Der alte Dunkelelf und seine Tochter

© EINsamer wANDERER

Die Zeiten des Bösen waren vorüber und nun verbrachte der einstige dunkle Herrscher Azrulah sein Leben im Exil einer längst aufgegebenen Zwergenkolonie auf einer bergigen Halbinsel. Seine Heere waren schon vor langer Zeit zerschlagen worden und er selbst war nun alt und gramgebeugt – von der Zeit gezeichnet. Ihm war kaum etwas geblieben. Nur ein paar Regale voller Bücher, ein dutzend Handlanger, zwei Schiffe, ein Vertrauter und seine missratene Tochter. Die Zeit verbrachte er an einem muffigen alten Kamin und las Bücher, die nur dazu dienten die Zeit totzuschlagen bis der Tod ihn aufsuchen würde, was noch lange dauern mochte, da Dunkelelfen sehr alt werden konnten. Abgesehen vom Lesen gab es da nur noch Termitz, ein untoter Schwarzmagier, welcher ihn schon während seiner glorreichen Zeiten gedient und beraten hatte, doch heutzutage blieben ihnen beiden nur noch die Gespräche über jene goldene Tage und die Furcht vor der Zukunft.

»Unsere Kultur war damals vollkommen. Wir hatten die Perfektion erreicht«, neigte der alte Elf zu sagen.

»Und dann sind wir von einem Haufen Barbaren und unseren weibischen Vettern fast ausgerottet worden. Ja, ja, wir kennen diese Geschichte zur Genüge. Wie viele Jahrhunderte wirst du noch über den Verlust deines Volkes jammern?«, fragte Termitz, während er verschiedene Bücher aus dem Regal nahm und sie sich unentschlossen ansah.

»Der Verlust der Dunkelelfen ist zu verkraften gewesen. Ich und meine geliebte Frau waren ja noch da. Und wir hatten nach unserer vernichtenden Niederlage immer noch Hoffnung auf bessere Tage. Wir träumten davon, wie wir uns aus der Asche erheben würden. Besser, stärker, bösartiger, erinnerst du dich?«

»In meinem Hirn schmausen zwar die Maden und Würmer, aber deswegen bin ich noch lange nicht senil. Ich erinnere mich noch an unsere Abenteuer, als wir mit unserer kleinen Truppe durch die Weltgeschichte zogen auf der Suche nach den wildesten und gefährlichsten Kreaturen die dieser Kontinent zu bieten hatte.«

»Ja,«, ächzte der Elf und wirkte mit einem Male noch älter und müder als sonst. »Die Wildheit eines Werwolfes, die Bösartigkeit eines Vampires, die verführerische Stimme einer Sirene und die schwarze Magie der finstersten Dämonen, um nur die Höhepunkte herauszugreifen. Das alles sollte mit dem königlichen Blute der eleganten Dunkelelfen gepaart werden, um eine neue Generation unserer Rasse hervorzubringen. Meine Frau trug dieses Unheil aus und starb bei der Geburt.«

»Ich vermisse sie und ihren makaberen Humor. Unser wilder Haufen ist seit ihrem Dahinscheiden nur noch ein trostloser Haufen. Dich hat es am allermeisten getroffen. Seitdem bist du nicht mehr derselbe blutrünstige Krieger, der einst den Kontinent erobert hatte. Du hast danach einfach deinen Biss verloren.«

»Vermutlich ist das auch der Grund wieso Quitwihr so missraten ist.«

»Gib dir nicht die Schuld an ihren Versagen. Niemand konnte ahnen, dass deine Brut so unvollkommen ist. Damals hatte niemand damit gerechnet, dass deine Tochter so eine Frohnatur sein würde, die unsere wundervoll finsteren Stollen mit Gänseblümchen verschandeln würde.«

Azrulah vollführte eine wegwerfende Geste. »Ich hätte ihr exzentrisches Verhalten früher merken müssen. Schon damals als sie mich umarmt hatte, um mir zu sagen, wie sehr sie mich doch lieb hat. Pfui, Spinne! Bei allen finsteren Göttern, als ich in ihrem Alter war, habe ich meinem Vater gehasst und ihn dies auch spüren lassen, indem ich ihn ins Gesicht spukte. Was soll ich nur tun, Termitz? Ich habe alles versucht. Als ich mit ihr ein paar Abenteurer foltern wollte, dachte sie, dass es das Passendste wäre ihnen Tee zu servieren und mit ihnen über ihre emotionalen Probleme zu reden, statt sie auszupeitschen oder ihnen die Bäuche aufzuschlitzen, um ihnen glühende Kohlen in die Mägen zu legen.«

Der Untote gluckste. »Ja, das war was!« Doch er verstummte sofort, als ihn das faltige Gesicht finstere Blicke zuwarf. Räuspernd versuchte er das Gespräch in eine positivere Richtung für sein Seelenheil zu lenken. »Sie hat aber auch ihre guten Seiten. Weißt du noch, als du ihr die Befehlsgewalt über die Holzfäller-Einheit gegeben hast, die die magischen Feenwälder roden sollten und sie sich dagegen gesträubt hatte, nachdem herauskam, dass dort eine seltene Art von… Äh, was war das nochmal?«

»Eine Art Specht, glaube ich.«

»Irgendwie so etwas. Sie hat uns darauf hingewiesen wie unklug es doch ist, sich sinnloser Zerstörung hinzugeben, wenn man die Weltherrschaft anstrebt. Unsere Welt befindet sich in einem empfindlichen Gleichgewicht. Wenn wir nicht aufpassen, herrschen wir am Ende nur noch über einen Berg aus Asche.«

Nicht besonders überzeugt rümpfte Azrulah die Nase.

»Och, komm schon! In unserer Jugend haben wir so einige Landstriche aus purer Laune verwüstet und haben es im Rückblick bereut.«

»Ich habe es nie bereut«, behauptete der Elf starrhalsig. »Behandelt sie eigentlich diese geraubten Straßenkinder gut, die wir ihr vor zwanzig Jahren als Sklaven zum Geburtstag geschenkt haben?«

»Du meinst die, die die Orks aus einem der Dörfer entführt haben? Wie man es nimmt. Sie foltert sie nicht und nach allem was man hört, werden sie sogar mit unserem Gold regelmäßig bezahlt. Wenn ich es richtig mitbekommen habe, bezeichnet Quitwihr sie sogar als „Freunde“.«

»Widerliches Gewürm! Wie kann sie sich nur mit diesem Dreck auf eine Stufe stellen! Weiß sie denn nicht, was uns die Menschen angetan haben!« Hustend klopfte sich die einstige Geißel der Welt gegen die Brust, da sie sich an ihrer eigenen Wut verschluckt hatte. »Was soll nur aus ihr werden, wenn ich nicht mehr bin? Nie im Leben könnte sie ein Reich führen. Mich wundert es, dass die Orks sie nicht schon längst vergewaltigt haben.«

»Ich schätze, derartige Gedanken sind nach der letzten Revolte gestorben. Du erinnerst dich? Dieser Ork mit Namen… Ach ich vergesse ihn immer, ist aber auch egal … war jedenfalls ein ganz Gewiefter, dieser Typ. Er hatte die anderen aus der Holzfäller-Einheit auf seine Seite gebracht und versuchte die Macht an sich zu reißen. Immerhin besteht die Führung aus, wenn du mir verzeihst, zwei alten Haudegen und einem wunderlichen Kind. Ich habe sie im Schatten beobachtet, wie er mit seinen Schlägern im Rücken auf unsere Quitwihr zugegangen ist und meinte, dass nun er derjenige sei, der das Sagen hätte. Weißt du, was deine Tochter darauf geantwortet hat?«

»Ich kann es mir bildlich vorstellen.«

»Sie fragte ihn allen Ernstes nach seinen Qualifikationen als böser Herrscher. Das hat ihn derart aus dem Konzept gebracht dass er sich auf sie stürzen wollte, doch sie hat ihn mit einem schnellen Handkantenschlag getötet. So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Sie hat ihn mit bloßen Händen enthauptet und zwar sauber enthauptet. Mit bloßen Händen, Azrulah!«

»Vielleicht ist ja doch noch nicht alles verloren. Aber irgendwie müssen wir sie dazu bringen, dass ihr brutales Wesen erwacht und sie endlich meinen Platz einnimmt. Ich träume schon davon wie sie mich im Schlaf erdolcht. Hörst du mich, Termitz?! Ich will, dass sie sich endlich wie eine richtige Dunkelelfenprinzessin benimmt und den Traditionen gemäß ihre Familie abschlachtet. Als ich den Thron bestieg, metzelte ich mich durch den halben Adel. Ich tötete sie alle. Meine Brüder, Vetter, Neffen, Onkels. Und meine weibliche Verwandtschaft vergiftete ich, damit sie keine männlichen Nachkommen zeugen konnten die Anspruch gehabt hätten. Das waren noch Zeiten! Damals wäre niemand auch nur im Traum auf die Ideen gekommen, die meinem Balg durch den Kopf schwirren. Sie gibt sich Mühe, schön, das gebe ich zu, aber es reicht bei weitem nicht, um ein Reich zu errichten.«

»Ich schätze, dass sie einfach das Böse nicht versteht. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn sie Gleichaltrige zum Spielen gehabt hätte. Die hätten ihr den Kopf schon zurecht gestutzt.«

»Aber es gibt keine anderen Kinder! Es ist meine Schuld, dass sie mit einem weichen Herzen geboren worden ist! Nur meine!« Azrulah brach in Tränen aus. »Es tut mir leid, mein geliebtes Weib! Ich habe versagt! Verzeih mir, bitte!« Als sein Ausbruch lediglich Gleichgültigkeit bei seinem Gegenüber hervorrief, keifte er ihn tobend an: »Entscheide dich endlich mal für ein Buch! Das hält man doch im Kopf nicht aus. Du stehst schon die ganze Zeit zwischen zwei Titeln und mein persönlicher Kummer ist dir herzlich egal.«

»Es tut mir leid, alter Freund. Es ist nur … ach, wie soll ich es sagen? Wir leben in einer kalten, gleichgültigen… Welt?« Plötzlich weiteten sich Termitz Augen und begannen im Flammenschein des Kamins zu glänzen.

»Was ist?!«

»Erinnerst du dich noch an damals, als wir Kinder waren und Menschen geärgert haben?«, fragte der untote Magier mit einem brennenden Enthusiasmus.

»Verschone mich bitte mit diesen Geschichten. Ich bin schon deprimiert genug.«

»Nein, nein, hör mir doch mal zu! Wir haben ihnen doch Streiche gespielt und sie immer gegeneinander aufgehetzt, weißt du noch?! Und als wir unseren Feldzug starteten, machten wir ganz ähnliche Züge, um Zwietracht zu säen. Erinnerst du dich? Manchen guten Menschen ging das so nah, dass ihr weiches Herz versteinerte.«

Azrulah lachte müde auf. »Oh ja, darin waren wir immer gut und es hat auch viel Spaß gemacht. Doch worauf willst du eigentlich hinaus?«

»Wir haben nur wenig getan. Ein böses Gerücht hier, eine Andeutung da. Größtenteils haben wir uns einfach zurückgelehnt und dabei zugesehen, wie sie sich gegenseitig zerfleischt haben. Meistens brauchten sie dafür noch nicht einmal großartigen Antrieb unsererseits. Es liegt in ihrer Natur. Letztlich gibt es auch viele böse Naturelle unter ihnen und sie korrumpieren sich gegenseitig.«

»Komm zum Punkt, wenn du nicht auf die Streckbank willst, Termitz!«

»Lassen wir die kalte Welt, die kein richtig oder falsch kennt, das Herz unserer unvollkommenen Prinzessin vergiften, damit es hart wird wie Granit. Die Menschen werden sie ächten und die Elfen jagen wollen, wie sie es mit allen deinen Artgenossen getan haben. Sie wird lernen müssen zu überleben und dass ihr weiches Herz dort draußen ein Ärgernis ist, dass sie nur davon abhält die großartige Kreatur zu sein, die sie in Wirklichkeit ist.«

Der alte Elf hatte bei dieser Ausführung mit jedem Wort aufmerksamer zugehört und hielt sich nun nachdenklich das Kinn. »Mh. Wenn sie stirbt, bin ich diesen Schandfleck los, wenn sie zurückkommt, wird sie der Sprössling sein, den ich und meine Frau uns immer erhofft hatten.« Sein böses Lächeln verriet alles über seine Gedanken.

»Ich schlage vor, wir geben ihr noch ein paar loyale Diener mit, damit sie das Befehligen und Herrschen schon einmal üben kann.«

»Je mehr ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir dieser Vorschlag. Bring sie her. Wir werden ihr das Gutherzige schon noch austreiben. Und wenn das geschafft ist, werden alle unsere Träume doch noch wahr werden.«


The End


© EINsamer wANDERER


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Beschreibung des Autors zu "Der alte Dunkelelf und seine Tochter"

Ein Dunkelelf versucht seine missratene Tochter richtig zu erziehen und seniert über die glorreichen Zeiten nach.

Die Helden, die böses tun müssten, um Helden zu sein (Gegenstück): https://www.schreiber-netzwerk.eu/de/2/Geschichten/12/Fantasie/67738/Die-Helden,-die-boeses-tun-muessten,-um-Helden-zu-sein/

Die Hinterfragung der moralischen Identität: https://www.schreiber-netzwerk.eu/de/2/Geschichten/13/Kurze/66487/Die-Hinterfragung-der-moralischen-Identitaet/
Auch Schurken haben ein Herz: Coming Soon
Auch Helden sind hirnlos: Coming Soon
Der falsche Held: Coming Soon
Der andere falsche Held: Coming Soon
Der Tausch der moralischen Identität: Coming Soon

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