Die Sonne brannte heiß und erbarmungslos auf Nera herab. Zwar war sie Hitze gewohnt, allein schon deswegen, dass sie Schmiedin war, aber diese Hitze war mehr als ungewöhnlich. Sie war schon seit ein paar Tagen unterwegs und ihr Wasservorrat neigte sich dem Ende. Schwerfällig trottete sie über die staubige Straße. Vielleicht hätte sie doch ein Pferd nehmen sollen.

Wobei bei meinem Glück, wäre das Pferd schon verreckt.

In einiger Entfernung sah Nera eine Staubwolke aufwirbeln. Mit einer Hand schützte sie ihre Augen vor der Sonne und beobachtete das Schauspiel.

„Reisende Händler.“, stellte sie fest. Ihre Schritte wurden beschwingter, wie sie winkend den Händlern entgegenkam. Mit einer großen Staubwolke hielten sie ihre Pferdekarren.

„Ho! Was treibt Euch bei dieser Hitze zur Wanderschaft?“, grüßte einer Nera.

„Die Suche nach einem Ort mit Wasser und einem Bett.“, antwortete die Schwarzhaarige. „Könnt Ihr mir sagen wo ich das nächste Dorf finde?“

„Immer die Straße weiter.“, sagte der zweite Händler und deutete hinter sich. „Ihr solltet etwa zum Spätnachmittag dort sein.“

„Leider können wir Euch nicht mitnehmen.“, sagte der Erste. „Wir sind nämlich auf dem Weg nach Hohenfels, aber wir können Euch etwas Wein als Wegzehrung mitgeben.“

Er griff hinter sich in den Planwagen und holte eine kleine Flasche hervor, die er Nera reichte.

„Habt Dank!“, sagte sie und nahm lächelnd die Flasche entgegen. „Möge Juvio Euch begleiten!“

„Möge Juvio Euch begleiten!“, erwiderten die Händler den Gruß und trieben ihre Pferde an. Nera blickte ihnen noch eine Weile nach, bis sie wieder ihren Weg aufnahm.

Dann wollen wir mal keine Zeit verlieren.

Gegen Mittag wurde die Hitze unerträglich. Schweiß floss in Strömen an Nera herab und ihr Wasserbeutel war bis auf den letzten Tropfen ausgetrocknet, so wie ihre Kehle. Sie hätte sich gerne irgendwo in den Schatten gesetzt für eine kurze Rast, wäre doch nur ein verdammter Baum in Sicht gewesen. Stattdessen schleppte sie sich weiter. Als ihr Durst dann noch unerträglicher wurde, entkorkte sie die Weinflasche und nahm einen Schluck. Sofort verzog Nera das Gesicht und würgte die Flüssigkeit herunter. Der Wein war widerlich süß und half kein Bisschen gegen den Durst. Im hohen Bogen flog die Flasche ins von der Sonne angesengte Gras. Sie hätte es wissen sollen. Kein Händler gibt einfach so eine Weinflasche einem Wanderer.

Jetzt bloß nicht an Früchte oder Wasser denken, ermahnte sich Nera und trottete weiter.

Die Schatten wurden schon länger, als sie das Dorf erreichte. Auch wenn es ein kleines Dorf war – noch kleiner als Feuernest – so war es doch ungewöhnlich still. Kaum jemand war auf den Straßen zu sehen und wenn Menschen anzutreffen waren, so waren es alte, gebrechliche Männer oder Frauen. Doch Nera achtete nicht weiter darauf. Sie hatte andere Sorgen. Mit angestrengter Miene suchte sie nach einer Gaststätte oder einem Brunnen.

„Heil Neome!“, krächzte sie, als sie das Schild der Wirtstube „Zum Ölfass“ erblickte. Eilig stürmte sie zur Tür und öffnete sie mit einem lauteren Knallen, als sie beabsichtigt hatte. Sofort drehten sich einige Köpfe in ihre Richtung. Auch hier war der Frauenanteil deutlich höher, wie im Rest des Dorfes.

„Was darf’s sein, Fremde?“, grüßte die Wirtin.

„Wasser.“, keuchte Nera und nahm auf einem der Tresenhocker Platz. Kaum stand der Krug Wasser vor ihr, griff sie gierig danach und ließ das kühle Nass ihre Kehle befeuchten. Noch nie hatte ihr Wasser so gut geschmeckt, frisch und süß.

„Ihr müsst ja weit gereist sein.“, bemerkte die Wirtin. „Von woher kommt Ihr?“

Nera setzte den Krug ab und wischte sich übergelaufenes Wasser vom Kinn.

„Ich komme aus Feuernest.“, antwortete sie und hielt der Wirtin den Krug hin. „Noch eines, bitte.“

Die Wirtin nickte und goss nach.

„So, aus Feuernest. Und was führt Euch hierher?“, fragte sie.

„Ich suche nach einem Drachen.“, sagte Nera, nach weiteren hastigen Schlucken. „Habt Ihr zufällig einen gesehen?“

„Einen Drachen?“, fragte die Wirtin erstaunt. „Ihr wollt mich wohl auf den Arm nehmen.“

Verwirrt runzelte die Schwarzhaarige die Stirn und musterte die Frau hinter den Tresen. Sie war mittleren Alters, was man an den ersten feinen Falten im Gesicht erkennen konnte.

„Nein.“, widersprach Nera. „Ich suche wirklich nach einem Drachen. Ein schwarzes und nicht gerade kleines Biest.“

Die Frau lächelte sie entschuldigend an und seufzte.

„Ach, Kindchen. Wir haben hier momentan ganz andere Sorgen.“, sagte die Wirtin und säuberte mit trauriger Miene ein Glas. Nera horchte auf und erst jetzt ließ sie ihren Blick durch den Schankraum schweifen.

Seltsam…

„Sagt, ist es üblich, dass man hier deutlich mehr Frauen in der Wirtschaft antrifft als Männer?“, räusperte sie sich.

Die ältere Frau schüttelte den Kopf.

„Oh, nein, mein Kind. Landing ist eigentlich wie jedes andere Dorf auch.“, begann sie, „Nur jetzt, da unsere Männer fort sind, hat sich alles geändert.“

In den Augen der Frau glitzerten die ersten Tränen und sie wischte sie sich mit einem Zipfel ihrer Schürze fort. Neugierig geworden, reckte sich Nera auf ihrem Stuhl.

„Wohin sind sie denn gegangen?“

„Sie sind losgezogen, um den Schlag durchzuführen.“, antwortete eine andere Frau. Es war eine deutlich Ältere, mit langem, silbernem Haar, das sie in einem langen Zopf trug. Sie kam langsam auf die Tresen zu und setzte sich auf den Stuhl neben Nera. Eine ehrfürchtige Stille schien sich über die Gaststätte zu legen, als die alte Frau das Wort ergriff.

„Im Großen Wald steht die Statue von Helkarne unserem Schutzpatron. Alljährlich ziehen unsere Männer und Söhne los, um den Wald um der Statue zurückzudrängen, damit die bösen Geister sich nicht mehr verstecken können. Sie mögen kein Licht und auch keine exakten Kreise.“, erklärte die Alte und Nera lauschte aufmerksam. „Auch dieses Jahr sind sie losgezogen für den Schlag, aber bislang nicht zurückgekehrt.“

Aus einigen Ecken des Schankraumes war unterdrücktes Schluchzen zu vernehmen. Nera ließ erneut den Blick schweifen. Frauen saßen dicht an dicht und versuchten sich gegenseitig zu trösten oder drückten weinende Kinder an sich.

„Was wäre, wenn Ihr jemanden aussendet nach Euren Männern zu suchen?“, fragte die Schwarzhaarige.

„Wir würden, aber seht selbst.“, antwortete die alte Frau und deutete auf die Anwesenden. „Hier sind Mütter mit den Kleinsten, Kranke und die Ältesten von uns.“

„Ich könnte für Euch suchen.“, sagte Nera mit leuchtenden Augen. „Ich bin ohnehin auf einer Suche und ob ich nun nach einem Drachen oder Euren Männern suche ist im Endeffekt gleich.“

„Das würdet Ihr für uns tun?“, fragte die Wirtin atemlos.

Nera nickte stumm.

Diese Kinder vermissen ihre Väter…, dachte sie und für einen Moment huschte mitfühlende Trauer über ihre Züge.

„Ihr seid mutig.“, sagte die alte Frau anerkennend und lächelte sie dankbar an. „Madita, gib ihr ein Zimmer und zeig ihr unser Badehaus.“

Die Wirtin nickte und wies die junge Frau an ihr zu folgen. Sie führte sie eine schmale Stiege hinauf zu einem kleinen Dachzimmer.

„Es ist nicht groß, aber bietet ein warmes Bett.“, sagte Madita lächelnd. „Das Badehaus ist gleich hinter der Gaststätte, dort könnt Ihr ein Bad nehmen und Kraft sammeln.“

„Danke.“, sagte Nera und griff nach ihrem Geldbeutel, doch Madita ergriff ihre Hand, ehe sie diesen erreicht hatte. Die Frau drückte ihre Hand leicht mit ihren und führte sie zu ihrer Stirn.

„Wir sind Euch so dankbar für Euren Mut.“, sagte Madita. Sie schaute Nera aus wässrigen Augen warm an.
Die junge Frau schüttelte leicht den Kopf.

„Nicht dafür.“, sagte Nera. „Ich kann Euren Schmerz nachvollziehen.“

Sie spürte, wie Madita ihr sanft über die Wange strich und dabei auch ihre Narbe streifte. Die ältere Frau lächelte nur stumm mit einem wissenden Blick und wandte sich schließlich von ihr ab. Nera stand nun allein auf dem Gang und hing ihren Gedanken nach.

Ich verstehe Euch nur zu gut! Wie häufig hatte ich Angst um Vater, wenn er auf Kriegszüge geschickt wurde. Und jetzt… Jetzt ist er fort… für immer.

Im Badehaus wurde Nera von warmen Dunstschwaden begrüßt. Offensichtlich hatte Madita schnellstmöglich veranlasst die Badezuber anzuwärmen. Auf einem Stuhl legte sie ihre Kleidung ab und stieg ins Wasser. Ein wohliges Seufzen drang aus ihrer Kehle, als das warme Wasser ihren Körper umspülte. Sie legte ihren Kopf auf dem Rand des Zubers ab und schloss die Augen.

Bin ich dem wirklich gewachsen?, schoss es ihr durch den Kopf.

Sie könnte auch einfach weiterreisen, schließlich hatte sie mit dem Dorf nichts zu schaffen. Geistesabwesend strich ihre Hand über ihre Narbe. Sie wäre nicht sie selbst, wenn sie es nicht wenigstens versuchen würde. Allen Zweifeln zu Trotz würde sie morgen aufbrechen.

Die Sonne schien durch ein kleines Dachfenster in die kleine Kammer. Nera war bereits seit dem ersten Morgengrauen wach, obwohl sie sich noch immer etwas erschöpft fühlte. Im Traum hatte sie abermals den Angriff auf ihr Dorf durchlebt, bis sie sich schließlich aus den Fängen ihres Traums befreien konnte. Es klopfte sanft an der Tür.

„Ich habe Euer Frühstück angerichtet. Ihr könnt runterkommen, wann immer Ihr es wollt.“, drang Maditas Stimme gedämpft durch die Holztür.

Nera, die sich bereits angekleidet hatte, schritt zur Tür und öffnete diese.

„Bitte“, sagte sie, „Nennt mich doch einfach nur Nera. Ich bin nur eine Reisende und keine Adelsdame.“
Madita lächelte.

„Tatsächlich? Nun von deinem Erscheinungsbild her könnte man fast meinen, du seist eine Dame von Rang und Namen.“, witzelte Madita und richtete plötzlich ihren Blick auf Neras Narbe. „Bis auf diesen kleinen Makel.“

Nera blickte stumm zurück und beobachtete das nachdenkliche Gesicht der Wirtin, als wisse sie etwas nicht genau in Worte fassen zu können. Doch auch sie sagte nichts weiter, sondern nickte Richtung Treppe und forderte die junge Frau auf ihr nach unten zu folgen. Auf der Treppe angelangt, schien Madita jedoch Mut gefasst zu haben ihre Gedanken auszusprechen.

„Du sagst, du kommst aus Feuernest, also aus dem Herzen von Suderland. Aber so wie du dich kleidest…“
Madita musterte eindringlich Neras Armschienen, die mit etlichen verschnörkelten Linien und mystisch anmutenden Symbolen verziert waren. Dann fiel ihr Blick auf ihr Haar. Das schwarze, seidige Haar fiel offen zwischen Neras Schulterblätter. Für eine uneingeschränkte Sicht hatte sie die vorderen Strähnen nach hinten zu einem Unendlichkeitsgeflecht zusammengebunden.

„Könntest du auch aus dem Norden stammen.“, beendete Madita ihren Satz.

Nera lächelte.

„Nun, meine Familie ist tatsächlich über die Generationen hinweg von Norden nach Süden gewandert.“, erklärte sie.

Sie setzte sich an den gedeckten Tisch, die Wirtin leistete ihr Gesellschaft.

„Aha. Das würde ja auch deine Größe erklären.“

Tatsächlich war Nera etwas größer als der durchschnittliche Mann in diesen Breitengraden. Dies und ihr athletischer Körperbau, führten auch so manches Mal zu Verwechslungen, wobei ihre Vorliebe für männlich anmutende Kleidung ihr Übriges tat. Aber sie machte sich nicht viel daraus, ja, manchmal machte sie sich auch ihren Spaß daraus. Doch das behielt sie für sich. Stattdessen versuchte sie sich alle wichtigen Hinweise, wie sie zur Helkarne Statue in Mitten des Großen Waldes kam, einzuprägen. Sie fragte Madita wo sie sich noch einige Vorräte besorgen konnte und wenige Stunden später, war sie bereit aufzubrechen.

„Und vergesst nicht“, mahnte die Dorfälteste, „Solltet Ihr vom Weg abkommen, so hütet Euch vor den bösen Geistern. Sie werden versuchen Euch in die Irre zu führen oder gar Schlimmeres.“

Nera nickte nur und schenkte der Frau ein kleines Lächeln. Auch der Rest des Dorfes hatte sich am Ausgang des Dorfes zur Verabschiedung versammelt. Die hoffnungsvollen, wie auch besorgten Blicke ruhten auf Nera.

„Ich verspreche Euch, dass ich Eure Männer, Söhne und Brüder finden werde.“, sagte sie und hoffte innerlich, dass ihre Zuversicht sie nicht im Stich lassen würde.

Zweifel? Damit solltest du dich auseinandersetzen, wenn es dazu kommt, Nera. Wie sagte Vater noch: Ein zweifelnder Schmied hebt keinen Hammer.

„Möge Helkarne über Euch wachen.“, sagte die Dorfälteste mit altersrauer Stimme und zeichnete mit ihrem Finger einen Kreis auf Neras Brust. Ein leises Echo der Worte raunte durch die Anwesenden. Nera betrachtete ein letztes Mal die Bewohner und schulterte ihr Reisegepäck.

Ich bringe sie zurück!


© Maxine Elaine


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