Die Dämmerung ging langsam in die nächtliche Schwärze über, als Elyar seinen Hengst über das Feld lenkte, welches die Burg vom Wald trennte. Hinter ihm folgte Emily auf Abey. Schweigend ritten die beiden über die Ebene, verfielen nach einigen Metern in lockeren Trab. Kurz vorm Waldrand zügelte Elyar Calito und saß ab.
„Es ist sicherer, wenn wir ab hier unsere Pferde führen. Pass nur auf, dass dein Kleid sich nicht im Unterholz verfängt und dich zu Fall bringt.“
Sie nickte, leicht lächelnd über seine Sorge. Dicht beieinander führten sie ihre Pferde zwischen die Bäume, die Hufe verursachten nach Emilys Empfinden einen höllischen Lärm im Unterholz, aber ihr Freund ging unbeirrt mit dem Hengst voran. Sie liefen gut eine halbe Stunde, bis sie an einen mehrere Metern großen mit Gras bewachsenen Flecken im Wald gelangten, der jedoch aufgrund des unveränderten Baumbewuchses nicht als Lichtung bezeichnet werden konnte. Hier standen die Bäume nur nicht so dicht beieinander.
Sie banden ihre Pferde fest, ließen sie fressen, während Elyar den Beutel mit Nahrung vom Sattel losband und neben Emily an einen Stamm lehnte. Sie setzte sich auf den Boden und schloss die Augen. Scheinbar binnen weniger Sekunden erschienen Sterne am wolkenlosen Himmel. Sie schaute hoch.
„Es ist schön hier.“
„Ja“, er setzte sich neben sie, die Waffe griffbereit neben sich. „Ich bin oft als kleiner Junge hier hergekommen, bevor mit elf Jahren meine Knappenzeit am Hof begann.“ Emily lehnte den Kopf an seine Schulter und seufzte. „Bereust du es? Vasall zu sein, meine ich.“
„Nein“, er nahm ihre Hand. „Ich bin in die Fußstapfen meines Vaters getreten und ich habe es mir zum Ziel gemacht, seinen Namen wieder reinzuwaschen. Es soll nicht bis in alle Ewigkeit jeder denken, dass er ein verächtlicher Mann war. Denn das war er nicht, das Volk muss sich nur lange und ausführlich genug mit Mutter unterhalten, danach wissen sie es.“
Im Hintergrund schnaubten die Pferde leise, Emily schaute auf und wartete, bis Elyar ihren Blick bemerkte und erwiderte.
„Ich habe keine Sekunde geglaubt, dass dein Vater unehrenhaft war. Er ist im Kampf gefallen, was seiner Aufopferung gegenüber eures Herrn zuzuschreiben ist.“ Er lächelte beinahe dankbar. „Nicht alle denken so. Viele, so zum Beispiel auch mein ärgster Rivale Paulus, sehen nur das Schlechte, beschränken sich auf das Negative seines früheren Daseins unter den Lebenden.“
„Sie sind unwissend, Elyar.“
Abrupt drehte er sich ganz zu ihr herum, ließ ihre Hand los und legte seine stattdessen an ihre Wange. „Du bist zu sensibel für diese Welt“, er musste schmunzeln.
Auch sie konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen. „Ach, findest du das?“
Ein einfaches Nicken war die Antwort, ehe er sich vorbeugte und sie küsste. „Du dürftest eigentlich gar nicht hier sein und doch verstehst du vieles so schnell und detailliert, als wärst du hier aufgewachsen. Du machst mich wirklich sprachlos.“ „Ich lerne ja auch von dir. Und das jeden Tag, den ich bei dir bin und du mir mehr und mehr einen Blick in dein Leben gewährst.“
Der Ritter schmunzelte leicht und richtete sich etwas mehr auf. Seine Hand fuhr prüfend zu seiner Waffe, während seine Augen die Umgebung auskundschafteten. Bis auf das Rauschen der Bäume in einer leichten Brise und das gelegentliche Schnauben der dösenden Pferde, hörte man nichts.
ntspannt wandte er sich wieder zu Emily.
„Damals, als ich meinem Herrn den Eid der Vasallen gab, hatte er mir das Versprechen gegeben, alle die in meiner Obhut und Zuneigung stehen, gleichermaßen zu achten und zu schützen. Zwar verpflichtete er sich damit nicht, eine Leibwache an die Seite derer zu stellen, während er mit seinem Heer in die Schlacht zieht, aber er schwor, dass er diese Menschen ebenso achten und versorgen würde, wie uns.“ Elyar verstummte und schaute sie an. „Damit schloss er auch dich ein, Emily. Ich habe es mir selbst zum Gesetz ungeschriebener Selbstverständlichkeit gemacht, dich bis aufs Blut zu verteidigen, aber mein Herr stärkt mir somit den Rücken, weißt du? Ich bin ein Mann und mir steht es nicht zu, Schwäche zu zeigen, aber ich fühle mich mit dieser Gewissheit ein Stück weit sicherer.“
Beinahe schuldbewusst, als wäre dieses Geständnis absolut verwerflich, schaute Elyar an ihr vorbei. Zwar hatte es gerade für die Gesellschaft in der er lebte, eine andere Bedeutung, als für Emily, aber sie fand seine Reaktion einfach unnötig. Und das wollte sie ihren Freund auch wissen lassen.
Sie legte eine Hand unter sein Kinn und zwang ihn sanft zu einem direkten Blick in ihre Augen. „Du musst mir gegenüber keine Scham empfinden, Elyar. Du bist ein Mensch mit eben solchen Gefühlen, wie ich sie habe. Es mag ja sein, dass in deinem Umfeld gelacht und sogar gespottet wird, wenn ein Mann zu seiner Schwäche steht, aber es ist absolut menschlich. Okay? Bitte merke dir eins: In meiner Gegenwart musst du dich in keinster Weise verstellen, ich werde dich genauso versuchen zu trösten, wie es von dir gegenüber einer Dame verlangt wird.“
Elyar schaute sie an, wollte etwas erwidern, doch seine halb geöffneten Lippen entließen keinen Ton. Stattdessen beugte er sich wenige Zentimeter vor, platzierte seine Hände an ihren Wangen und küsste in sanfter Leidenschaft ihre Lippen. Emily strich ihm über das dichte braune Haar und ging auf die Annäherung mit ebenfalls geschlossenen Augen ein. Ihr Körper wurde von einer wohligen Wärme durchflutet, als sie sich unter leichtem Druck seines Oberkörpers nach hinten fallen ließ, so dass ihr Kopf an den Wurzeln des Baumes zum Liegen kam. Elyar wechselte die Position seiner Hände, strich zärtlich über ihre Schultern. Sein Mund hauchte kaum merklich einen Kuss auf ihr Schlüsselbein. Er hob den Kopf, eine Haarsträhne war ihm in die Stirn gerutscht, die Emily ihm nun lächelnd zurück strich.
Keiner sagte ein Wort, sie sahen nur einander an. Als Elyar plötzlich ganz leicht eine Bewegung unter sich spürte. Kaum merklich zuckte er zurück, woraufhin seine Freundin ihm über die Wange strich.
„Es ist alles in Ordnung, es war meine Schuld. Aber...“
Sie musste nicht weiter irgendwas sagen, er wusste, was sie getan hatte. Elyar schaute ihr in die Augen.
„Bist du sicher, Liebste?“ Er konnte den Satz durch Einfluss seiner Benommenheit nur noch flüstern. Mit geschlossenen Augen lehnte er seine Stirn gegen ihre, worauf sie merklich nickte. Zu einer Antwort war sie nicht mehr in der Lage. Elyar atmete tief durch, während er die Augen wieder öffnete und ihr über die rosige Wange strich.
Es war unglaublich, wie sehr er sie liebte.
Die Sonnenstrahlen kitzelten sie im Gesicht, so dass sie blinzelnd aufwachte. Emily fuhr sich verschlafen durch das Gesicht und schaute sich um. Elyar saß neben ihr, bis ins Mark gespannt und wachsam. Nichts wies mehr auf seine nächtliche Ruhe und Leidenschaft hin. Seine sehnigen Beine, die sie so sanft umschlossen gehalten hatten, zeichneten sich unter seiner schwarzen Hose ab, seine Füße steckten wieder in den edlen Stiefeln.
„Du bist wach“, er lächelte liebevoll und küsste ihre Schläfe. „Hast du gut geschlafen?“
„Ja, dein Körper hat mich sehr gut gewärmt.“ Sie setzte sich auf und schaute ihn offen und ehrlich an. „Diese Nacht war wunderschön.“
„Ich habe ebenso empfunden, Emily. Jeder Augenblick, jeder Moment war unbeschreiblich schön. Du bist der erste Mensch, der es geschafft hat mir Verstand und Sitte zu rauben.“
„Wie meinst du das?“ Emily musste lächeln.
„Bleibe ruhig und gelassen in Gegenwart einer Dame, das hat man mir schon früh beigebracht. Und du hast mich zum Verstoß getrieben, Liebste. Aber ich würde diesen ohne Scham und Reue wiederholen.“ Er seufzte. „Ich liebe dich so sehr.“ Gerührt küsste sie ihn, strich ihm über die stoppelige Wange. „Ich liebe dich auch.“ Paulus versuchte sein boshaftes Grinsen zurückzuhalten und stattdessen sein Pferd weiter voranzutreiben. Seit dem Morgengrauen folgte er den Spuren der beiden Reiter in den Wald und verlor dabei keine Sekunde aus dem Gedächtnis, dass Elyar mit einer Frau alleine war. Er hatte diese junge Schönheit in der Dämmerung mit ihm fort reiten sehen und hatte kurz in Erwägung gezogen, den beiden sofort zu folgen. Doch zu diesem Zeitpunkt hätte sein Herr ihn noch in irgendeinen Dienst stellen können und das es schlimme Folgen haben konnte, wenn man unerlaubt vom Hof verschwand, egal welch hohen Stand man inne hatte, war jedem am Beispiel von Alexander vor Augen geführt worden. Es schickte sich nicht, zudem war es Paulus diese Konsequenz keinesfalls wert.
Er zügelte seinen stattlichen Grauschimmel und saß behände ab. Dann machte er sich mit festem Griff um die Zügel auf den Weg durch das Unterholz.
Elyar stand auf und lauschte angestrengt. Hatte sein Gehör ihn getäuscht, oder war das Knacken in einiger Entfernung der Realität entsprungen?
Ja. Das Geräusch brach nicht ab, schien sogar näher zu kommen.
„Versteck dich dort drüben im Buschwerk.“ Ohne den Blick von der möglichen Gefahrenrichtung zu wenden, erteilte er Emily in sanftem Ton seinen Befehl. Sie gehorchte ohne ein Wort, wofür er dankbar war, und huschte geduckt zu den Sträuchern. Das eng verflochtene Geäst verbarg sie völlig und schirmte sie ab. Es dauerte nicht mehr allzu lange, bis zwischen den Bäumen auf der Südseite, eine Gestalt aus dem Dickicht trat, ein imposantes Pferd am Zügel.
„Paulus“, knurrte Elyar leise und ballte seine Rechte zur Faust. Der Bastard war ihnen scheinbar gefolgt, nun konnte der Vasall nur inständig hoffen, dass er sie nicht die ganze Zeit beobachtet hatte. Es ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren, wenn er sich vorstellte, wie dieses das andere Geschlecht so abgrundtief verachtende Scheusal, seine Geliebte beobachtete. Ihm stieg es säuerlich den Hals empor, so dass Elyar sich mit aller Macht auf das Näherkommen seines Rivalen konzentrierte, um wieder Herr über sich zu werden. Er durfte sich nicht vergessen – nicht in ihrer Anwesenheit.
„Was führt dich hier her? Die nächtliche Wache hatte unser Herr mir aufgetragen, Paulus.“ Trotz versuchter Beherrschung, spuckte er den Namen förmlich aus.
Der Angesprochene blieb in einer Entfernung von etwa vier Fuß stehen, zügelte sein Pferd und setzte dann sein allseits bekanntes herablassendes Grinsen auf. Dies stand ihm Angesicht zu Angesicht mit Elyar eigentlich überhaupt nicht zu, das wusste er auch. Aber er liebte die Provokation mehr als alles andere. Dabei war es ihm mit skrupelloser Verachtung beinahe immer egal, wer vor ihm stand.
Er zog die Brauen hoch, als wäge er ab, ob Elyar tatsächlich die Wahrheit sprach. „Das ist mir bewusst, mein Guter.“
„Wer hat dir mit der Peitsche gedroht, dass du anfängst einen solch schleimenden Ton mir gegenüber anzuschlagen, Paulus? Etwa deine Frau?“ Ja, auch er konnte den Menschen bestimmte Dinge unter die Nase reiben, auch wenn es ihm dabei mehr missfiel, als das er Genugtuung erfuhr. Diese wäre ihm nur gegeben, wenn man sein Gegenüber vom Hof verjagte. Aber das würde aufgrund seiner makellosen Treue im Dienste des Herzogs, nicht geschehen.
Ausdruckslos schaute er Paulus in das vom Kampf gezeichnete Gesicht. Auf einem seiner ersten Feldzüge hatte er eine Verletzung zugefügt bekommen, die sich ungefähr eine Hand lang vom Haaransatz bis zum Kinn zog und nun eine verblasste Narbe bildete, die sein grobes Gesicht teilte. Ihm hatte sein Gegner den Nasenschutz des Helmes durchschnitten. Die immer wiederkehrende bildliche Vorstellung dieser Tat, beim Anblick von Paulus` Gesicht, ließ Elyar innerlich grinsen.
„Warum bist du nun hier?“
„Man hat keinesfalls nach dir geschickt. Ich bin aus eigenmächtiger Entscheidung hier und bevor dich eine stille Hoffnung ereilt, ich komme damit durch meine Frage um Erlaubnis, keinesfalls in Verruf. Ich bin euch im Morgengrauen gefolgt.“
Er entspannte sich etwas. Paulus hatte sie also nicht gesehen. Aber diese Tatsache war nur ein kleiner Trost, denn nun befand sich der Ritter immer noch gefährlich nahe bei Emily. Egal wie gut sie auch vom Gestrüpp verborgen gehalten wurde, sie war eine leichte Beute. Und leider würde ihre Anwesenheit gleich auffallen, zumal Paulus schon von zweiReitern geredet hatte.
Blitzschnell fuhr seine Hand an die Schwertscheide. „Ich war die Nacht über nicht alleine, damit hast du recht. Aber sie steht unter meinem ganz persönlichen Schutz und ich kann dir nur um deines Lebens Willen raten, ihr kein Haar zu krümmen, Paulus.“
„Sollte das etwa eine Drohung sein? Das macht sich aber gar nicht gut...“ Er machte bedächtig einen Schritt vor, die Hand ebenfalls an der Waffe und die Augen zu Schlitzen verengt. „Leg dich nicht mit mir an, du weißt, was dir passieren kann.“ „Nimm den Mund nicht zu voll, spare dir dein Prahlen lieber für Leute auf, die bereit sind, deine Lügen zu glauben.“
Paulus spuckte aus. Mit einer schnellen Drehung wandte er sich ab und bestieg sein Pferd. „Das wird dir noch leid tun.“ Er jagte davon und bald verstummte das geräuschvolle Knacken des Unterholzes.
„Du kannst hervorkommen, er ist weg.“
Emily richtete sich auf und klopfte ihr Kleid ab. „Hättest du es auf eine Auseinandersetzung ankommen lassen?“
„Nur, wenn es sich nicht hätte vermeiden lassen.“ Er wich ihrem Blick aus und ging zu den Pferden hinüber. „Wir sollten zur Burg zurück und du musst wahrscheinlich auch nach Hause... Hab ich recht?“
Unwillig seufzte sie und nickte. „Ja, leider. Wenn ich nicht morgens wieder vor der Tür stehe, ist die Begründung einer spontanen Übernachtung nicht mehr ganz glaubwürdig.“
Sie liefen los und bestiegen am Waldrand die Pferde, auf denen sie wenige Minuten später das Burgtor passierten. Auf dem Innenhof herrschte bereits ein reges Treiben, keiner der Herumeilenden schien die Ankunft der beiden Reiter zu bemerken, jeder ging seiner Tätigkeit nach. Emily übergab Abeys Zügel einem heran getretenen Stalljungen, der hinter einem weiteren im Stall verschwand, der Calito führte.
Elyar drehte Emily vorsichtig an den schmalen Schultern zu sich herum und strich ihr die Haare über die Schulter zurück. „Kehr nach Hause zurück und versuche vielleicht zu vergessen, was geschehen ist...“
„Wie...“ Sie wich einen kleinen Schritt zurück. „Wie sollte ich das tun können?“ Sie schüttelte beinahe fassungslos den Kopf. „Erst sagst du mir heute morgen noch, dass es so schön war. Und jetzt soll ich das vergessen? Niemals.“
Elyar fuhr sich seufzend übers Gesicht, schaute Emily dann besorgt an. „Es darf einfach keiner erfahren, hörst du?“
„Was?“ Sie starrte ihn an. „Warum?“
„Weil mein Herr beabsichtigt mich mit einer Frau bestimmter Mitgift zu vermählen, die meines Standes würdig ist...“
Wie vor den Kopf geschlagen, taumelte Emily einen Schritt rückwärts und ließ ihn dabei keine Sekunde aus den Augen, die sich unaufhaltsam mit Tränen zu füllen begannen. Sie wollte etwas sagen, ihn anschreien und fragen, warum er sie so grausam hintergangen hatte. Doch alles was ihre Kehle zustande brachte war ein Schluchzen. Sie wollte sich umdrehen und vom Hof rennen, als sie Elyars Hand an ihrer Schulter spürte.
„Bitte, hör mir zu, ich kann dir das erklären...“
Sie fuhr herum, unter Tränen funkelte sie ihn an. „Du hast mich hintergangen und das auf die widerwärtigste Art, wie man es einem Menschen antun kann.“
„Ich wollte es dir die ganze Zeit sagen. Ich...“
„Und das fällt dir jetzt wieder ein? Jetzt?! Ist das dein Ernst, Elyar?“
Besorgt schaute er sich um, sie waren inzwischen bis auf ein paar Diener die in einiger Entfernung Eimer am Brunnen füllten, alleine auf dem Hof.
„Machst du dir Sorgen? Darum, dass andere mitbekommen, was für ein mieser Arsch du bist? Vielleicht ja sogar deine Zukünftige!“
„Emily, bitte. Ich wollte dich niemals verletzen! Ich habe lange überlegt, wie ich es dir sagen kann. Wann. Aber ich habe es nicht über mich gebracht. Ich habe versucht den Herzog von seinem Plan abzubringen, aber er lässt nicht mit sich reden. Ich habe am Ende sogar fast riskiert in den Kerker geworfen zu werden, als ich mich gegen den Befehl mehrmals hintereinander widersetzte, den Saal zu verlassen.“
„Es interessiert mich nicht, okay? Es ist deine Art, wie du mit mir umgegangen bist, die mich so trifft. Den Schmerz könnte mir kein Schwert dieser Welt zufügen, was mir einer der skrupellosen Männer in die Brust rammen könnte, vor denen du mich immer so heldenhaft versucht hast mich zu schützen!“
Er schluckte. Seine sonst so aufrechte und kraftstrotzende Haltung, fiel in sich zusammen und er sank lautlos auf die Knie. Er nahm ihre Hand, die Emily ihm im Moment der Verwunderung nicht entzog.
„Vergib mir“, er schaute sie verzweifelt an. „Ich flehe dich an.“
Plötzlich vernahm er ein wieherndes Lachen hinter sich und drehte reflexartig den Oberkörper zur Seite, um den Spottenden anzusehen. Die Stimme hätte er überall wiedererkannt.
„Paulus“, knurrte er mühsam beherrscht. Er wollte vor Emily, ob sie nun sauer war oder nicht, keine Szene machen. „Was treibst du hier?“
„Muss ich seit neustem den Herr um Erlaubnis bitten, meine Unterkunft zu verlassen? Ich lebe eben so am Hof wie jeder andere auch – wie du und deine Hure.“
Emily zuckte zusammen.
Elyar kam pfeilschnell auf die Füße und zog noch während er sich umdrehte sein Schwert. Gut, sie war zwar immer noch anwesend, aber diese Missachtung würde er seinem verfluchten Widersacher nicht durchgehen lassen. In Gottes Namen nicht.
„Nimm das zurück!“ Er machte einen Schritt vor – Paulus wich zurück und hob scheinbar ergeben die Hände.
„Du lässt dich wirklich schnell aus der Ruhe bringen, mein Guter. Wie das wohl deinem Gebieter gefallen würde, zu sehen, dass du deine eigenen Leute angreifst?“ Elyar schnaubte verächtlich und ließ die Klinge sinken. Statt auf ihn loszugehen, spuckte er dem Ritter angewidert vor die Füße und sah ihm fest in die durchdringenden blauen Augen.
„Verschwinde einfach.“
„Nun, es scheint mir, als bräuchtest du Unterstützung in Sachen Weiber. Es schickt sich nicht, vor ihr in die Knie zu gehen und um Gnade zu winseln, Elyar.“ Prompt kam das hämische Grinsen zurück.
„Sag du mir nicht, was Recht und Unrecht ist“, zischte der Angesprochene und trat wieder einen Schritt vor, wobei seine Reckte das Schwert wieder etwas fester umklammerte. „Du praktizierst niemals in deinem Leben die Gefühle von wahrer Liebe. Nein, du misshandelst deine Frau und siehst sie nicht als würdigen Menschen an. Das ist abartiger, als deiner Meinung nach meine Geste der Demut, die ich Emily entgegengebracht habe. Es ist mir vollkommen gleich, was du darüber denkst.“ Paulus starrte ihn an, als wäre sein Gegenüber ernsthaft von allen guten Geistern gleich mehrmals hintereinander verlassen worden. „Wie du meinst.“ Er schüttelte den Kopf und wandte sich mit plötzlich wutverzerrter Miene um. Emily war sich sicher, dass Elyar das ebenso gesehen hatte, wie sie selbst.
Verzagt trat sie an seine Seite und nickte in die Richtung des Davonstapfenden. „Was war jetzt plötzlich sein Problem? Dir wird sein Gesichtsausdruck ebenfalls aufgefallen sein, wie mir.“
Er nickte verbissen, schob das Schwert an seinen Platz zurück und bohrte seinen Blick in den Rücken des Mannes, der soeben die Stufen zum großen Saal hochstieg. „Er ist ein Mann, dessen Ehrgefühl es niemals erträgt, von einem anderen gedemütigt oder gar in für ihn zu beachtende Schranken verwiesen zu werden. Niemanden, außer unseren edlen Herrn, sieht er als rechtmäßigen Regelführer an.“ „Ist das im Grunde genommen nicht auch gut so? Er darf sich ja nicht von anderen beeinflussen lassen.“
Der Ritter konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. „Du verknüpfst schnell und klug, Emily“, dann wurde er wieder ernst. „Du hast recht, jedoch hat er auch auf das Wort seines Kameraden zu achten. Er ist mir keinesfalls unterlegen, ich habe ihm nichts zu befehlen, aber wir sind von unserer Eltern Blut gleichgestellt und leben im selben ritterlichen Stand.“
Sie nickte. „Verstehe... Das bedeutet also, dass ihr eine Art von Grundgesetz des fairen und menschlichen Umgangs in euren Reihen pflegt? Eine Art heerisches Menschenrechtsgesetz. So etwas wirkt eigentlich selbstverständlich, aber auch wir haben in unserer Gesellschaft solche Regeln, die von unserem Staat verhängt werden.“
„Ich bewundere deine schnelle Auffassung und Klugheit...“ Elyar schlug den Blick nieder. „Aber mein zuvor geäußertes Vergehen macht es nicht ungeschehen, ich weiß. Es ist deine freie Entscheidung, ob du mir vergibst...“
Emily machte blitzschnell einen Schritt auf ihn zu, legte ihre Arme um seinen Nacken und küsste ihn. Sie hatte eingesehen, verstanden, dass er nicht der Schuldige in dieser Sache war. Wen sie als Schuldigen heranziehen konnte, war Ewalt und das stand ihr in keinster Weise zu. Selbst alleine diesen Gedanken zu haben, ließ sie innerliche Reue empfinden.
Elyar schaute sie an und fuhr mit dem Zeigefinger über ihre Wange. „War dieser Kuss ein Eingeständnis der Vergebung?“
„Ja. Du kannst nichts für den Plan deines Herrn, bei dem er sich sicherlich etwas gedacht hat. Er ist dein Gebieter und möchte dir sicher nur Gutes... Aber...“ Sie musste schlucken, um erneut aufsteigende Tränen zurückzuhalten, „Ich liebe dich.“ Sanft berührten seine erneut ihre Lippen. „Ich weiß. Deine Augen sprechen Bände und du wirst in meinen das gleiche Geständnis lesen können. Ein Leben lang.“ Emily brauchte einen Moment um zu realisieren, was er da gerade gesagt hatte. „Was sagst du?“
„Liebste“, er umfasste sanft mit seinen kräftigen Händen ihr Gesicht und schaute sie direkt an. „Ich schwöre bei Gott, wärst du eine Geburt meines Geblüts und hättest du die Möglichkeit, hier zu bleiben... Ich würde dich heiraten.“
Jetzt war es ihr unmöglich, noch weiter die Fassung zu wahren. Ohne es zu Beginn wirklich zu merken, liefen ihr Tränen über das Gesicht. Erschrocken zog er sie an sich.
„Habe ich etwas falsches gesagt?“
„Nein“, sie schniefte leicht und begann zu lächeln. „Ich bin einfach etwas überwältigt von deinen Worten.“


© MajaBerg


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