Kapitel 4

Emily fing an zu lachen und stieß ihre beste Freundin in die Seite. Daraufhin fing diese an zu quieken.
„Du arbeitest im Schichtwechsel abends an der Kinokasse mit mir, vergiss das nicht, Lina.“
„Ja“, sie hob die Hände und tat, als würde sie sich ergeben.
Schlagartig fühlte Emily sich an die Situation mit Paulus erinnert, als dieser spöttisch vor Elyar in Deckung gegangen war. Diesem Heuchler und Scheusal von einem Ritter, würde sie am liebsten nie wieder begegnen, aber wenn sie ihren Freund wieder sehen wollte, ließ es sich wohl kaum vermeiden.
Heute abend würde sie zu ihm zurück kehren und diesmal zwei Nächte bleiben. Ihre Eltern hatte sie zum Zweck einer wirkungsvollen Ausrede darüber in Kenntnis gesetzt, dass die Freundin einer Freundin eine Party in ihrem Elternhaus im Schwarzwald schmeißen würde und sie aus dem Grund zwei Nächte nicht da sein würde. Ihre Mutter hatte gegrinst und sie als Abbild ihrer selbst bezeichnet, da sie selbst früher oft auf der Piste gewesen war. Ihr Vater hatte erst die Stirn gerunzelt und dann zum Zeichen des Verständnisses genickt, er hatte ihr ja genau genommen eh nichts mehr zu sagen.
„Wollen wir noch ein Eis essen gehen, oder musst du schon los?“ Insgeheim wurde ihr bei dem bloßen Gedanken an einen einzigen Löffel Eis schon speiübel.
„Nein“, Lina schüttelte den Kopf und warf sich die braunen Locken über die Schulter. „Können wir gerne noch machen, mir ist voll warm.“
Sie packten ihre Handtücher zusammen, auf denen sie am Kemnader See gelegen hatten und hängten sich die Taschen über die Schulter.
Als sie wenige Minuten später in der nahen Eisdiele vor ihren Bechern saßen, redeten sie über Gott und die Welt, wie immer. Lina musste wieder einmal los werden, wie nervig eigentlich die neuen Nachbarn waren, die vor wenigen Tagen in die Wohnung über ihr eingezogen waren und außer lauter Musik noch drei Hunde hatten, die einfach nie ihre Schnauze halten konnten.
Emily konnte die Genervtheit ihrer besten Freundin gut nachvollziehen, sie selbst konnte beim noch so kleinen Geräusch aus dem Schlaf fahren. Eine Eigenschaft, die sich im Leben von Elyar vielleicht noch als nützlich erweisen konnte, sollte einmal Gefahr drohen – nicht besonders abwegig, wenn man bedachte, dass sich die Lage in Ewalts Herrschaftsgebiet alleine in den letzten acht Tagen ziemlich zugespitzt hatte. Die Ruhe im Reich des Herzogs stand auf Messers Schneide.

Elyar musste sich zügeln, um nicht erbost in Anwesenheit seines Herrn von seinem Stuhl hochzufahren. Seine Augen verengten sich und richteten sich auf Paulus und dessen Knappen Jacobin, die ihm gegenüber an der Tafel saßen. Alexander merkte den Blick seines Freundes und räusperte sich leicht. Die vier Männer saßen in unmittelbarer Nähe des sich vor Kopf befindenden Herzogs und seiner Frau Katrina, er wollte nicht, dass Elyar ebenso etwas tat wie er selbst, was er später bitter bereuen würde. Zudem hatte der Vasall sich schon auf gefährliches Terrain gebracht, als er sich vor zwei Monaten seinem Herrn widersetzte, der ihn mit einer ihm würdigen Frau verheiraten wollte. Bis heute hatte Elyar ihm gegenüber kein Wort über diesen Vorfall gesagt, er hatte nur dessen Rivalen in Gesellschaft seines Knappen darüber spotten hören. Bei der Besagten würde es sich wohl kaum um die junge Frau in dem einfachen grünen Bauernkleid handeln, welche ihm von seinem Freund vorgestellt worden war und welcher er vor zwei Wochen auf dem Markt begegnet war.
Ob Unmut und unterdrückte Trauer seines Freundes wohl von diesem Grund herrührten?
Noch hatte er keine Gelegenheit dazu gehabt, ihn darauf anzusprechen und er wollte, falls sich sein Verdacht bestätigte, Elyar nicht noch weiter quälen. Er selbst hatte erst mit der Zeit gelernt, seine ihm von seinem Herr zugesprochene Frau zu lieben, doch sie hatten es geschafft und aus dieser gegenseitigen Zuneigung waren ihre Kinder hervorgegangen. Elyar würde es mit der Zeit akzeptieren lernen...
Er warf ihm einen Seitenblick zu, inzwischen hatte sich der Ritter wieder unter Kontrolle und griff nach seinem Weinbecher. Als er einen Schluck genommen hatte, wandte er sich der Gesprächsrunde der Anwesenden der Tafel zu. Paulus und sein junger Nebenmann schwiegen. Mit stiller Genugtuung nahm Alexander das zu Kenntnis und wandte sich an Elyar.
Dieser erhob sich urplötzlich und verneigte sich in Richtung Ewalts und dessen Frau tief. „Mit Verlaub Herr, darf ich Eure Runde kurz verlassen?“
Alle wirkten gleichermaßen irritiert.
Der Mann räusperte sich und schaute seinen Getreuen mit zusammengekniffenen Augen lange an, ohne einen Ton zu sagen. Das ging so lange, dass seine Gemahlin eine Hand auf seinen Arm legte und sich räusperte, worauf der Herzog zum Sprechen ansetzte und sich ihrer Berührung entzog.
„Was bringt dich in die Lage, mir diese Frage zu stellen, Elyar?“
Ja, was war der Grund? Er wusste es nicht genau, konnte nur so viel als Gewissheit preisgeben, dass er ein komisches Gefühl hatte und es ihn aus irgendeinem Grund in den Stall zu seinem Hengst trieb. Das konnte er seinem Herrn unter keinen Umständen sagen.
„Geh, aber beeile dich.“
Elyar erhob sich, trat vom Tisch zurück und verbeugte sich tief. „Ich danke Euch, ich werde nicht lange brauchen, Herr.“
Eilig verließ er den Raum, sorgsam darauf bedacht, seinem Kameraden nicht mit einem Blick zu begegnen. Womöglich hätte er seine Beunruhigung sofort bemerkt, aber nach den verständlicherweise verwunderten Gesichtern als Folge seiner Frage zu urteilen, würde man ihn nachher eh ansprechen. Aber das war jetzt unwichtig, er wollte nur seiner Intuition folgen und zu den Stallungen gehen.

Emily versuchte ruhig zu atmen, um die Pferde nicht nervös zu machen. Abey schnaubte leise, was einen beruhigenden Effekt für die junge Frau hatte, die sich in der hintersten Ecke zusammengekauert hatte und sich unter dem Schmerz bemühen musste, nicht zu stöhnen. Wie lange sie schon so da lag wusste sie nicht, aber nach einer Weile hörte sie plötzlich Schritte, die durch die Stallgasse kamen.
„Was...“
Sie hob ruckartig den Kopf und schaute in sein Gesicht, welches sich mit erstaunt geweiteten Augen über der Boxentür zeigte.
„Was machst du hier?“ Seine Stimme war leicht besorgt, als er die gekrümmte Haltung seiner Freundin realisierte und schlüpfte zu ihr in die Box. Sanft strich er ihr eine Strähne aus dem Gesicht und suchte ihren Blick. „Was ist geschehen?“
Sie versuchte seinem Blick standzuhalten, doch ein erneutes Ziehen zwang sie dazu, die Augen zu schließen und stockend einzuatmen.
Erschrocken ließ Elyar sich auf die Knie fallen und zog sie sanft mit dem Oberkörper auf seinen Schoß. „Sprich mit mir“, meinte er sanft. Die Ruhe in seiner Stimme war erzwungen, er spürte die Besorgnis nur allzu deutlich. „Wo hast du Schmerzen?“
„Ich...“ Sie sprach leise. „Ich habe dieses Stechen schon seit Tagen, ich habe mir vor meinen Eltern nichts anmerken lassen und wollte, jetzt, wo es schlimmer wird, einfach nur zu dir.“ Tränen traten ihr in die Augen, als sie erneut zusammenzuckte.
Er drückte sachte ihre Hand und wiederholte die Frage – eindringlicher, bestimmter. Er sah, dass sie litt.
„Ich kann es nicht definieren, nicht genau. Aber ich kann dir sagen, was es verursacht.“
Angespannt harrte er aus und wartete auf Emilys Antwort, die nur wenige Sekunden mit ebenso leiser Stimme wie zuvor, über ihre Lippen kam.
„Ich bin schwanger, Elyar. Es besteht kein Zweifel, die Anzeichen sind untrüglich.“
Sein Herz krampfte sich zusammen, als er das Gehörte verarbeitete. „Du spürst es“, meinte er dann einigermaßen gefasst. „Du allein kannst es beurteilen und ich weiß, dass du die Wahrheit sprichst...“
Schweigend strich er ihr über die Schläfe, versuchte seine Fassung zu wahren.
Seine Gesichtszüge zeugten von nur schwer beherrschten Emotionen, dass merkte auch Emily durch ihre leichte Trance hindurch deutlich und versuchte sich aufzusetzen. Im nächsten Moment zuckte ihr Unterleib und sie sackte mit einem leisen Stöhnen zurück. Abey schnaubte nervös und schaute nach hinten zu der jungen Frau.
Elyar ließ Emily nicht aus den Augen, ließ seine Sorgen Sorgen sein und konzentrierte sich völlig auf seine Freundin. „Kannst du aufstehen? Meinst du, dass du das schaffst?“
Sie nickte, dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen eher unbeweglich, aber doch entschlossen. „Wenn es nicht weit ist...“
„Ich will dich in die Unterkunft meiner Mutter und mir bringen. Es ist nicht weit, unweit von den Stallungen entfernt.“
„Hältst du es für eine gute Idee, mich in dem Zustand den anderen Leuten bei Hofe zu präsentieren?Sie werden doch mit Sicherheit anfangen zu reden und dann...“
„Das man irgendwann erahnt, was geschehen ist, kann man so oder so auf Dauer nicht verschweigen.“ Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich kurz und er schluckte hart. „Irgendwann werden sie Fragen stellen, das ist ganz klar. Aber ich möchte dich in eine bequemere Lage bringen, als hier im Stall. Zudem entdeckt man dich hier leichter.“
Das war einleuchtend. Langsam richtete Emily sich mit an der Wand abgestützten Hand auf und verließ an Elyar gestützt den Stall. Draußen auf dem Hof begegnete ihnen nur eine der Mägde, die in geschäftiger Eile auf die Treppe zum Gebäude mit der Küche zulief und mit ihren beiden Körben darin verschwand. Die Sonne hatte über den Tag an Stärke gewonnen und erwärmte die Umgebung merklich, es herrschten gut achtundzwanzig Grad über den Ländereien des Herzogs.
In der Hütte angekommen rollte sie sich auf seinem Lager zusammen und schloss die Augen. Besorgt strich er ihr über die Stirn und bemerkte leichte Schweißperlen.
„Wie kann ich dir noch helfen?“
„Das größte Problem ist...“, sie holte scharf Luft, „dass ich meinen Eltern die ganze Sache nicht erklären kann. Beziehungsweise, ich muss es irgendwann tun, aber ich habe in meiner Welt keinen Freund. Sie werden Fragen stellen und dann habe ich keine Ahnung, was ich antworten soll.“
„Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir noch Zeit. Was denkst du selbst, wie lange du dieses Kind schon in dir trägst, Emily?“
„Es ist zwei Monate her, dass wir zusammen die Nacht im Wald verbracht haben.“ Sie schluckte und versuchte den Schauer der ihr über den Rücken jagte zu unterbrechen, auszublenden. Sie war über fast über der Frist... „Die einzige Möglichkeit ist, dass ich zum Arzt gehe und eine Abtreibung des Kindes vornehmen lasse. Was... Was soviel bedeutet, wie das Ungeborene... zu töten und aus meinem Körper zu entfernen.“
Er starrte sie an. Der sonst so standhafte und selbstbewusste junge Mann schien in diesem Augenblick völlig in sich zusammenzusinken.
Der Anblick schockte sie so, dass sie unüberlegt aufstehen wollte, um ihn erreichen zu können, doch ihr Innerstes zig sich auf so eine brutale Art und Weise zusammen, dass sie wimmernd zurückfiel.
Alarmiert kniete sich Elyar vor sie und nahm ihre Hand. „Tue das nicht. Bitte, wir finden eine Lösung! Aber dieses Leben in dir...“
„Ich weiß. Ich will es ja auch nicht, aber wie soll ich das meinen Eltern erklären? Wie? Sag es mir.“
„Vertraue mir. Wir finden eine Lösung.“
„Die einzige Lösung die ich im Moment sehe, ist, dass ich das Leben auf der anderen Seite des Tunnels aufgebe und vollkommen zu dir komme.“
Elyar riss die Augen auf. „Das kann ich nicht von dir verlangen!“
„Es kann nicht anders funktionieren!“


© MajaBerg


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