bereich, womit er sein Lebensunterhalt verdiente, aber ziemlich ahnungslos in dem Wissen wie das ganze überhaupt funktionierte.
Ein weiteres Problem war, dass die Menschen damals überaus verwöhnt und abhängig von ihren selbst gebauten Maschinen waren, dass kaum noch einer in der Lage war sich aus eigener Kraft zu helfen oder fähig war sich selbst zu versorgen. Kaum jemand wusste noch, wie man Lebensmittel anbaute oder wie man Tiere jagte und tötete oder das Fleisch der getöteten Tiere so haltbar machen konnte, dass man es auch noch später essen konnte, wenn es mal kaum noch etwas, oder gar nichts mehr zu essen gab. Und die Wenigen, die es vielleicht gewusst hätten, waren überwiegend auch noch von dem Virus oder dem ganzen Chaos der damals herrschte getötet worden.

Erst als die mächtigen Waffen, nach gut zweihundert Jahren mit der Zeit nicht mehr funktionierten, oder die dafür benötigte Munition einfach ausgegangen war, begannen die wenigen Menschen, die es damals noch gab, sich wieder langsam zu vertrauen. Sie bildeten schließlich wieder Gemeinschaften und schlossen wieder große Bündnisse, um sich gegen die Widerstände des Lebens besser wehren zu können.
Der Virus aber selbst verschwand bis heute nicht und das obwohl man annehmen sollte, dass mittlerweile auch nur noch Menschen leben sollten, die gegen diesen Virus immun waren. Dem war aber nicht so. Es wird daher angenommen, dass dieser Virus in regelmäßigen Abständen immer wieder mutiert und die Menschen daher in diesen Abständen immer wieder attackiert und dezimiert.

Der Krass-Virus ist vielleicht daher immer noch die größte Bedrohung auf unserer Welt. Denn wer sich auch heute noch mit diesem Virus ansteckt, hat nur ganz geringe Chancen das zu überleben. Man sagt, dass nur ein oder maximal zwei von hundert Menschen diese Erkrankung, diesen Virus, überhaupt überleben.
Der Virus verbreitet sich aus unerfindlichen Gründen immer im späten Winter und ebbt meistens in den heißen Sommertagen langsam wieder ab. Sobald bekannt wurde, dass der Virus wieder aktiv wurde, war es den Bürgern mindestens drei Wochen nicht mehr erlaubt das Haus zu verlassen. Fast jeder kennt dieses Gesetz und die meisten hatten auch stets dafür gesorgt einen entsprechenden Lebensmittelvorrat dafür zu horten. Und dennoch verbreitete sich dieser Virus immer wieder rasend schnell und es kam schon häufig vor, dass innerhalb kürzester Zeit sogar ganze Dörfer und Städte wegen diesem Virus ausgerottet wurden. So etwa alle neun oder zehn Jahre soll es immer wieder vorkommen, dass der Virus wieder aktiv wird und Angst, Schrecken und letzten Endes den Tod verbreitet.

Meine Eltern und ich lebten damals in Tenna, als wir uns vor mehr als acht Jahren mit diesem Virus -Krass- angesteckt hatten. Ich weiß zwar nicht mehr viel von meinen Eltern, da ich damals erst sechs Jahre alt war, als dieses Unglück über uns hereinbrach, aber die wenigen Erinnerungen die ich noch an sie habe, sind gute Erinnerungen und vermitteln mir ein Bild von fürsorglichen und liebevollen Eltern. Meine Eltern hatten mir meine Andersartigkeit nie als Problem betrachtet und mich so akzeptiert wie ich war. Für sie war ich immer nur ein ganz normales Kind gewesen. Nur das mein Vater öfters mal zu mir sagte: "Du musst wissen, mein Junge.." fing er meistens dann immer an, "Hindernisse und Schwierigkeiten sind nun mal da um später einmal etwas Großes vollbringen zu können", und dann hatte er mich eindringlich angesehen und gesagt: "und mit dir, mein Junge, scheint der liebe Gott wohl Großes vor zu haben." Ich fühlte mich, als er das sagte, jedenfalls immer ein wenig besser als vorher.

Mein Vater war Händler gewesen. Er handelte hauptsächlich mit Lebensmitteln und Kleider. Er kaufte, wie es ein Händler für gewöhnlich auch so macht, die Waren günstig bei den Erzeugern ein und verkaufte sie gewinnbringend an andere Händler oder direkt an die Leute. Meine Mutter war Näherin gewesen und sicherte uns, wenn das Geschäft meines Vaters mal nicht so gut lief, das nötige Einkommen, was wir zum Leben benötigten. Wir waren nicht arm, aber reich waren wir auch nicht. Wir waren nur eine kleine Familie gewesen, aber wir waren glücklich gewesen. So habe ich jedenfalls meine Familie in Erinnerung.

Als mein Vater aber eines Tages krank von einer Handelsreise heimkehrte, begann mein bisher behütetes Leben ein jähes Ende zu nehmen. Nach dem anfänglichen Fieber, der genauso wie die anderen über mich kam, überlebte ich aber im Gegensatz zu meinen Eltern und den meisten anderen diese Krankheit. Es wurde aber die für mich schlimmste Zeit, die ich bisher je in meinem Leben erlebt hatte. Die Zeit war für mich so furchtbar und gravierend gewesen, dass es mir immer noch so vorkommt als sei es erst gestern gewesen, wenn ich mal wieder an diese Zeit zurückdachte. An die Zeit, wie wir, meine Mutter, mein Vater und ich, alle eng umschlungen und krank zusammen gekauert im Elternbett lagen und zu schwach waren um noch irgendetwas machen oder tun zu können; und uns allen bewusst war, dass wir auch nicht mehr lange zu leben hatten. Während es meinen Eltern jedoch immer schlechter ging, merkte ich am dritten Tag unserer Bettlägerigkeit, dass es mir hingegen langsam wieder besser ging und mein Fieber allmählich zurückging. Ich blieb aber zunächst noch im Bett, da ich noch ziemlich erschöpft von dem Fieber gewesen war. Ich glaube daher auch nicht, dass meine Eltern etwas von meiner Gesundung mitbekommen haben. Mein Vater war schließlich der erste der starb. Das Atmen fiel ihm immer schwerer, bis er schließlich irgendwann seinem Todeskampf erlag und seinen letzten Atemzug machte. Meine Mutter bekam von seinem Tod glaube ich kaum etwas mit, denn sie lag ja selbst im Sterben und befand sich im Zustand völliger Verwirrung. Es verging noch ein ganzer Tag, bis schließlich auch meine Mutter diesem Virus erlag. Und von da an, wurde mir langsam klar, dass ich meine Eltern wohl doch nicht mehr dahin folgen würde, wohin auch immer sie nun gegangen waren. Da der große Kübel mit Wasser, den wir uns ans Bett gestellt hatten mittlerweile auch leer war, trieb mich der Durst irgendwann aus dem Sterbebett meiner Eltern und ich schleppte mich zu unserer Speisekammer und begann wieder etwas zu essen und zu trinken.
Erst eine Woche später zwang mich der nicht mehr auszuhaltende Geruch in den Räumen, mein Elternhaus zu verlassen und mich an die Menschen zu wenden, die sich vor diesem Virus retten konnten. Was verständlicherweise nicht einfach war, da ja jeder Angst hatte, sich mit diesem Virus anzustecken. Sie warfen mir jedoch ab und zu Essen zu, so dass ich die nächsten Wochen überleben konnte. Erst nachdem der Virus endlich wieder an Aktivität verlor, kam der Bruder meines Vaters, Jaron, und nahm sich meiner an. Er brachte mich in seine Heimatstadt namens Kaven. Und seit dem lebe ich bei meinem Onkel und seiner Familie. Kaven selbst ist eine am Fuße einer Gebirgslandschaft gelegene Stadt, die bekannt für ihre imposante und massive Stadtmauer ist, die den ganzen Ort umschließt und seine Einwohner sicher vor ungebetenen Eindringlingen schützt. Kaven gehört genauso wie Tenna und andere große Städte und Regionen dem sogenannten Bund an, die sich gegen das wilde Volk Krasiens und gegen Rebellen und andere Gesetzlose zusammengeschlossen haben. In Kaven gibt es rund viertausend Einwohner und man lebt hier überwiegend von der Landwirtschaft und der Viehzucht. Daneben gibt es hier auch noch eine erfolgreich produzierende Porzellanmanufaktur, in der auch mein Onkel arbeitet.

Mein Onkel Jaron gilt als aufrichtig, freundlich und zuvorkommend und wird deshalb von den meisten auch sehr geschätzt. Auch gehört er aufgrund dieser Charakterzüge nicht ohne Grund dem Rat Kavens an. Zu meinem Leidwesen ist er jedoch nur zu denen nett und freundlich, die zu seinem privilegierten Kreis gehören. Und dazu gehören auch nur die, die ihm besonders nahe stehen oder von denen er sich vermutlich einen gewissen Nutzen verspricht. Seine Frau Petra und seine leiblichen Kinder Justin und Sophia gehören natürlich zu diesem Kreis. Sein Vorgesetzter Robert, der Bürgermeister Johnas Goldan, sein Nachbar Jim und all die anderen, die entweder gutsituiert, gesellschaftlich einflussreich oder sonst etwas an sich haben was von Vorteil sein könnte, gehören ebenfalls zu diesen Privilegierten. Für diese Menschen ist mein Onkel stets da und gerne hilfsbereit. Und dafür wird er auch geliebt und geschätzt. Nichtsnutze, wie ich einer bin, sind für ihn eher ein Ärgernis und stehen ihm im Weg.

Mein Onkel ist mein Pate und er fühlte sich wohl deshalb auch gezwungen mich in seine Familie aufzunehmen. Diesen sozialen Akt der Nächstenliebe, den er mir gegenüber erbracht hat, erwähnt er auch immer wieder gerne. Wie dankbar ich doch sein müsste.. Was wohl aus mir geworden wäre, wenn er mich nicht aufgenommen hätte.. Wie viel besser es ihnen doch gehen würde, wenn sie mich nicht aufgenommen hätten... und so weiter.. und so weiter. Ich hasse dieses Gerede und diese ständigen Vorwürfe, aber ich habe mich im Laufe der Zeit auch daran gewöhnt und ignoriere diese mittlerweile einfach.

Sein Sohn Justin ist sechzehn Jahre alt und abgesehen von seinen Haaren ist er eindeutig die jüngere Ausgabe seines Vaters. Die gleichen tiefliegenden Augen, die gleiche schmal und spitz zulaufende Nase, die gleiche markige Mund- und Kinnpartie. Seine dunklen und zugegebenermaßen wirklich ansehnlichen Haare, in die Justin auch sehr viel Zeit und Energie investiert, hat er wohl eher von seiner Mutter geerbt. Er trägt sie lang, mit viel Stolz und er pflegt und hegt sie mit so viel Aufmerksamkeit, das sie ihn, meiner Meinung nach, als den entlarven der er nun einmal ist. Ein eingebildeter, eitler und selbstgefälliger Fatzke. Was seinen Charakter anbelangt, ähnelt dieser auch dem seines Vaters, nur das die Charakterzüge von Justin deutlicher hervorstechen und nicht so verschleiert sind, wie die seines Vaters. Justin ist ebenfalls bei sehr vielen beliebt und er gesellt sich auch nur zu denen, die aus seiner Sicht gesellschaftlich angesehen sind oder von denen er sich mehr Einfluss und Vorteile verspricht. Alle anderen sind für ihn Luft oder schlimmer noch, widern ihn sogar an.

Justin hasst mich. Schon am Tag meiner Ankunft, als mein Onkel mich von Tenna nach Kaven ins Haus der Gevill's geholt hat, wurde mir klar, dass wir nie so etwas wie Freunde oder geschweige denn ein brüderliches Verhältnis haben werden. Da ich anfangs noch kein eigenes Bett und kein Zimmer hatte, sollte ich nur übergangsweise bei Justin im Zimmer schlafen.
Justin rastete damals jedoch dermaßen aus und veranstaltete so ein Aufsehen, dass er von keinem in der Familie mehr beruhigt werden konnte. Er schrie, dass er niemals mit einem wie mir in einem Zimmer und schon gar nicht in einem Bett schlafen könnte. Heulte, dass er Angst vor mir hat und Alpträume haben würde, wenn ich auch nur in seine Nähe käme. Schimpfte, dass man so etwas seinem eigenen Kind niemals antun dürfte. Und tobte unentwegt und mit einer solchen Energie, dass ich letztendlich solange auf den Boden in der Küche schlafen musste, bis mein Zimmer im Keller hergerichtet wurde.
Inzwischen hasst er mich auch deshalb, weil er mich für alles Schlechte und Schiefgegangene in seinem Leben verantwortlich macht. Ich war schuld, wenn er nicht das bekam, was er sich wünschte; ich war schuld, wenn es Streit in der Familie gab; oder ich war schuld daran, dass er einen dicken fetten Pickel auf seine schöne Nase bekam. Warum ich aber immer Schuld haben sollte, hatte ich nie verstanden und es interessierte mich auch schon lange nicht mehr.

Sophia, die Tochter, ist die Prinzessin in der Familie und ist vom Leben verwöhnt. Ihre Wünsche werden ihr praktisch von den Lippen abgelesen. Sie ist vierzehn, ist allseits beliebt und wirklich hübsch anzuschauen. In ihrem Leben spiele ich jedoch nicht die geringste Rolle. Gegenüber ihren Freundinnen gab sie vor, sie hätte immer versucht mich in die Familie zu integrieren. Jedoch enttäuschte ich sie wohl immer wieder durch meine Art und durch mein Verhalten. Bis sie schließlich irgendeines Tages beschloss dieses unmögliche Vorhaben aufzugeben. Seit dem gehöre ich nicht mehr in ihre rosige Welt und existiere wohl auch nicht mehr für sie.

Petra, die Ehefrau von meinem Onkel, soll früher eine bemerkenswert schöne Frau gewesen sein, zumindestens wird das immer wieder behauptet. Obwohl man ihr das Alter mittlerweile ansieht, gehört sie für mich auch jetzt noch zu einer der schönsten Frauen von ganz Kaven, insbesondere dann, wenn sie mich auf ihre ganz besondere Art anlächelt. Leider zeigt sie dieses Lächeln mir gegenüber nur selten. Trotzdem ist Petra mir in dieser Familie von allen die Liebste. Petra besitzt ein ruhiges und besonnenes Wesen, die für die Probleme anderer immer ein offenes Ohr hat und stets um Harmonie bemüht ist. Andererseits gibt auch sie mir nie richtig das Gefühl, wirklich zu dieser Familie zu gehören und ich vermute ihr wäre es auch wohl lieber gewesen, wenn ich niemals zu ihnen gekommen wäre.

Warum mich die meisten meiner Mitmenschen ablehnen liegt in erster Linie wohl an meinem Äußeren. Ich bin nicht dick, oder extrem dünn, oder habe absonderliche Gesichtszüge. Eigentlich kann ich sogar zufrieden mit meinem Äußeren sein, wäre da nicht meine Hautfarbe. Von Geburt an ist mein Gesicht komplett blutrot. Ein riesiges Feuermal bedeckt mein gesamtes Gesicht und endet in zackigen Spitzen vorne bis zur Höhe meiner Brust und hinten bis zu meinen Schulterblättern. Hinzu kommt, dass diese rote Hautfarbe, in Kombination mit meinem schwarzen Haar, mir ein teuflisches Aussehen verleiht. Auf viele wirke ich deshalb wohl irgendwie unheimlich und bösartig. Es gibt sogar einige, die mich für eine Ausgeburt der Hölle halten und mich genauso meiden wie dieses Krass. Und dann gibt es natürlich auch andere, die mich aufgrund meiner Andersartigkeit auch gerne ärgern und piesacken und vielleicht sogar denken, der Allgemeinheit damit etwas Gutes zu tun. Mein Vater hingegen, hat mir sehr häufig gesagt das Schwierigkeiten überwinden nunmal die Stufen des Erfolgs sind und das Gott mir dafür offensichtlich gleich die besten Voraussetzungen in die Wiege gelegt hat. Mir wäre es trotzdem lieber gewesen ich wäre wie die anderen und hätte es im Leben leichter.

Anfangs hatte ich mich noch nicht damit abgefunden ein Außenseiter zu sein und ich hatte noch alles versucht um irgendwie dazuzugehören. Ich war verzweifelt und hatte damals grässliche und erbärmliche Dinge getan, für die ich mich heute noch schäme. Wenn man mir beispielsweise versprach mich als Mitglied in eine Gruppe oder Bande aufzunehmen, sobald ich eine bestimmte Person verprügelte, quälte oder jemandem etwas Bestimmtes wegnahm, dann hatte ich das damals auch gemacht. Immer wieder hatte man mich dazu benutzt niederträchtige und schlimme Dinge zu tun und ich habe in meiner Verzweiflung und Dummheit diese Dinge auch immer wieder getan. Sie hatten über mich gelacht und ihren Spaß gehabt. Mich akzeptiert.. hat man aber letztlich nie.

Roter Teufel werde ich aufgrund meines Aussehens und meiner Taten daher auch häufig gerne genannt, besonders von einem, sein Name ist Jaden und ein Mitschüler von mir. Jaden ist für sein Alter recht groß und kräftig, er sieht gut aus, und er hat aufgrund seiner unzweifelhaft entschlusskräftigen, ja fast kühnen Art, das Potential eines Anführers. Wenn auch sein Äußeres dem vielleicht widersprechen mag, so ist er für mich aber nur ein machtbesessenes Großmaul und ein Sadist. Er genießt es andere zu quälen und hat aufgrund seiner dreisten und respektlosen Art dabei auch noch großen Einfluss auf seine Mitschüler. Niemand legt sich mit Jaden an. Aber, und das muss man ihm lassen, er ist immer loyal zu seinen Leuten. Wenn seine Freunde Probleme haben, dann löst er diese für sie und dafür schätzen und mögen sie ihn. Und gerade diese Loyalität zu seinen Freunden ist vermutlich auch das, was ihn so gefährlich für alle seine Opfer und besonders für mich macht.

Ich gehörte auch mal eine Zeit lang zu Jaden's Gefolgsleuten, die für ihn alles getan haben, wofür er sich meistens zu schade fühlte. Ich hingegen war jedoch sein Obertrottel gewesen, denn was immer ich auch für ihn getan hatte, im Gegensatz zu den anderen, hat er sich nur weiter über mich lustig gemacht und mich in keinster Weise wie die anderen seiner Vasallen behandelt. Bis ich es schließlich irgendwann kapierte und auch keine Lust mehr dazu hatte für ihn das "Hol das Stöckchen Hündchen" zu spielen. Seit dem jedenfalls, liebt Jaden es besonders gerne mich zu verspotten und zu demütigen. Es vergeht kaum noch ein Tag, wo er sich nicht über mein unnatürliches Aussehen lustig macht oder versucht mich auf jede erdenkliche Art und Weise zu erniedrigen. Er hat beispielsweise immer einen Heidenspaß daran meine Sachen zu verstecken oder mir irgendwas Ekliges oder Sachen von anderen Schülern in meine Schultasche zu stecken. Auch macht er gerne Fratzen hinter meinem Rücken... oder, wenn ihm sonst nichts einfällt, spuckt oder schlägt er mich einfach.

Mittlerweile habe ich, trotz der ganzen Ablehnung die ich ständig von allen Seiten erfahre, es einigermaßen akzeptiert ein Aussenseiter zu sein und mich an das Alleinsein gewöhnt. Es gibt sogar beinah täglich etwas, worauf ich mich trotzdem freue. Zum einen wären da unsere Nachbarn, Marla und Debbie Gruden und im Besonderen ihr Hund, mit Namen Zisko.
Marla ist eine sehr alte Frau, die sich nur noch mit ihrem Krückstock fortbewegen kann und gerne Geschichten von früher erzählt. Debbie, ihr einziger Sohn, hat den Körper eines bereits im vorgerückten Alters befindlichen Erwachsenen, aber den Geist eines Kindes. Er ist debil und auch aufgrund seiner unterschiedlich langen Beine in seiner Bewegung manchmal mehr oder minder eingeschänkt. Debbie mag mich nicht und hat wie viele andere auch Angst vor mir. Er wird jedenfalls immer ganz hibbelig, wenn ich sie besuchen komme. Und wenn ich zufällig dann auch noch in seiner Nähe gekommen bin, kam es schon häufig vor, dass er unversehens fluchtartig den Raum verließ und ich ihn für eine längere Zeit auch nicht mehr gesehen habe. Trotzdem bin ich häufig bei ihnen und helfe ihnen, soweit es mir möglich ist, immer gerne. Doch auch die alte Marla vertraut mir nicht und bin ihr auch wohl nicht ganz geheuer. Sie ist zwar immer froh, wenn ich ihr beim Haushalt oder bei anderen Arbeiten die so anfallen helfe, aber ich spüre auch, wie erleichtert sie ist, wenn ich wieder gehe.

Zisko, Marla's und Debbie's Wachhund, ist ein Mischling, mit kurzem hellbraunen Fell, der einem Hamilton Spürhund ähnlich sieht. Da Marla und Debbie kaum in der Lage sind sich um Zisko zu sorgen, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, mich um ihn zu kümmern. Und das ist etwas, was ich immer gerne mache und worauf ich mich auch immer freue. Dieser Hund, Zisko, stört sich im Gegensatz zu den meisten anderen nicht an meiner Erscheinung. Sobald er mich sieht, bellt er immer aufgeregt und wackelt freudig mit seinem Schwanz. Mit Zisko gehe ich auch häufig zu meiner selbst gebauten Baumhöhle in den Wald.

Und diese Baumhöhle gehört ebenfalls zur Kategorie, die mein Leben hier erträglicher macht. Die Baumhöhle ist mein ganzer Stolz. Ich arbeite so gut wie täglich daran, um sie zu verbessern und zu verschönern. Sie liegt gut versteckt und sehr weit oben in einem sehr großen Malvenbaum. Ich glaube, dass ich mit gutem Gewissen sagen kann, dass meine Hütte bisher auch noch von keinem Menschen entdeckt worden ist. Meine Baumhöhle ist, obwohl man das von außen mit Sicherheit nicht vermutet, sogar ziemlich geräumig. Sie hat zwei Räume. Einen Hauptraum, wo sich ein Liegeplatz, ein Tisch, ein kleiner Schrank und ein Stuhl befinden und einen kleinen Nebenraum, so eine Art Lagerraum, für Werkzeug und Baumaterialien.

Bevor ich mit dem Bau dieser Hütte vor gut vier Jahren begonnen hatte, hatte ich wie bereits schon erwähnt noch viel Blödsinn und schlimme Sachen getan und wusste mit meiner freien Zeit auch kaum etwas Nützliches anzufangen. Als ich jedoch anfing, anfangs noch aus reiner Langeweile, an dieser Hütte zu bauen, erkannte ich, dass in mir doch mehr steckte, als ich für möglich gehalten hätte. Mein Selbstvertrauen wuchs mit jedem Tag, an dem ich an dieser Hütte arbeitete und fühlte mich mit jedem Tag auch weniger nutzlos.

Es ist schon spät und ich liege hier unten in meiner Bettkammer und oben sitzt meine "geliebte" Adoptionsfamilie. Sie lachen, albern herum und genießen, vielleicht bewusst oder unbewusst, die Zeit ohne meine Gegenwart, den Schandfleck der Familie...! Ich bin unruhig und habe Angst. Vielleicht Angst vor dem, was mich morgen wieder in der Schule erwarten könnte. Aber was sollte mich dort Unheilvolles erwarten? Ich wüsste nicht was da kommen könnte. An Jaden und die anderen Quälgeister habe ich mich bereits schon seit längerem gewöhnt und das ich keine Freunde habe und mich die meisten immer mit seltsamen Blicken ansehen, wäre ebenfalls nichts Neues für mich und ist etwas, was ich bereits akzeptiert habe. Es gibt, naja bis auf vielleicht eine Ausnahme, sowohl bei den Schülern als auch bei den Lehrern, keinen der mich leiden kann oder mir das Gefühl gibt anerkannt zu sein. Es gibt zwar einige, die versuchen immerhin respektvoll mit mir umzugehen, aber wirklich leiden können sie mich glaube ich auch nicht.

Wieso aber jetzt diese Unruhe und diese Angst? Ich versuchte schließlich zu schlafen. Erst sehr spät, nach Mitternacht, gelang es mir dann endlich in den Schlaf zu finden.

Baumhöhle

《Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt
werden kann man Schönes bauen.》
Johann Wolfgang von Goethte

Nächster Tag. Obwohl ich kaum geschlafen hatte, wachte ich sehr früh mit einem unruhigen und mulmigen Gefühl auf. Ich döste und drehte mich noch eine Weile im Bett hin und her und beschloss dann endlich aufzustehen. Jaron, Petra, Justin und Sophie frühstücken immer gemeinsam nach dem zweiten Glockenschlag in der Frühe. Es gab mal eine Zeit, da hatte ich anfangs noch mit ihnen gefrühstückt. Aber wir alle erkannten ziemlich schnell, dass es getrennt besser ging. Zum einen, fühlte ich mich immer als jemand, der in dieser Runde nicht dazugehörte, zum anderen gab es meistens auch nur Streit und Ärger zwischen uns, besonders zwischen Justin und mir. Irgendwann fing ich an früher aufzustehen und vor den anderen zu frühstücken und siehe da, wir kamen stillschweigend zu der Erkenntnis, dass dies wohl keine so schlechte Idee war und wir dies bis heute, ohne ein Wort darüber gesprochen zu haben, auch so beibehielten.

Die Schule liegt etwa eine halbe Stunde Fußmarsch vom Haus meines Onkels entfernt. Ich gehe diesen Weg immer ganz gerne. Zum einen, weil kaum jemand anderes um diese Zeit diesen Weg benutzt und zum anderen, weil sich auf dieser Strecke meine Baumhöhle befindet. Ich nehme mir dann fast immer eine halbe Stunde Zeit um dort noch ein paar Verbesserungen vorzunehmen oder, aufgrund der wunderbaren Aussicht die ich dort oben habe, das Treiben im Walde zu beobachten. Auch heute gehe ich wieder zu meiner Hütte.

Versteckt in einem Baumloch gibt es eine Zugleine für das Herablassen der Strickleiter. Die Strickleiter führt dann etwa fünf Schritt lang nach oben zu meiner recht komfortablen Baumhöhle. Die Strickleiter nehme ich jedoch nur selten. Meistens nehme ich die andere Seite vom Baum, wo es möglich ist, die Baumhöhle auch ohne Strickleiter kletternd zu erreichen. Das tolle an meiner Baumhöhle ist, dass diese Höhle, trotz der enormen Größe von stolzen drei Schritt Breite, zweieinhalb Schritt Tiefe und zwei Schritt Höhe, sowohl aus der Entfernung, als auch aus der Nähe, kaum zu entdecken ist. Gebaut habe ich die Baumhöhle mit alten Brettern aus einer alten verfallenen Hütte, die in der Nähe dieses Waldes lag. Darüber habe ich es mit Pech abgedichtet und mit Ästen und Mooslappen bedeckt und gleichzeitig damit auch getarnt. Die Außenwände habe ich entsprechend gearbeitet. Mein Baumhaus hat eine kleine Tür und eine Art Fenster, nur ohne Glas. Jedoch hat dieses Fenster oder besser gesagt der Ausguck, eine Fensterklappe, für kalte und windige Tage.

Heute Morgen ist es nebelig und man kann kaum etwas sehen. Ich entschied mich trotzdem dazu noch ein paar Reparaturen am Dach meiner Baumhöhle vorzunehmen. Das Werkzeug, wie Hammer, Säge und so weiter hatte ich mir bereits vor ein paar Tagen aus einer in der Nähe liegenden alten Scheune genommen. Nach gut einer halben Stunde hörte ich jedoch mit meinen Verbesserungsarbeiten auf und setzte meinen Weg zur Schule fort.

Schule und Jaden

《Das Leben muss nicht leicht sein, wenn es nur inhaltsreich ist.》
Lise Meitner

Ungefähr zweihundert Schüler gehen täglich auf der Schule von Kaven. Die Schulzeit in Kaven, wie auch in den meisten anderen angeschlossenen Städten des Bundes, beträgt üblicherweise sechs Jahre. Ich bin in der dritten Klasse und werde demnach womöglich noch drei weitere Jahre auf dieser Schule gehen müssen. Nach dieser sechsjährigen Schulzeit müssen sich die Schulabgänger für einen Beruf entscheiden, für den man dann in der Regel für drei weitere Jahre ausgebildet wird. Wie meistens üblich, geht der überwiegende Teil der Schüler dann in den elterlichen Betrieb in die Lehre. Nur die besonders talentierten Schüler, und das sind nur seltene Ausnahmefälle, dürfen auf die Eliteschule nach Tenna gehen und werden dort individuell und mit großem Aufwand speziell ausgebildet.

Auf meinem Weg zur Schule entdecke ich David vor mir. David ist ein stiller, blasser und schlaksiger Mitschüler von mir. Ihm geht's auch nicht viel besser als mir und er ist in der Beliebtheitsskala ebenfalls ziemlich weit unten angesiedelt. Ich hatte mal versucht mich mit ihm zu unterhalten, aber er wendete sich damals, wie von einer Tarantel gestochen, von mir ab und lief schreiend und so schnell er konnte von mir weg. Als er dann weit genug weg war, rief er mir noch zu, dass er mit mir nichts zu tun haben wollte und brüllte danach lauthals immer wieder "Teufel! Teufel...!" Seitdem habe ich nie wieder versucht mich mit ihm zu unterhalten und er geht, wie jetzt auch, immer etwas schneller, um bloß nicht in meine Nähe zu kommen. Was für ein Idiot! Man hätte sich vielleicht ja, als sogenannte Loser und Außenseiter, zusammentun können. Obwohl ich zu Davids Verteidigung auch erwähnen muss, dass er des Öfteren auch mir, als ich noch all das getan hatte, was Jaden von mir wollte, zum Opfer gefallen war. David traut mir nicht über den Weg und wird es womöglich auch nie mehr tun. Verdenken kann ich ihm's nicht.

Ich erreichte den Schulhof. Und da erwartete mich auch schon Jaden mit seinem Gefolge. Dem dicken Gero, den immer sportlich und toll aussehenden Pelle und dem starken Alvin. Es gehörte schon zur allgemeinen Schulroutine, dass diese vier und viele andere gaffende Schüler mich morgens auf dem Schulhof erwarteten und ihren Spaß mit mir haben wollten. Treibende Kraft dieser morgendlichen Belustigung war natürlich, wie auch jetzt wieder, immer Jaden gewesen.

"Hallohoo.. Teufelchen! Na, hast du dich bei deinem morgendlichen Tête-à-Tête mit dir selbst mal wieder so geärgert, dass du immer noch rot vor Wut und kurz vorm Platzen bist?" Jaden kam dabei dicht an mich heran gelaufen und sah mich mit einem übertriebenen mitleidigen Gesichtsausdruck fragend an. Dann lächelte er wieder. "Warte mal, vielleicht kann ich dir ja ein wenig von deinem ganzen Ärger nehmen.." Jaden hielt nun die Luft an, presste sich das Blut in den Kopf und lief mir vermutlich wie ein wildgewordener Affe mit puterrotem Kopf hinterher. Pelle, Alwin und Gero und die meisten der umstehenden Schüler brachen in schallendes und grölendes Gelächter aus.

Obwohl ich mich inzwischen an diese morgendlichen Querelen gewöhnt hatte und wusste, dass ich am besten gar nicht auf so etwas reagieren sollte, tat ich ihnen doch jedes Mal den Gefallen und tat so als ob ich mich darüber ärgerte. Ich setzte daher wieder ein gequältes Gesicht auf, atmete tief ein, drehte mich wütend um und lief wutschnaubend auf Jaden zu. "Ich habe dir nichts getan! Warum machst du das? Hör auf!" Und brüllte dann noch lauter werdend "HÖÖR ENDLICH AUF!" Dabei ballte ich meine Fäuste und täuschte noch eine Angriffshaltung vor. Es herrschte nun absolute Stille und alle starrten mich an. Schließlich drehte ich mich wieder um und ging mit einem beleidigten Gesichtsausdruck weiter. Kurz darauf hörte ich wieder lautes und grölendes Gelächter. Ich hatte es wieder geschafft. Jaden und seine Leute waren wieder so bedient von mir, dass sie vor Lachen nicht weiter wussten und mich wahrscheinlich auch erstmal wieder in Ruhe ließen. Warum ich immer so reagierte, weiß ich nicht. Ich denke nicht mal groß darüber nach. Dabei ist mir sogar durchaus bewusst, dass ich ihnen durch mein Verhalten immer wieder dazu animiere mich weiter zu drangsalieren. Trotzdem ändere ich nichts an meinem Verhalten und reagiere immer wieder so oder so ähnlich. Womöglich bin ich in dieser Hinsicht schon jemand, der zur Selbstzerstörung neigt.

Nach diesem Vorfall ging ich geradewegs in unseren Klassenraum. Unsere Klasse zählt fünfundzwanzig Schüler. Elf Mädchen, der Rest Jungs. Die Schüler sitzen paarweise in einer vier mal vier Reihenform vor dem Lehrerpult. Zwei Jungs, natürlich ich und David, und ein Mädchen namens Rana, haben jeweils einen Tisch für sich allein.

Wie immer ging es ziemlich laut und wild zu, bevor die Stunde anfing. Sobald die Stunde dann aber anfing und der Lehrer in die Klasse hereinkam, nahmen in der Regel alle Schüler brav ihre Plätze ein und versuchten den Unterricht so gut es geht mitzumachen. Störenfriede erhielten hier nämlich schnell einen Verweis und verloren das Recht für eine bestimmte Zeit am Unterricht teilzunehmen zu dürfen. Die Chancen dann noch einen guten Abschluss zu erhalten verschlechterte sich dadurch natürlich. Und wer einen schlechten oder sogar gar keinen Schulabschluss erhielt, hatte meistens auch nur noch sehr geringe Chancen in Kaven oder anderswo ein einigermaßen lebenswertes Leben zu führen. Es soll sogar Schulabgänger gegeben haben, die aufgrund ihrer schlechten Leistungen sogar aus der Gemeinschaft ausgestoßen wurden.

Obwohl ich mich nur selten am Unterricht beteiligte, war ich aufgrund der bestandenen Klassenarbeiten trotzdem bisher einigermaßen gut durch die Schulzeit gekommen. Die Schulglocke läutete und kündigte nun den Beginn der Schulstunde an. Die restlichen Schüler, unter anderem auch Jaden, kamen jetzt in die Klasse. Da ich gleich vorne rechts, ziemlich nah an der Klassentür sitze, versucht Jaden mir meistens noch auf die Schnelle eins auszuwischen. Obwohl ich natürlich wusste, dass er das jedes Mal versuchte, ließ ich ihn manches Mal auch einfach gewähren und tat dann immer so, als ob ich ihn nicht kommen sah und er mich dann ungehindert von hinten einen Schlag versetzen oder schubsen konnte. Meistens war dann wohl sein Peinigungstrieb mir gegenüber schon so befriedigt, dass ich für den Rest des Tages wenig von ihm zu befürchten hatte. Dieses Mal hatte ich jedoch keine Lust dazu und drehte mich, kurz bevor er etwas machen konnte, ihm entgegen. "Buhh!" sagte er mit einer albernen Grimasse und täuschte mit hervorgehobenen Armen vor, mich schubsen zu wollen. "Hööör... auf!!" schrie ich ihn einfallslos wieder wütend an. Jaden schien damit zufrieden zu sein, grinste und setzte sich in aller Ruhe auf sein Platz.

Dummerweise war genau in dem Augenblick, als ich Jaden anbrüllte, unser Lehrer Herr Klimp hereingekommen. Er blieb abrupt stehen und schaute mich mit einem gleichgültigen Blick an.
"Schüler Rota, wie es scheint, haben sie Energie im Überfluss. Ich denke eine Stunde Nachsitzen im Anschluss ihrer heutigen Schulzeit könnte Ihnen helfen ihre überschüssige Energie abzubauen. Haben sie irgendwelche Einwände?"
Da mir das Nachsitzen eigentlich nichts ausmachte und ich dann auf dem Nachhauseweg ja auch nicht mit vielen anderen Schülern laufen musste, hatte ich tatsächlich nichts dagegen.
"Nein, habe ich nicht." sagte ich demütig leise und nickte Herrn Klimp schließlich zu. "Melden sie sich bitte am Ende dieser Stunde bei mir". Ich nickte wieder und drehte mich dann zu Jaden um. Er grinste mich natürlich höhnisch an. Soll er doch. Und wenn man's genau nimmt hatte er mir vielleicht damit sogar ein Gefallen getan.

Mallen

《Glücklich ist, wer sich über jeden Sonnenstrahl freut. Er wird ihn auch noch in der Dunkelheit entdecken.》
Peter Amendt

Herr Klimp ging schließlich zum Lehrerpult und begann seinen Unterricht. Wir haben Geschichte und Entwicklung. Neben diesem Fachgebiet haben wir noch fünf weitere Fachgebiete die in der Schule von Kaven unterrichtet wurden. Da wäre das Fach Lesen, Schreiben und Aussprache, das Fach Heimat- und Auslandskunde, das Fach Rechnen und Geometrie, das Fach Natur und Entwicklung sowie das Fach Politik, Organisation und Aktuelles. Ich selbst interessierte mich für das Fach Natur und Entwicklung am meisten, insbesondere deshalb weil man hier viel Praktisches über das Überleben in der Wildnis erfuhr.

Nach gut zehn Minuten Unterricht klopfte es an der Klassentür und Mallen Goldan, die Tochter unseres Bürgermeisters, kam herein. Verschwitzt und noch etwas außer Atem ging sie geradewegs auf unseren Lehrer Herrn Klimp zu und blieb dann vor seinem Pult stehen. "Guten Morgen! Herr Klimp. Bitte entschuldigen Sie mein Zuspätkommen. Ich hatte meine Aufgabenkladde Zuhause liegen lassen und dummerweise fiel mir das erst auf meinem Weg zur Schule ein. Ich musste nochmal ganz zurück.. Es.., es tut mir Leid."

In unserer Schule gibt es fürs Zuspätkommen zwei Möglichkeiten der Bestrafung. Die mildere der beiden Bestrafungen wäre das Nachsitzen, wo der Schüler also für eine gewisse Zeit nach der regulären Schulzeit in der Klasse verbleiben muss und dort Aufgaben erhält, die er in dieser Zeit zu erledigen hat. Die härtere und oftmals auch folgenschwerere Bestrafung wäre, dass der Schüler für eine bestimmte Zeit von der Schule ausgeschlossen wird. Der jeweils unterrichtende Lehrer hatte hier völlige Entscheidungsfreiheit. Da Mallen bei ausschließlich allen Lehren beliebt ist, nickte Herr Klimp ihr nur zu und gab ihr mit einer schnellen Geste zu verstehen, dass sie sich nun auf ihren Platz setzen konnte. "Fräulein Goldan, sie kennen ja die Regeln dieser Schule. Melden Sie sich daher bitte im Anschluss dieser Stunde bezüglich der zusätzlichen Schulstunde bei mir."
Mallen nickte Herrn Klimp zu, bedankte sich bei ihm und bewegte sich auf einmal, ohne das es dafür einen besonderen Grund gab, ausgelassen in so anmutig fließenden Bewegungen, als tanze sie beinah, zu ihrem Platz neben ihrer Sitznachbarin Greta und setzte sich dann mit einer überzogenen theatralischen Niedergeschlagenheit auf ihrem Stuhl. Das sah so komisch aus, dass ich mich sogar etwas zusammenreißen musste um nicht lachen zu müssen. Typisch Mallen. Sie überrascht immer wieder durch ihre skurrilen Auftritte und durch ihr ungewöhnliches Wesen. Man weiß bei ihr nie genau, ob sie das nun ernst meint oder sie einem nur in solchen Momenten veralbern möchte.
Und obwohl sie dadurch auch zum Teil andere veräppelt, nimmt ihr das kaum jemand richtig krumm, und die, die es doch tun, wagen es scheinbar nicht, vermutlich aufgrund ihrer Beliebtheit oder weil sie die Tochter des Bürgermeisters ist, es ihr heimzuzahlen. Sie genießt so gesehen völlige Narrenfreiheit. Selbst vor Jaden macht Mallen nicht halt. Es ist kein Geheimnis, das Jaden und Mallen schon häufig als Paar gehandelt wurden, und er sie auch nur zu gern als Freundin bezeichnet hätte. Ein Pärchen wurden sie trotzdem nicht, und das obwohl Mallen von Jaden nicht mal abgeneigt zu sein schien. Auf seine Avancen reagierte sie jedenfalls nie ablehnend. Im Gegenteil, sie machte ihm sogar selbst Avancen und bestärkte ihn in seinen Hoffnungen. Aber irgendwann war damit Schluss. Wenn Jaden sie heute ansieht, scheint er jedenfalls nicht mehr Feuer und Flamme für sie zu sein und sieht sie jetzt nur noch mit einer eher missgestimmten Miene an. Mallen selbst ließ sich in dieser Hinsicht jedoch bisher nichts anmerken und sieht ihn trotz seiner abweisenden und fast schon feindseligen Art ihr gegenüber, wie immer mit einem Lächeln an.
Der Grund für diese Wendung soll, soweit ich es mitbekommen habe, wohl darin gelegen haben, dass sich die beiden wohl häufig nach der Schule verabredet hatten, aber Mallen letztendlich nie zu diesen Treffen gekommen ist, und, wie getuschelt wurde, seltsamerweise bei Mallen immer irgendetwas dazwischen gekommen war. Ein Treffen zwischen den beiden soll deshalb auch wohl nie zustande gekommen sein, und das obwohl sie es sehr, sehr häufig versucht hatten. Irgendwann hatte Jaden aber dann die Schnauze voll und hatte es letztlich dann doch noch verstanden.

Was mich anbetrifft, muss ich zugeben. dass Mallen in meinem tristen Leben hier so eine Art Sonderstellung einnimmt. Denn sie ist schon ziemlich anders als die anderen. Von den anderen war ich es ja gewohnt abschätzig angesehen und behandelt zu werden. Sie jedoch gehört zu den Wenigen, vielleicht ist sie sogar die Einzige, die mit mir immer respektvoll umgegangen war. Wenn es auch nur wenige Momente zwischen uns Beiden gab, so hat sie mich in diesen Momenten stets freundlich und meistens sogar mit einem Lächeln begrüßt. Ich selbst war darüber nur irritiert, besonders in den Zeiten wo ich selbst den Respekt vor mir verloren hatte, und wäre ich ein anderer gewesen, ich mich wahrscheinlich genauso verhalten hätte wie die anderen.

Trotzdem brauche ich mir darauf wohl nichts einzubilden. Sie ist stets zu allen nett und freundlich, sogar zu denen, die nicht gerade zu ihrem Fanklub gehören oder versucht haben sie auf diese oder jene Art zu schaden. Auch habe ich sie noch nie über jemanden lästern oder schlecht reden gehört. Fluchend, zickend und richtig wütend habe ich sie ebenfalls noch nie erlebt. Damit will ich aber nicht sagen, dass sie sich nur deshalb so verhält, um sich bei allen irgendwie beliebt zu machen. Nein, eher nicht. Denn es scheint Mallen andererseits auch nicht zu kümmern, was andere über sie denken. Und das beweist sie oft genug durch ihre beinahe schon absurd schrägen Verhaltensweisen, die sie immer wieder mal an den Tag legt. Auch hat sie nie Anstalten gemacht zu den beliebtesten und gefragtesten Schülern der Klasse oder der Schule zu gehören oder mit ihnen befreundet zu sein. Sie gilt deshalb bei dem einen oder anderen sogar als arrogant und überheblich, da sie trotz ihrer Beliebtheit, ihren Freundeskreis nur auf ganz wenige und eher unauffällige Mitschüler beschränkt. Ich glaube aber eher, dass sie vielleicht auch nur sehr hohe Ansprüche an eine Freundschaft stellt und womöglich kaum einer oder sogar keiner ihren Ansprüchen gerecht wird. Und sie deshalb, nur um vielleicht nicht alleine zu sein, ihre freie Zeit mit den eher unauffälligen oder zurückhaltenden Schülern verbringt. Zu allen anderen, ob beliebt, angesehen, angesagt oder was auch immer, ist sie zwar nett und freundlich, aber gleichzeitig auch zurückhaltend und unnahbar.

Mallen wächst als einziges Kind bei ihrem Vater Johnas Goldan auf, denn ihre Mutter verstarb schon sehr früh bei der Geburt Mallens. Johnas Goldan ist unser Bürgermeister und ein angesehener und beliebter Mann in Kaven. Mallen wäre allein deshalb schon bei vielen beliebt gewesen, aber aufgrund ihrer Eigenarten wird sie von vielen vielleicht sogar geliebt. Mallen ist schon ungewöhnlich und für mich, wie vermutlich auch für viele andere, ein Rätsel. Irgendwie scheint sie aufgrund ihrer ganzen Art und wie sie sich anderen gegenüber verhält, die Weisheit eines erwachsenen Menschen zu besitzen, und noch dazu das Leben mit der Lust und Neugier einer ziemlich tollkühnen Dreizehnjährigen zu genießen. Hinzu kommt, dass Mallen auffallend hübsch ist. Sie ist schlank, hat hellblonde, lange und leicht gewellte Haare, die sie oft einfach und praktisch zu einem Zopf gebunden hat. Ihre Gesichtszüge sind klar und ebenmäßig. Zudem hat sie wache, klare, blassblaue Augen und dazu noch einen wunderschön geschwungenen Mund, mit stets leicht angehoben Mundwinkeln, die ihrer Ausstrahlung stets etwas Unbekümmertes und Heiteres verleihen.

Zwischen mir und Mallen gab es in der ganzen Schulzeit die wir gemeinsam hatten, eigentlich keine einzige Begegnung die über eine banale Begrüßung hinausging. Es gab jedoch zwei Begegnungen, die waren für mich so außergewöhnlich, dass Mallen seit dem in meinem Leben einen besonderen Platz eingenommen hat.

Eine von diesen beiden Begegnungen war gleich an unserem ersten Schultag gewesen. Wie ich es bereits auch schon häufig erlebt hatte und schon gewohnt war, fühlte ich mich auch an meinem ersten Schultag wie ein bunter Hund. So gut wie jeder starrte mich an. Kinder wie auch zum Teil die Eltern, glotzten mich teilweise sogar mit offenen Mund an wenn sie mich erblickten. Sie hatten nicht mal den Anstand wegzusehen, wenn sie sahen, dass ich ihr Anstarren bemerkt hatte. Dieses Anstarren war ich zwar, wie schon gesagt, gewohnt gewesen und ich hatte gelernt damit umzugehen, weh tat es mir aber trotzdem immer wieder. Und dann erschien auch irgendwann Mallen mit ihrem Vater. Ich muss zugeben, auch ich war in diesem Moment nicht viel anders als die anderen, denn ich starrte damals sie an. Sie hatte mich schon beim ersten Mal total verblüfft. Mallen war schon damals auffallend hübsch gewesen, aber das war nicht der eigentliche Grund gewesen was mich zu diesem Anstarren veranlasst hatte. Nein, es war mehr die Art, wie sie sich gab, wie sie sich bewegte, wie sie sich die Dinge ansah und.. besonders wie sie sich mir gegenüber verhielt. Als sie schließlich bemerkte, dass ich sie ansah, starrte sie mich jedoch nicht wie die anderen an. Nein, sie... zwinkerte mir verrückterweise zu und schaute mich dann auch noch leicht amüsiert an. Der Blick war auch nicht herablassend gewesen. Ich war total verdattert und schaute schnell woanders hin. Aber ihr Zuzwinkern und ihre leichte und unbekümmerte Art und das in diesem Alter, dass war für mich schon ziemlich außergewöhnlich gewesen und sie war für mich von da an schon etwas ganz Besonderes.

Die zweite und weitere Begegnung die ich mit ihr hatte, war letztes Jahr im Wald, in der Nähe bei meiner Hütte. Es war Spätsommer und sehr heiß an diesem Tag. Ich hatte gerade das Dach von der Hütte mit Pech abgedichtet und wollte den Eimer mit Pech gerade wieder zurück zum Schuppen meines Onkels Jaron bringen, als ich sie dann plötzlich sah. Sie war allein und ging still den Waldweg entlang. Ich blieb abrupt und wie erstarrt stehen. Hatte sie mich gesehen oder gehört? Es schien jedenfalls nicht so. Ich ging vorsichtig in Deckung, denn ich wollte nicht, dass jemand mich hier und schlimmer noch, mein Baumhaus entdeckte. Warum ist sie allein? Sie hat doch sonst immer jemanden bei sich oder ist in Begleitung... Ich hatte sie jedenfalls noch nie alleine gesehen. Ich wurde neugierig. Wo geht sie hin? Was will sie hier? Ich entschied mich ihr in sicherem Abstand zu folgen. Zumindest soweit ich sie sicher verfolgen konnte.

Nach gut sechshundert Schritt und zwei Abzweigungen hatte ich dann auch schon eine Vermutung wohin sie gehen könnte. Es gab im Waldinneren eine kleine Lichtung mit einem kleinen Waldsee. Der Weg zu diesem Waldsee war schon ziemlich verwachsen. Jedoch kam man immer noch gut dadurch. Aber warum nahm sie diesen Weg und nicht den Weg von der anderen Seite des Waldes, der erstens für sie kürzer und zweitens besser passierbar für sie gewesen wäre? Und tatsächlich nach gut weiteren dreihundert Schritten erreichte sie den Waldsee. Obwohl dieser Ort wirklich schön war, kommt hier kaum noch jemand hier her. Das lag zum einen daran, dass es noch einen viel größeren See in Kaven gab und dieser mit seinem klaren Wasser und der guten Lage deshalb wohl bevorzugt wurde. Diesen Waldsee kannten nur die Wenigsten. Wozu dann auch wohl Mallen gehörte. Ich war zu neugierig und naja, ich wollte einfach noch nicht wieder zurück.

Mallen schlüpfte aus ihren Schuhen, ließ die Träger ihres Kleides von den Schultern und somit ihr Kleid von ihrem schmalen Körper gleiten. Mir stockte der Atem. Ihr Körper hatte zwar noch nicht die Reife einer erwachsenen Frau, aber ich fand sie war auch so schon wunderschön. Nachdem sie sich dann auch noch ihr letztes Kleidungsstück entledigt hatte, sprang sie mit einem gekonnten Hechtsprung ins Wasser. Trotz meiner Benommenheit sagte mir mein Verstand, dass ich weggehen sollte. Aber ich blieb und schaute ihr noch weiter beim Baden zu. Als ich mich dann doch etwas widerwillig aufmachte um zurück zur Hütte zu gehen, drehte ich mich nochmal zu ihr um. Was ich dann sah, hatte mich in eine Art Schockstarre versetzt. Mallen sah mich direkt an. Wir waren zwar immer noch rund zweihundert Schritte voneinander entfernt, aber ich meinte, dass sie zweifellos und völlig reglos zu mir herüber schaute. Ich rührte mich kein bisschen. Dann nach einer gefühlten Ewigkeit neigte sie, als sei nichts gewesen, ihren Oberkörper langsam zum Rückenschwimmen nach hinten. Ich atmete erleichtert aus und machte mich dann so schnell und leise wie möglich davon. Hat sie mich nun gesehen? Hat sie mich erkannt? Sie muss mich doch gesehen und erkannt haben! Aber warum hat sie dann so getan als ob nichts gewesen wäre? Warum hat sie nicht geschrien? Meinen Namen geschrien oder sonst was gemacht? Sie jedenfalls hat sich mir gegenüber danach nie etwas anmerken lassen. Aber warum? Vielleicht aber hat sie mich auch nicht gesehen und sie hatte nur zufällig in meine Richtung geschaut. Ich möchte das glauben. Aber, ich glaubte nicht wirklich daran.

Das waren die zwei einzigen aber ziemlich sonderbaren Begegnungen die ich bisher mit Mallen hatte. Das nun aber Mallen mit mir eine Stunde nachsitzen musste, ließ meinen Mund ganz trocken und meine Hände schwitzig werden. Mallen und ich... mein Gott... die Schöne und das Biest. War das der Grund für meine ungewöhnliche Angst in letzter Zeit gewesen...?

Nachsitzen

《Gewöhnliche Menschen überlegen nur, wie sie ihre Zeit verbringen. Ungewöhnliche Menschen versuchen sie auszunutzen.》
Arthur Schopenhauer

Nach der letzten regulären Stunde war es dann soweit, dass Mallen und ich in unserem Klassenraum unsere zusätzliche Stunde ableisten durften. Herr Klimp kam herein und gab uns die Aufgaben, die wir in dieser Stunde zu erledigen hatten. Mallen sitzt zwei Reihen weiter hinter mir. Die Aufgaben waren aus meiner Sicht nicht schwierig und gut zu schaffen. Nach gut einer dreiviertel Stunde völliger Stille zwischen mir und Mallen wurde ich schließlich mit meinen Aufgaben fertig. Da mir die Stille langsam unheimlich wurde und ich auch neugierig wurde wie weit Mallen war und was sie so hinter mir machte, drehte ich mich um und sah, dass sie scheinbar ebenfalls fertig mit ihren Aufgaben war, denn sie saß zurückgelehnt auf ihren Stuhl und starrte mich in aller Seelenruhe an.
"Was ist?" fragte ich ruppiger als ich eigentlich wollte.
Mallen zuckte zusammen und schien mich jetzt irgendwie erst richtig wahrzunehmen.
Ich war zutiefst enttäuscht von ihr, da ich eigentlich immer dachte, dass sie nicht so ist wie die anderen.
"Sag Bescheid, wenn du auch mein Gesicht aus der Nähe anglotzen willst." zischte ich daher nur böse.
Mallen schüttelte sich, so als ob sie sich erstmal aus ihrer tiefen Gedankenwelt wieder ins reale Leben zurückholen musste. "Tut mir Leid Rota, ich wollte dich nicht anstarren und schon gar nicht deine.., deine Hautfarbe." sagte sie fast schon etwas besorgt, so als ob sie Angst hätte ich würde sie nun falsch einschätzen.
Diese Reaktion hatte ich wiederum nicht von ihr erwartet. Warum kümmert es Mallen was ich von ihr denken könnte?
"Na denn.." brummte ich nur und drehte mich wieder zu meinem Tisch um.
"Naja, um ehrlich zu sein, ich habe mich nur gefragt warum du hier bist", hörte ich sie nun wieder hinter mir sagen.
"Wieso? Hat dir noch keiner erzählt, dass ich Jaden zu Beginn der ersten Stunde angeschrien habe?" antwortete ich ohne mich umzudrehen mit einer Gegenfrage.
"Doch, das hab ich schon mitbekommen. Aber das meinte ich auch nicht. Ich meinte eher.., ich wundere mich darüber warum du dich hier in der Schule immer so verhältst. Ich meine.., irgendwie passt das nicht zu dir."
Worauf will sie hinaus? Was meint sie mit -das passt nicht zu mir-?
"Wieso? Was meinst du denn welches Verhalten zu mir passen würde?" fragte ich nun neugierig geworden.
Mallen stand nun auf und kam auf mich zu. Ich schaute ihr ins Gesicht. Ihr Gesichtsausdruck war entspannt und irgendwie... ja, leicht amüsiert. Ich war wieder völlig verblüfft von ihr. Ihre aufgeweckten und strahlenden Augen, ihr Mund, ihre Figur und wie sie sich bewegte. Mein Gott und sie ist doch erst dreizehn. So benimmt sich doch keine Dreizehnjährige! Mallen setzte sich nun mir gegenüber an den Tisch und schaute mich noch etwas nachdenklich an, ehe sie antwortete.
"Also, wir gehen doch schon seit mehr als drei Jahren gemeinsam zur Schule und sogar in derselben Klasse, ja?"
"Richtig, und?" entgegnete ich.
"Ich bin neugierig und ich beobachte gerne, insbesondere die, die sich ganz anders verhalten als andere, oder... wie ich sie eingeschätzt hätte. Naja, und du jedenfalls, bist entschieden anders als die anderen."
Mir blieb die Spucke weg und glaubte gerade nicht was sie eben zu mir sagte. Sie, Mallen, konnte es wirklich sein, dass sie mich beobachtet und sich für mich interessiert?
"Inzwischen glaube ich sogar, dass du nicht wirklich der bist den du vorgibst zu sein." behauptete sie nun auch noch.
"Ähh? Und wer sollte ich nach deiner Meinung dann sein?" fragte ich perplex und war dabei meine Gedanken wieder richtig zu ordnen.
"Weiß ich nicht.., aber ich glaube, dass du stärker bist, als du uns allen glauben machen willst. Ich weiß, dass du kaum oder vielleicht sogar gar keine Freunde hast. Also..., tut mir Leid das ich das sagen muss, aber ich kenne jedenfalls keinen der mit dir befreundet sein möchte.."
Ich stöhnte innerlich. "Schön zu hören.. Danke!" gab ich meinen ironischen Kommentar dazu ab.
Mallen zuckte die Schultern und redete einfach weiter "Du scheinst jedenfalls nur Ablehnung zu bekommen. Aber ich wundere mich, wie jemand der von allen nur abgelehnt wird und somit auch keinerlei Anerkennung erhält, trotzdem immer noch die Kraft aufbringt.., weiter zu machen.., zur Schule zu gehen, seine alltäglichen Pflichten nachzugehen, oder..., sogar in einem Wald eine riesige Baumhöhle baut, die man nur dann entdeckt, wenn man direkt mit der Nase darauf stößt."
Ich konnte regelrecht spüren wie mir das Blut aus meinem Gesicht wich, als ich das von ihr hörte. Sie hat also tatsächlich meine Baumhöhle entdeckt.
Mallen rückte nun etwas näher zu mir.
"Besonders interessant finde ich, dass du trotz dieser inneren Stärke, die du aus meiner Sicht auch hast, dich immer wieder von diesen Idioten schikanieren lässt. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass du die Schikane irgendwie mit Absicht sogar provozierst und du dich mutwillig quälen lässt. Du bist nicht blöd oder sowas. Das weiß ich. Von daher kann ich mir gut vorstellen, dass du sogar ganz genau weißt, wie du dich wehren könntest, damit dich diese Idioten zukünftig nicht mehr ärgern. Die Frage ist nur.., warum? Warum lässt du das immer wieder mit dir machen?" fragte sie und sah mich dabei neugierig mit großen Augen an.

Ich fragte mich was sie sonst noch alles weiß? Scheinbar sieht sie Dinge, die andere nicht sehen und auch gar nicht sehen sollten, als ich wieder an meine Baumhöhle denken musste. Ich wollte erst sagen, dass ihr das erstens überhaupt nichts angeht und ich ihr das zweitens auch niemals sagen würde. Aber hier stellte Mallen die Fragen und nicht irgend jemand anderes. Auch musste ich überrascht feststellen, dass ich mich tatsächlich gerne mit ihr unterhielt und ich mich auch weiter mit ihr unterhalten wollte.
Ich seufzte schließlich "Du stellst Fragen...! Aber.. okay. Meine ehrliche Antwort..., ich weiß es selbst nicht genau. Zum einen will ich einfach auch nur in Ruhe gelassen werden und gebe ihnen dann einfach nur das, was sie von mir wollen; also.., das ich mich aufrege, herumschreie und so weiter. Meistens klappt das sogar ganz gut und sie lassen sie mich dann auch für eine Weile in Ruhe. Aber manchmal glaube ich auch, dass ich einfach nur dazu neige mich selbst, für das was und wie ich bin, zu bestrafen. Naja..., aber.. es könnte auch genauso gut sein, dass ich vielleicht wirklich nur Angst habe und ich tatsächlich so bin, wie ich mich nun mal verhalte.." beantwortete ich ihre Frage so ruhig und unbekümmert ich noch konnte. Die Antwort mag nicht gerade zufriedenstellend gewesen sein, aber wenn man bedenkt wie ungewöhnlich und wunderlich für mich diese ganze Situation hier mit Mallen war, dann hatte ich es in diesem Moment auch nicht besser sagen können und es war nun mal so, wie ich es gesagt hatte. Ich hatte keine Ahnung.

Mallen sah mich etwas ungläubig an und schien noch etwas darüber nachzudenken, bis sie schließlich ihren Kopf schüttelte. "Naja.. ist eigentlich auch egal.. Ob so oder so.. Ist vielleicht auch einer der Gründe was dich so interessant macht.."
Ich stutzte. Sie hat es schon wieder gesagt. Ist sie vielleicht doch nicht bei klarem Verstand und war doch nur verrückt?
"Und?... Willst du das nun herausfinden.. oder was?" fragte ich schließlich nur; anstatt zu fragen ob sie irgendwie ihren Verstand verloren hätte.
"Ja, könnte schon sein..." entgegnete Mallen mit einem Grinsen im Gesicht.
"Und was ist, wenn es da nichts Besonderes gibt...? Wenn ich letzlich doch nur so ein Weichei bin, der nur seine Ruhe haben will. Was dann?"
"Das glaube ich zwar nicht, aber was soll schon sein..? Dann habe ich mich halt geirrt. Aber.., ich habe zumindestens jemanden kennengelernt.., der versucht das Beste aus seiner Situation zu machen. Ist doch auch was, oder nicht?" sagte sie und lächelte mich dabei an.
Ich hatte Mallen schon oft lachen oder lächeln gesehen. Es entsprach ihrem Wesen und ihrer Frohnatur.. Aber es war schon etwas ganz anderes, wenn man von ihr ein Lächeln bekam. Dieses Lächeln war echt und es ließ mein Herz Purzelbäume schlagen. Verflucht! Wenn ich nicht schon rot wäre, dann wäre ich nun auf jeden Fall puterrot geworden. Mir war spätestens jetzt klar geworden, dass ich mich wohl in sie verliebt hatte. Aber das konnte und durfte nicht sein. Ich wäre ein Idiot, wenn ich glauben würde, das Mallen sich jemals in einem wie mich verlieben könnte. Sie sagte sie findet mich interessant. Na und? Man kann auch Scheiße interessant finden. Also.., sei kein Narr und bleib ruhig.

"Ich will mal so sagen..." fing ich nun an "es fällt mir schwer, zu glauben, dass du dich wirklich für mich interessierst.., insbesondere wenn man bedenkt was ich in der Vergangenheit alles so angestellt habe. Ist dir das denn egal..?"
"Nein, egal ist mir das natürlich nicht. Aber ich habe auch mitbekommen, dass du dich in dieser Hinsicht auch geändert hast. Du hältst dich doch nun von Jaden und seinen Leuten fern und versuchst nicht mehr zu ihnen zu gehören, oder nicht? Und wie ich das jetzt so sehe, hast du damit auch noch auch eine Menge Ärger im Kauf genommen.
Ich finde das ist ziemlich mutig und sogar anständig von dir gewesen. Außerdem glaube ich, als du diese Sachen getan hast, du einfach nur verzweifelt warst und das alles sonst auch gar nicht getan hättest."
Nun war ich gerührt und gleichzeitig so aufgewühlt, dass ich nicht wusste was ich darauf erwidern sollte und ich sie nur noch erstaunt ansehen konnte.

Dann hörten wir jedoch Schritte. Die Tür öffnete sich und unser Lehrer Herr Klimp betrat wieder den Klassenraum. "Die Stunde ist um. Ich hoffe sie haben Ihre Lektionen gelernt und haben die Aufgaben auch alle bewältigen können."
Wir standen beide zugleich auf und stellten uns in strammer Haltung in seine Richtung. "Haben wir Herr Lehrer!" sagte Mallen und nickte ihm einmal deutlich zu.
"Gut, dann geben Sie mir jetzt bitte Ihre Ausarbeitungen."
Wir gaben ihm schließlich unsere Arbeiten. "Sobald ich mir ihre Arbeiten angesehen habe und sie nichts mehr von mir hören sollten, ist die Sache für sie beide erledigt. Ich wünsche ihnen noch einen angenehmen Tag." Wir wünschten unserem Lehrer ebenfalls einen schönen Tag. Dann verließ Herr Klimp den Klassenraum wieder und Mallen und ich waren wieder allein.

Mallen drehte sich wieder zu mir um. "Ich muss nach Hause! Wenn Du möchtest können wir uns ja mal treffen und unser Gespräch dann weiter fortsetzen. Ich würde mir auch gern mal deine Baumhöhle von innen ansehen." sagte sie und irritierte mich dabei wieder mit ihrem Lächeln.
"Ohh..., ja.. ja natürlich, können wir das gerne mal machen." antwortete ich wieder völlig verdattert und konnte das alles immer noch gar nicht fassen.
"Wann...?" fragte Mallen nun aufgeregt und überlegte dann laut weiter nach.. "Also heute kann ich nicht. Ich bin schon mit Korda verabredet.., aber was ist mit morgen? Morgen dürfte gehen.. Ja, morgen geht. Morgen, nach der Schule?"
Mallen will sich tatsächlich mit mir treffen. Ich kann das alles immer noch nicht glauben...! Panik ergriff mich. -Reiß dich zusammen! Bleib ruhig!- wies ich mich schließlich wieder zurecht.
"Gut, morgen ist für mich in Ordnung. Wenn du willst können wir uns bei meiner Baumhöhle treffen. Die kennst du nun, leider.., mittlerweile ja." antwortete ich schließlich cooler als ich es von mir selbst in meiner Lage erwartet hätte. Mallen lachte, womöglich wegen meiner Bemerkung -leider-.
"Ja, dann bis morgen, Rota! Bei deiner Baumhöhle!"
"Ich freu mich schon.., bis dann, Mallen" verabschiedete ich mich ebenfalls und wunderte mich zutiefst über meine Worte: -Ich freu mich..?- Was war das denn? Sowas hatte ich ja noch nie gesagt! Außerdem sagte mir mein Gefühl, dass ich mich alles andere als darauf freute. Ich hatte jetzt ja schon ein ziemlich mulmiges Gefühl. -Ich freu mich schon-.. Oh Mann! Ich schüttelte den Kopf und machte mich schließlich auch auf dem Weg nach Hause.

Verborgene Kräfte

《Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.》
Friedrich Nietzsche

Auf dem Rückweg nach Hause dachte ich die ganze Zeit über das Gespräch mit Mallen nach. Ich war darüber immer noch ziemlich verwirrt. Was will Mallen von mir? Nie gab es jemanden der sich wirklich für mich interessierte oder der mit mir befreundet sein wollte und nun ausgerechnet... Mallen! Das vielleicht beliebteste Mädchen von ganz Kaven, was zu mindestens für den männlichen Teil von Kaven zutraf. Sie findet es interessant, dass ich mich aufgrund meiner Situation nicht unterkriegen lassen habe. Mir bleibt aber doch gar nichts anderes übrig als das Beste daraus zu machen. Würden denn andere sich anders verhalten? Jeder versucht doch irgendwie das Beste aus seiner Situation zu machen. Oder nicht? Auch habe ich nie daran gedacht, dass ich etwas Besonderes bin. Und wenn es etwas Besonderes an mir gibt, dann ist es nur dieses Feuermal, was mich blöderweise auch noch so unheimlich und teuflisch aussehen läßt. Aber vielleicht ist da wirklich mehr.. und Mallen hat vielleicht doch nicht ganz Unrecht, als sie andeutete, dass in mir mehr stecken könnte als ich nach außen immer zeige und ich mich möglicherweise auch körperlich meiner Haut wehren könnte. Und als ich nun so darüber nachdachte, kam mir nun auch der Gedanke, dass ich tatsächlich auch noch nie richtig an meine Leistungsgrenze gekommen bin. Alles was ich heben und bewegen wollte, habe ich meistens auch ohne weiteres Nachdenken machen können. Warum aber habe ich eigentlich nie richtig ausprobiert, wie stark ich wirklich bin und wo meine Grenzen sind. Jedes normale Kind versucht doch, ob spielerisch oder auf andere Weise, seine Grenzen auszuloten. Das habe ich nie richtig versucht. Warum eigentlich nicht? Gut, ich habe keine Freunde oder irgendwelche Spielkameraden mit denen ich mich hätte messen können. Trotzdem.., merkwürdig ist es schon.
Aber egal, was man noch nicht gemacht hat, kann man immer noch nachholen. Ich werde gleich bei meiner Baumhöhle angekommen sein und dort könnte ich ja mal ausprobieren wo meine Grenzen sind. Klimmzüge wäre vielleicht eine gute Möglichkeit..

Kurze Zeit später erreichte ich dann meine Baumhöhle. Ich kletterte schnurstracks meine Baumhöhle hinauf und fand auch schnell einen geeigneten Ast um daran Klimmzüge zu machen. Beim ersten Klimmzug merkte ich gleich, dass es für mich sehr anstrengend werden würde und ich durchaus viel Mühe hatte mich nur mit meiner Armkraft nach oben zu ziehen. Aber es gelang mir. Der zweite Klimmzug gelang mir ebenfalls, jedoch auch nur mit größter Mühe.. Ächzend schaffte ich auch noch den Dritten. Der vierte Klimmzug wurde dann zu einer echten Herausforderung und ich schaffte ihn nur mit äußerster Willenskraft. Enttäuscht hegrub ich auch langsam meine Hoffnung ungewöhnliche Kräfte zu besitzen. Trotzdem versuchte ich noch den fünften Klimmzug. Und dann passierte etwas Merkwürdiges. Auf halbem Weg, und an einem Punkt wo ich gerade aufgeben wollte, spürte ich auf einmal in meinen Armmuskeln ein minimales Nachlassen meiner Schmerzen, die mich dann wieder etwas höher beförderten und ich mit einem lauten Stöhnen auch den fünften Klimmzug schaffte. Obwohl ich total erschöpft war und meine Arme schmerzten, motivierte mich dies nun wieder auch den nächsten Klimmzug zu versuchen. Auch hier spürte ich, trotz heftiger Schmerzen im Oberarm, dass ich die Schmerzen aushalten konnte und diese sich nicht verschlimmerten. Ich bewältigte daher auch diesen sechsten Klimmzug. Ich versuchte es nun immer weiter und weiter.. Die Schmerzen ließen zwar nicht nach, jedoch schaffte ich alle Klimmzüge. Ich war nun beim dreiunddreißigsten Klimmzug und merkte, dass ich immer noch weiter machen konnte. Erst beim hundertsten Klimmzug hörte ich schließlich auf. Meine Arme schmerzten und brannten höllisch, aber mir war klar, ich hätte noch weiter und weiter machen können.

Scheinbar habe ich tatsächlich Kräfte in mir die ungewöhnlich sind. Ich war begeistert und finde es natürlich fantastisch diese verborgenen Kräfte zu haben, die mir vielleicht noch ganz nützlich sein konnten. Aber wieso und woher habe ich diese Kräfte? Und was kann ich sonst noch alles? Ich kletterte wieder von meiner Baumhöhle herunter und ging zum nächstbesten Baum. Der Baum hatte einen Umfang von rund eineinhalb Schritt. Habe ich die Kraft den Baum zu schütteln oder sogar umzukippen? Ich konnte es mir zwar nicht vorstellen und kam mir dabei auch ein wenig lächerlich vor, aber ich wollte es jetzt einfach wissen. Ich stämmte mich nun mit aller Kraft die ich aufbringen konnte, mit meinen Händen und meinem Körper gegen den Baum.
Es tat sich nichts.
Ich versuchte mich mit noch mehr Kraft gegen den Baum zu drücken. Nichts! Das einzige was passierte war, dass ich mich selbst vom Baum wegdrückte. Dann wurde mir klar, dass das so ja auch nichts werden konnte. Keine Bodenhaftung!

Ich schaute mich um. Weiter hinten lag ein umgefallener Malvenbaum. Ein Baum, den allerhöchstens ein erwachsener und wirklich starker Mann heben könnte, aber sicherlich nicht ein Junge in meinem Alter. Zwischen Wurzel und Baumkrone stellte ich mich unter dem Stamm. In gebückter Haltung packte ich den Stamm mit meinen Händen und versuchte den Baumstamm nun hochzustemmen. Ich drückte mit aller Kraft und dachte dabei noch.. -was für ein Blödsinn machst du da eigentlich-.. Ich bemerkte wie ich mich selbst tiefer in den Waldboden drückte, aber nur bis zu dem Punkt wo der Boden eine Festigkeit hatte den Druck meiner Füße zu halten. Doch dann, als ich schon fast aufgeben wollte und mit noch mehr Kraft gegen den Baum drückte, bemerkte ich tatsächlich dass sich der Baum etwas bewegte. Dies ermunterte mich dazu noch stärker zu drücken. Dann endlich schaffte ich es diesen Koloss von Baum, zu heben und neben mir wieder fallen zu lassen. Unglaublich! Mein Gott..! Wahnsinn..! Habe ich das wirklich gerade geschafft? Meine Muskeln, Arme, Beine, Rücken brannten und schmerzten.. Aber das war mir in diesem Moment egal. Schmerzen kommen und gehen für gewöhnlich ja auch wieder...

Was mache ich nun mit dem Wissen, dass ich ungewöhnliche Kräfte habe? Setze ich diese ein um mich gegen Jaden und die anderen, die mich täglich schikanieren und ärgern, zu wehren? Was würde passieren? Sie würden vielleicht damit aufhören..., aber ob sie mich dann respektieren würden..? Das wagte ich sehr zu bezweifeln. Ich denke sie würden eher vorsichtiger sein und wenn sich irgendwann dann eine günstige Gelegenheit bietet, dann würden sie diese Gelegenheit vielleicht auch nutzen um mich so richtig fertig zu machen. Nein.., von daher wäre es besser, wenn ich es für mich behalte und geheim halte. Besser und vor allem spannender ist es doch diese außergewöhnlichen Kräfte nur dann, wenn es wirklich notwendig ist einzusetzen. Die Überraschung wäre dann jedenfalls auf meiner Seite. Eigentlich war ich jemand der kaum oder fast nie lächelte, aber in diesem Moment schlich sich dann doch ein Lächeln in meinem Gesicht.

Zuhause

《Allein sein zu müssen ist das Schwerste, allein sein zu können das Schönste.》
Hans Krailsheimer

Als ich schließlich Zuhause ankam war es schon ziemlich spät. Petra, Justin und Sophia hatten bestimmt schon zu Mittag gegessen. Ich hoffte, dass sie nicht auf mich gewartet haben, denn wenn sie gewartet haben, werden sie mir dies bestimmt wieder gerne vorhalten und mich übelst beschimpfen. Wie lange sie doch auf mich gewartet hätten.., was sie nicht alles in dieser Zeit hätten machen können und, und, und. Aber.. egal, sollen sie doch! Diesen Tag, denke ich, können auch sie mir nicht mehr vermiesen.

Wie befürchtet kam mir Justin auch gleich am Hauseingang entgegen.
"Ohh.. da ist ja unser Rota! Kommt so mir nichts dir nichts, wie es ihm halt gerade so gefällt nach Hause und möchte selbstverständlich nun sein Mittagessen vorgesetzt bekommen! Hmmm? Ist doch so.. oder?"
Dabei kam er übertrieben nah an mich heran und schaute mir mit einem irren Blick in die Augen.
"Du egoistischer Taugenichts.., weißt du eigentlich wie lange wir wiedermal auf dich Nichtsnutz gewartet haben...?"
Als ich mich gerade versuchte zu erklären, wurde ich auch schon kopfschüttelnd von Justin weggeschupst. Ich prallte gegen die Wand und verlor das Gleichgewicht und fiel schließlich zu Boden. Justin beugte sich nun über mich.., wobei seine ach so wunderschönen, langen, blöden Haare mir ins Gesicht fielen und mir auch noch die Sicht nahmen.
"Du bist so ein..., ach.. das hat sowieso keinen Sinn mit dir!" zischte er, stieß mir noch seine Faust gegen meinen Kopf und ging dann wütend an mir vorbei in sein Zimmer. Wobei er daraufhin noch kräftig die Tür hinter sich zuschlug.

Nun kam Petra aus der Küche und sah mich auf dem Boden liegen. "Rota! Wo um Himmelswillen warst du?" schimpfte sie, "Wir haben so lange auf dich gewartet. Kannst du dir nicht vorstellen, dass wir uns vielleicht auch Sorgen machen, wenn du nicht kommst?" und schaute nun wütend zu mir herunter.
Sie, die sonst immer die Ruhe in Person ist und sich so gut wie nie über etwas ärgert oder aufregt.
Ich schaute schließlich zu ihr hoch.
"Ich musste in der Schule eine Stunde länger bleiben.., das ist alles.. und mehr gibt es dazu auch nicht zu sagen." und fügte wütend, wie ich war, noch hinzu: "Rechnet doch einfach in Zukunft immer damit, dass ich eine Stunde oder sogar noch später komme, dann braucht ihr euch auch keine Sorgen zu machen."
"Werde nicht auch noch frech! Wir haben dich in unsere Familie aufgenommen und du dankst es uns immer wieder mit deinen ständigen Frechheiten!"
Wir sahen uns nun beide wütend an. Ich entschloss darauf nichts weiter mehr zu sagen. Sie atmete schließlich tief durch und seufzte.
"Komm erst mal hoch und setz dich in die Küche. Du solltest jetzt denke ich erst einmal etwas essen." Das hörte sich schon besser an. Ich stand auf und wir gingen schließlich in die Küche. Wie ich überrascht feststellen musste, saß Sophia noch am Küchentisch. Sophia, so wurde mir jetzt erst bewusst, hatte ich auch schon seit Tagen nicht mehr gesehen. "Hallo Sophia..!" sagte ich so leise und so zaghaft, dass ich mir am liebsten auf der Stelle selbst hätte in den Arsch treten können. Warum bin ich immer so.. duckmäuserisch? Sophia hatte es eigenartigerweise plötzlich eilig. Sie stand mir nichts dir nichts auf, nahm flugs ihre Sachen in die Hand, presste gerade noch ein kurzes "Hallo Rota" aus sich heraus und ging, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, im großen Bogen um mich herum zu ihrer Mutter und gab ihr schnell noch einen flüchtigen Kuss auf die Wange. "Mumm ich muss jetzt gehen. Hab dich lieb!" sagte sie noch und sah mich dabei kurz noch mit einem geringschätzigen Blick an. Dann verließ sie die Küche und war damit auch schon verschwunden. Eingebildete Ziege!
"Hab dich auch lieb!" rief Petra noch zu Sophia hinterher und schaute mich dann mit einem Blick an, der wohl sagen sollte, dass das wiedermal das typische Ergebnis meines ganzen Verhaltens war.
"Ich hab euch auch ganz doll lieb!" erwiderte ich übertrieben herzlich darauf und sah sie im Gegensatz zu meinem Gesagten alles andere als liebevoll an. Petra atmete einmal tief durch, schüttelte enttäuscht ihren Kopf, faselte noch ein paar Worte zu sich selbst, wie: -"lass es doch einfach... es macht ja doch kein Sinn.."- und ging ohne weiter darauf einzugehen an mir vorbei zum Herd. Sie gab mir schließlich noch den Rest vom verbliebenen Gemüseeintopf, den ich dann komplett auch aufgegessen habe. Petra aber war kurz danach dann auch schnell verschwunden. Sie entschuldigte sich, da ihr noch einfiel, dass sie wohl noch mit ihrer Freundin verabredet war.

Mir war's egal. Ich war sogar froh, dass ich jetzt wieder alleine war und nicht irgendwelche Fragen beantworten oder mir weitere Vorhaltungen anhören musste. Ich hatte nun erstmal wieder meine Ruhe.

Treffen

《Ein schöner Moment ist letztlich der zählt, denn dieser ist es, der für immer hält.》
-Verfasser unbekannt-

Am nächsten Tag nach der Schule war es dann soweit, dass ich zum ersten Mal mit Mallen verabredet war. Zuhause hatte ich Petra gesagt, dass ich heute nicht zum Mittagessen komme und erst gegen Abend da sein werde. In der Schule war heute, bis auf die Tatsache das Jaden mich wie üblich beleidigte und demütigte, ansonsten nichts weiter Nennenswertes passiert. Den ganzen Vormittag war ich schon ziemlich unruhig und aufgeregt gewesen, und je näher der Zeitpunkt unseres Treffens rückte umso nervöser wurde ich. Ich konnte es irgendwie immer noch nicht richtig glauben, dass ich mich mit Mallen nach der Schule treffe. Mit Mallen! Hatte ich sie überhaupt richtig verstanden? Vielleicht hatte sie auch nur gesagt, dass man sich vielleicht mal treffen könnte.., oder so ähnlich. Ich war mir da absolut nicht mehr sicher. Oder hält sie mich doch nur zum Narren? Vielleicht hat sie das alles mit anderen geplant, nur um mich zu veräppeln. Haha! Er hat doch tatsächlich geglaubt Mallen würde sich mit ihm treffen wollen.. Hahaha! Wie blöd muss man sein? Hahahaaa!
Ich konnte mir das zwar nicht wirklich von Mallen vorstellen, aber sicher war ich mir da auch nicht, zumal Mallen ja sogar dafür bekannt war, zu vereinbarten Treffen einfach nicht zu erscheinen.
Und was wäre wenn alles doch ernst gemeint war und Mallen tatsächlich kommt? Was sollte ich dann mit ihr die ganze Zeit anfangen? Ich wüsste kaum worüber ich mich mit ihr unterhalten sollte oder was wir sonst so machen könnten. Klettern? Naja, verrückt genug scheint Mallen dafür ja zu sein.
Meine Nervosität erreichte schließlich ihren Höhepunkt als ich meine Baumhöhle erreichte und dann auf Mallen warten musste. Mein Herz donnerte mir gegen die Brust. Fahrig wie ich war, versuchte ich mich ständig irgendwie abzulenken und versuchte unter anderem auch ein paar Verbesserungen an meiner Hütte vorzunehmen. Aber ich merkte schnell, dass ich in meiner gegenwärtigen Verfassung alles eher nur verschlimmbesserte. Ich ließ es daher bleiben und setzte mich auf meinem Stuhl in meiner Hütte. Dann aber endlich hörte ich irgendwann Geräusche, wie jemand sich meiner Hütte näherte.
"Rota?" Das war Mallens Stimme. Sie ist also tatsächlich gekommen. Ich schüttelte meine Angststarre ab, stand auf und ging vor der Tür meiner Baumhöhle.
"Hallo Mallen, warte.. ich lass gleich die Strickleiter runter."
Ich selbst nahm bevorzugt immer gerne den Kletterweg, aber ich hatte auch eine Strickleiter gebaut um das man damit bequemer die Baumhöhle erreichen konnte. Ich selbst aber hatte nur einmal diese Strickleiter benutzt und das, war auch nur deshalb um zu testen ob die Strickleiter überhaupt funktionierte. Als ich die Strickleiter jedoch gerade herunter lassen wollte, kam Mallen mir aber schon gleich auf dem Kletterweg entgegen. Mallen trug praktischerweise sogar eine Hose. Es war nicht ungewöhnlich in Kaven, das Frauen und Mädchen auch Hosen trugen, aber es kam nicht häufig vor. Ich selbst fand das Mädchen und Frauen allgemein in Hosen eher unvorteilhaft aussahen. Bei Mallen hingegen musste ich zugeben, dass ihr die Hose sehr wohl stand und ihre schöne und athletische Figur dadurch viel besser zur Geltung kam. Als sie dann schließlich kletternd meine Baumhöhle erreichte, sah sie mich kurz und dann die Hütte genauer an.
"Hallo Rota.., tolle Hütte hast du hier! Wahnsinn..!" und sah mich dann mit einem Lächeln erwartungsvoll an. "Und...? Darf ich rein?" fragte sie nun aufgeregt.
Ich ging beiseite und öffnete die Klapptür zu meiner Baumhöhle. Mallen ging rein und schaute sich schließlich in meiner Baumhöhle um. Sie ging wortlos von einem Ausguck zum anderen, sah sich meine bescheidenen Möbel und meinen Liegeplatz genauer an, bis sie sich schließlich auf dem Hocker hinsetzte und mich wieder ansah. Ich selbst war wieder so von ihr fasziniert, dass ich ihren Blick nicht lange standhalten konnte und ich mich schließlich wegdrehte und so tat als ob mich irgendetwas am Rücken juckte.
"Wahnsinn! Und das hast du alles allein gebaut? Schon allein die Größe..., irre! Von außen gesehen wirkt alles viel kleiner und dann hier..., puh, doch so ... ja riesig.. Ich wusste, dass in dir sehr viel mehr steckt als du nach außen hin immer zeigst. Aber das hier.. Ich wette das Ding..., dein Baumhaus hier..., ist sogar absolut sturmfest. Nass wird man hier bestimmt auch nicht, oder?"
"Stimmt, nass... wird man hier nicht." sagte ich nun nicht ganz ohne Stolz.
"Aber wie konntest du so etwas ganz alleine bauen? Wer hat Dir das beigebracht? Dein Onkel?"
"Nee, der nicht", allein die Vorstellung, dass Jaron mir was beibringen wollte war so absurd für mich, dass ich mich schon zusammenreißen musste um nicht laut auflachen zu müssen.
"Ich durfte aber vor zwei Jahren in den Schulferien beim Wiederaufbau des abgebrannten Lagerhauses von der Schmiede mithelfen und da habe ich so Einiges gelernt und mir abgeguckt." beantwortete ich ihre Frage ausgesprochen schmeichelhaft für mich, denn ich hatte damals nicht gerade freiwillig mitgeholfen. Die Wahrheit war nämlich die, dass ich damals aufgrund einer meiner Dummheiten dazu verdonnert worden bin beim Wiederaufbau mitzuhelfen.
Da ich wohl die Hoffnung hatte doch noch mal in Jadens Gunst vielleicht aufsteigen zu können, sollte ich nämlich die Fenster vom Haus des alten Schmied's Gruben einwerfen. Das hatte ich auch ganz erfolgreich getan. Dummerweise hatte mich jemand dabei gesehen und mich verpfiffen. Und wer dieser jemand war, war mir im Nachhinein auch ganz klar.
Mein Onkel und der alte Gruben einigten sich jedenfalls darauf, dass ich die ganzen Sommerferien, als Wiedergutmachung, beim Wiederaufbau des verbrannten Lagerhauses mithelfen sollte. Die Zeit die ich dann dort erlebten musste, war für mich nicht gerade die angenehmste gewesen. Aber wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke, war diese Zeit für mich keine verlorene Zeit gewesen. Ganz im Gegenteil.
Sie schaute mich zunächst schweigend an, bis sie dann doch wieder eine Frage stellte. "Wieso hast du diese Hütte eigentlich gebaut? Ich meine.., war es einfach nur.. weil du Lust hattest etwas zu bauen oder gab es hierfür einen besonderen Grund?"
Ja, warum habe ich diese Hütte eigentlich gebaut? Ich überlegte, bis ich schließlich sagte: "Mir hat es auf jeden Fall Spaß gemacht etwas nur für mich zu bauen., naja, und ich denke..., weil ich mir hier auch ein Platz schaffen wollte, wo ich mich einfach wohl und irgendwie sicher fühlen kann."
Sie nickte und schaute dabei wieder aus dem Ausguck. "Kann ich mir gut vorstellen. So einen Ort wünschen sich, glaube ich, viele." sagte sie schließlich und drehte sich wieder zu mir um. "Und..? Was hast du anzubieten?"
"Wie? Was meinst du? Was habe ich anzubieten?" fragte ich nun verdutzt.
"Ich meine.., ich bin doch dein Gast, oder? Und einem Gast bietet man doch für gewöhnlich etwas an.." antwortete sie und schaute mich dabei ein wenig neckisch an.
Ich musste grinsen. "Ich habe gesehen, dass du klettern kannst und ich glaube, dass du das vielleicht sogar gerne machst.. Was hältst du davon, wenn ich dir ein paar wirklich tolle Plätze zum Klettern zeige?"
Sie schaute mich erst überrascht, dann dankbar und freudig an. "Da bin ich dabei! Ich liebe Klettern!"
"Gut!." sagte ich "..dann können wir ja gleich mit diesem Baum anfangen. Wenn wir oben sind, ich kann dir sagen..., die Aussicht ist wirklich traumhaft.. Aber, was sage ich..! Du wirst es ja selbst gleich sehen. ".

Wir machten uns schließlich auf und kletterten dann diesen Baum bis fast zur Spitze hoch. Der Baum gehört zu den höchsten Bäumen in diesem Wald und ist vielleicht fast fünfzig Schritt hoch. Mallen, erwies sich hierbei auch als wirklich geschickte Kletterin. Obwohl ich von ihr auch nichts anderes erwartet habe. Sie war stets in allem was sie machte sehr gut.. und da gab es, soweit ich wusste, bisher auch nie eine Ausnahme. Als wir schließlich oben angekommen waren, genoss sie diesen Augenblick und diese Aussicht. Dieses Glücksgefühl, was sie offensichtlich verspürte, war echt und ich empfand zum ersten Mal ebenfalls einen Moment des Glücks, da ich zum ersten Mal in meinem Leben jemandem eine Freude machen konnte. Das war für mich ein derart schönes Gefühl, was ich so noch nie erlebt hatte. Als wir dann doch irgendwann nach einiger Zeit wieder nach unten geklettert waren und wir uns wieder in meiner Hütte befanden, war es auch schon später geworden, als wir angenommen hatten.
"Ich würde immer wieder gern nach oben zur Spitze des Baums klettern.. Es war.. aufregend und die Aussicht ist dort wirklich atemberaubend schön." schwärmte Mallen immer wieder.
"Wenn du möchtest, können wir das gerne mal wiederholen. Oder nur du, je nachdem wie du willst.. Aber, es gibt zum Klettern auch noch andere schöne Bäume in diesem Wald, die auch so ihren Reiz haben. Und wenn du Lust hast, könnte ich dir die vielleicht auch noch mal gerne zeigen."
"Möchte ich!" sagte sie sofort und grinste mich dabei ziemlich schräg an.
"Mallen.., " ich machte eine Pause und wurde nun ernster "sag mal, warum gibst du dich eigentlich mit mir ab? Irgendwie verstehe ich das nicht. Jeder würde dich liebend gern zur Freundin haben und mit dir die Zeit verbringen.. und du, du verbringst nun deine Zeit mit mir. Mit mir, dem wohl unbeliebtesten und ungeheuerlichsten Typen in ganz Kaven?"
Mallen hob die Augenbrauen und sah mich mit einem nachdenklichen Lächeln an. "Ich finde nicht, dass du ungeheuerlich bist. Ungewöhnlich bist du.. das könnte sein, ja.., aber wie ich dir auch schon gesagt habe.. du bist anders und es ist mit dir nicht langweilig. Ich finde es... irgendwie... spannend wie du so bist und was du so alles machst und kannst. Und die anderen.., Korda, Maja, Greta oder wen ich von meinen sogenannten Freundinnen auch nenne.. Entweder es dreht sich bei ihnen nur um ihr blödes Aussehen oder es geht immer um die gleichen Themen. Als da wären...: Wer von den Jungs am Peinlichsten, am Blödesten, am Tollsten oder was auch immer ist.. Und die anderen Jungs.. naja, die kennst du selbst besser als ich."
"Du langweilst dich?" fragte ich selbst überrascht von mir, dass ich ihr diese Frage gestellt hatte.
Sie seufzte. "Ja, ich fürchte das tue ich... Immer die gleiche Leier, die gleichen Sprüche, das gleiche Getue und Gehabe. Und wenn man sich verändern oder mal was anderes machen möchte, wird man von allen nur blöd angeguckt... - ohh das macht man aber doch nicht- -reiß dich zusammen, was sollen die anderen denken- -du machst dich ja lächerlich..- Bah! Glaub mir.., ich kann es nicht mehr hören. Dabei möchte ich doch nur mal was erleben oder einfach nur einmal was anderes machen.."
Mallen langweilt sich und nun hat sie mich, ausgerechnet mich, als Zeitvertreib ausgewählt. Das erstaunte mich nun doch ein wenig. Ich dachte darüber nach und schließlich fiel mir Jake ein. "Was ist mit den anderen, die zum Beispiel nicht in unserer Klasse sind? Wie beispielsweise Jake Flanders?"

Jake geht in die Sechste und ist damit zwei Klassen über uns. Er ist für viele so eine Art Held. In vieler Hinsicht ist er jedenfalls ein Vorbild. Er gilt als aufrichtig, ehrlich und er besitzt Anstand. Hinzu kommt, dass er auch noch gut aussieht. Er ist zwar kein Schönling, aber er hat eine gewisse Ausstrahlung. Vor ein paar Jahren hatte er sich einmal für einen Jungen eingesetzt, der verbannt werden sollte, weil er angeblich seine Mutter getötet haben soll. Der Junge war nicht gerade beliebt und galt auch als sehr schwierig. In dieser Sache hatte Jake jedenfalls viele gegen sich aufgebracht und musste dabei sogar so Einiges erleiden. Jake hatte aber letztendlich beweisen können, dass der Junge möglicherweise wohl doch nicht der Mörder sein konnte. Warum aber Jake sich für ihn so eingesetzt hat, ist für viele immer noch ein Rätsel. Soweit ich mitbekommen habe, hat der Junge sich wohl auch nie bei Jake bedankt. Er soll ihn im Gegenteil sogar später noch übel beleidigt und beschimpft haben. So erzählt man sich jedenfalls. Aber wie er sich für ihn eingesetzt hatte, hatte Jake viel Respekt und Bewunderung eingebracht.

Mallen überlegte kurz, bis sie schließlich seufzte. "Okay, Jake ist eine Ausnahme. Aber er ist in der sechsten Klasse und er hat bestimmt kein Interesse daran mit mir -kleines Kind- die Zeit zu verbringen!"
Das sah ich zwar anders, denn ich hatte des Öfteren beobachtet wie Jake manchmal unauffällig und heimlich Mallen ansah. Und bei Mallen, wenn ich mich nicht getäuscht hatte, hatte ich ähnliches beobachtet, wie sie nämlich manchmal heimlich Jake beäugte. "Magst du Jake?" fragte ich nun Mallen gerade heraus.
"Ich kenne ihn leider zu wenig, aber was man so von ihm hört, scheint er ganz in Ordnung zu sein. Was hältst du denn von ihm?"
Mir selbst hatte Jake auch schon einmal wegen seiner blöden Mitschüler geholfen, die mich eines Tages aufgelauert und mich an einem Baum gefesselt hatten. Sie wollten mal sehen ob die Haut eines Teufels, die ich ja offensichtlich haben soll, überhaupt brennen kann. Ob zufällig oder nicht, Jake kam. Er war allein und sie waren zu dritt. Jake blieb cool und fragte nur was ich denn getan hätte, dass man mir das hier antun wollte. Wahrheitsgemäß sagte ich natürlich, dass ich gar nichts getan habe. Jake wird von seinen Mitschülern respektiert und es bedurfte auch nicht vieler Worte von Jake und sie ließen mich schließlich in Ruhe. Als die Jake's Mitschüler dann weggegangen waren, bedankte ich mich bei ihm noch. "Idioten gibt's immer! Da kann man wohl nichts machen..., von daher... mach’s gut und pass auf dich auf!" Dann ging Jake weiter.

"Er hat mir vor einiger Zeit mal aus der Patsche geholfen. Er und du seid jedenfalls bisher die Einzigen die mich nicht wie eine Missgeburt oder ein Ungeheuer behandelt haben. Von daher gehört Jake für mich zu einen der wenigen, zu dem ich nichts Schlechtes sagen kann." beantwortete ich schließlich Mallens Frage.
"Ich finde du siehst für eine Missgeburt aber recht passabel aus."
"Mallen..! Ich sehe wie eine Ausgeburt der Hölle aus..!"
"Ach hör auf, Rota! Du magst wegen deiner Gesichtsfarbe vielleicht eine teuflische Erscheinung haben und für viele vielleicht auch unheimlich wirken. Aber..., meiner Meinung nach.. kann auch ein Teufel durchaus gut aussehen und ich finde du siehst für mich zumindestens... interessant aus." sagte sie augenzwinkernd und mit einem Lächeln.
Ich seufzte und erwiderte schließlich: "Wenn du's sagst.., dann sollte ich mich demnach wohl sogar glücklich schätzen.. oder was?"
Sie nickte "Vielleicht kannst du das sogar und wer weiß was der liebe Gott mit dir sonst noch alles vorhat?"
"Oder.. der Beelzebub!" ergänzte ich leise.
Mallen lachte, "Gut.. was soll‘s.. oder vielleicht auch der.".
"Es ist spät geworden.., Mallen, ich muss mich langsam auf den Weg nach Hause machen."
Mallen nickte. "Ja, ich weiß, ich werde wahrscheinlich schon selbst von meinem Vater zu Hause vermisst."
Mir schwirrten nun viele Gedanken durch den Kopf. Alles hatte sich irgendwie verändert und war nicht mehr so wie es mal war. Es war ein wunderschöner Tag für mich gewesen und ich hatte diesen Tag mit Mallen verbracht und ihr hat der Tag scheinbar ebenso gut gefallen wie mir. Hinzu kommt, das Mallen mich nicht abstoßend findet und mich vielleicht tatsächlich sogar mag. Etwas völlig Neues für mich. Aber wie soll das hier weitergehen? Wie wird sie sich morgen in der Schule mir gegenüber verhalten? Wird sie mit mir reden, wie wir es hier getan haben? Für mich und vielleicht auch für viele anderen Schüler unserer Klasse, insbesondere Jaden und seine Leute, ein unvorstellbarer Gedanke.
"Warte, bevor du gehst, Mallen. Wie wirst du dich morgen in der Schule mir gegenüber verhalten? Ich meine...."
Mallen schaute mich verdutzt an. "Wieso? Ich werde mich natürlich in der Klasse neben dich setzen. Ich meine warum sollte ich mich noch neben der albernen Greta setzen.., wo du mir doch nun viel lieber bist." Dann grinste sie jedoch wieder. "Nein, keine Angst, wenn du willst, dann ist dies hier unser Geheimnis.... Vorausgesetzt ich darf wiederkommen." sagte Mallen.
"Ich würde mich jedenfalls freuen wenn du wiederkommen würdest.." sagte ich.
"Und wann wollen wir uns hier wieder treffen?" fragte sie nun.
"Wann du möchtest."
"Dann nächste Woche? Gleiche Zeit?"
Ich nickte und sagte nur: "Ja, klar!".

Es vergeht ein Jahr...

《In drei Worten kann ich alles zusammenfassen, was ich über das Leben gelernt habe: Es geht weiter.》
Robert Frost

Und so kam es, dass wir uns öfters und fast regelmäßig in meiner Baumhöhle trafen. Wir erkundeten neue Kletterbäume und nahmen weitere Verbesserungen an der Baumhöhle vor. Wir erweiterten die Hütte sogar um eine weitere Etage, die zwar wesentlich kleiner als die eigentliche Baumhöhle war, aber sich als recht nützlich erwies. Auch nahmen wir häufig Zisko mit, mit dem wir dann häufig den Wald durchstreiften und er immer ein willkommenes Mitglied in unserer kleinen Gesellschaft war.
Mallen redete dabei immer ohne Unterlass. Ich erfuhr so vieles von ihr, dass ich mir manchmal schon einbildete ich würde sie schon mein ganzes Leben kennen. Vorallem redete sie viel über ihrem Vater, dem sie wohl so vieles, was in ihrem Leben gut war, verdankte. Er war ihr großer Rückhalt. Bei ihm fühlte sie sich geborgen und durfte so sein wie sie war. Er sagte ihr nie, dass sie sich so oder so zu verhalten hatte. Sie konnte machen was sie wollte und waren es auch noch so blöde Sachen. Er verurteilte sie nie und sie genoss sein vollstes Vertrauen. Das einzige jedoch, was sie an ihrem Vater störte war seine Gottesfürchtigkeit. Morgens, mittags, abends betete er und wenn es möglich war, und es für ihn auch sinnvoll erschien, dann auch noch dazwischen. Johnas Goldan war strenggläubig und ihm missfiel es sehr, wenn jemand gegen seine Vorstellungen, was gut und was böse war, verstieß. Immerhin war er gegenüber Andersdenkende noch tolerant genug um deren Ansichten zu respektieren, oder gnädig genug um jemanden eine zweite Chance zu geben, wenn derjenige gegen einer seiner Glaubenssätze verstieß. Mallen selbst, konnte an seiner Frömmigkeit jedenfalls wohl nichts abgewinnen, denn sie sagte nur einmal etwas zu diesem Thema und das war, dass sie Gott selbst nie gesehen habe und er sich ihr auch nie gezeigt hatte und alles andere nur auf Glauben basiert und letztendlich keiner wirklich weiß ob es so etwas wie ein übernatürliches Wesen überhaupt gibt, der all unser Tun und Handeln überwachen und womöglich sogar beeinflussen kann.
Ich selbst konnte ihre Meinung über ihren Vater aber nicht teilen. Die Begegnungen die ich mit Johnas Goldan hatte, waren für mich immer heikel und problematisch gewesen. Obwohl es sich eher nur um Belanglosigkeiten gehandelt hatte, musste ich sonderbarerweise trotzdem zweimal schon zu ihm hin, da er in seiner Rolle als Bürgermeister darüber zu entscheiden hatte, wie man mit meinen Verfehlungen verfährt. Eines war mir aus diesen Begegnungen zumindestens klar geworden, Johnas Goldan misstraut mir aufs Äußerste und er hält mich vermutlich auch für denjenigen, dem ich scheinbar auch so ähnlich sehen soll. Aber all das sagte ich Mallen natürlich nicht.

Was die Schule anbetraf gaben Mallen und ich unsere Freundschaft nicht zu erkennen. Wir sprachen in der Schule nicht miteinander und halfen uns auch gegenseitig nicht, auch wenn wir, oder besser gesagt ich nur, mal in Schwierigkeiten gerieten. Ich war immer noch ein Außenseiter in der Schule und ließ mich wie sonst auch von den anderen, insbesondere natürlich von Jaden, schikanieren und ärgern. Es machte mir jedoch immer weniger etwas aus. Mallen hingegen pflegte weiter ihren Umgang mit ihren Freundinnen und gab sich so, als würde ich in ihrer Welt nicht existieren. Wir selbst reden auch nur sehr selten über die Schule und was dort vorfiel. Wenn wir uns trafen, dann ging es ausschließlich nur um das, was wir in dieser Zeit machten oder machen wollten. Und Mallen verfügte in dieser Hinsicht über ein nahezu unerschöpflichen Vorrat von Einfällen was man alles so machen konnte. Es war unsere eigene Welt, die wir in den Zeiten unserer Treffen aufgebaut haben und nichts oder niemand sollte uns in dieser Zeit stören.

An den Tagen wo ich mich nicht mit Mallen traf, hatte ich meine verborgenen Kräfte weiter erforscht und diese ausprobiert. Bei den Übungen, die ich dann gemacht hatte, kam ich jedoch immer mehr zu der Überzeugung, dass ich nicht außergewöhnlich stark war, sondern vielmehr nur ungewöhnlich viel an Schmerzen aushalten konnte. Ab einer gewissen Schmerzgrenze hörte der Schmerz bei mir einfach auf zuzunehmen und das wiederum verhilft mir dann Außergewöhnliches zu leisten und gleichzeitig damit auch stärker zu werden. Auch gewöhnte ich mich bei diesen Übungen immer mehr an die Schmerzen. Die Schmerzen waren zwar genauso intensiv wie sonst, aber das Wissen darüber, dass der Schmerz nicht weiter zunahm, ließ mich nun wesentlich mehr leisten, als es vorher der Fall war. Bisher hatte ich meine Kräfte noch keinem gezeigt, aber nach gut mehr als einem Jahr, nachdem Mallen und ich Freunde wurden, sollte es schließlich das erste Mal dazu kommen.

Alles ändert sich...

《Veränderung kann schmerzhaft sein, aber nichts schmerzt mehr, als dort zu bleiben,
wo man nicht hingehört.》
-Verfasser unbekannt-

Es war ein Spätsommertag und ich war gerade bei meinen Nachbarn Marla und Debbie Gruden gewesen und hatte anschließend Zisko zu meiner Baumhöhle mitgenommen. Heute wollte ich endlich die Sitzbank fertigstellen, die ich schon vor einigen Wochen angefangen hatte zu bauen. Die Baumhöhle war mittlerweile richtig wohnlich geworden und ich konnte mir inzwischen sehr gut vorstellen hier mal zu übernachten oder sogar für einen längeren Zeitraum, wenn es mal die Not erforderte, hier zu leben.

Als ich dann mit Zisko die Baumhöhle erreichte, musste ich plötzlich überrascht feststellen das hier absolut etwas nicht stimmte. Wieso so viel Holz um meinen Baum? Mein Herz fing an schneller zu schlagen. Entsetzen packte mich und ich musste erkennen, dass es das Holz von meiner Baumhöhle war, das überall zerstreut um den Malvenbaum herumlag. Meine Baumhöhle, woran ich über mehr als vier Jahre lang gearbeitet hatte, mein ganzer Stolz, war völlig zerstört. "Nein.., das kann nicht wahr sein" murmelte ich erst zerstreut und wollte das nicht wahrhaben was ich gerade sah. Ich rannte um den Baum herum, ich schaute zum Baum hoch, dann wieder um mich herum.., dann wieder zum Baum hoch. Ich wollte es einfach nicht wahr haben. "Neiiiin, nein, nein, nein ..neiiiiiin!" brüllte ich dann immer lauter werdend, bis ich schließlich zu Boden ging und meine Augen schloss. Schmerz. Nein, das durfte nicht sein... Ich fing an zu weinen und ärgerte mich gleichzeitig darüber das ich weinte. Weinen tun nur Weichlinge.. Dann, ich wollte gerade aufstehen und nochmal nachsehen was man vielleicht noch gebrauchen konnte, hörte ich Schritte und dann Stimmen, wobei mir eine davon sehr bekannt vorkam.
"Buhuu, buhuu, heul, schluchz.. unser Teufelchen hat keiiine Hütte mehr... ohhh, ohhh, daaas tut mir aber Leid.."
Jaden! Mein Entsetzen und meine Niedergeschlagenheit waren aufeinmal wie weggeblasen und rasende Wut beherrschten stattdessen nur noch meine Gefühle. Dieses Mal bist du eindeutig zu weit gegangen, Jaden! Ich drehte mich nun in die Richtung, wo ich Jaden's Stimme gemeint gehört zu haben. Und dann sah ich sie auch schon. Jaden, Pelle, Gero und Alvin kamen gemächlich und betont lässig direkt auf mich zugelaufen. Jeder von Ihnen hatte entweder einen schweren Schlagstock oder einen schweren Hammer in der Hand, mit denen sie mit großer Wahrscheinlichkeit kurz vorher auch meine Baumhöhle zerstört hatten.

"Also ich muss schon sagen.. Rota.. als ich dich gestern mit Mallen hier gesehen habe.., ich wäre fast vom Glauben abgefallen. Die Schöne und das Biest! Ich dachte so etwas gibt’s nur im Märchen. Jeder von uns träumt von so einer Schlampe wie Mallen. Und du? Ich meine.. ausgerechnet du, hast es mit ihr hier jeden Tag offenbar pausenlos getrieben. Das lieber Rota, konnten wir natürlich nicht weiter zulassen. Das ist dir doch klar..? Oder nicht..? Rota? Das musst du doch verstehen. Oder willst du das wieder nicht verstehen und stellst dich wieder bockig?“ dabei starrte er mich die ganze Zeit mit einem fürsorglich aber gleichzeitig auch entgeisterten und irren Blick an, als würde er mit einem Schwachsinnigen reden.
"Und du brauchst mich jetzt auch gar nicht so böse anzuschauen.." fügte Jaden in seinem ironisch selbstgefälligen Ton hinzu.
In meinen Träumen hatte ich mir ja schon unzählige Male und in etlichen Variationen vorgestellt, wie ich mich an Jaden, für all das was er mir angetan hatte rächen würde. Und die meisten Träume davon waren mehr als blutig und auch so abscheulich gewesen, dass ich mich oftmals für diese Gedanken sogar selbst schämte. Aber letztlich waren es nur Gedanken gewesen und wurden bisher auch zuverlässig auf der Ebene meiner Vernunft immer daran gehindert Realität zu werden.
Nun kochte die Wut aber derart in mir hoch, dass ich keinen Zugang mehr zu meiner Vernunftsebene hatte. Ich wollte das Jaden jetzt dafür büßte, und zwar ein für allemal.
"Du bist zu weit gegangen.. Jaden!" knurrte ich und stand dabei langsam auf und ging auf Jaden zu.
Jaden blieb unbeeindruckt und schaute mich verdutzt an. "Wie? Ich bin zu weit gegangen? Nee Rota.., nee, nee.., " dann grinste er und sah mich schief an. "ICH bin nicht zu weit gegangen, du verstehst ja immer noch nicht.. DUUhuu dummer Freak bist viel zu weit gegangen. Und WIR wollen das einfach nicht mehr durchgehen lassen. Oder Leute?"
Alvin, Pelle und Gero simmten Jaden zu, in dem sie ihm gleichzeitig alle grinsend zunickten.
"Nein, das können wir wirklich nicht!" gab Alvin dann noch seinen Senf dazu.
Jaden grinste ebenfalls und schlug dabei gelassen und im Takt immer wieder seinen Hammer in seine linke Hand.
Zisko, der die Gefahr instinktiv wohl spürte, die von den vier Eindringlingen ausging, knurrte unentwegt, bis er schließlich auf den größten und stärksten, auf Alvin, zurannte und ihn bedrohlich anknurrte und anbellte. Alvin zuckte erst zusammen, bis er plötzlich seine rechte Hand hob. Ich erkannte erst jetzt entsetzt, dass Alvin einen Hammer in der rechten Hand hielt.
"Neiiiin!" schrie ich.
Alvin schlug ohne zu zögern, brutal und erbarmungslos zu. Er traf Zisko direkt mit dem Hammer auf seinen Kopf. Zisko gab noch ein kurzes und entsetzliches Jaulen von sich, zuckte dann noch kurz und lag danach nur noch reglos auf dem Waldweg.
"Uiiii, habt ihr das gesehen..." gab Alvin dann noch überrascht lachend von sich. Meine ganze Wut und Aufmerksamkeit richtete sich nun mit einen Schlag von Jaden auf Alvin. Mörderische Wut packte mich jetzt. Ich blickte in Alvins Augen. Augen die scheinbar meinen Zorn nun wahrnahmen und nun doch etwas wie Furcht erkennen ließen. Ohne nachzudenken schlug ich zu und ich schlug mit aller Wut und Kraft die ich in diesem Moment aufbringen konnte zu. Ich traf Alvin direkt mit meiner Faust in sein Gesicht. Es knackte und ich spürte, dass so mancher Knochen in seinem Gesicht dabei brach. Alvin's Kopf, nein, sein ganzer Körper flog nach hinten, fiel und blieb dann reglos liegen. Meine Hand signalisierte mir Schmerzen, die ich jedoch in diesem Moment völlig ignorierte. Ich spürte etwas Genugtuung, jedoch reichte dieses Gefühl bei weitem nicht aus, um mich auch nur etwas besser zu fühlen. Ich wendete mich daher wieder Jaden zu. Jaden schaute mich verwirrt an.., so als wollte er das absolut nicht glauben, was er soeben tatsächlich mit ansehen musste. "So Jaden., und nun zu dir.." sagte ich nun zu allem entschlossen und wollte mich gerade auf ihm stürzen. Dann jedoch spürte ich, das jemand hinter mir herangelaufen kam. Gerade als ich mich umdrehen wollte, um zu sehen wer sich mir näherte.., spürte ich nur noch einen blitzartigen, dumpfen und entsetzlichen Schmerz an meinem Hinterkopf. Dann war nur noch Dunkelheit... und ich war... weg.

Kerker

《Wahrlich, keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt.》
Hermann Hesse

Es war stockduster als ich langsam wieder zu mir kam. Mir war kalt und mein Kopf fühlte sich an, als wäre er kurz vorm Platzen.. Diese Schmerzen! Was war passiert? Und dann dämmerte es mir plötzlich wieder.. Zisko! Meine Baumhöhle! NEIN! Ich erinnerte mich nun wieder an alles. Ich biss die Zähne zusammen, so als ob ich diese Schmerzen damit verdrängen könnte. Offenbar hatte ich Alvin in meiner ganzen Wut erschlagen. Ich war mir sogar fast sicher, dass er diesen Schlag nicht überlebt hat. Ich kann sogar jetzt noch in meiner Hand spüren wie seine Knochen in seinem Gesicht brachen und er sich nach diesem Schlag nicht mehr rührte. Es war nicht so, dass ich diese Tat wirklich bereute, denn Alvin war für mich jemand gewesen, der es aus meiner Sicht auch nicht besser verdient hatte. Er hatte Zisko getötet und er hatte Spaß daran gehabt. Das war Grund genug für mich. Aber möglicherweise hatte ich nun auch etwas von meinen Fähigkeiten verraten, so das Jaden und die anderen nun vor mir gewarnt sein könnten.
Egal.., das sollte erstmal zu meinen geringsten Problemen gehören. Wo bin ich hier überhaupt? Zuhause bin ich jedenfalls nicht. Es war so dunkel hier, dass ich kaum etwas sehen konnte. Das einzige Fenster, das es in diesem Raum gab, war so hoch angebracht, dass meine Größe bei weitem nicht dazu ausreichte um daraus schauen zu können. Hinzu kam, dass das Fenster sehr klein war und nur sehr wenig Licht in diesem Raum hier herein ließ. Auch musste ich nun feststellen, dass ich auf etwas sehr Hartem lag. Eine Liege, ohne Matratze und Decke. Und dann roch es hier auch noch sehr unangenehm nach Pisse und anderen Fäkalien. Schließlich erkannte ich, trotz der Dunkelheit, an der Tür Gitterstäbe und mir wurde langsam klar wo ich war. Ich war im Kerker der Zitadelle von Kaven.

Ich schloss die Augen und fiel wieder in einen unruhigen Schlaf. Irgendwann später wurde ich wieder wach und hörte Schritte und anschließend das Geräusch einer Klappe, durch die etwas geschoben wurde. Das könnte meine Essensration hier im Kerker sein. Ich war neugierig und ich hatte großen Hunger und versuchte raffte mich daher auf um mir das genauer anzusehen. Mein Kopf dröhnte und mir ging es nur schlecht. Ich fasste mich an meinem Kopf. Er fühlte sich regelrecht nass an. Ich vermutete, dass mein Blut war, was sich so nass anfühlte. Meine Befürchtung bestätigte sich, als ich meine nun feuchten Finger zum Mund führte und Blut schmeckte. Sie hatten sich noch nicht mal die Mühe gemacht meinen Kopf zu verbinden. Es gelang mir trotzdem aufzustehen und mich zu dieser Zelleneingangstür zu schleppen. Als ich schließlich dort ankam, stand dort tatsächlich eine Schale mit flüssigen Inhalt auf dem Boden. Ich nahm die Schale in die Hände, und was auch immer da drinn war, es roch nach nichts und war kalt. Mich ekelte davor. Trotzdem versuchte ich den Inhalt der Schale so schnell wie möglich runter zu schlucken. Die Pampe war schleimig, fleischlos, ohne irgendwelches Gemüse und ohne irgendeinen erkennbaren Geschmack. Aber entgegen meinen Befürchtungen war der Inhalt doch essbar gewesen und sättigte meinen Hunger etwas.

Aber warum esse ich überhaupt noch etwas? Alles woran ich Freude hatte, hatte ich jetzt verloren. Meine Baumhöhle, woran ich tagtäglich mit Freude und Stolz daran gearbeitet hatte; Zisko, mein treuer und einziger Freund, mit dem ich so viel Spaß hatte und er mir das Gefühl gab, dass ich wichtig ihm war; und natürlich Mallen, die mir eine richtige Freundin wurde, eine Freundschaft, wie ich sie nie zu hoffen gewagt hätte. Mallen, die mich mit ihrem Lächeln, ihrer Erscheinung und ihrer Art, wie sie sich gab immer wieder aufs Neue bezauberte. Vermutlich wird ganz Kaven nun von unserer Freundschaft wissen und mehr darin sehen wollen als es letztendlich der Fall war. Klar, dass Mallen und ich uns niemals wieder werden treffen können. Denn das wird man mit Sicherheit ganz bestimmt nicht mehr zulassen und auch zu verhindern wissen.
Alle hielten mich vermutlich jetzt für einen Mörder. Und so war es ja auch. Ich habe Alvin sicherlich in meiner Wut erschlagen. Nichts anderes. Und es war ja nicht mal so, dass ich ihn in jenem Moment nur bestrafen wollte, weil er Zisko getötet hatte. Nein, ich wollte ihn dafür töten. Und das ich es mit aller Wahrscheinlichkeit auch geschafft hatte, tut mir auch jetzt noch nicht wirklich leid. So gesehen, wäre ich dann wohl auch ein Mörder und werde dafür mit Sicherheit dann auch zur Rechenschaft gezogen werden.
In der Regel machte man mit einem Mörder kurzen Prozess, dass wusste ich. Man hängte ihn für gewöhnlich. Aber ich bin erst fünfzehn und somit konnte und durfte ich nach dem Gesetz noch nicht gehängt werden. Mit Sicherheit dürfte ich aber mit einer Verbannung rechnen, was aber letztendlich auch einem Todesurteil gleichkommen dürfte. Ohne den Schutz des Bundes der freien Länder, wozu Kaven gehörte, war das Überleben schwierig und sehr gefährlich. In der Wildnis, wohin man schließlich verbannt wurde, soll es viele Gesetzlose geben. Gefährliche Tiere, wie giftige Schlangen, Wölfe, Bären, erschweren das Leben in der Wildnis obendrein. Und dann gibt es natürlich auch noch die Krasianer. Krasien soll ein barbarisches Volk mit grausamen Gesetzen und einer abergläubischen Kultur sein. Man erzählt sich, dass die Krasianer nur starke und gesunde Kinder akzeptieren. Kinder die missgebildet oder häufig krank sind, werden angeblich von der Gemeinschaft ausgeschlossen und sich selbst überlassen. Und dann sollen auch regelmäßig dort Opferrituale abgehalten werden, um in Notzeiten die Götter milde zu stimmen. Einer wie ich, wäre für die Krasianer auch wohl das geborene Opfer und somit wäre Krasien, sollte ich in die Wildnis verbannt werden, auch keine Alternative oder Rettung für mich. In der Wildnis herrschte reinste Anarchie und wer schwach oder schutzlos war, hatte dort auch keine Chance zu überleben.

Die Verbannung wäre somit eine ziemlich schwere Strafe. Schlimmstenfalls müsste ich sogar damit rechnen, dass man mich zum Teufel jagt. Das Urteil "Zum Teufel jagen" wurde bisher nur bei Erwachsenen verhängt und auch nur bei denen, die ein besonders schweres Verbrechen begangen hatten. Die Bürger, die Opfer dieser Verbrechen waren oder sonst irgendeinen einen Groll gegen den Täter hegten, bekamen bei dieser Strafmaßnahme die Gelegenheit den Verurteilten für seine Taten zu bestrafen und ihn wortwörtlich zum Teufel zu jagen. Die Bürger die sich hieran beteiligen, wurden Adjutoren genannt. Die Stadt stellte für jeden der daran teilnahm am Tag der Verurteilung einen Stock, der allgemeinhin auch als Treiber bezeichnet wurde, bereit. In der Regel handelte es sich um einen Weidenstock von gut einem Schritt Länge und der Dicke eines erwachsenen Daumens. Andere Mittel und Waffen waren für diese Strafmaßnahme nicht zugelassen, da wohl die Gefahr zu hoch war den Verurteilten zu schnell zu töten und es sich dann wohl nicht mehr um eine Vertreibung handeln würde. Hinzu kam, dass der Verurteilte diese Art der Vertreibung auch noch splitternackt über sich ergehen lassen musste. Die Chancen, dass der Verurteilte diese Bestrafung überlebte, waren bestenfalls unwahrscheinlich zu nennen. Die meisten, die diese Art der Bestrafung über sich ergehen lassen mussten, schafften es nicht mal bis zur Grenze von Kaven und die, die schnell und stark genug waren und es tatsächlich sogar in die Wildnis geschafft hatten, fand man meistens kurze Zeit später tot und erbärmlich ausgemergelt irgendwo an der Grenze Kavens wieder.

Dass man mich zum Teufel jagen könnte, konnte ich mir aufgrund meiner Beliebtheit in Kaven ebenso gut vorstellen. Warum also kämpfe ich dennoch um mein Leben hier? Es gibt nichts mehr, was mein Leben hier erträglich machen könnte und meine Aussichten sind gelinde gesagt einfach nur erschreckend zu nennen. Trotzdem will ich nicht verurteilt werden und möchte nicht sterben. Warum? Ist es Hoffnung, so klein sie auch sein mag, dass sich alles doch noch alles zum Guten wenden könnte und ich irgendwann mal ein Leben führen kann, wie ich es mir erhoffe. Ich möchte es gerne glauben, aber wirklich daran glauben tue ich nicht mehr. Oder sind es meine andauernden Rachegedanken? Könnte ich mir dagegen schon eher vorstellen, denn ich würde gerne wissen wollen, wer und wie weit der eine oder andere gehen werden, um mich bei einer eventuellen Verurteilung, zu bestrafen. Und dann, soweit ich das alles hier auf wunderbare Weise irgendwie überleben sollte, würde ich mich an all die rächen wollen, die mein Leben hier besonders zur Hölle gemacht haben. Vielleicht war das ja sogar meine Bestimmung hier und der Grund warum ich so anders bin wie die anderen. Aber würde ich überhaupt so weit kommen? Die Chancen die Verbannung, oder erst recht das "zum Teufel jagen" zu überleben waren sehr gering und in meinem Fall mehr als unwahrscheinlich. Zu guter Letzt könnte es auch einfach nur die Angst selbst sein, sein gewohntes, wenn auch wie in meinem Fall erbärmliches Leben zu verlieren und dann die Angst vor dem Ungewissen zu haben. Denn, wer weiß denn schon wirklich, was nach dem Tod uns erwarten wird.

1. Besuch Johnas Goldan

《Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse.》
Friedrich Nietzsche

Johnas Goldan war der erste der mich in meinem Kerker einen Besuch abstattete. Ich wusste nicht genau wieviel Zeit vergangen war, aber den Mahlzeiten nach zu urteilen musste es mindestens der zweite Tag in meiner Haft sein. Er blieb vor der Kerkertür stehen und rief meinen Namen. Ich ging zur Kerkertür und erkannte durch das kleine Guckloch in der Zellentür, dass es unser Bürgermeister Johnas Goldan und somit auch Mallens Vater war.

"Rota Gevill, ich bin der Bürgermeister von Kaven, Johnas Goldan, und ich habe die Aufgabe ihnen zu erklären warum sie hier sind und was sie in nächster Zeit erwarten wird. Sie werden beschuldigt Alvin von Hagenen vorsätzlich getötet zu haben."
Also doch. Alvin ist tot und ich hatte ihn getötet. Ich wollte ihm gerade meine Gründe zu dieser Tat erklären, als der Bürgermeister dann auch schon wieder weiter sprach.
"Weiter werden sie beschuldigt Mallen Goldan, meine Tochter, heimtückisch in ihre Hütte gelockt zu haben und sie dort versucht haben sie für ihre Gelüste zu missbrauchen. Das sind.."
Mir klappte die Kinnlade runter. "Ich soll was?" fing ich an zu protestieren.
Doch Jonas Goldan ging erst gar nicht darauf ein und redete einfach weiter "..schwere Anschuldigungen und dafür werden sie sich vorm Kavener Tribunal verantworten müssen. Überlegen sie also gut, was sie zu ihrer Verteidigung zu sagen haben." Johnas Goldan sagte dies kühl, distanziert und ohne jegliche Emotionen. Allein schon, dass er mich wie einen Erwachsenen siezte ließ mich erschauern. Aber das ich auch noch beschuldigt wurde Mallen irgendwie misshandelt zu haben, schockierte mich bis ins Mark. Mallen müsste ihren Vater doch mittlerweile erklärt haben was sich wirklich zwischen uns zugetragen hat.
"Ich habe Mallen gar nichts getan! Das müssten sie doch nun am besten wissen." protestierte ich, wütend wie ich war, nochmals lauthals auf.
"Was sie wirklich getan haben, steht hier gar nicht zur Debatte... Verstanden? Ich habe gesagt sie werden beschuldigt das getan zu haben. Aber wenn sie mich persönlich fragen, bei ihrer Vergangenheit und ihrem Ruf, da wundert mich eigentlich gar nichts." sagte er mit eine Deutlichkeit und einer Schärfe in der Stimme, die keine Wiederworte duldeten.
"Kennen sie das Prozedere eines Tribunals?" fragte er nun wieder in einem sachlicheren Ton.

Ich wusste wie so ein Prozess abläuft. Wir hatten so einen Prozess auch schon in einer unserer Schulstunde durchgenommen und sogar nachgespielt. Nach Feststellung ob die förmlichen Voraussetzungen für die Abhaltung eines Tribunals erfüllt waren, werden dem Richter die Anklagepunkte gegen den Angeklagten vom Bürgermeister genannt. Nach Anhörung der Zeugen, die diese Anklagepunkte stützen, kann der Angeklagte sich hierzu noch äußern und gegebenenfalls Gegenzeugen nennen, die er bereits vor der Verhandlung dem Bürgermeister oder seinen Gehilfen mitgeteilt hat. Soweit es dann Gegenzeugen gibt, werden diese vom Bürgermeister aufgerufen und anschließend vernommen. Nach Anhörung der Gegenzeugen berät sich der Rat, der mindestens zu achtzig Prozent anwesend sein muss, zu einem Urteilsvorschlag. Sobald der Rat sich dann geeinigt hat, teilt der Ratsvorsitzende dem Richter dann deren Entscheidung mit. In der Regel akzeptiert der Richter diesen Urteilsvorschlag. Tut er es nicht, muss er sein eigenes Urteil darlegen und begründen. Das Urteil des Richters, dass im Gegensatz zum Rat steht, wird rechtsgültig, wenn entweder der Bürgermeister diesem Urteil zustimmt oder mindestens ein Viertel des Rates.

"Ich kenne den Ablauf" sagte ich schließlich.
"Dann wissen sie, dass sie nun die Chance haben mir ihre Ansicht zu diesen Anschuldigungen zu erzählen und mir eventuell Zeugen zu nennen, die ihre Aussagen dann natürlich auch bestätigen können."
"Ich denke.., sie wissen ganz genau, wen ich nur als Zeugin nennen kann!" schnauzte ich ihn nun wütend an.
"Nein, nicht das ich wüsste.." erwiderte er kurz und knapp.
"Das Opfer selbst.. Ihre Tochter Mallen! Das wissen sie genau.."
Johnas Goldan schloss kurz die Augen und schaute mich nun mit einem eindringlichem Blick seltsam an.
"Hör mir mal gut zu..." Der Bürgermeister sagte dies leise, kam dabei ganz dicht an die Kerkertür und schüttelte den Kopf.
"..Nichts wird Mallen sagen. Sie hat mir bereits alles ganz genau erzählt, wie es dazu kam, wie du sie reingelegt hast und wie du versucht hast sie für deine perversen Gelüste zu missbrauchen. Und noch eins. Sie wird als Zeugin im Gericht niemals aufgerufen werden. Dafür werde ich sorgen. Sie hat schon genug gelitten. Verstehst du..? Ich werde höchstpersönlich selbst an ihrer statt als Zeuge aussagen und dem Tribunal mitteilen, wie du versucht hast meine Tochter in deine Höhle der Sünden zu locken, um sie dann dort zu schänden.. Das versprech ich dir! Hast du mich verstanden? Du.., du Ausgeburt der Hölle!"
Als er das gesagt hatte spuckte er noch auf den Boden, wahrscheinlich um seine Abscheu gegen mich noch zu verdeutliche. Dann ging er.

Entsetzt und schockiert von dem was Mallens Vater zu mir gesagt und wie er sich mir gegenüber verhalten hatte, wusste ich nichts mehr darauf erwidern. Ich glaubte ihm jedoch kein einziges Wort. Eins wurde mir nun aber ziemlich klar. Die Meinung, die ich jetzt über Mallen's Vater habe und die Mallen über ihren Vater hatte oder sgar noch hat, klafften jedenfalls sehr weit auseinander.

2. Besuch Onkel Jaron

《Eine Person zu verlieren – weil man so ist, wie man ist – stellt keinen Verlust dar.》
-Verfasser unbekannt-

Es verging wieder einige von diesen eintönigen und geschmacklosen Mahlzeiten, bevor mein nächster Besuch kam. Mir ging es mittlerweile etwas besser. Meine Kopfschmerzen waren fast weg und die Schmerzen an meinen Rippen, Rücken und Schulter waren inzwischen auch erheblich besser geworden. Blieben aber immer noch die Kälte, die grausame Langeweile und der Gestank in dieser Zelle, die mich hier noch ziemlich plagten. Für meine Notdurft stand mir hier ein Holzeimer zur Verfügung, der wohl nur dann entsorgt wurde, sobald dieser randvoll war und manchmal sogar begann überzulaufen. Die Kälte und Langeweile versuchte ich durch Leibesübungen wie Liegestütz, Kniebeugen, Handstand, auf der Stelle laufen und andere Übungen zu bekämpfen. Meinen Tagesablauf mit geplanten Bewegungseinheiten zu füllen, gehörte bisher nie zu mir oder zu meinem gewohnten Alltag. Aber hier in diesem Kerker verlangte mein Körper einfach nach Bewegung und sie wurde damit auch zu einer meiner wichtigsten und notwendigsten Beschäftigungen hier. Inzwischen beherrschte ich den Handstand auch schon so gut, dass ich mittlerweile dazu übergegangen war auf meinen Händen zu laufen.

Als ich gerade damit beschäftigt war zum vielleicht hundersten Mal die Mauersteine in meiner Zelle zu zählen, hörte ich Stimmen und Schritte, bevor ich dann die Stimme meines Onkels Jaron erkannte. Was will er denn hier? Frage ich mich. Schließlich hörte ich ein eher zögerliches Klopfen an der Kerkertür.
"Rota, hörst du mich? Ich bin‘s..., Jaron, dein Onkel." sagte er so leise, dass sonst kein anderer, außer mir, ihn hören konnte.
Ich ging zur Tür und schaute durch das Guckloch. Ich erkannte ihn jedoch erst auf dem zweiten Blick. Jaron sah ungewöhnlich abgekämpft aus, als hätte er tagelang nicht geschlafen. Tiefliegende und sorgenvoll dreinschauende Augen. Konnte es tatsächlich sein, dass er sich Sorgen um mich machte?
"Ich höre dich... was.., was willst du?" fragte ich schließlich.
Er seufzte "Eigentlich weiß ich selbst nicht genau was ich hier will..., vielleicht möchte ich das alles auch nur verstehen." er machte eine Pause, senkte seinen Kopf bis er ihn dann wieder erhob und mir direkt in die Augen sah. "Ich will verstehen warum du das getan hast, warum du so bist wie du bist, was wir dir angetan haben, dass du immer wieder solche Sachen machst. Ich meine wir haben alles für dich getan. Wir haben dich in unsere Familie aufgenommen, dir einen Platz in unserer Familie in unserem Leben gegeben. Wir haben dich ernährt.., unsere Zeit für dich geopfert, dir eine Ausbildung ermöglicht.. und, und, und... Und was machst du? Du trittst alles mit Füssen, ziehst uns in den Dreck und bereitest uns nur Sorgen.. und jetzt das! Mein Freund Johnas Goldan..! Wie soll ich ihm jetzt noch unter die Augen treten können? Oder Robert..., der Vater von Jaden. Du hast Jaden's besten Freund ermordet! Den besten Freund von Robert Grat's Sohn! Verstehst du überhaupt, was das nun für ein schlechtes Bild auf mich wirft und was das noch für Folgen für mich haben wird. Hast du darüber überhaupt mal nachgedacht? Oder ist dir das alles egal?!" schrie er mich in einer gerade noch gezügelten Lautstärke an.
Ich ging von der Tür weg und legte mich wieder langsam auf meine harte Kerkerliege. Onkel Jaron beruhigte sich wieder ein wenig und sprach nun etwas beherrschter weiter: "...aber vielleicht musste es auch einfach so kommen und es ist einfach nur dein Schicksal so zu enden... Aber warum? Ich verstehe das nicht. Rota! Warum machst du immer so etwas? Warum? Sag es mir..., damit ich es verstehen kann, bitte!"
Als ob ich -so etwas- immer und alltäglich tue. Mir wurde schlecht und ich wollte diesen selbstgefälligen Holzkopf nur noch loswerden.. Schließlich konnte ich nicht mehr an mich halten und beantwortete einfach seine blöde Frage.
"Weil du Holzkopf es einfach nicht besser verdient hast! Deswegen habe ich das alles gemacht!." und fügte dann noch lauter werdend hinzu.. "..und, weißt du was? Der Leibhaftige selbst hat mich geschickt um dich IDIOT dafür zu STRAFEN!!!!!"
Ich hatte den Nerv meines Onkel's scheinbar getroffen. Entsetzt brüllte er nun ebenfalls... "Das! Das wirst du bereuen... hörst du mich? Das wirst du bereuen...! Du Teufel! Ich wollte es nie wahrhaben... aber es ist genauso wie die meisten schon sagen. Du bist ein Teufel..! Eine Ausgeburt der Hölle! Ja, genau das bist du! Eine Ausgeburt der Hölle!" Dann nach einem kurzen Moment der Stille, er hatte sich nun wieder etwas beruhigt, jammerte er, nun jedoch erheblich leiser geworden, wieder weiter. "Das hat man nun von seiner Gutmütigkeit. Ich habe dich in der Not in meine Familie aufgenommen.... Ich hätte es besser wissen müssen.." Schließlich ging auch er wieder weg. Ich legte mich wieder auf die Kerkerliege und fühlte mich wieder etwas besser.

3. Besuch Jaden Grat

《Auf böse Menschen ist Verlass. Sie ändern sich wenigstens nicht, und wenn doch, dann nur zum Guten..》
-William Faulkner-

Schätzungsweise war ich etwa eine Woche hier in diesem Kerker eingesperrt. Mir kam es aber so vor, als wäre ich mindestens schon einen Monat hier. Abgesehen von den bisherigen Besuchen, passierte hier so gut wie gar nichts. Die einzigen Abwechslungen waren die unregelmäßigen Mahlzeiten, das Entleeren des Holzeimers und der Wechsel von Tag und Nacht, der sich hier nur als dunkel und stockdunkel zeigte. Die Wärter schoben oder holten zwar durch die untere Türklappe immer etwas, zeigten sich mir jedoch nie und sprachen auch nicht mit mir. Einzig das Geheule und Gejammere der Mitgefangenen erinnerte mich daran, dass ich nicht der Einzige in diesem Gebäude war. Tatsache war, die Zeit verging hier quälend langsam. Paradoxerweise lässt sich die Zeit dabei hier aber nur an sehr wenigen Momenten festhalten. Ich war bisher immer davon ausgegangen, nur dann, wenn sich etwas ereignete, würde die Zeit langsamer vergehen, da man sich im Nachhinein besser daran erinnern konnte. Aber das gilt vielleicht auch nur in der Nachbetrachtung. Wenn kaum etwas passiert, vergeht die Zeit in dem Moment langsam, aber im Nachhinein vergisst man wohl auch eher diese Zeit, so als wäre sie nie geschehen. Aber eins weiß ich mit Sicherheit, sollte ich das alles hier irgendwie überleben, ich werde nie vergessen wie quälend langsam die Zeit hier im Kerker verging. Dann aber, nach vier oder fünf weiteren Mahlzeiten nach dem Besuch meines Onkels, wurde mein Dasein hier durch einen weiteren Besuch versüßt.

Ich versuchte gerade zum vielleicht hundersten Male, so hoch zu springen, dass ich mit meinen Händen die untere Kante des Fensters erreichen konnte, um mich dann daran festzuhalten, mich hochziehen und um dann endlich mal wieder etwas anderes sehen zu können als diese andauernde Dunkelheit hier. Leider verfehlte ich dieses Ziel jedesmal um mehr als eine Handlänge. Als ich gerade neu zum Sprung ansetzen wollte, hörte ich Schritte und dann wie jemand mit dem Fuß mehrmals kräftig gegen die Kerkertür trat.
"Hallöchen Rota..! Na wie geht's? Wirst du hier gut versorgt?"
Das war Jaden's Stimme. Erst Jonas Goldan, der alles daran setzt, dass man mich für schuldig verurteilt, dann mein Onkel, der es sich wohl nie verzeihen wird mich jemals in seiner Familie aufgenommen zu haben und nun Jaden, der zum großen Teil für all dies verantwortlich war. Wer kommt als nächstes zu Besuch? Der Leibhaftige persönlich?
Jaden!? Was will er hier? Ich ging nun so leise wie möglich zur Kerkertür und entschloss mich erstmal gar nicht auf seine blöden Fragen einzugehen.
"Rota? Willst du mich denn gar nicht begrüßen? Ich hoffe du bekommst alles was du brauchst. Du musst nämlich wissen, dass ich mir schreckliche Sorgen um dich mache. Was ist, wenn du nun verbannt wirst? Nein, nein, nein, ich mag mir das gar nicht ohne dich hier vorstellen. Du hast mich immer so gut unterhalten.. und wenn du dann für immer in dieser Wildnis... oh neiin.! Das darf einfach nicht passieren! Aber weißt du was ich nun häufig hier in Kaven höre...?" fragte er und wartete auf eine Antwort von mir. Da ich mir jedoch vorgenommen hatte diesmal nicht auf seine blöden Fragen und sein Gerede einzugehen redete er schließlich nach einer kurzen wieder weiter. "Nein, weißt du's nicht? Dann werde ich es dir sagen. Viele wünschen sich, das man dich zum Teufel jagt.. Oh ohh.. Weißt du was das bedeutet, dieses zum Teufel jagen?"
Ich gab keine Antwort.
"Nein..? Weißt du's nicht? Also ich will dir das mal so erklären: Sie werden dich gaaanz nackig machen und dann werden alle Bürger, mit so'nem Stock, dir mal kräftig die Leviten lesen und dir ganz genau zeigen wo du hingehörst. Verstehst du?.. Zeigen wo du hingehörst.. Haha.. wo du hingehörst. Der Prozess soll dir glaube ich auch wohl schon morgen gemacht werden. Kann ich dir noch irgendwie etwas Gutes tun? Rota! Ich find das jetzt nicht gerade besonders nett von dir, dass du nun gar nicht mit mir reden willst. Dabei will ich doch nur helfen.." Dann klopfte er wieder gegen die Kerkertür. "Rota..? Hallo?.... Ach! Ich Blödi! Da fällt mir doch noch was ein. Ähm Mallen, deine kleine Schlampe.. hat mir noch eine Nachricht für dich mitgegeben.. Möchtest du diese Nachricht haben und wissen was sie dir noch zu sagen hat? Willst du sie haben, die Nachricht..? Du musst dann aber schon etwas näher zu mir kommen, damit ich sie dir geben kann."
Jaden wird garantiert keine Nachricht von Mallen für mich haben, aber ich ging trotzdem näher zu ihm. So nah, dass ich direkt durch das Guckloch der Kerkertür sehen konnte. Jedoch konnte ich nur seine Handinnenfläche sehen, die er vor dem Guckloch hielt. Dann plötzlich zog er seine Hand weg und rotzte mich schließlich direkt und voll ins Gesicht.
"Rota! Wir werden dich sowas zum Teufel jagen.. Hörst du? Wir werden dir deine verdammte Teufelshaut über die Ohren ziehen, du Missgeburt aus der Hölle. Hörst du mich?"
Ich wischte mir seinen Rotz vom Gesicht, blieb reglos und schwieg weiterhin. Das wirst du noch bereuen, Jaden, irgendwann wirst du für all das, was du mir angetan hast, dafür noch büßen.
Jaden verließ daraufhin lachend und johlend den Kerker. Ich jedoch sagte kein einziges Wort zu ihm. Ich hoffte nur, dass ich das hier irgendwie überleben würde. Und dann werden wir ja sehen ob du dann immer noch so lachen kannst. Dann musste ich jedoch wieder darüber nachdenken, was mir vielleicht noch alles bevorstand und ein beklemmendes Gefühl packte mich wieder. Scheiß Angst!

4. Besuch Jake Flanders

《Ein Held ist einer, der tut, was er kann. Die anderen tun es nicht 》
-Romain Rolland-

Ich schlief noch, als jemand wieder an die Zellentür klopfte und mich schließlich wach rief. Mir kam die Stimme bekannt vor, obwohl ich ihn selbst kaum kannte. War das wirklich Jake? Das kann doch nicht sein.., was will er denn hier? Ich ging zur Tür und erkannte durch das Guckloch, das es tatsächlich Jake war, der mich hier im Kerker besuchte.
"Jake!? Bist du das? Was... was zum Teufel.. willst du denn hier?" fragte ich völlig verdattert.
Jake nahm seinen Zeigefinger zum Mund und spitzte die Lippen dabei. Dann nickte er in die Richtung, wo sich vermutlich die Kerkerwachstube befand. "Lass uns lieber leise sprechen, wer weiß was die alles hören können." sagte er leise.
"Wie geht’s dir?"
"Naja, ich denke besser als ich vermutlich aussehe.. Aber warum bist du hier?" wollte ich nun wissen.
"Das verdankst du Mallen..." sagte er leise und setzte fort.. "Mallen hat mir ihre Sichtweise erzählt und mir gesagt was sich zwischen euch beiden wohl wirklich abgespielt hat. Ich glaube ihr. Und das Jaden und seine Leute.. keine Engel sind, weiß ich auch so. Mallen wäre gern selbst gekommen. Ihr Vater lässt sie jedoch streng überwachen. Offiziell ist sie krank und darf das Haus auch erstmal nicht mehr verlassen. Ich habe sie noch nie so erlebt. Sie ist ziemlich am Boden zerstört und jeder der die Wahrheit nicht kennt, denkt, dass du daran schuld bist, dass es ihr so schlecht geht."
Jake und Mallen? Wie kam denn nun auf einmal dieser Kontakt zustande? Ich dachte bisher immer, dass die beiden kaum oder sogar gar keinen Kontakt zueinander hätten.
"Warte mal, wie konntest du überhaupt mit ihr reden, wenn sie nicht mehr zur Schule geht und auch sonst nicht das Haus verlassen darf?" fragte ich nun misstrauisch.
Jake war diese Frage unangenehm, das konnte ich an seinem Gesichtsausdruck erkennen. "Ich weiß das klingt bescheuert.. aber als ich davon hörte was du Mallen angetan haben sollst, konnte ich mir das alles nicht so recht vorstellen und wenn ich etwas nicht glaube, dann bin ich neugierig und möchte gerne wissen was wirklich passiert ist."
"Ja und wir hast du das dann gemacht.. du bist doch nicht nachts in ihr Zimmer eingebrochen und hast Mallen zur Rede gestellt.. oder was?" fragte ich ungläubig.
"Naja, so oder ähnlich.. Ist doch jetzt auch völlig egal.. Tatsache ist, du wirst des Totschlags und der versuchten Vergewaltigung an der Tochter des Bürgermeisters angeklagt und keiner, bis auf Mallen und ich, sind auf deiner Seite. Mallen wird sehr wahrscheinlich nicht als Zeugin aufgerufen werden, weil sie offiziell als nicht vernehmungsfähig erklärt werden soll und was mich betrifft..., als Unbeteiligter werde ich kein Zeuge sein können und somit auch nicht vernommen oder angehört werden." er machte eine kurze Pause. Dann schaute er mich mit ernster Miene an. "Viele wollen übrigens deinen Tod oder.. würden dich nur zu gern zum Teufel jagen. Man hört in Kaven so einiges, aber hinter vorgehaltener Hand, hat kaum jemand eine gute Meinung von dir und viele sind fest davon überzeugt, dass du das alles getan hast, was man dir so vorwirft. Was ich damit sagen will ist, dass du mit dem Schlimmsten rechnen musst und man dich vielleicht tatsächlich zu diesem -zum Teufel jagen- verurteilen wird."
Ich seufzte. "Naja, dieser Verdacht ist mir auch schon gleich gekommen, als ich das erste Mal hier aufgewacht bin.."
"Mallen hat mir übrigens auch noch gesagt, dass ihr das alles schrecklich Leid tut und das sie alles tun wird um dir zu helfen. Sie sagt, dass du das aber überstehen kannst und du die Kraft dazu hast das zu überleben. Wenn es einer schaffen kann, dann bist du das. Das, oder so ähnlich sollte ich dir jedenfalls von Mallen ausrichten. Ihr war es sehr wichtig, dass ich dir das sage."
Ich nickte wieder und war erleichtert, dass Mallen doch kein falsches Spiel mit mir gespielt hatte, obwohl ich daran auch nie richtig gezweifelt hatte.
"Warst du eigentlich schon mal bei einer Verbannung dabei gewesen, wo jemand zu Teufel gejagt wurde?" fragte Jake auf einmal.
"Nein, wieso?"
"Nun gut, dann hör mor nun gut zu." Jake kam nun ganz dicht an die Zellentür heran.
"Ich kann es mir zwar immer noch nicht richtig vorstellen, aber wenn es wirklich dazu kommt, dass man dich zum Teufel jagt, dann rennst du auch wie der Teufel! Ich habe diese Verurteilung schon zweimal gesehen und glaube mir.., wer stehen bleibt, hinfällt und nicht wieder aufsteht, hat keine Chance das zu überleben. Such dir einen Weg worauf du barfuß schnell laufen kannst, aber zögere nicht.., renne wie der Teufel und solltest du fallen, und du wirst mit Sicherheit fallen.., steh sofort wieder auf!.. Auch wenn es dir in so einem Moment für unmöglich erscheint.. Steh wieder auf! Schlage um dich und renn so schnell du kannst. Und wenn du es dann tatsächlich schaffen solltest bis zur Außengrenze zu kommen, dann rennst du zum Backenfluss. Rennen....! Nicht gehen! Denn du musst auch hier damit rechnen aufgelauert zu werden. Es ist zwar nicht erlaubt, aber es gibt immer wieder einige, die das mit den Regeln nicht so ganz ernst nehmen. Kennst du die drei Bäume die kreisförmig um einen großen Felsen stehen?"
Ich schüttelte den Kopf, "Nein, kenne ich nicht.“ denn ich war bisher auch nur sehr selten außerhalb der Grenzen von Kaven gewesen."
"Aber du kennst den Fluss?"
Ich nickte.
"Du gehst den Fluss stromaufwärts und wirst diesen Platz nach gut einer Stunde erreichen. Dort habe ich dir Kleider, eine dicke Decke, etwas zu Essen und eine Karte bereitgelegt.-"
Dann hörten wir wie sich eine Tür öffnete und jemand brüllte. "Jake Flanders! Deine Zeit ist abgelaufen!" Jake ließ sich davon nicht allzu sehr beeindrucken und redete nur etwas schneller weiter. "Diese Sachen jedenfalls wirst du etwas versteckt in einem Busch nahe am Fluss finden. Wenn du dich etwas erholt hast, gehst du zu dieser Höhle, die ich dir auf der Karte aufgezeichnet habe. Ich werde dir dort noch weitere Sachen bereitlegen, die du zum Überleben in dieser Wildnis benötigen wirst."

Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Ich nickte und sagte nur "Danke! Jake..."
Jake schaute mir nochmal eindringlich in die Augen und sagte nochmal: "Renn..., renn wie der Teufel! Hörst du? Ich wünsch dir viel Glück!"
Dann ging er und die quälende und trostlose Langeweile hatte mich wieder.

Das Tribunal

《Ein Urteil lässt sich widerlegen, aber niemals ein Vorurteil.》
-Marie von Ebner Eschenbach-

Am nächsten Tag wurde ich dann von einem ziemlich dicken Gefängniswärter und zwei Gesetzeshütern aus meiner Zelle geholt und zum großen Tribunal-Saal geführt. Als ich dann den großen Saal betrat herrschte für einen kurzen Moment absolute Stille, worauf danach sofort ein lautes Raunen folgte und eine Welle von Beschimpfungen über mich hereinbrach. Man forderte Gerechtigkeit, man beschimpfte mich als Satan, Teufel, Ausgeburt der Hölle, Schänder und Perversling. Viele forderten lautstark, dass man mich zum Teufel jagen, oder mich sogar gleich hängen sollte. Ich sah meinen Onkel bei den Ratsmitgliedern. Er stimmte jedoch nicht, wie es einige Ratsmitglieder taten, in diesem Tumult mit ein. Petra, Justin und Sophia entdeckte ich ebenfalls im Saal, wobei von ihnen nur Justin mitbrüllte. Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt und es herrschte ein wildes Getöse und Gebrüll. Ich wurde schließlich zur Anklagebank geführt, die sich in der Mitte des Saales in Sitzrichtung zum Richtertisch befand.
Am Richtertisch saß bereits auch schon der Bürgermeister Johnas Goldan. Ich versuchte ihn in die Augen zu schauen um zu sehen wie er reagierte. Er würdigte mich jedoch keines Blickes und blieb auch sonst völlig ungerührt, so als ob er nur seine tägliche Arbeit nachginge und in keinsterweise persönlich mit diesem Fall zu tun hätte.

Für gewöhnlich sitzt an diesem Richtertisch daneben natürlich auch der Richter selbst, der jedoch noch nicht anwesend war. Das Tribunal ist ein kreisrunder Saal mit mehr als zweihundert Plätzen. Der Rat mit seinen elf Mitgliedern sitzt in einer Reihe hinter dem Tisch des Richters. Die übrigen Zuschauerplätze sind in sechs Sitzgruppen am Rand des kreisrunden Tribunal-Saals verteilt. Die vorderste Sitzgruppe, die sich direkt links neben dem Richtertisch befindet, ist den Beteiligten, also den Zeugen, Geschädigten und Angehörigen zugeordnet. Die übrigen Sitzgruppen dürfen von Tribunalbeobachtern besetzt werden, zu den für gewöhnlich einflussreiche Leute gehören.

Nach gut einer Minute anhaltenden Lärms und Unruhe, betrat dann auch endlich der Richter den Saal. Es wurde sofort merklich stiller im Saal. Der Richter, war ein großer, korpulenter, alter Mann mit schlohweißen Haaren und einem langen Kinnbart, der vom benachbarten Ort namens Falden kam. Insbesondere durch seine eisblauen Augen wirkte er sehr respekt- und würdevoll. Er ging zu seinem Platz, schaute mich kurz aber eindringlich an, nickte den Ratsmitgliedern zu und begrüßte schließlich den Bürgermeister. Dann setzte er sich und schaute in die Menge. Schließlich rief der Tribunalbeauftragte durch den Saal: "Erheben Sie sich!"
Alle folgten dem Aufruf. Der Richter nahm jetzt den Holzhammer in die Hand und klopfte damit dreimal auf dem Richtertisch.
"Ich stelle fest, das alle Mitglieder des Rates, der Bürgermeister von Kaven und der Angeklagte Rota Gevill hier im Saal, des nun stattfindenden Tribunals anwesend sind. Kraft meines mir verliehenen Amtes eröffne ich hiermit das Tribunal gegen den Angeklagten Rota Gevill." Dann schlug er wieder mit dem Hammer auf den Richtertisch und setzte sich.
"Bürgermeister, wenn ich Sie bitten dürfte, nennen Sie die Anklagepunkte gegen den Angeklagten Rota Gevill!"

Johnas Goldan stand nun auf. "Sehr verehrter Richter.." und stellte sich neben mir vor den Richtertisch. ".. der Angeklagte, Rota Gevill, wird beschuldigt seinen fünfzehnjährigen Mitschüler, Alvin von Hagenen, vor achtzehn Tagen vorsätzlich und aufgrund niedriger Beweggründe getötet zu haben. Alvin von Hagenen, wurde nach Angaben vieler Zeugen als einen ruhigen und ausgeglichenen Bürger Kavens beschrieben, der sich auch wohl nie etwas zu Schulden kommen lassen hat. Nach Aussage diverser Zeugen, die wir im Laufe dieses Verfahrens noch anhören werden, soll sich Folgendes ereignet haben: Der Zeuge, Jaden Grat, ebenfalls ein Mitschüler des Angeklagten, hatte einen Tag vor dieser Tat zufällig entdeckt, dass der Angeklagte Rota Gevill und seine Mitschülerin, Mallen Goldan, die bekanntlich meine Tochter ist, sich beide zusammen auf dem Weg in den Wald befanden. Da der Angeklagte allgemein als Einzelgänger und Außenseiter gilt, fand unser Zeuge dies sehr merkwürdig und irgendwie sehr seltsam. Er entschied sich daher der Sache näher auf den Grund zu gehen und den beiden unbemerkt zu folgen. Der Zeuge folgte ihnen bis zu einer im Wald versteckten Baumhöhle. Der Zeuge teilte mir auch mit, dass er auf dem Weg zu dieser Hütte teilweise dem Gespräch der beiden lauschen konnte und er vernommen hat, dass der Angeklagte meiner Tochter Mallen in dieser Hütte etwas ganz Besonderes zeigen wollte."

"Lüge!" entsetzt stand ich auf und brüllte in den Saal: "Das ist nicht wahr!!"
Der Richter stand nun ebenfalls auf und hämmerte mit seinem Hammer mehrmals auf den Tisch. "ANGEKLAGTER!! Sollten sie sich nicht sofort wieder hinsetzen, werde ich sie wegen Missachtung dieses Tribunals ohne weitere Anhörung verurteilen und sie persönlich zum Teufel jagen! Haben Sie mich verstanden!? Sie werden noch zu gegebener Zeit zu Wort kommen um sich zu erklären!" Er machte eine Pause, schaute mich eindringlich an und setzte weiter fort: "Das ist die erste und letzte Warnung die ich Ihnen gebe.
Haben Sie mich verstanden Angeklagter?". Wobei er den letzten Satz jedes Wort einzelnd überdeutlich betonte.
Ich nickte schließlich kleinlaut und setzte mich wieder auf meinen Platz. Ach was soll‘s, denke ich resigniert, es kommt wie es kommt und was man nicht ändern kann, muss man wohl oder übel akzeptieren.

"Fahren Sie bitte fort, Bürgermeister!" sagte der Richter schließlich und setzte sich ebenfalls wieder.
Der Bürgermeister wendete sich nun wieder den Zuschauern des Tribunals zu. "Ich wiederhole nochmal. Unser Zeuge, Jaden Grat, hat vernommen, dass der Angeklagte meiner Tochter etwas ganz Besonderes zeigen wollte. Als dann der Angeklagte und meine Tochter Mallen auf diese Baumhöhle geklettert waren und dort verschwanden, war zunächst erst mal nichts weiter zu hören, bis der Zeuge dann plötzlich wieder die Stimme meiner Tochter hörte. Sie soll nach Angaben des Zeugen folgendes gesagt haben:"
Johnas Goldan holte nun ein Zettel aus seiner Robe hervor und las dann daraus vor.
"- Rota..! Ich dachte du wolltest mir etwas Besonderes zeigen..-
- Heh was soll das! Lass mich los.. du tust mir weh!-
- Rota, nein! Bitte lass das..!- "
Es herrschte nun absolute Stille im Saal. Johnas Goldan steckte den Zettel wieder in die Tasche seiner Robe und fuhr dann wieder weiter mit der Anklage fort.
"Der Zeuge sagte aus, dass er dann Geräusche gehört hatte, die sich wie ein Kampf zwischen dem Angeklagten und meiner Tochter angehört hatten. Der Zeuge, Jaden Grat, wollte in diesem Moment meiner Tochter zur Hilfe eilen, als dann aber auch schon meine Tochter flüchtend aus dieser Baumhöhle geklettert kam und geradewegs und so schnell sie konnte dann nach Hause gelaufen war.

Jaden Grat hat am nächsten Tag mit seinen Freunden beschlossen, den Angeklagten aufzuhalten und diesen Ort der Schändung, diese Baumhöhle, zu zerstören. Es haben sich letztlich Jaden Grat, Gero Hasbers, Pelle Kladier und Alvin van Hagenen auf dem Weg gemacht um diese Hütte zu zerstören.., damit der Angeklagte mit seinen Abscheulichkeiten aufgehalten wird und es nie wieder zu solchen Schandtaten kommen sollte.
Als der Zeuge und seine Freunde dann die Hütte vollständig niedergerissen hatten, soll plötzlich der Angeklagte erschienen sein. Er soll wutschnaubend auf den ersten der ihm in die Quere kam, auf Alvin van Hagenen, zugerannt sein und ihn ohne irgendeine Vorwarnung mit der Faust direkt und mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen haben. Nach Aussage des Gerichtsmediziners wurde die Nase des Todesopfers dermaßen durch diesen Schlag zertrümmert, dass Knochensplitter in das Gehirn eindrangen und dabei das Gehirn von Alvin van Hagenen so sehr verletzten, dass dieser auf der Stelle verstarb.
Daraufhin soll der Hund, von Marla und Debbie Gruden, sein Name war Zisko, bellend auf den Angeklagten Rota Gevill losgegangen sein. Zisko, war wohlgemerkt auch der Hund, der dem Angelklagten immer vertrauensvoll von den Gruden's in Obhut gegeben worden war. Der Zeuge sagte schließlich weiter aus, dass der Angeklagte dann den Hammer von Alvin van Hagenen in die Hand genommen haben soll und Zisko, erbarmungslos und jähzornig wie er war, zu Tode geprügelt haben. Erst dann soll Pelle Kladier mit einem Schlag von hinten den tosenden Angeklagten, Rota Gevill, unschädlich gemacht haben."

Johnas Goldan machte eine Pause. Es herrschte wieder eine absolute Stille im Saal. Er schaute mich kurz, aber mit hasserfülltem Gesicht an. "Meine Tochter Mallen geht es seit dem sehr schlecht. Sie ist seit dem nicht mehr sie selbst und geistig noch völlig verstört. Meine Tochter ist daher leider auch nicht vernehmungsfähig. Ich bin darüber sehr traurig, weil dadurch der Gerechtigkeit wieder mal etwas zuwider läuft. Deshalb möchte ich an meiner Tochter statt als Zeuge hier vor dieses Tribunal treten und bestätigen, dass die Zeugenaussage von Jaden Grat, was den Teil meiner Tochter betrifft, der Wahrheit entspricht. Rota Gevill hat meine Tochter in diese Baumhöhle gelockt um dann seine Gelüste an ihr zu befriedigen."
Der Richter schaute irritiert und fragte etwas aufgebracht: "Herr Bürgermeister, darf ich sie so verstehen, dass sie nun direkt zur Zeugenvernehmung gewechselt sind und sie selbst sich als Vertreter ihrer Tochter Mallen als Zeuge ausgesagt haben?"
"Das ist richtig, Euer Ehren! Und ich würde gerne mit dem nächsten Zeugen fortfahren."
Der Richter nickte schließlich. "Herr Bürgermeister, fahren sie fort."

Als nächste Zeugen wurden dann Gero Hasbers und dann Pelle Kladier vom Bürgermeister vernommen. Sinngemäß bestätigten sie die vorhergehenden Ausführungen des Bürgermeisters. Als letzter Zeuge wurde Jaden Grat vernommen. Auch Jaden bestätigte, dass sich alles so zugetragen hat, wie es der Bürgermeister bereits in seiner Anklage vorgetragen hatte, jedoch mit noch mehr Einzelheiten, was sich in meiner Hütte zwischen mir und Mallen so alles zugetragen haben soll. Ich soll unter anderem gefordert haben, dass Mallen sich ausziehen soll, dass sie sich nicht so zieren soll.. und, und, und..
Ich war starr vor Entsetzen und Rachegelüste bestimmten nur noch meine Gedanken. Egal wie das Urteil letzten Endes auch ausgehen mag..., dafür sollst du noch büßen, Jaden! Sollte ich das überleben, wird der Tag kommen an dem du noch bereuen wirst, was du getan und hier gesagt hast. Wart's nur ab..

Nach einer kurzen Pause wurde ich dann vom Richter aufgefordert meine Sichtweise darzulegen und meine Zeugen zu benennen. Ich erzählte dem Richter schließlich alles so, wie es sich aus meiner Sicht wirklich zu getragen hatte. Ich schilderte ihm, dass Mallen meine Hütte schon vor mehr als einem Jahr entdeckte und ich ihr etwas später dann meine Hütte auch von innen gezeigt hatte. Auch erzählte ich, dass wir uns im Laufe der Zeit angefreundet hatten und sie mir dann später sogar geholfen hat die Hütte weiter zu verbessern und auszubauen. Als ich dies jedoch erzählte wurde ich beschimpft und ausgelacht. Viele riefen „Lügner..“ oder „Mallen würde sich niemals mit einem Teufel wie dir abgeben..“ und andere schauten sich auch nur an und lachten einfach über diese Absurdität... Mir wurde klar, dass meine Erklärungen hoffnungslos und unglaubwürdig waren. Vor allem, weil ich keinen einzigen Zeugen benennen konnte die unsere Freundschaft bezeugen konnten. Trotzdem erzählte ich diesem Tribunal alles so, wie es sich aus meiner Ansicht zugetragen hatte. Letzten Endes fragte der Richter mich noch ob ich zu meiner Aussage irgendwelche Zeugen nennen könnte. Ich antwortete schließlich: "Die einzige Zeugin die ich nennen kann, ist die Tochter vom Bürgermeister, Mallen Goldan, die jedoch nicht bei diesem Tribunal anwesend ist oder besser gesagt wohl nicht anwesend sein soll!"

Der Richter schüttelte schließlich den Kopf und sagte: "Ich denke damit dürfte alles gesagt sein. Bürgermeister, haben sie noch Fragen oder möchten Sie abschließend noch etwas zu diesem Fall sagen?"
Der Bürgermeister drehte sich zu den Zuschauern, setzte sich wieder und antwortete: "Nein, ich denke wir haben alles gehört und der Rat kann sich zur Urteilsfindung zurückziehen!"
Der Richter fuhr fort: "Sehr verehrte Ratsmitglieder, Sie haben den Bürgermeister gehört. Sie sind dazu angehalten gegen den Angeklagten ein gerechtes Urteil zu finden und mir, als Richter dieses Tribunals ihren Vorschlag für das endgültige Urteil vorzulegen."
Alle Ratsmitglieder verließen anschließend den Tribunalsaal und versammelten sich geschlossen in einem Nebenraum.

Nach gut einer halben Stunde unerträglichen Wartens war es dann soweit und der Rat kam aus seiner Beratung wieder in den Tribunalsaal. Mein Onkel verzog keine Miene und ließ auch nicht erkennen, was für ein Urteil aus dieser Besprechung ich nun zu erwarten hätte. Der Richter stand nun auf und fragte: "Verehrter Rat, sind sie zu einer Entscheidung gekommen?"
Der Sprecher des Rates trat nun hervor und antwortete "Verehrter Richter! Wir haben eine Entscheidung getroffen. Die Entscheidung wurde einvernehmlich gefällt. Unser Urteilsvorschlag lautet wie folgt:" Es folgte eine kurze Pause der Spannung. Alle im Saal hörten gebannt zu.
"Der Angeklagte Rota Gevill wird in beiden Anklagepunkten, des versuchten sexuellen Missbrauchs an Mallen Goldan und des Totschlags an Alvin von Hagenen für schuldig befunden."

Als diese Worte ausgesprochen wurden, fingen die Zuschauer augenblicklich an zu jubeln und zu grölen. Der Richter stand auf und hämmert wieder wie wild mit seinem Hammer auf den Richtertisch.
"RUHE! RUHE!"
Die Zuschauer beruhigten sich und es wurde wieder still. Der Richter blieb noch etwas stehen und schaute sich ermahnend nochmal um, bis er sich wieder setzte und dem Ratssprecher zunickte.
Der Sprecher des Rates fuhr fort: "Aufgrund der schwere dieser Taten, die sich der Angeklagte schuldig gemacht hat, hat der Rat entschieden, ihnen Herr Richter, folgenden Urteilsvorschlag zu unterbreiten: Der Angeklagte soll Morgen um zehn Uhr aus Kaven verbannt und... zum Teufel gejagt werden!"
Es folgten wieder Schreie des Jubels und der Zustimmung...
Der Richter stand nun wieder auf und schaute auf mich herab. "Angeklagter! Erheben Sie sich!" sprach er laut und betont deutlich. Ich stand nun auf.
"Kraft meines Amtes stimme ich dem Urteilsvorschlag des Rates in Gänze zu und verurteile sie, Rota Gevill, der Verbannung. Die Verbannung wird morgen um zehn Uhr mit der Verschärfung vollzogen, dass man sie, Rota Gevill, dann zum Teufel jagen wird."
Dann schlug er mit seinem Hammer ein letztes Mal auf seinen Tisch und sagte abschließend: "Hiermit schließe ich das Tribunal gegen Rota Gevill".

Alles erschien mir plötzlich so unwirklich. Ich sah dass sich viele der Zuschauer freuten, die anderen mich lauthals beschimpften. Ich sah Debbie und Marla wie sie auf mich zeigten und irgendwelche Beschimpfungen von sich gaben. Dann sah ich Petra und unsere Blicke trafen sich. Sie zuckte mit den Schultern und machte ein Gesicht, dass wohl ausdrücken sollte, dass man da wohl nichts mehr machen könne. Nach der Devise: Was soll‘s.., haste halt Pech gehabt. Mach's halt nächstes Mal besser. Sophies Gesichtsausruck war nur genervt und ihr schien das alles nur peinlich zu sein. Justin hingegen grinste wie ein Honigkuchenpferd.

Kurz darauf kamen schließlich wieder dieser dicke Gefängniswärter und zwei Gesetzeshüter und führten mich wieder zum Kerker zu meiner Zelle, jedoch nicht so sanft, wie sie mich hergebracht hatten. Sie beschimpften und schubsten mich ständig. Auf halbem Weg schafften sie es schließlich auch und brachten mich zu Fall, worauf sie mich dann schnell mit Tritten wieder auf die Füße jagten. Als wir dann meine Zelle erreichten, wurde ich vom Kerkermeister aufgefordert mich jetzt schon auszuziehen, um am nächsten Tag nicht unnötig Zeit zu verlieren. Das fand er dann so lustig, dass er anfing meine Kleider und auch mich beim Ausziehen auch noch anzupinkeln. Nachdem sie meine Kleider mitgenommen, die Kerkertür geschlossen und schließlich weggegangen waren, schleppte ich mich zu meiner Liege.
Mir war kalt und ich hatte große Angst vor dem morgigen Tag. Ich konnte letzten Endes nicht anders und fing an zu weinen. Nachdem ich mich dann irgendwann ausgeheult hatte, beschloss ich mit dem ganzen Geheule und dem Gejammere endlich aufzuhören und mir zu überlegen wie ich den morgigen Tag wohl überstehen könnte..

Verbannung

《Wenn du durch die Hölle gehst, geh weiter》
Winston Churchill

Nach einer langen Nacht ohne Schlaf holte man mich morgens und wie es die Tradition dieser Bestrafung verlangte, splitternackt aus dem Kerker. Es war ein diesiger und nasskalter Tag. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, zitterte am ganzen Leib und mein Herz raste gnadenlos.

Eingepfercht in einem kleinen geschlossenen Käfig auf einem Pferdewagen wurde ich vor den Toren der Zitadelle zum Kavener Rathausplatz gefahren. Als wir uns dann langsam dem Rathausplatz näherten, hörte ich sie schon rufen. Sie, die Bürger von Kaven, wie sie meinen zweiten und mir schon lange zu Eigen gewordenen und verhassten Namen -Teufel- brüllten und mich beschimpften. Mich schüttelte es vor Angst und meine Beine wurden weich und begannen stark zu zitterten. Ich hatte solche Angst, dass ich fürchtete mich überhaupt nicht von der Stelle bewegen zu können. Schließlich öffneten sie den Käfig und zwei Wachmänner holten mich aus meiner trostlosen Bleibe. Als man mich schließlich sah, wurde es mit einem Male sehr laut und es kam zu tumultartigen Zuständen. So viele waren hier.. Mein Gott! Fast ganz Kaven hatte sich am Rathausplatz versammelt um sich dieses Ereignis anzuschauen. Ein großer Teil des Mob's rief rhythmisch immer wieder: "...den Teufel zum Teufel jagen..., den Teufel zum Teufel jagen.." Bei diesen Leuten handelte es sich bei den meisten wohl um die sogenannten Adjutoren, da viele dabei auch wild mit ihren Weidenruten rumfuchtelten. Viele beschimpften mich. "Mörder!.. Verschwinde!.. Du Ausgeburt der Hölle! SATAN.. GEH DAHIN WO DU HINGEHÖRST.." Sie bewarfen mich mit Dreck und faulem Obst. Ich erkannte sogar einige von der Schule wieder, die in der Hand Weidenruten hielten und damit wohl als die sogenannten Adjutoren sogar daran teilnahmen.

Die von der Wache abgesperrte Bühne, zu der ich nun geführt wurde, war gut ein Schritt hoch und hatte eine zweite Treppe, die zu einer Art Gasse führte. Die linke und rechte Seite der Gasse war mit Hilfe von zwei jeweils rund einem Schritt hohen und mehreren hundert Schritt langen Zäunen abgegrenzt worden. Rechts und links hinter den Zäunen verteilten sich die Adjutoren mit ihren Weidenruten und dahinter wiederum die Zuschauer. Die Gasse selbst, die ich dann wohl in einer Art Spießrutenlauf zu durchlaufen habe, war etwa gut zwei Schritt breit. Auch hatte man bereits auf diese Gasse schon viele spitze Steine und Dornenzweige geschmissen, um es mir mit meinen nackten Füssen auch ja nicht zu einfach zu machen.
Ganz vorne an der linken Seite der Gasse entdeckte ich nun meine Nachbarn, Marla und Debbie Gruden. Beide standen sie da und starrten mich mit ihrem von Hass verzerrten Gesichtern an. Warum? Was habe ich ihnen jemals getan? Glauben sie wirklich ich hätte Zisko jemals etwas zu Leide tun können? Auch Justin entdeckte ich wild fuchtelnd mit einer Weidenrute in der Hand in der Menge dieses Mobs. Und weiter hinten waren auch mein Onkel Jaron, Petra und Sophie. Auch sie waren gekommen um sich dieses Spektakel, meine Verbannung aus Kaven, anzusehen. Sie, die mich vor Jahren noch pflichtbewusst in ihre Familie aufgenommen hatten.

Ihr Irren! Wut ergriff mich und das war in diesem Moment auch gut so. Ich vergaß meine Angst und sah nun wieder etwas klarer. Auch machte ich mir nun wieder Gedanken, wie ich diesem Wahnsinn hier vielleicht entkommen konnte. Ich werde euch den Spaß verderben! Irgendwann, werdet ihr das, was ihr mir hier antun wolltet, nochmal bereuen. Büßen werdet ihr dafür..., das will ich euch und auch mir selbstversprechen!

Der Bürgermeister kam nun auf die Bühne. "Liebe Bürger von Kaven!" Es wurde nun ganz still auf dem Rathausplatz und alle hörten dem Bürgermeister gebannt zu. "Das gestrige Tribunal hat Rota Gevill aufgrund seiner Gräueltaten dazu verurteilt, dass man ihn heute um zehn Uhr an diesem Morgen zum Teufel jagen wird. Wir sind daher gewillt und daran gehalten, das Urteil auch so zu vollziehen. Ich bitte daher alle Adjutoren sich nun in Stellung zu bringen..."
Der Bürgermeister schaute nun auf die Turmuhr. Es war nun genau eine Minute vor zehn Uhr. "Ich sehe, wir sind pünktlich..." Dann sah er mich und dann die Wächter an. "Ich bitte sie den Verurteilten in Position zu bringen!"
Man beförderte mich nun zum Rand der Bühne, wo sich die Treppe befand, die zur Gasse des Spießrutenlaufs führte. Ich blickte entlang der Gasse und schaute dabei vereinzelt in die Gesichter der Leute, die mit ihren Weidenruten daran teilnahmen um mich damit aus Kaven zu vertreiben oder so Gott will mich damit zum Teufel zu jagen. Neugierde, Vorfreude, Ekel, Wut, Agression, Hass und sogar Stolz konnte ich in diesen Gesichtern erkennen. Ich musste schlucken. Hätte ich doch wenigstens meine Kleider, dachte ich andauernd und eine schreckliche Angst packte mich wieder. Ich durfte jetzt aber keine Angst haben, denn Angst hinderte mich beim Denken. Ich versuchte mich wieder zu beruhigen und nachzudenken.
Wenn ich diesen Weg durch die Gasse nehme, werden das meine Füße aufgrund der herumliegenden spitzen Steine, Scherben und dem Dornengestrüpp nicht lange mitmachen. Ich werde zu langsam sein und das könnte meinen Tod bedeuten. Was also konnte ich machen? Rechts und links standen die Adjutoren in Position und es waren einfach zu viele, als das ich links oder rechts ausbrechen könnte. Bleibt nur der Weg durch diese verhasste Gasse. Oder? Ich schloss die Augen. Es kommt wie es kommt und bei meiner Seele ich werde mein Bestes geben.

Dann ertönte die Glocke der großen Turmuhr. "JAGD IHN ZUM TEUFEL!!" brüllte der Bürgermeister. Ich wurde nach vorne gestoßen und mit weiteren rüden Tritten die Treppe hinunter getreten. Und dann passierte das, was ich eigentlich vermeiden wollte. Ich stolperte schon gleich beim Start die Treppe hinunter und fiel zu Boden. Es wurde mit einem Male unsäglich laut. Dann spürte ich im nächsten Moment brennende und beißende Schmerzen. Schläge auf meinen Rücken, meine Beine, meinen Kopf und meinem Gesicht. Ich versuchte mich zu schützen, in dem ich mich schnell hinhockte und versuche meine Arme schützend über meinen Kopf zu legen. Wenn ich hier aber nicht sterben wollte, musste ich jetzt aufstehen und weiter gehen.
Der Mob schrie immerzu "VERSCHWINDE!!!.. SAAATAAAAN!!... HAUST DU WOHL AB!!!.. GEH ZUM TEUFEL!!..... HIER HAST DU WAS DU VERDIENST..." Ohhhhhh... ich muss aufstehen.. ich muss hier weg.. aufstehen.. ich muss aufstehen!! Dann endlich schaffte ich es mich wieder aufzuraffen und aufzustehen. Dabei trafen unter anderem wieder heftige Stockschläge mein Gesicht. Ich fing an mich nun in geduckter Haltung nach vorne entlang der Gasse zu bewegen. Meine Hände und Arme hielt ich dabei schützend über meinen Kopf. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich bei jedem Schlag vor Schmerzen aufschrie. Ich versuchte schneller zu laufen. Dann jedoch erfasste mich ein tiefer und schneidender Schmerz an meinem rechten Fuß. Ein dicker spitzer Stein verletzte meinen Fuß so sehr, dass ich das Gleichgewicht verlor und wieder hinfiel. Wieder erfasste mich eine Welle von Stockschlägen über meinen ganzen Körper. Dann bemerkte ich, neben diesen ganzen Stockschlägen, mit einem Mal einen bohrenden und stechenden Schmerz an meinem Hintern. Ich drehte mich um und sah, dass ein kleines Kind versuchte mit seiner Weidenrute mir in meinem Hintern zu bohren. Man lachte und feuerte das Kind an weiter zu machen. Ich schlug mit meinem Fuß nach dieser Weidenrute, schaffte es dann irgenwie doch wieder aufzustehen und wollte nur noch weg hier. Dann aber traf mich aber ein Stock derart auf die Nase, dass ich vor Schmerzen regelrecht erstarrte und ich unglücklicherweise wieder schützend zu Boden gehen musste. Schmerzen konnte ich aushalten, das wusste ich. Schmerzen kommen und gehen wieder. Ignoriere deine Schmerzen! Das war meine einzige Chance die ich hatte. Ich biss die Zähne zusammen. Mein ganzer Körper war nun fest angespannt. Ich habe keine Schmerzen.., ich habe keine Schmerzen.., sagte ich nun immer wieder zu mir selbst und dann.. fing ich an zu schreien. Ich schrie so laut, dass ich nur noch meine Schreie und meine Wut wahrnahm. Der Mob um mich herum war zum Teil nun selbst wie erstarrt und viele sahen mich nun erschrocken und fast.., ja, ängstlich an.

Ich stand auf, riss den Adjutoren die Weidenrute aus ihren Händen, die gerade damit in meiner Nähe damit auf mich zuschlugen oder zuschlagen wollten, und sprang nun schreiend dort, wo die wenigsten Adjutoren standen, über den rechten Zaun. Die Adjutoren, die dort standen, waren so überrascht, dass sie erst gar nicht darauf reagierten und nur wie paralysiert da standen und mich nun behämmert anglotzten. Bis die ersten sich jedoch aus ihrer Erstarrung lösen konnten, war ich aber schon an ihnen vorbei gelaufen.
"Jagd ihn! Hinterher!!" riefen sie wieder. Zwei erwachsene Männer kreuzten nun meinen Weg und wollten meine Flucht, die so keiner eingeplant hatte, verhindern. Ich lief schreiend und direkt auf den rechten Mann zu. Ich ballte meine Faust und schlug ihn mit ganzer Wut und Kraft ins Gesicht. Ich verspürte dabei starke Schmerzen.., aber ich nahm diese Schmerzen auf und leitete diese in noch mehr Wut und Energie um. Der Mann fiel schließlich einfach um, was ich jedoch selbst nicht mehr realisierte. Ich schrie und rannte weiter, wie der Teufel. Viele wichen mir aus oder standen nur da und waren noch völlig aus der Fassung, was da gerade passierte. Dann merkte ich, dass plötzlich jemand von links heran gerannt kam und sich mir im vollen Lauf in den Weg warf. Ich hatte keine Chance und wurde schließlich von meinen Beinen gerissen. Ich rollte mich jedoch schnell ab und war schnell wieder auf meinen Beinen. Plötzlich jedoch kam dann überraschend Robert Grat, der Vater von Jaden, ein stämmiger und hochgewachsener Mann, von der linken Seite und schlug mir mit voller Wucht seine Faust unerwartet ins Gesicht und traf dabei besonders meine ohnehin schon angeschlagene Nase. Ich taumelte nach hinten, hielt mich aber noch auf meinen Beinen. Ich drehte mich nun zu ihm um, fletschte die Zähne, setzte mein Wutgeschrei weiter fort und griff ohne weiter zu zögern an. Ich täuschte einen linken Faustschlag an, schlug ihn jedoch mit der rechten Faust und mit ganzer Kraft auf sein linkes Ohr. Er wankte und fiel schließlich vornüber auf den Boden. Ich ließ ihn liegen und konzentrierte mich wieder auf meine Flucht.

Der Weg war nun frei. Ich rannte und rannte. Nach gut fünfhundert Schritt schaute ich mich das erste Mal wieder um und stellte fest, dass nur noch einige meiner Verfolger mich mit ihren Weidenruten verfolgten und auch schon mehr als hundert Schritte entfernt waren. Hoffnung keimte in mir auf. Nur noch ungefähr fünfhundert Schritte trennten mich bis zur Außengrenze. Die Außengrenze von Kaven wurde durch eine gut eineinhalb Schritt hohe und fünfzehntausend Schritt lange Steinmauer vor dem Außengebiet der Wildnis geschützt. An der Mauer waren im Abstand von gut dreihundert Schritt regelmäßig Wachtürme aufgestellt. Das Tor würde für mich vermutlich heute geöffnet sein, da man mich schließlich aus Kaven ja heraus jagen wollte. Aber was wird mich am Tor erwarten? Mein Geschrei, welches mir einen guten Dienst erwiesen hatte, hatte ich inzwischen eingestellt. Meine Schmerzen, besonders die Schmerzen an meinem rechten verletzten Fuß meldeten sich langsam aber umso heftiger zurück. Ich versuchte die Schmerzen weiter zu ignorieren und lief wieder etwas schneller. Ich befand mich auf der Straße, die zum Außentor von Kaven führte. Aber die Chance, dass ich dort vielleicht am Tor von anderen Adjutoren bereits erwartet wurde oder man dort auf mich lauerte, war zu groß. Ich wollte es nicht darauf ankommen lassen und änderte nun meinen Plan. Ich verließ daher den üblichen Weg zum Tor und rannte nun rechts die Straße runter und quer über ein Ackerfeld. Nach einer Weile erreichte ich schließlich die Außenmauer.

Ich kletterte die Außenmauer hoch. Hinter der Mauer gab es jedoch einen Wassergraben, der gut zwei Schritt breit war. Ich hangelte mich an der Außenmauer runter und ließ mich in den Wassergraben fallen. Der Graben war nicht tief und ich konnte mich einigermaßen schnell auf die andere Seite rüber schleppen. Dann hörte ich jedoch Stimmen.
"Hier ist er!"
"Wir haben ihn..!"
Von links, wie auch von rechts rannten Jaden, Pelle, Gero und noch vier andere auf mich zu.

Um wirklich sicher zu gehen, dass ich nicht ungeschoren davon komme, haben sie mich doch tatsächlich hinter der Außenmauer aufgelauert und wollen mir nun wohl den Rest geben.
Jaden erreichte mich als erster. "Na, wen haben wir denn da schon wieder? Der Rota, unser kleiner Teufel..! Ich muss schon sagen.., ich hätte wirklich nicht gedacht, dass du so weit kommst. Wie hast du das nur geschafft...? Naja, egal... dafür sind wir jetzt ja hier. Oder Leute?" Jaden, wie auch die anderen waren mit Knüppel und Schlagstöcken bewaffnet. Ich stand immer noch am Rande des Wassergrabens. Jaden kam nun etwas näher zu mir.
"Ohh je, Ohh je, Ohh jeee.. Rota.. Ich möchte wirklich nicht in deine Haut stecken. Du tust mir schon fast Leid..". Dann plötzlich holte er mit seinem Knüppel aus und versuchte mit voller Wucht auf mein Gesicht einzuschlagen. Ich konnte den Schlag jedoch gerade noch rechtzeitig mit meinem Arm abwehren. Verlor dabei aber das Gleichgewicht und fiel rückwärts wieder in den Wassergraben.

Alle mussten nun lachen und standen nun im Halbkreis versammelt vor mir. Ich war müde und mein Körper fing an zu rebellieren aber es blieb mir nichts anderes übrig, wenn ich das hier überleben wollte, ich musste weiter kämpfen. Ich hatte es so satt immer wieder gequält.., geschlagen.., getreten oder ausgelacht zu werden. Ich fing wieder, so laut es nur ging, zu schreien an und griff schließlich an. Auf allen Vieren krabbelte ich aus dem Wasser und hielt direkt auf Jaden zu. Jaden war aufgrund meines Schreiens für einen kurzen Moment aus der Fassung, fing sich jedoch schnell wieder und schlug erneut mit seinem Knüppel auf mich ein. Die anderen folgten jetzt ebenfalls Jaden's Beispiel und schlugen nun ihrerseits auch mit ihren Knüppeln auf mich ein. Eine ganze Ladung von Schlägen prasselte nun auf mich nieder. Ich spürte jedoch aufgrund meiner rasenden Wut kaum noch etwas. Ich konzentrierte mich nur noch auf Jaden und versuchte sein Bein irgendwie zu fassen zu bekommen. Jaden lachte noch. „Ohh.., schaut ihn euch an, wie er da rumkrabbelt.., wie niedlich!“ Dann endlich gelang es mir sein Bein mit meinen Händen zu erwischen und festzuhalten. Ich hielt nun mit aller Kraft, die ich aufbieten konnte, Jadens Bein fest. Schob seine Hose hoch und biss dann mit aller Wut und Kraft in seine Wade. Jaden fing sofort wie wild vor Schmerzen an zu schreien. Alle anderen hielten für einen kurzen Moment inne und schlugen schließlich kurz darauf noch heftiger mit ihren Knüppeln auf mich ein. Ich wiederum biss nun ebenfalls noch kräftiger zu. Jaden gierte nur noch. Er beugte sich nun über mich und trommelte wie wild mit seinen Fäusten auf meinem Kopf herum. Dann schließlich biss ich ein Stück von seiner Wade ab. Ein gluturales Geheul und Geschrei ertönte nun von Jaden.
Jetzt war die Gelegenheit da, endlich aufzustehen. Ich stand auf, spuckte Jaden sein eigenes Stück Fleisch und Haut von seiner Wade in sein Gesicht und griff dann Pelle an. Pelle sah mich erschrocken und ängstlich an. Ich schrie weiter, packte mit meinen Händen seinen Kopf und drückte mit meinen Daumen seine beiden Augäpfel ein. Nun war es Pelle, der wie ein Wilder vor Schmerzen herumschrie. Die Schläge ließen nun nach. Die anderen schauten schockiert und konnten wohl nicht fassen was hier soeben passierte. Ich drehte mich um und wollte mir nun den dicken Gero vornehmen. Als er meine Absicht erkannte, ließ er seinen Knüppel fallen und lief daraufhin einfach weg. Ich drehte mich nun zu den anderen und sah, dass auch sie wegrannten. Ich wendete mich nun wieder Jaden zu. Er heulte und schrie immer noch vor Schmerzen. Ich beugte mich zu ihm herüber und packte ihn an der Gurgel. Er würgte. Ich kam ganz nah an ihm heran und sagte: "Das.. Jaden.., das war noch längst nicht alles.., das versprech ich dir!" Ich schlug ihn schließlich mit seinem eigenen Knüppel nieder und zog ihn dann noch schnell seine Schuhe, Hose und seine Jacke aus und setzte meine Flucht weiter fort.

Weg zur Höhle

《Entschlossenheit im Unglück ist immer
der halbe Weg zur Rettung》
-Johann Heinrich Pestalozzi-

Auf dem Weg zum Fluss, rannte ich noch gut zehn Minuten pausenlos weiter, bis ich entschied endlich eine kurze Pause zu machen, um mir Jadens Sachen anzuziehen. Ich zitterte stark und alles tat mir weh. An meinem Körper gab es kaum noch eine Stelle, die unversehrt war. An vielen Stellen war meine Haut aufgeplatzt. Das Atmen fiel mir schwer und ich konnte auch nur noch durch den Mund atmen. Ich befürchtete, dass meine Nase, ich wagte sie noch nicht mal anzufassen, vermutlich gebrochen war. Mein größtes Problem war jedoch mein rechter Fuß, wo eine gut daumeslang, hässlich gezackte, offene Wunde klaffte, die immer noch sehr stark blutete. Der pochende und irgendwie bohrende Schmerz nahm stetig zu. Schließlich riss ich ein Stück von der Hose ab und wickelte mir diesen Fetzen um die Wunde. Als ich jedoch die Schuhe von Jaden anziehen wollte, merkte ich, dass ich dummerweise nicht mehr in Jaden‘s rechten Schuh passte. Ich fluchte und entschied mich den Fetzen wieder abzunehmen um diesen dann so zu kürzen, dass ich vielleicht in den Schuh passte. Als ich dann endlich fertig wurde, war ich aber mit dem Ergebnis zufrieden. Mein Fuß lag nun, dank des Verbandes, so fest im Schuh, dass die offene Wunde aufgrund der Kompression vorerst verschlossen war. Ich war nun wieder bereit weiter zu gehen und setzte meinen Weg nun aber humpelnd weiter fort.

Irgendwann erreichte ich schließlich den Backenfluss und ging, wie Jake es mir beschrieben hatte, den Fluss aufwärts entlang. Der Weg entlang der Uferkannte, war allein schon beschwerlich genug, da immer wieder große Steine, Schlamm, Büsche und andere Pflanzen diesen Weg teilweise unpassierbar machten und ich immer wieder Umwege gehen musste um wieder weiter zu kommen. Ich stolperte häufig und das Fortbewegen fiel mir immer schwerer. Mir wurde immer kälter, ich zitterte am ganzen Leib und jede Bewegung verursachte mir mehr Schmerzen. Aber nach gut einer weiteren Stunde erreichte ich endlich den von Jake beschriebenen Felsen, mit den riesigen, rings umstehenden Laubbäumen. Hier sollte nun unter irgendeinem Busch, in der Nähe dieses Flusses, ein Paket mit Kleidung, Decke und Essen liegen. Ich humpelte nun näher zum Fluss um danach zu suchen. Es dauerte etwas, aber dann fand ich schließlich unter einem großen Busch, ein in brauner Decke zusammengerolltes Paket. Jake, Jake, Jake.., mein Lieber.., dafür werde ich dir wohl ewig dankbar sein.

Stöhnend und keuchend setze ich mich schließlich auf den Boden, löste das Seil von dem Paket und entrollte schließlich die Decke. Jake hatte tatsächlich an alles gedacht. Darin waren ein gutes Paar Lederstiefel, Socken, Unterbekleidung, Hemd, Hose, Mantel, einen großen Stück getrockneten Schinken, ein Wasserschlauch sowie ein gutes Messer. Sogar Verbandsmaterial, Wundsalbe und die besagte Karte waren darin. Alles was ich benötige war dabei. Danke Jake..! Danke!! Aber was mache ich jetzt? Ich war zu schwach um weiter zu gehen. Einfach hier zu bleiben und mich auszuruhen schien mir zu gefährlich zu sein. Aber was war hier nicht gefährlich? Zitternd zog ich mich nun aus. Trug auf den schlimmsten Stellen die Wundsalbe auf und verband diese Verletzungen so gut es ging. Danach zog ich die frische Kleidung von Jake an. Und um mich vor der Kälte so gut es ging zu schützen, zog ich Jaden‘s Jacke und darüber auch noch den Mantel von Jake an. Schließlich nahm ich die restlichen Sachen, kroch damit unter einem dichten Busch und wickelte mich dazu noch mit der dicken Decke ein. Obwohl ich keinen Hunger hatte, schnitt ich mir trotzdem noch einen guten Bissen vom Schinken ab und steckte es mir in den Mund. „Ich lebe noch!“ sagte ich nun zu mir. „Verdammt wer hätte das gedacht! Ich lebe noch!“
Dann wollte ich nur noch schlafen und obwohl ich fror und mir alles wehtat, schlief ich irgendwann doch tatsächlich ein.

Es war stockduster, als ich das erste Mal wieder erwachte. Meine frische Kleidung von Jake war durchgeschwitzt und blutig von meinen ganzen Wunden. Ich fieberte und gleichzeitig war mir schrecklich kalt. Mein Körper war starr vor Schmerzen. Ich konnte mich kaum bewegen. Weil ich aber so einen Durst hatte, raffte ich mich troztdem dazu auf den Wasserschlauch zu nehmen und daraus drei, vier kräftige Schluck Wasser zu trinken. Dann wickelte ich mich wieder in die Decke und schlief nach einer Weile wieder ein.

Als ich das nächstemal wieder wach wurde, war es schon wieder heller Tag. Es nieselte leicht. Ich hörte das Rauschen des Wassers und der Bäume. Ich richtete mich schließlich mit größter Mühe auf und schaute mich um. Es kam mir alles so unwirklich vor. Wo und was machte ich hier? Waren meine ersten Gedanken. War das alles wirklich passiert? Musste es wohl.., denn ich war hier. Also musste das auch tatsächlich alles passiert sein. Ich wollte aufstehen, was jedoch aufgrund der Schmerzen misslang. Schließlich nahm ich noch ein paar Schluck Wasser aus dem mir naheliegenden Wasserschlauch und aß noch etwas von dem Schinken. Danach beschloss ich für mich noch einmal einzuschlafen um mich dann aber, wenn ich wieder aufwachte, meinen Weg zu dieser Höhle, von der Jake sprach, fortzusetzen.
Nichtsdestotrotz konnte ich lange Zeit aufgrund der Schmerzen die ich hatte nicht einschlafen. Daher döste und bibberte ich lange nur vor mich hin und hoffte, dass es langsam besser wurde. Letztendlich schlief ich aber irgendwann doch wieder ein und wachte immer wiedermal kurz auf um dann wieder etwas zu trinken, zu essen oder meine Notdurft zu verrichten.

Früh am nächsten Morgen, beschloss ich jedoch endlich aufzustehen und meinen Weg zur besagten Höhle weiter fortzusetzen.
Nach Jakes Beschreibungen auf der Karte, musste ich nun erstmal den Backenfluss solange flussaufwärts gehen, bis ich einen Wald erreiche, in dem es ein Weg geben soll, der mich dann zu einem steilen Weg hinauf zum Gebirge führt. Am Ende dieses Weges soll es dann eine Abzweigung geben, wo ich dort den linken steinigen Weg bergauf nehmen muss, um dann nach gut vierzig bis fünfzig Minuten eine grasbewachsene grüne Ebene zu erreichen, mit ein paar umstehenden Bäumen darauf. Und auf dieser Ebene soll es auf der rechten Seite des Gebirges, versteckt hinter einem Busch, einen Felsspalt von gut zwei Schritt Höhe und einem halben Schritt Breite geben, der letztendlich zu dieser Höhle führt. „Na denn..“ stöhnte ich.

Es kostete mich einiges an Überwindung mich endlich aufzurichten. Mein rechter Fuß schmerzte so sehr, dass ich am liebsten vor Schmerzen laut aufgeheult hätte, als ich diesen belastete. Ich hatte Schwierigkeiten mich aufrecht zu halten und drohte mehrmals zu fallen. Aber letztlich konnte ich mich doch halten und konnte schließlich meinen Weg zu dieser Höhle fortsetzen. Auf meinem Weg versuchte ich mich von meinen Schmerzen abzulenken und fing an, mich über das eine und andere Gedanken zu machen.

Ich fragte mich, was wohl nun in Kaven los sein wird. Wird man mich nun auch hier in der Wildnis verfolgen und sich an mir rächen wollen? Ich hatte auf der Flucht letzten Endes vier Menschen schwer verletzt, wenn nicht den einen oder anderen sogar getötet. Den ersten Mann, den ich in meiner Raserei niedergeschlagen hatte, könnte ich vielleicht wirklich sogar getötet haben. Als ich ihn mit meiner Faust ins Gesicht traf, konnte ich richtig spüren wie seine Knochen in seinem Gesicht brachen und zwar genauso wie sie bei Alvin brachen. Jaden‘s Vater könnte ich, auch wenn ich ihn nicht so stark getroffen hatte, ebenfalls so schwer verletzt haben, dass auch er vielleicht nicht mehr leben könnte. Er fiel schließlich ebenfalls mit nur diesem einen Schlag einfach zu Boden.

Und Jaden wird bestimmt für eine lange Zeit oder sogar für immer humpeln. Naja, und Pelle, wird nun zu mindestens auf einen Auge blind sein, wenn nicht sogar auf beiden Augen und damit dann sogar nie wieder etwas sehen können. Als ich meine Daumen in seine Augen drückte, konnte ich richtig spüren, wie ich sein linkes Auge zerquetscht hatte. Mir tat es jedoch nicht Leid, was ich getan hatte und ich empfand auch kein bisschen Reue. Aber ist das normal? Bin ich noch normal? Oder bin ich wirklich das besagte Monster was viele in mir sehen wollen oder auch sehen? Nein, das glaube ich nicht und das bin ich auch nicht! Sie haben mich schließlich aufgrund ihrer Lügen zu Unrecht verurteilt. Sie wollten mich töten und ich habe mich letztlich nur gewehrt und um mein Leben gekämpft. Was sollte daran falsch sein? Nichts. Gar nichts. Und wenn Gott oder wer auch immer, es doch anders sehen sollte, dann ist mir das auch scheißegal.

Und Mallen? Wird sie wieder ganz normal heute in die Schule gehen, so als ob nichts gewesen wäre? Vermutlich nicht. Wenn sie heute tatsächlich wieder in die Schule gegangen ist, wird sie vermutlich die Attraktion überhaupt sein und womöglich sogar von vielen angegafft werden. Aber Mallen ist auch jemand, dem das wahrscheinlich nicht viel ausmacht. Vielleicht sind das sogar Momente für sie, die sie als herausfordernd empfindet. Andererseits hatte Jake im Kerker aber auch erzählt, das Mallen das Ganze ziemlich mitgenommen hat und es ihr wohl wirklich nicht gut geht damit. Mallen.. verzweifelt? Sie, die Schwierigkeiten für gewöhnlich liebt und sich diesen immer herausfordernd gestellt hat. Kann es sein, dass sie wirklich so um mich besorgt ist..., dass sie nun tatsächlich sogar verzweifelt ist?

Auch frage ich mich, warum Jake mir überhaupt hilft? Er sagte, dass er mit Mallen gesprochen hat und er somit weiß was wirklich passiert. Er glaubt mir. Gut.., das kann ich noch verstehen, aber dass er sich so einen Plan ausgedacht und in die Tat umgesetzt hat, ist schon ziemlich erstaunlich. Vor allem, weil wir uns kaum kennen. Es wird ihm viel Zeit und Mühe gekostet haben, mir diese Sachen wie Decke, Kleidung u.s.w. zu diesem Ort am Fluss zu bringen. Allein schon der Weg zu dieser besagten Höhle, hin und wieder zurück, nimmt gut einen Tag, von mindestens zehn Stunden, in Anspruch. Woher nimmt Jake nur diese Zeit? Jeder in Kaven hat für gewöhnlich viele Pflichten zu erfüllen, da ist es oft schwierig für sich Zeit zu haben und erst recht, wenn es um so eine Zeitspanne geht. Jake's Eltern müssen viel Vertrauen in Jake haben, dass sie ihn so gewähren lassen, wie es ihm scheinbar beliebt. Und überhaupt.., woher wusste er von dieser Höhle und warum kennt Jake sich so gut hier in der Wildnis aus?

Nach mehreren Stunden führte mich endlich ein kleiner Trampelpfad direkt in diesen dichten, von riesigen Tannenbäumen, bewachsenen Wald. Wer diesen Pfad wohl benutzt? Dem Bund sind sechzehn Städte angeschlossen. Die Städte sind mit einem gut durchdachten und abgesicherten Wegenetz miteinander verbunden. Die nicht sicheren Wege werden nur von erfahrenen Abgesandten oder Kurieren benutzt. Vielleicht war dieser Weg so einer mal gewesen. Dieser Weg könnte aber auch von den in der Wildnis lebenden Ausgestoßenen oder den Krasianern entstanden sein und vielleicht auch noch benutzt werden. Ich habe selbst noch nie Menschen gesehen, die in der Wildnis lebten. Man sagt in Kaven, dass diese Ausgestoßenen überwiegend Mörder, Räuber und niederträchtige Menschen sein sollen und der Bund alles daran setzt diese Aussätzigen zu verfolgen und zu dezimieren. Ich frage mich, wie sich die Vertriebenen untereinander verhalten. Gibt es auch Ausgestoßene die solidarisch zusammenhalten und vereint um ihr Dasein kämpfen? Wenn ja, würden sie mich als Ihresgleichen anerkennen und mich in ihre Gemeinschaft aufnehmen wollen? Ich jedenfalls, würde es von mir aus auf einen Versuch gerne ankommen lassen.

Der Trampelpfad im Wald war schwer zu durchlaufen. Immer wieder versperrten umgekippte, riesige Nadelbäume diesen Weg. Ich hatte große Mühe mit meinen Verletzungen diese Hindernisse zu überwinden und ich stand häufig kurz davor aufzugeben. Jedoch plagten mich auch immer wieder die vielen Mücken hier und die sorgten auch immer wieder dafür, dass ich letztlich doch weiter ging.

Letzten Endes erreichte ich dann doch eine der Abzweigungen, die auch auf Jakes Karte verzeichnet waren. Und wie Jake es eingezeichnet hatte, schlug ich den nach rechts führenden Weg ein, der mich dann zu einem steilen Weg bergauf führte. Da mir nichts anderes übrig blieb, biss ich die Zähne zusammen und ging keuchend und humpelnd weiter. Irgendwann am Ende dieses Pfades erreichte ich die letzte Abzweigung, wo ich dann den linken noch steileren Weg zu nehmen hatte, der mich am Ende zur besagten oberen Gebirgsebene führen sollte.

Als es anfing dunkel zu werden, erreichte ich endlich mein Ziel. Ich konnte kaum noch Luft bekommen und ich war so erschöpft, dass ich mich nur noch hinlegen und schlafen wollte. Der Spalt in diesem Berg war schwer zu finden. Es gab auf dieser Ebene viele Büsche, wo sich möglicherweise dahinter eine Höhle hätte befinden können. Aber glücklicherweise fand ich diesen Spalt zu der besagten Höhle.

In der Höhle war es kalt und stockduster. Ich kroch auf dem Boden und fand eine einigermaßen bequeme Stelle. Ich entrollte meine Decke, trank noch ein wenig und aß noch ein gutes Stück vom Schinken. Dann legte ich mich endlich hin und schlief auch sofort ein.

Jake, Bogen, Tunnel,..

《Kein besseres Heilmittel gibt es im Leid als eines edlen Freundes Zuspruch.》
-Euripedes-

Irgendwann in der Nacht hörte ich immer wieder jemanden meinen Namen rufen. Die Stimme kam mir bekannt vor. Dann fasste mich plötzlich jemand an meine Schulter und rüttelte mich schließlich wach. Stand da tatsächlich Jake vor mir? Er hielt in der Hand eine Lampe, mit einer brennenden Kerze darin. Ich schüttelte mich etwas, um etwas klarer zu werden..
"Jake..? Träume ich oder bist du das wirklich?"
"Du träumst nicht! Rota! Ich bin's wirklich. Manchmal glaube ich selber nicht was ich so mache." Nachdem er das gesagt hatte, betrachtete er mich nun genauer.
"Mannomann, die haben dich ja ganz schön zugerichtet. Man erkennt dich ja kaum wieder..." Jake verzog dabei das Gesicht.
"Uhh.. und deine Nase..., die ist ja völlig schief.., scheint irgendwie.... gebrochen zu sein.... " Jake beugte sich nun über mich und sah sich das nun genauer an.
"Rota, deine Nase.. ich glaube die muss gerichtet werden!" Jake wollte nun mit seiner Hand nach meiner Nase greifen. Ich hielt sofort abwehrend meine Hände hoch.
"Hey... beruhig dich. Deine Nase ist total schief! Besser jetzt als nie..“
Jake schüttelte leicht amüsiert den Kopf. „Du hast so viel durchgemacht und jetzt stellst du dich so an..?"
Jake hat natürlich recht, besser jetzt nochmal Schmerzen, als immer durch eine krumme Nase zu röcheln. Ich ließ meine Hände wieder absinken und schloss meine Augen. "Okay... tu was du nicht lassen kannst!"
Er nahm meine Nase zwischen Daumen und Zeigefinger und zählte dann langsam runter.. "sechs, fünf, vier, drei..." Bei drei drückte er mit einem kräftigen Ruck meine Nase vermutlich wieder in die richtige Position. Ich nahm ein unangenehmes Knirschen in meiner Nase wahr. Tränen schossen mir vor Schmerzen in die Augen und Blut floss aus meinen beiden Nasenlöchern. Ich brüllte vor Schmerzen auf.
"Okay... das war‘s.. auch schon!“ Er schaute sich meine Nase nochmal genau an. „Ich glaube, deine Nase scheint nun wieder einigermaßen gerade zu sein.." Jake gab mir noch ein Stück Stoff für meine blutende Nase und setzte sich nun neben mich.
"Unglaublich, dass du diese Vertreibung überlebt hast. Als ich gesehen habe, wie viele in Kaven sich an dieser Jagd beteiligt haben, hatte ich schon nicht mehr an dich geglaubt, und erst recht nicht, als die Jagd begonnen hat, wo du die Treppe runter gestoßen wurdest und du dann gleich schon am Anfang runtergefallen bist und dann erst gar nicht mehr auf die Beine gekommen bist. Alle schlugen wie wild mit ihren Weidenstöcken auf dich ein.“ Er schwieg für einen Moment. „Ich hatte dich da bereits schon abgeschrieben. Aber dann..., wie du auf einmal lauthals angefangen hast zu schreien, dass einem das Blut in den Adern gefror und viele nur noch wie erstarrt dastanden. Unglaublich! Und du dann einfach durch den ganzen Menge gerannt bist. Mannomann.., das war einfach.. Wahnsinn..! Einfach unglaublich! Für mich warst du da ein.., ja.., ein richtiger Held." sagte er und sah mich nun wieder ernst an. "Und dann hörte ich auch noch, das Jaden dich an der Grenzmauer erwischt und verprügelt haben soll. Sag mal.. stimmt das, dass du Jaden, als er unglücklich gefallen ist, ihm ins Bein gebissen und ihm sogar ein Stück von seiner Wade herausgebissen hast? Und danach auch noch Pelle, als er Jaden zur Hilfe eilen wollte, seine Augen mit deinen Daumen eingedrückt hast..?! Das behauptet er jedenfalls."
"Naja.., das stimmt.." antwortete ich noch ziemlich müde und erschöpft.. "..Jaden hat mich an der Grenzmauer erwischt und mich dort auch ziemlich zugerichtet. Aber er war nicht alleine. Soweit ich mich erinnern kann, waren Jaden, Gero, Pelle und noch vier andere dabei gewesen. Die wollten mich nicht nur verjagen, die wollten mich eher zu Tode prügeln..! Ich habe mich nur gewehrt."
Jake nickte mir zu. "So etwas Ähnliches habe ich mir schon gedacht."
Ich richtete mich nun auf und lehnte mich gegen die Felswand.
Jake schaute mich nun eindringlich an. "Rota.., du bist erst fünfzehn und erschlägst zwei erwachsene Männer mit nur jeweils einem Faustschlag...? Sind diese... naja ungewöhnlichen Kräfte aus der Situation geboren.. oder steckt da mehr hinter? Allein schon diese ganzen Prügel und deine ganzen Verletzungen.., dass du das so wegsteckst und es sogar geschafft hast in diesem Zustand die Höhle zu erreichen. Ich finde das schon allein ziemlich außergewöhnlich."
Ich überlegte ob ich Jake nun von meinen Kräften erzählen sollte. Ich war mir unsicher und entschied mich letztlich dagegen. Ich kann es ihm vielleicht später ja immer noch mal erzählen. Ich entgegnete nun seinem Blick und zuckte mit den Schultern
"Ich weiß es nicht. Ich bin selbst überrascht, was in letzter Zeit alles so passiert ist. Vielleicht ist es auch so, dass man in extremen Situation auch einfach nur extrem reagiert und man über sich hinauswächst.." Ich machte eine kurze Pause und erkannte ein wenig Skepsis in Jakes Gesicht.
Ich wollte nicht mehr darüber reden und wich schließlich aus.
"Weißt du eigentlich Genaueres über den Zustand von Jadens Vater und diesen anderen Mann, den ich auf der Flucht niedergeschlagen habe?"
Jake lehnte sich zurück und antwortete schließlich: "Jadens Vater lebt noch, aber er ist soweit ich weiß, noch immer ohne Bewusstsein. Steve Fanning, den anderen den du als erstes niedergeschlagen hast, war wohl sofort tot. Viele glauben zwar, dass du die Wildnis wohl nicht lange überleben wirst. Trotzdem überlegt der Rat, ob er einen Suchtrupp nach dir losschickt, um dich für diese Taten büßen zu lassen.."
"Wie wahrscheinlich ist es denn, dass man mich hier findet?" Wollte ich nun wissen.
"Meine Einschätzung... eher unwahrscheinlich. Aber ich denke du solltest trotzdem damit rechnen, dass dieser Fall irgendwann mal eintreten könnte und du solltest für so einen Fall immer vorbereitet sein."
Ich nickte und wollte nun etwas anderes wissen.
"Was machst du überhaupt um diese Zeit hier? Ich weiß nicht genau wie spät es ist.. aber ich vermute es ist so um Mitternacht.."
Jake nahm nun die Lampe und stellte sie zwischen uns. "Ich hatte dir ja gesagt, dass ich dir noch ein paar Sachen hierher bringen wollte. Und da ich tagsüber kaum Zeit habe, habe ich mich heute Nacht halt aufgemacht um dir diese Sachen zu bringen. Ich denke, diese Sachen wirst du auch wohl gut gebrauchen können." Jake stand nun auf, ging aus der Höhle und kam kurz darauf mit einem Jagdbogen, einem Köcher mit Pfeilen und einem gefüllten großen Sack wieder.
"Kannst du damit umgehen?" Dabei zeigte er mir den großen Bogen und den Köcher mit Pfeilen.
"Ich weiß nur wie man das Ding benutzt.., aber selber geschossen habe ich noch nie damit" erwiderte ich völlig erstaunt.
"Hier aber wirst du es wohl lernen müssen, wenn du hier überleben willst. Zeit zum Üben hast du jedenfalls ja zu genüge...“ Jake beugte sich nun über den Sack und griff mit seiner Hand hinein.
"So, was habe ich dir sonst noch so Schönes mitgebracht?" er zog einen Bündel Decken aus dem Sack. "Damit du hier nicht erfrierst, einmal noch drei weitere Decken. Ich würde dir empfehlen, dass du aus trockenem Gestrüpp, Gras und Blättern dir ein weiches Unterbett machst und darüber eine von diesen Decken legst. Mit dem leeren Sack kannst du dir vielleicht ja ein Kopfkissen machen. So was noch? Weiter habe ich dir noch zusätzliche Kleidung zum Wechseln mitgebracht. Einen Kochtopf, ein weiteres scharfes Messer, eine Nadel und Garn dazu. Und hier.." Jake zeigte mir nun einen kleinen gefüllten Sack. "Salz zum Pökeln! Hast du schon mal ein Tier geschlachtet und das Fleisch durch Pökeln oder Räuchern haltbar gemacht?"
Ich hatte schon öfters dabei zugesehen und konnte mir durchaus vorstellen das hinzubekommen, von daher nickte ich Jake zu.
"Gut, dann habe ich dir noch für die Übergangszeit noch ein Stück geräucherten Schinken, ein Sack Getreide, ein großes Glas Marmelade und eine Dose Kräutertee mitgebracht. Ach ja.. und Kerzen und ein Feuerstein habe ich dir auch mitgebracht. Na, was sagst du jetzt?" fragte er ganz selbstzufrieden und stolz.

Ich wusste erst nicht was ich sagen sollte, schließlich sagte ich nur: "Jake! Ich verdanke dir damit mein Leben und ich kann dir gar nicht genug danken für das, was du sonst alles für mich getan hast." Ich wollte nun aufstehen und ihn, obwohl es für mich selbst sogar völlig untypisch war, dankend umarmen.
Er hielt mich aber zurück, worüber ich auch etwas erleichtert war. "Eh, bleib sitzen Rota! Schone lieber deine Kräfte. Es kommen vielleicht auch nochmal andere Tage, wo ich vielleicht mal deine Hilfe benötige und du es mir dann immer noch vergelten kannst." er zuckte mit den Schultern. "Man weiß ja schließlich nie was noch kommt.."
"Jake.., sag mal, von wem hast du die Sachen denn überhaupt und wie um Himmels Willen willst du wieder zurück nach Kaven kommen? Die lassen dich doch nicht einfach so mir nichts dir nichts, wenn du wieder zurückkehrst, wieder durchs Tor gehen?"
Jake setzte sich wieder im Schneidersitz zu mir hin und räusperte sich, bevor er schließlich antwortete.
"Die Sachen kommen teils von mir und teils von Mallen. Meine Eltern werden nichts sagen und sie vertrauen mir. Sie akzeptieren meine Entscheidungen, obwohl sie Angst haben, dass ich mich damit in Schwierigkeiten bringen könnte. Sie versuchen auch immer wieder mich zu überreden keine Risiken einzugehen und meine Entscheidungen zu überdenken. Aber letztendlich akzeptieren sie das was ich tue. Mallen geht es übrigens wieder etwas besser, seit sie gehört hat, dass du flüchten konntest und womöglich noch lebst. Sie wollte mir noch viel mehr für dich mitgeben, aber meine Tragemöglichkeiten sind begrenzt und ich konnte daher nur das mitnehmen, was ich hierher mitgenommen habe.."
Und allein dies hier schon, muss schon eine ziemliche Plackerei gewesen sein. Erst recht, als ich darüber nachdachte wie weit und unwegsam der Weg zu dieser Höhle war.
"..Mallen wäre selber gerne mitgekommen, aber das wäre viel zu gefährlich für sie und dann auch für mich und letztlich auf für dich gewesen. Außerdem wird sie immer noch ständig von ihrem Vater und seinen Bediensteten überwacht. Aber ich habe inzwischen auch gehört, dass sie schon bald wieder zur Schule gehen soll."
"Hat Mallen schon gesagt wie sie mit den Lügen ihres Vaters umgeht?" Wollte ich nun wissen.
"Mallen hasst ihren Vater für die Lügen und für das was er dir damit angetan hat. Aber auf der anderen Seite reicht ihr Hass auch wohl nicht dazu aus, dem zu widersprechen was ihr Vater an ihrer statt ausgesagt hat. Sie würde ihn damit gefährlich hintergehen und riskieren, dass ihr eigener Vater des Meineides angeklagt und womöglich zu Tode verurteilt werden könnte."
Zu gönnen wäre es ihm ja, dachte ich nur. aber ich konnte Mallens Haltung aber noch gerade respektieren. Wie ich wusste, hatte sie ihren Vater bisher immer geliebt und sie hatte sonst ja auch niemanden außer ihm.

"Und wie kommst du wieder zurück nach Kaven?"
"Naja, eigentlich so, wie ich gekommen bin."
Dann schien er kurz über etwas nachzudenken.
"Es gibt einen geheimen Tunnel." sagte er schließlich, "Kennst du den vertrockneten Brunnen, bei der alten Kirche..?".
Ich nickte, denn es gab mal eine Zeit, da war ich in dieser teils zusammengefallenen alten Kirche häufig auch herum geklettert.
"In dem Brunnen gibt es eine Leiter. Und wenn man diese Leiter dann hinabsteigt, kann man an der Seite, wo es auch etwas tiefer hineingeht, eine alte Kiste entdecken. Hinter der Kiste befindet sich ein kleines Loch, der schließlich zu dem Tunnel führt, wo man dann zum Teil auch nur kriechend hindurch kommt. Dieser Tunnel jedenfalls, führt zur Außengrenze und rund fünfzig Schritt weiter führt dieser Tunnel sogar abseits der Außenmauern von Kaven in die Wildnis."
"Woher weißt du denn von diesem Tunnel?" fragte ich jetzt.
"Den Tunnel hat mir mein Vater gezeigt. Mein Vater hatte diesen Tunnel früher einmal durch Zufall entdeckt. Damals führte der Tunnel jedoch nur bis kurz vor der Außenmauer. Er hat ihn dann weiter unter der Mauer bis zum Ausgang in die Wildnis ausgebaut. Damals hatte er einen guten Freund, der ebenfalls aus Kaven verbannt wurde, damit geholfen in der Wildnis zu überleben. Genauso wie ich dir jetzt helfe..".
"Und wo endet dieser Tunnel?" fragte ich nun interessiert.
"Wenn du von der alten Kirche südöstlich geradeaus über die Mauer fünfzig Schritt in die Wildnis gehst, dann ist dort ein Abhang von gut zwei Schritt Höhe und in diesem Abhang befindet sich der Eingang. Der Eingang ist übrigens durch mehrere große Steine versperrt, die man vorher beiseite räumen muss. Sobald man diese Steine beiseite geräumt und sich auf die andere Seite begeben hat, sollte man den Eingang auch wieder mit diesen Steinen versperren und somit den Eingang auch gleichzeitig wieder tarnen."
"Wer weiß noch von diesem Tunnel?"
"Soweit ich weiß, meine Eltern, Mallen, ich und nun auch du. Der Freund meines Vaters wusste natürlich auch noch davon. Er lebt aber nicht mehr."
"Mallen, weiß es auch?" fragte ich nun.
"Ja, ... sie hat mir die gleiche Frage gestellt wie du..."
Jake stand nun auf.
"Rota, ich muss langsam wieder zurück. Ich werde versuchen in vielleicht zwei oder drei Wochen wieder zu kommen, um vielleicht auch zu sehen, wie du so zurechtkommst.."
Ich nickte und stand mit viel Mühe und Schmerzen ebenfalls auf. Aber es ging und meine Nase hatte auch aufgehört zu bluten. "Danke nochmal für alles was du für mich getan hast..! Aber.., Jake.., ich muss dir noch eine Frage stellen.."
"Okay, was willst du wissen?" fragte Jake interessiert.
"Warum? Warum tust du das alles für mich? Ich meine, wir kennen uns kaum."
Jake hielt einwenig die Luft an, ehe er schließlich dann sagte: "Ich glaube dir und Mallen! Du bist zu Unrecht verurteilt worden.. und wenn ich die Möglichkeit habe zu helfen, dann helfe ich eben. Aber, das ist nicht der wahre Grund und ich will ehrlich sein." Er zögerte etwas und seufzte dann.
"Ach was soll’s.., ich tue das hauptsächlich wegen Mallen. Mallen ist irgendwie anders.., etwas ganz Besonderes für mich und ich.., ähh.., ich mag sie halt und wenn ich ihr damit irgendwie helfen kann, dann tue ich das auch.."
Also doch.., etwas anderes hätte mich letztendlich auch sehr gewundert.
"..Aber ich glaube, da bin ich nicht der Einzige der so über Mallen denkt.., oder?" fragte er und schaute mich dabei wieder an.
Mir war diese Frage unangenehm. Mallen und ich? Für mich immer noch ein irgendwie unvorstellbarer Gedanke. Trotzdem nickte ich Jake zu.
"Kann schon sein.." sagte ich dann auch nur kurz und knapp und hoffte das Thema damit auch zu beenden.
Jake kam nun auf mich zu und legte seine Hand auf meine Schulter.
"Rota, ich weiß, dass Mallen dich mag und du ihr wohl auch sehr am Herzen liegst. Ich werde trotzdem um sie kämpfen. Aber eins kann ich dir versprechen, sollte sie sich letztlich für dich entscheiden, werde ich ihre Entscheidung akzeptieren."
Ich war beeindruckt und mir war mittlerweile von seiner ganzen Aufrichtigkeit und seine Hilfsbereitschaft auch schon ganz schwindelig.
"Jake, und ich werde Mallens Entscheidungen immer respektieren, dass verspreche ich dir." antwortete ich nun darauf und war gleichzeitig von mir selbst beeindruckt, dass ich so etwas gesagt hatte.
Wir gaben uns schließlich die Hand, wobei er meine nochmal fest drückte. "Halte durch... ja...? Es wird nicht einfach hier für dich werden. Aber, wenn einer das schaffen kann, dann denke ich, dann bist du das."
Ich nickte ihm zu und bedankte mich nochmal. Er stand schließlich auf und ging wieder zurück nach Kaven.

Wildnis

《Je kürzer der Fleiß, je länger der Tag.》
-Marie von Ebner-Eschenbach-

Am nächsten Tag wachte ich früh auf. Es war kalt und feucht in der Höhle. Dank der nun vier Decken, die mir nun zur Verfügung standen, konnte ich die Nacht jedoch einigermaßen warm und gut schlafen. Aber mein ganzer Körper schmerzte und war aufgrund der gestrigen Wanderung und des harten unebenen Bodens in der Höhle total verspannt. Mir graute davor aufzustehen und ich wäre am liebsten liegen geblieben. Da ich jedoch fürchtete, dann später gar nicht mehr aufstehen zu können, überwand ich meinen inneren Schweinehund und stand letztlich doch auf. Meine Verletzungen schmerzten immer noch höllisch und jede Bewegung die ich machte tat mir weh.

Da nun sowohl durch den Eingang, als auch durch einen Spalt in der Decke der Höhle Licht herein fiel, sah ich mir nun die Höhle erstmal genauer an. Die Höhle, so stellte ich fest, war eigentlich ideal für mich. Räumlich hat die Höhle die Form eines umgekehrten Trichters. Sie ist von allen Seiten windgeschützt. An der Höhlendecke gibt es auf der rechten Seite einen Spalt, der sich bis zum Eingang der Höhle erstreckt. Durch diesen Spalt kommt durch verschiedene Wege und Kanäle Regenwasser herein, sammelt sich in einer Wasserlache und läuft dann weiter zur rechten Seite der Höhle ab, wo es schließlich in einer felsigen Undurchdringlichkeit abfließt. Dadurch, dass die Höhle nach oben offen ist, dürfte es wohl auch möglich sein, in der Höhle Feuer zu machen, da der Rauch nach oben abziehen kann. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich nicht weit laufen muss, um mir Trinkwasser zu holen. Die Höhle ist klein, aber groß genug, um als einzelne Person hier einigermaßen komfortabel leben zu können. Die Höhle wird mich vor Regen, Wind, gefährlichen Tieren und vielleicht auch vor anderen ungebetenen Gästen schützen. Eine echte Bereicherung, die mich wieder etwas hoffnungsvoller stimmte.
Ich raffte mich schließlich auf und aß noch etwas vom Schinken und kostete auch noch ein wenig von der Marmelade, die Jake gestern mitgebracht hat. Die Marmelade hätte ich am liebsten ganz aufgegessen.., konnte mich aber gerade noch beherrschen. Nach dieser kleinen Mahlzeit beschloss ich mich etwas zu bewegen. Ich nahm mir vor erstmal Feuerholz zu sammeln, um es dann zum Trocknen in die Höhle zu legen. Ich hoffte, dass es mir vielleicht sogar am Abend gelingt ein kleines Feuer zu machen, um mir dann auch einen warmen Kräutertee machen zu können. Weiter beschloss ich mir auch noch einen bequemen Schlafplatz für die nächsten Nächte herzurichten.

Nach gut zwei Stunden hatte ich genügend Feuerholz gesammelt und in meine Höhle abgelegt. Meinen Schlafplatz verlegte ich weiter in die Höhle hinein, dort wo es eine relativ ebene Fläche gibt. Aus mehreren dicken Ästen konstruierte ich den Rahmen für die Liegefläche und füllte die erste Schicht mit vielen dünnen Zweigen, die ich engmaschig kreuz und quer auf diese Fläche verteilte. Darüber legte ich dann Heu und Gras, welches hier auf dieser Gebirgsebene in Hülle und Fülle gab. Anschließend legte ich darüber eine der Decken. Das Ergebnis war für mich so einladend und so bequem gewesen, dass ich mich gleich für mehr als eine Stunde in meinem neuen „Bett“ zur Probe hinlegte und ich freute mich schon auf die erste Nacht in meinem neuen bequemen Bett.

Trotz dieser Freude fiel ich jedoch schnell wieder in eine gedrückte Stimmung. Ich war es zwar gewohnt immer viel allein zu sein, aber so alleine wie ich mich hier jetzt fühlte, war es dann doch noch um einiges deprimierender. Unweigerlich musste ich an die Zeit denken, wo Mallen und ich immer wieder Verbesserungen am Baumhaus vorgenommen hatten und wir häufig mit Zisko den Wald durchstreiften. Ich vermisste Mallens Lachen und ihre verrückte Ideen, die sie immer hatte. Ich vermisste selbst die Schule und mein Zuhause bei meinem Onkel. Mir fehlte nun tatsächlich mein altes, vermeintlich verhasstes Leben. Sogar Jadens ständige Schikane fehlte mir. Ich fühlte mich irgendwie.. verloren und ohne jeglichen Halt.

Onkel Jaron pflegte immer zu sagen: Ordnung ist das erste Gesetz des Himmels und wer Ordnung hält, verliert sich auch nicht. Onkel Jaron war für mich nie ein Vorbild gewesen, aber er hatte sein Leben im Griff. Familie, Beruf, Hobby, Ratsmitgliedschaft alles erforderte seine Zeit und seine Aufmerksamkeit. Onkel Jaron managte dies immer nahezu perfekt. Zielsetzung, Struktur, klare Regeln und Prinzipien waren ihm dabei nützliche Helfer. Vielleicht brauche ich hier auch nur Struktur und Ordnung, um wieder Halt zu finden. Noch besser ist es vielleicht, meinem Leben hier auch einen Sinn zu geben. Eine wichtige Frage, die ich für mich hier wohl beantworten sollte, wäre.. was will ich hier überhaupt erreichen? Und natürlich... was kann ich hier erreichen? Wichtig für das Leben in der Wildnis ist auch die Fähigkeit sich selbst versorgen zu können. Jake hatte mir gestern einen Langbogen mit Köcher und Pfeile mitgebracht. Mit dieser Waffe besaß ich nun die Möglichkeit hier in der Wildnis zu überleben. Die Möglichkeit, ja, aber nicht die Fähigkeit. Diese Fähigkeit musste ich mir erst antrainieren. Ich nahm mir daher vor, jeden Tag mindestens drei Stunden mit diesem Langbogen lernen umzugehen und Schießübungen zu machen. Weitere alltägliche Aufgaben waren Holz zu sammeln, die Gegend zu erkunden und mich um Nahrung zu kümmern. Ich stand schließlich auf und nahm den Bogen und die Pfeile und suchte mir einen guten Platz für die Schießübungen.

Das Bogenschießen machte mir Spaß und ich entwickelte einen gewissen Ehrgeiz immer besser zu werden. Ich musste aber schnell feststellen, dass es schwieriger war, als ich dachte. Ich versuchte anfangs ein Bündel Sträucher mit einem Abstand von etwa dreißig Schritten Entfernung zu treffen. Verkürzte den Abstand jedoch schnell auf nur fünf Schritten. Erst als ich mit einer gewissen Sicherheit das Ziel immer wieder traf, erhöhte ich den Abstand um einen weiteren Schritt. Am Ende meiner ersten Trainingseinheit traf ich zuverlässig mein Ziel auf gut acht Schritt Entfernung. Mein Arm schmerzte, aber ich fühlte mich ermutigt und freute mich schon auf den nächsten Tag meiner Schießübungen.

Wie ich es geplant hatte, machte ich danach noch eine Wanderung, um die Gegend hier näher zu erkunden. Zur Sicherheit nahm ich mein Messer und meine neue Waffe, den Bogen und den Köcher mit Pfeilen mit. Dazu schnürte ich mir auch noch den Sack auf den Rücken um gegebenenfalls etwas Brauchbares, wie trockenes Feuerholz oder Gestrüpp, was ich unterwegs finden könnte mitzunehmen.

Das Wetter war angenehm. Es war zwar bewölkt, aber trocken und auch nicht sonderlich kalt. Meine Schmerzen am Fuß behinderten mich beim Gehen zwar immer noch, aber ich hatte das Gefühl, dass es langsam besser wurde. Auf meiner Wanderung fiel mir auf, dass die Gegend hier sehr abwechslungsreich ist. Wälder, Wiesen aber auch karge Gebirgslandschaften wechseln sich ständig ab. Es gab viele Tiere zu sehen und zu hören. Zu hören waren vor allem Sing- und Raubvögel. Ich entdeckte Bergziegen, Rehe, Hasen und schließlich eine für mich unbekannte relativ große Schlange. Und weil diese Schlange so greifbar nahe war, entschied ich mich diese zu töten und mit in die Höhle zu nehmen, um sie dann heute abend noch am Feuer zu essen. Ich hatte zwar noch nie Schlange gegessen und wusste auch nicht, wie man eine Schlange überhaupt zubereitet, aber das waren Dinge die ich hier lernen und tun musste um zu überleben. Mich widerstrebte es diese Schlange zu töten und sie danach auch noch zu schlachten. Ich hatte soetwas auch noch nie getan und nie machen müssen. Aber mir war klar, wenn man etwas tun muss, was man nicht gerne macht und tut, dann sollte man es am besten gleich tun.
Ich suchte mir daher schnell einen Stock der sich am Ende gabelte. Es dauerte auch nicht lange, dann hatte ich einen gefunden und ich schnitt ihn mit meinem Messer zurecht. Mit der gegabelten Seite des Stocks näherte ich mich dann wieder der Schlange, die sich erfreulicherweise noch immer dort befand. Als ich mich nah genug der Schlange genähert hatte, streckte ich meinen Stock mit der gegabelten Seite der Schlange entgegen. Die Schlange fauchte und schlängelte sich meinem Stock bedrohlich entgegen. Als ihr Kopf dann die Gabel meines Stocks zu nahe gekommen war, sah ich die Chance und stieß zu. Die Schlange wich jedoch mit ihrem Kopf sehr schnell zurück. Ich stieß jedoch ebenfalls schnell nach und drückte schließlich doch noch den Kopf der Schlange zu Boden. Ich zog schnell mein Messer und schnitt der Schlange damit sofort den Kopf ab. Damit hatte ich nun mein erstes Tier in der Wildnis getötet! Danach schlitzte ich noch der Schlange den Leib auf, um die Innereien aus der Schlange zu entfernen. Nachdem ich das getan hatte, beschloss ich wieder zur Höhle zurückzukehren. Für heute hatte ich auch schon viel erreicht und mit diesem erfolgreichen Jagdergebnis mehr als zufrieden.

Als ich dann später wieder in der Höhle war, enthäutete ich die Schlange und schnitt das Fleisch in mehrere kleine Stücke. Nun war die Zeit gekommen um mein erstes Feuer hier zu entfachen. Ich hatte schon befürchtet, dass es nicht einfach sein würde ohne Feuerwolle ein Feuer zu machen, aber dass ich so lange brauchen würde, hatte ich mir auch nicht vorstellen können. Erst sehr spät in der Nacht gelang es mir mit dem Feuerstein in dem trockenen Heu, so einen Feuerfunken zu schlagen, dass das Heu endlich Feuer fing und ich dann durch Zugabe von dünnem Trockenholz ein richtiges Feuer zu entfachen. Als das Feuer sicher brannte, widmete ich mich wieder dem Fleisch der Schlange zu. Ich hatte einen riesigen Hunger und mir lief das Wasser im Mund zusammen. Ich streute noch ein wenig Salz auf das Fleisch und hielt es dann mit einem Stock ans Feuer. Das Fleisch der Schlange schmeckte mir zwar nicht sonderlich, aber es war besser als ich erwartet hatte. Auch war ich natürlich stolz, dass ich es selbst war der dieses Tier getötet und so zubereit hat, dass es meinen Hunger stillte. Bevor ich zu Bett ging, machte ich mir in dem Topf noch einen Kräutertee. Während ich den Kräutertee trank, dachte ich über meinen ersten Tag hier in meinem neuen Zuhause nach.

Ich habe hier eine echte Überlebenschance und ich konnte mir nun gut vorstellen über einen längeren Zeitraum hier zu leben. Aber für immer hier, alleine, leben? Nein.., das wollte ich dann doch nicht. Was also möchte ich hier für mich erst mal erreichen? Zum einen, möchte ich erstmal, dass meine Verletzungen wieder verheilen und dass ich wieder gesund werde. Ob ich will oder nicht, ich muss auch lernen hier in der Wildnis zu überleben. Jedenfalls habe ich hier alles um für eine gewisse Zeit überleben zu können. Weiter kann ich auch die Zeit dazu nutzen um festzustellen wo und wie die Ausgestoßenen hier leben und ob ich mich ihnen vielleicht anschließen kann oder ich mich vor ihnen in Acht nehmen muss. Und insbesondere will ich meine Versprechen einhalten. Ich habe mir und besonders Jaden versprochen ihn für seine Taten noch büßen zu lassen. Dieses Versprechen wollte ich unbedingt einhalten. Und als ich darüber nachdachte, fiel mir der geheime Tunnel, von dem Jake erzählte, ein. Dieser Tunnel könnte mir bei der Einlösung dieses Versprechens jedenfalls noch ganz nützlich sein.

In den nächsten Tagen passierte nicht viel. Ich gewöhnte mich langsam an meinem neuen Zuhause. Ich machte jeden Tag, wie ich es mir vorgenommen hatte, meine Schießübungen mit dem Bogen. Hierbei machte ich auch gute Fortschritte. Ich traf mittlerweile nun sogar auf fünfzehn Schritt Entfernung ziemlich sicher das Ziel. Ich kümmerte mich um Brennholz, machte jeden Tag einen Ausflug um die Gegend weiter zu erkunden und um etwas Essbares wie Beeren, essbare Wildpflanzen und Kräuter zu finden, und natürlich um zu jagen. Meine Erfolgsquote war jedoch noch ziemlich bescheiden. Einen nicht mehr ganz so gesunden alten Hasen konnte ich bisher nur erledigen. Ich war aber zuversichtlich, dass ich mich hier noch steigern konnte. Tiere, die für mich gefährlich werden konnten, hatten sich mir bisher nicht gezeigt. Ich hatte wohl Bären und Wölfe gesehen, aber die schienen jedenfalls kein Interesse an mir zu haben und ließen mich bisher auch immer in Ruhe. Meine Verletzungen, insbesondere mein Fuß, hatten sich nicht entzündet und heilten sehr gut und schnell. Mittlerweile war ich auch schon fast schmerzfrei und konnte mich wieder normal bewegen. Meine Höhle verbesserte ich unentwegt. Das Feuermachen gelang mir mit jedem Tag besser und ich bekam den Dreh hierfür langsam raus. Jedoch fühlte ich mich einsam und ich sehnte mich nach etwas Geselligkeit. Jake sagte er würde so in zwei oder drei Wochen wieder kommen wollen. Mir fiel es mittlerweile schwer die Tage hier festzuhalten und so entschied ich mich für jeden vergangenen Tag einen Strich mit einem Stein an die Höhlenwand zu kratzen. Demnach dürfte es vielleicht nur noch eine Woche dauern, bis Jake wieder kommt. Da es mir nun auch wieder etwas besser ging, könnte ich vielleicht auch mal wieder nach Kaven gehen und mich mit Mallen treffen. Natürlich dann nur nachts, wenn die meisten in Kaven noch schliefen.
Warum eigentlich nicht? Man kann es ja zu mindestens auf einen Versuch ankommen lassen. Aber vorher sollte ich besser nochmal mit Jake darüber sprechen. Er könnte dies dann ja mit Mallen vorher besprechen, wo und wann man sich dann treffen könnte.

Zuvor hatte ich aber jedoch noch meine erste Begegnung mit den Ausgestoßenen hier in der Wildnis.

Erster Kontakt

《Mut steht am Anfang des Handelns. Glück am Ende.》
-Demorit-

Es war später Nachmittag und ich war gerade wieder auf dem Weg zur Höhle. An diesem Nachmittag hatte ich lediglich ein paar Beeren gefunden, da ich aber noch etwas von Jakes Schinken übrig hatte, musste ich zu mindestens heute noch nicht hungern. Als ich gerade darüber nachdachte, dass ich morgen unbedingt wieder Beute machen muss, hörte ich in der Ferne plötzlich Stimmen. Ich warf mich sofort zu Boden. Mein Herz fing wie wild an zu schlagen. Das waren Menschenstimmen. Ich kroch schnell hinter einem größeren Felsen und versuchte die Stimmen ausfindig zu machen. Dann sah ich sie schließlich. Soweit ich erkennen konnte handelte es sich um drei Personen. Nach genauerem Hinsehen war es ein dürrer älterer Mann mit langen, weißen Haaren und einem zotteligen langen Bart. Dieser alte Mann führte ein kleines Kind an der Leine und sie stiegen gerade behäbig einen Hügel hoch. Die Leine war, so konnte ich nun erkennen, um den Hals des Kindes geschnürt. Und hinter dem kleinen Kind lief ein großer schlaksiger Mann mit schütteren langen Haaren hinterher. Dieser Mann schien auf jeden Fall jünger zu sein als der andere. Bewaffnet mit einem Knüppel in der Hand, schien er darauf aufzupassen, dass das Kind wohl nicht flüchten konnte. Alle drei machten jedenfalls einen ziemlich heruntergekommenen Eindruck. Die beiden Männer waren in ziemlich zerschlissenen Lumpen gekleidet. Das Kind trug lediglich ein Fell von irgendeinem Tier, das ihr wie ein Poncho und mit einem Lederband um den Leib geschnürt war.

Ich frage mich, was diese beiden Männer vorhaben, wohin sie gehen wollen und warum sie ein kleines Kind wie eine Gefangene an der Leine herum führen? Ich war neugierig und wollte diese Fragen nachgehen und ich entschied mich daher ihnen mit einem gewissen Abstand zu folgen.

Als ich mich ihnen dann ab und an genähert hatte, erkannte ich, dass es sich bei dem Kind wohl um ein etwa sechsjähriges oder etwas älteres Mädchen handelte. Das Mädchen sah irgendwie fremdartig aus. Ihre Haut war dunkel und ihr kohlenrabenschwarzes glattes Haar war zu einem ungewöhnlichen Zopf geflochten. Das Mädchen sah zäh und irgendwie abgehärtet aus. Auch wirkte sie, wenn man ihre scheinbar missliche Lage bedachte, ungewöhnlich ruhig. Sie wurde des Öfteren immer wieder von dem Jüngeren geschupst, beschimpft und dazu angehalten schneller zu gehen. Und der Ältere ließ auch keine Zweifel daran, dass dieses kleine Mädchen ihre Gefangene war. Er zerrte ständig und unbarmherzig an der Leine, wenn sie kurz mal nicht Schritt halten konnte. Warum halten diese beiden Männer ein kleines Mädchen als Gefangene? Was haben sie mit ihr vor? Mir tat die Kleine jedenfalls immer mehr Leid und auf der anderen Seite bewunderte ich sie gleichzeitig für ihre Tapferkeit, diese Tortur ohne Jammern und Gezeter über sich ergehen zu lassen. Ich haderte mit mir ob ich eingreifen und dieses Mädchen helfen sollte oder es vielleicht auch besser wäre abzuwarten und sie weiter zu verfolgen um dann mehr zu erfahren. Beispielsweise, wohin sie gehen und was sie letztendlich mit dem Mädchen und überhaupt vorhatten.

Ich entschied mich für Letzteres und wollte sie weiter beobachten und mehr erfahren. Helfen konnte ich vielleicht dann ja immer noch. Ich hielt mich dann immer gut auf zweihundert Schritt entfernt um meine Anwesenheit so gut es geht vor diesen Ausgestoßenen zu verbergen. Irgendwann erreichten die drei eine Waldgrenze und da es langsam dunkel wurde, fürchtete ich nun, dass ich sie aus den Augen verlieren könnte. Als ich mich gerade aufmachen wollte um näher an sie heran zu kommen, sah ich gerade noch rechtzeitig, dass sie Halt gemacht hatten und der Jüngere von den beiden anfing Feuerholz zu sammeln. Ich tauchte sofort wieder hinter mein Versteck. Es schien so, dass sie sich entschieden hatten Rast zu machen oder vielleicht sogar an diesen Platz übernachten zu wollen.

Ich suchte mir einen besseren Platz um diese drei aus sicherer Entfernung weiter beobachten zu können und nebenbei auch entspannter liegen zu können. Mir wurde langsam kalt. Ich hatte zwar eine Decke dabei, die ich mir morgens noch zu einer Wurst zusammengerollt und um meinen Körper gelegt hatte. Da ich aber fürchtete von dem Jüngeren beispielsweise beim Holzsammeln entdeckt zu werden, entschied ich mich aber noch dagegen meine Decke zu nehmen. Dann plötzlich fing das Mädchen lauthals zu flehen und zu weinen an. Dann sah ich, dass der jüngere der beiden Männer auf einmal mit dem Knüppel auf das Mädchen zu ging. In der anderen Hand hielt er ein großes Messer. Was hatte er vor? Er will doch nicht.. Dann schlug er mit dem Knüppel auf das Mädchen ein. Ich konnte nun nicht mehr an mir halten, sprang auf und schrie: "Halt! Sofort aufhören!!" Ich riss mir meinen Bogen vom Rücken und legte ein Pfeil an die Sehne und rannte dann auf sie zu. Die beiden Männer wirkten erschrocken und glotzten mich nun mit offenem Mund an. Der Jüngere löste sich jedoch schnell aus seiner Starre und griff nun seinerseits an und lief jetzt direkt auf mich zu. Ich fing, wie ich es sonst auch schon erfolgreich getan hatte, wieder an zu schreien und spannte dabei meinen Bogen. Nun sah der Jüngere mit seinem Knüppel meinen Bogen und dann starrte er mich an. Er hielt an und schien nun irgendwie verwirrt. Wir waren nur noch zwanzig Schritte voneinander entfernt. Ich wusste nicht ob er nur in diesem Moment schwachsinnig wirkte oder er es vielleicht auch war. Er bewegte sich immer noch nicht und war inzwischen ein leichtes Ziel für mich. Ich spannte den Bogen, zielte und ließ die Sehne los. Der Pfeil schoss direkt auf diesen Idioten zu und traf ihn mitten in die Brust. Ich zog nun mein Messer aus der Scheide und rannte weiter auf ihn zu. Der Mann guckte immer noch völlig verwirrt, so als ob er es immer noch nicht glauben konnte, was sich hier gerade abspielte. Ich stach ihm schließlich, ohne viel Gegenwehr, mit dem Messer direkt in sein Herz und rannte dann, ohne weiter auf ihn zu achten, geradewegs auf den anderen, den alten Mann zu.

Der alte Mann war jedoch bereits bei dem Mädchen und hielt ein abgewetztes Messer an ihrem Hals und schaute mich mit einem schmierigen und fast zahnlosem Grinsen an.
"Da hol mich doch der Teufel! Gott hämmere mich.. Oder bist du sogar der Teufel persönlich?" Er tippte nun auf dem Kopf des Mädchens. "Willst dieses Ding, dieses krasianische Balg wohl für dich selbst haben, was..? Ist es das was du willst? Ja? Willst es anscheinend lebendig haben.., hm? Oder was soll das hier werden?"
Das Mädchen war also eine Krasianerin. Das erklärte Einiges. Mein Blick fiel auf das Mädchen. Sie schaute mich mit schmerzverzerrtem und ängstlichem Gesicht an. Krasianer hatte ich mir immer als bedrohliche, gefährliche und grobschlächtige Menschen vorgestellt. Sie entsprach dieser Vorstellung jedoch in keinster Weise. Der alte Mann zeigte mir nun ein noch breiteres Grinsen und winkte mir mit seinem Finger, dass ich ruhig noch näher kommen soll.. "Komm nur.., Satan.., noch ein Schritt näher und ich werde dir zeigen, was ich aus diesem Stück Fleisch so alles an Blut herausholen kann. Hm? Hast du mich verstanden?" krächzte er.

"Was hattet ihr mit ihr vor?" fragte ich mehr aus Hilflosigkeit, als das ich es wirklich wissen wollte.
"Was kümmert dich, was wir mit diesem Balg vorhatten? Wir sind Menschen und wir haben Hunger! Die töten und essen und wir müssen ebenfalls töten um zu überleben.. Was ist daran falsch?"
Das Mädchen war noch bei Bewusstsein, aber es blutete stark. Dann plötzlich drehte sie sich jedoch blitzartig unter dem Messer und rollte sich zur Seite weg. Der alte Mann wollte sie noch festhalten, aber das war nun zu spät für ihn. Ich stürmte auf ihn los und rammte ihm, bevor er mich mit seinem Messer gefährlich werden konnte, mein Messer direkt in seinem Hals. Er würgte und schaute mich dabei noch entsetzt an. Ich zog das Messer heraus und stieß es ihm nun in seine rechte Schläfe. Sein ganzer Körper zuckte dabei nochmal wild auf, aber dann war's vorbei. Er kippte zur Seite weg und bewegte sich auch nicht mehr.

Dai

《Glücklich ist, wer das, was er liebt, auch wagt, mit Mut zu beschützen.》
Ovid

Ich entfernte mich nun auf ein paar Schritte und musste erst mal verdauen was hier soeben alles passiert war. Das Mädchen schaute mich zwar völlig verblüfft aber immer noch ängstlich an. Zittrig wie ich war hob ich beide Hände um ihr zu signalisieren, dass sie keine Angst vor mir zu haben brauchte.
"Keine Angst! Du brauchst jetzt keine Angst mehr zu haben. Ich tu dir nichts. Keiner wird dir hier mehr was tun.. Okay? Alles.., in Ordnung..!" versuchte ich sie zu beruhigen und setzte mich erschöpft auf dem Boden. Ich schaute sie an und erkannte an ihrem Gesichtsausdruck, dass sie mir anscheinend glaubte. Was nun? War ich nun für sie verantwortlich? Werde ich sie mitnehmen müssen?
"Verstehst du mich? Verstehst du meine Sprache?" fragte ich nun. Das Mädchen schüttelte den Kopf und ihr liefen nun still ein paar Tränen übers Gesicht. Obwohl Weinen für mich immer als ein Zeichen von Schwäche ist, wirkte sie in diesem Moment nicht schwach, vielmehr strahlte sie durch diese Tränen auch irgendwie eine innere Stärke und Tapferkeit aus.

Ich stand nun wieder auf und ging langsam auf das Mädchen zu und hockte mich schließlich kurz vor ihr hin. Ich zeigte auf ihren verletzten Kopf und gab ihr zu verstehen, dass ich mir das gerne näher anschauen würde. Sie schreckte jedoch zurück und ich hatte schon Angst, dass sie schon weglaufen wollte. Sie blieb aber und schien nun meine Absicht zu verstehen. Sie nickte mir nun zu, schloss ihre Augen und hielt mir ihren verletzten Kopf hin. Ihre Kopfverletzung sah übel aus und blutete immer noch, aber, soweit ich erkennen konnte, schien es letztlich nur eine Platzwunde zu sein und kein Bruch an der Schädeldecke.
"Es sieht schlimmer aus, als es ist.." sagte ich nur. Sie mag vielleicht meine Sprache nicht verstehen, jedoch erkannte sie wohl an meinem Gesichtsausdruck und an meinem Tonfall, dass die Verletzung nicht so schlimm war. Sie hörte nun auf zu weinen und schaute mir jetzt direkt in die Augen. Da es für mich eher ungewöhnlich war und auch etwas unangenehm, dass man mir so in die Augen schaute, hielt ich ihren Blickkontakt nicht lange stand und wendete mein Blick von ihr ab. Als ich sie kurze Zeit später dann doch wieder anschaute, lächelte das Mädchen. Diesem Lächeln konnte ich nicht widerstehen und musste nun ebenfalls etwas lächeln. Dann plötzlich stand sie auf und umarmte mich und sagte immer wieder.. "biädo, biädo..."
Was auch immer "biädo" heißen mochte, meine Augen füllten sich entgegen meinem Willen nun auch noch mit Tränen. Für mich war diese Umarmung ja etwas völlig Neues und Fremdes, womit ich Probleme hatte erstmal umzugehen. Trotzdem ließ ich sie gewähren, da es mir andererseits auch irgendwie gefiel und mein Herz rührte. Dann aber löste ich mich nach kurzer Zeit aber von ihr.
"Wir werden hier nicht bleiben!" Schon allein das Wort "wir" kam mir irgendwie unwirklich vor. Daran werde ich mich vielleicht wohl erst noch gewöhnen müssen. Ich stand auf und zeigte auf die beiden Toten und schüttelte mit dem Kopf, als ich eine Geste des Schlafens machte. Dann zeigte ich in die Richtung wo sich meine Höhle befand.
"Wir suchen uns ein anderen Schlafplatz.., ja?"
Sie nickte, stand nun ebenfalls auf und ging zu dem toten alten Mann. Was will sie jetzt?
"Is hura ahau ki a koe!" schimpfte sie nun, spuckte auf den Toten und nahm sich, wie selbstverständlich, seiner Habseligkeiten an. Was einem angeboten wird, sollte man auch annehmen, wird im gesagt, besonders dann, wenn man es auch braucht. Ich ging daher zu den anderen Toten und holte mir meinen Pfeil wieder. Dabei nahm ich ihm auch noch sein Messer, ein Seil, seine Hose und seinen kaputten Mantel ab. Außerdem nahmen wir ihre Schlaffelle, ihre Feuersteine, Wasserschläuche und ihre Trinkgefäße mit. Etwas Essbares hatten sie leider nicht dabei gehabt.

Es war mittlerweile auch schon langsam dunkel geworden. Ich nickte ihr zu und wir machten uns schließlich auf, um einen anderen Schlaflatz zu finden. Nachdem wir dann ein paar Schritte gelaufen waren, fiel mir ein, dass ich noch gar nicht wusste wie mein Schützling nun eigentlich hieß.
"Wie heißt du?" fragte ich schließlich.
Das Mädchen schaute mich fragend an. Ich tippte mit meinem Zeigefinger auf mich und sagte: "Rota! Mein Name ist Rota!" Dann zeigte ich auf sie. "Dein Name?"
Sie schaute noch kurz etwas verwirrt. Aber dann konnte ich Verständnis in ihrem Gesicht erkennen. Sie zeigte nun ihrerseits mit ihrem Finger auf sich und sagte: "mat tomine... Dai! ..Dai!"
Ich runzelte die Stirn. "Dein Name ist Dai..? Dai?"
Sie lächelte, nickte und zeigte mit ihrem Finger auf mich und dann auf sich und sagte: "to tomine Rota ... mat tomine .. Dai!"
Wie niedlich das klang, wenn sie sprach.. dachte ich nur. Es wird mir vermutlich nicht schwer fallen dieses Mädchen zu mögen. "Ich glaube wir werden uns gut verstehen, Dai! Was meinst du?"
Sie lächelte und schaute mir dabei wieder so eindringlich in die Augen. Ich erwiderte ihr Lächeln und verspürte zum ersten Mal in dieser Wildnis so etwas wie Glück.

Nach gut einer Stunde fanden wir schließlich einen geeigneten Platz zum Schlafen. Wir aßen noch die Beeren auf, die ich am Nachmittag noch gefunden hatte und machten dann unsere Schlafplätze für die bevorstehende Nacht fertig. Es gab noch so vieles zwischen uns zu bereden und was wir voneinander wissen wollten. Ich spürte, dass sie gerne gewusst hätte wohin wir gehen. Was sie dann dort zu erwarten hatte? Wer ich war..? Und umgekehrt hätte ich gerne gewusst, ob sie noch Familie hatte und wie es dazu kam, dass sie von diesen beiden Ausgestoßenen gefangen genommen wurde. Aber wir waren beide zu müde und erschöpft um noch krampfhaft uns zu unterhalten. Kein Feuer, kaum Worte, nur Gesten und Dunkelheit. Dai hatte ihr Schlafplatz wie selbstverständlich ganz neben meinem gemacht. Ich hatte nichts dagegen und eigentlich war es mir sogar ganz recht, denn die Nacht war kalt, aber trocken. Als wir dann beide unter den Schlaffellen lagen, wünschte ich ihr noch eine gute Nacht. Sie sagte dann leise sowas wie "hon zoone".
Ich wiederholte dann was sie sagte, in der Hoffnung das "hon zoone" sowas wie gute Nacht heißen würde. Sie kicherte und sagte nochmal "hon zoone".
"Genau... hon zoone.. schlaf gut!"
Dann schliefen wir ein.

Am nächsten Morgen wachte ich bei Tagesanbruch auf. Dai lag ganz dicht an mich geschmiegt bei mir und schlief noch. Ich mochte kaum aufstehen, da ich sie ungern wecken wollte und es mir einfach auch gefiel, wie sie so eng an mich gekuschelt friedlich schlief. Ich stand aber trotzdem auf und schaute mich etwas um. Wir waren nahe am Fluss und meiner Einschätzung nach, nur noch rund drei Stunden von der Höhle entfernt. Dai wachte nun ebenfalls auf. Sie gähnte und streckte sich. Dann stand sie auf und kam auf mich zugetrottet.
"Guten Morgen, Dai... Gut geschlafen?" Mir war klar, dass sie mich natürlich nicht verstand. Aber das waren nun mal die ersten Sätze, an die sie sich schon mal gewöhnen konnte.
Sie guckte mich nun fragend an. "Guden Mogen?" wiederholte sie fragend.
"Gu_t_en Mo_rr_gen... das ist einfach nur so ein... morgendlicher Gruß" sagte ich. Das wird noch ziemlich anstrengend werden, dachte ich, aber was soll‘s.., wir haben viel Zeit und eins nach dem anderen oder wie man auch sagt.. Schritt für Schritt. Ich hatte nun eine Idee und schnappte mir nun einen kleinen Stock.
"Pass auf!" Ich kratzte nun mit dem Stock vier Bilder auf den trockenen Lehmboden. Ein nächtliches Bild mit Mond und Sterne, ein morgendliches Bild, wo die Sonne aufgeht, ein Bild des Tages und ein abendliches Bild, wo die Sonne wieder untergeht. Ich zeigte mit dem Stock auf die einzelnen Objekte der Bilder und benannte sie im Einzelnen.
"Das ist die Sonne... " und wiederholte nochmal deutlicher.. "S_o_n_n_e !" Dabei zeigte ich sowohl auf die gerade erst aufgegangene Sonne, als auch auf meine gemalte Sonne. Dann zeigte ich auf dem Himmel. "Das ist der Himmel.. H_i_m_m_e_l ." Sie verstand es und wiederholte die Wörter auch immer. Anschließend versuchte ich ihr dann auch die einzelnen Bilder und deren Bedeutung zu erklären.
"Das, Dai, ist das morgendliche Bild. Der Morgen!" Ich tat gerade so als würde ich aufstehen, gähnen und mich strecken und sagte dann: "Das ist der gute Morgen!" und zeigte dabei auf das gesamte morgendliche Bild.
Sie schien zu begreifen und wiederholte nachdenklich: "de gute Morgen.."
Als ich ihr schließlich die restlichen Bilder auch noch erklärt hatte, kam mir ein weiterer Gedanke. Ich nahm wieder den Stock und kratzte auf einer noch freien Stelle des Bodens, das Bild meiner Höhle. "Das ist meine Höhle." sagte ich und versuchte ihr mit Gesten zu erklären, dass ich dort wohnte. Weiter zeichnete ich auch noch eine lange geschlängelte Linie zu dieser Höhle, die den Weg darstellen sollte, den wir noch zu gehen hatten und sie und mich als zwei Strichmännchen dargestellt, die sich auf diesem Weg befanden. Auch dies schien sie offensichtlich zu verstehen, da sie mir immer wieder, fast schon etwas übertrieben, zunickte und durch Gesten verständlich machte, dass wir das beide sind und wir diesen Weg zur Höhle gehen werden. Sie betonte dies, indem sie übertriebene Schritte auf der Linie hin zu meiner gezeichneten Höhle machte.
Als sie nun auf der gemahlten Höhle stand, blieb sie stehen und schien etwas zu fragen: "tili okah?" Dann zeigte sie auf mich und auf sich und dann zeigte sie wahllos in andere Richtungen. Da ich nicht antwortete und sie nur fragend anschaute, nahm sie mir den Stock aus der Hand und malte jetzt mehrere Strichmännchen bei der Höhle. "tili okah? pali zinanso?"
Jetzt verstand ich. Ich schüttelte den Kopf und sagte: "Nein, nein, wir sind alleine dort.." Jetzt nahm ich wieder den Stock und strich bis auf zwei Strichmännchen weg. "..und diese zwei,…" erklärte ich ihr mit Gesten und Worten gleichzeitig, "...sind du und ich. Verstanden?" und zeigte dabei auf sie und dann auf mich.
Sie schien nun beruhigt und nickte mir zu. "Festandn!" sagte sie und brachte mich mit dem Gesagten zum Erstaunen. Mir wurde klar, dieses Mädchen ist alles andere als dumm. Sie ist wissbegierig, hört mir zu und wendet das Gelernte gleich an. Mein Bild über die Krasianer fing immer mehr an zu bröckeln.

Ich wollte nun mehr von ihr erfahren und nahm den Stock wiede in die Hand und kratzte nun ein Bild von einer Familie auf den Boden. Mutter, Vater und Kind. Dann zeigte ich auf das Kind und sagte: "Das bist du ..Dai." Dann zeigte ich auf die Eltern und fragte: "Wo ist deine Mutter? Wo ist dein Vater?"
Dai schaute mich nun traurig an und schüttelte den Kopf.
"ndi moyound!" und wischte mit ihren Händen zwei Strichmännchen, die Eltern wieder weg.
Ich nickte. "Gibt es denn sonst keinen?" Ich kratzte mehrere andere Personen und dann ein Pfeil von dem kleinen Mädchen, also Dai, zu diesen Personen hin.
Sie schüttelte wieder mit dem Kopf "horen... nahin." sagte sie sehr entschieden und wischte den auch wieder Pfeil weg.
Ich stand schließlich auf. "Dann, Dai, sind wir wohl beide allein. Komm! Lass uns gehen."
Wir packten die Sachen und machten uns nun auf den Weg zurück zur Höhle.

Als wir den Fluss erreichten, füllten wir die Wasserschläuche auf. Da Dai ziemlich schmutzig war, habe ich sie noch dazu gedrängt sich zu waschen. Dai wollte nicht und zeigte mit ihrem Finger auf mich und rümpfte die Nase und zeigte dann zum Fluss. Damit schien sie wohl anzudeuten, dass ich selbst ein Bad nötig hatte. Damit könnte sie natürlich recht haben, denn ich hatte mich schon lange nicht mehr richtig gewaschen. Ich nickte ihr schließlich zu.
"Okay, dann müssen wir uns beide eben waschen." Ich zog mich aus und nahm auch noch die schmutzigen Sachen mit ins Wasser, die wir den Ausgestoßenen abgenommen hatten. Dai tat es mir gleich. Es war schon so kalt gewesen, aber das Wasser fühlte sich eisig an. Dai zitterte wie Espenlaub und mir ging es nicht anders. Dai fing an zu lachen und ich fand die Situation auch irgendwie zu komisch und musste nun ebenfalls ein wenig lachen. Ich schaffte es aber letztendlich mich und sogar die mitgenommenen Kleider zu waschen. Das Wasser war zwar eisig kalt gewesen, aber wir fühlten uns danach wesentlich frischer und motivierter wieder weiter zu gehen.

Nach ein paar weiteren Stunden erreichten wir schließlich meine Höhle. Dai schien von der Höhle begeistert zu sein. "Te ana pai" rief sie fröhlich und freute sich auch wohl auf die erste Nacht hier zu schlafen, denn sie legte sich sofort auf mein Schlafplatz und tat so als ob sie friedlich eingeschlafen war. Als sie sich dann ein wenig beruhigt hatte und wir wieder merkten wie hungrig wir waren, aßen wir noch den restlichen Schinken auf. Das letzte Stück vom Schinken schmeckte ranzig und setzte auch schon an paar Stellen Schimmel an. Dai aß ihn trotzdem ohne zu zögern auf. Ich selbst war in dieser Hinsicht doch etwas verwöhnt und hielt mich zurück, mit dem Ergebnis, dass sie auch meinen Teil des Schinkens mitverzehrte. Danach aßen wir noch etwas von der Marmelade. Dai hätte am liebsten das ganze Marmeladenglas leer gemacht, aber das konnte ich gerade noch verhindern.

Da wir nun kaum noch etwas zu essen hatten, beschloss ich noch heute mit Dai auf die Jagd zu gehen. Obwohl sie mich natürlich noch nicht versteht sagte ich es ihr trotzdem.
"Dai wir werden gleich noch auf die Jagd gehen müssen." Ich zeigte dabei auf Pfeil und Bogen und machte dann eine Geste als ob ich etwas essen würde. "Auf die J_a_g_d." sagte ich nochmal deutlich. Sie verstand mich und schien sich darauf zu freuen. Dann fiel mir auf, dass sie ja immer noch mit nur dem einem Fell bekleidet war und sie damit eigentlich ziemlich frieren müsste. Ich ging zu meinem Schlafplatz und nahm mir eins meiner Hemden, dass mir selbst schon etwas zu klein geworden war. Ich zeigte auf das Hemd und dann auf Dai.
"Magst du das anziehen?"
Ohne zu zögern, zog Dai sich ihren Fellponcho aus und zog sich das Hemd an. Es war, wie zu erwarten, viel zu groß. Das Hemd reichte ihr bis kurz über die Knie. Aber das war auch ganz gut so, denn man konnte mit einem Stück Seil um die Taille, daraus so eine Art längeres Unterkleid machen. Das Fell legte ich ihr noch über das Hemd und band ihr dann auch gleich mit dem Stück Seil von den Ausgestoßenen, das Hemd und das Fell eng um die Taille. Die Ärmel krempelte ich ihr danach auch noch auf Höhe ihrer Handgelenke.
"Gar nicht so schlecht.." murmelte ich vor mich hin.
Dai schien es ebenfalls sehr zu gefallen und bewegte sich nun leicht tänzerisch hin und her durch die Höhle. Was aber konnte ich für ihre bloßen Füße und Beine tun? Dann fiel mir ein, dass ich ja noch die Stiefel von Jaden hatte. Mir war klar, das die natürlich zu groß waren, aber vielleicht ließ sich noch etwas daraus machen. Ich holte die Stiefel und zeigte sie dann Dai.
Dai bekam große Augen und fragte: "kukume?"
"Kuukumme.. was?" wiederholte ich fragend und sagte dann.. "Anziehen!"
"Ansien?"
Ich nickte ihr zu. "Ja, anziehen. Probier sie an!"
Sie nahm sie, zog sie an und ich schnürte ihr noch die Stiefel. Dann lief sie damit ein paar Schritte. Es sah komisch aus und die Stiefel waren wie schon vermutet einfach viel zu groß und klobig. Ich könnte die Stiefel, die wir von dem alten Mann genommen hatten, mit dem Messer versuchen kleiner zu schneiden, aber dann würden sie mit Sicherheit nicht mehr warm halten. Jake aber würde nun ja hoffentlich auch bald kommen und er würde bestimmt eine Möglichkeit finden Kleider für Dai zu besorgen. Von daher mussten diese Stiefel erst mal ausreichen. Letztendlich löste sich das Problem, als Dai sich auch noch die Hose von Jaden anzog und ich die Überlänge der Hose so um die Füße wickelte, dass sie damit die Stiefel gut ausfüllte und die Füße bequem in den Stiefel lagen. Mit Bändern schnürte ich ihr die Hose noch etwas enger um ihre Beine, damit ihr die weite Hose nicht beim Gehen behinderte. Dai dankte es mir, in dem sie mich fest umarmte und dann immer wieder "biädo" sagte und vor mir her stolzierte.

Die Jagd verlief erfolgreich. Ich erlegte gleich bei der ersten Gelegenheit mit einem Pfeilschuss einen größeren Falken. Dai verhielt sich bei der Jagd vorbildlich. Sie war absolut ruhig und hielt immer einen gewissen Abstand zu mir. Ich vermutete, dass es nicht ihre erste Jagd gewesen war, wo sie dabei war. Als ich den Falken getroffen hatte, rannte sie dann geradewegs auf das sterbende Tier zu und drehte dem Falken mit einem gekonnten Griff den Kopf um und brachte mir dann die Beute.
"Nun müssen wir nur noch hoffen, dass wir das Feuer auch anbekommen, was meinst du Dai?" Ich lächelte ihr zu. Dai runzelte die Stirn, nach der Devise.., ich versteh dich zwar jetzt nicht, aber ich freue mich auch aufs Essen.

Die Tage vergingen und mit jedem Tag gewöhnten wir uns mehr aneinander. Eine Unterhaltung zwischen uns beiden war nach wie vor nicht möglich. Nur durch Gesten und ein paar einfachen Wörtern konnten wir uns einigermaßen verständigen. Jedoch lernten wir immer besser die Sprache des anderen kennen. Dai war hier jedoch eindeutig wissbegieriger und lernte deutlich schneller als ich, so dass es wohl darauf hinaus lief, dass wir uns in naher Zukunft vermutlich nur in meiner Sprache unterhalten werden. Wir übten jeden Tag das Bogenschießen. Dai war hier zwar noch ziemlich ungeübt, aber sie machte mit jedem Tag auch hier große Fortschritte. Wir suchten täglich Feuerholz und machten auch immer einen Jagdausflug. Wenn wir mal nichts zu tun hatten, machte jeder das, wozu er dann Lust hatte. Dai versuchte sich beispielsweise an das Schnitzen von Figuren, wobei es ihr nach einer kurzen Zeit gelang sogar eine Menschenfigur zu schnitzen. Mit dieser Figur, die sie fortan Fedann nannte, spielte sie dann auch immer. Ich selber versuchte für Dai einen Jagdbogen zu machen. Musste aber frustriert feststellen, dass der Bogen niemals so gut sein würde, wie meiner. Mir fehlten einfach die Materialien und das Wissen einen wirklich guten Bogen zu erstellen.





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© Wilhelm Wilts


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Beschreibung des Autors zu "Roter Teufel -Teil 1-"

Rota Gevill, der Held dieser Geschichte, erlebt in einem Ort namens Kaven viel Ablehnung. Rota ist aufgrund seiner Andersartigkeit ein Außenseiter. Im ständigen Kampf sein Leben erträglicher und lebenswerter zu machen, muss er immer wieder Niederlagen und Verluste hinnehmen. Ausgerechnet das Beste was sich bisher in seinem Leben ereignete, die Freundschaft mit dem wohl beliebtesten Mädchen in Kaven, führt zu einer Situation mit katastrophalen Folgen...

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