Die Verbannten von Ice Planet

© Varia Antares

»Nun trink erst mal deinen Tee, Mädchen. Du hast ganz blaue Lippen und deine Haut ist so blass! Nicht, dass du mir erfrierst«, sprach die alte Hexe.
 »Machen Sie sich keine Sorgen, das ist normal bei uns Eiselfen. Wir haben alle lila Haare, blaue Lippen und weiße Haut. Und wir sind kein bisschen kälteempfindlich«, erklärte Anira mit einem Lächeln, »Doch zunächst erzähle ich Ihnen, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass Sie mich bewusstlos im Wald gefunden haben ... Kennen Sie die Provinz ›Ice Planet‹ hoch im Norden?«
 Ice Planet war eine friedliche Gegend inmitten der nördlichsten Gletscher. Dort herrschten so niedrige Temperaturen, dass kein Mensch oder irgendein anderes Wesen dort überleben konnte – abgesehen von den Eiselfen. Seit dem Anbeginn der Zeit hatten die Eiselfen ihr Leben der Vervollkommnung ihrer Fähigkeiten gewidmet. Die Frauen besaßen die Gabe, aus den Polarlichtern magische Kräfte zu ziehen und als Zaubersprüche einzusetzen. Die Männer waren nicht mit diesem Glück gesegnet. Dafür waren sie jedoch Meister der Kampfkunst und außerdem immun gegen Magie, was im Kampf gegen andere Völker durchaus praktisch sein konnte. Anira war eine der besten Zauberschülerinnen in der Akademie des Wissens gewesen. Zum Leidwesen ihrer Eltern und Lehrer hatte sie jedoch ein für eine Eiselfe ungewöhnlich hitziges Temperament. Ständig hatte sie sich von Unki, dem Nachbarjungen, provozieren lassen. Er galt an seiner Schule ebenfalls als Bester unter den Schülern. Keiner seiner Mitschüler hatte ihn je im Nahkampf besiegt. Er und Anira waren seit jeher unerbittliche Feinde, die jede Gelegenheit nutzten, um dem anderen eins auszuwischen.
 »Gestern hat dann alles überhandgenommen. Wir haben uns so sehr gestritten, dass ich vor Wut ein magisches Artefakt aus meiner Schule gestohlen und gegen Unki eingesetzt habe. Er hat seinerseits versucht, mich mit dem verzauberten Schneekristall zu verletzen. Es gab eine riesige magische Explosion und mehrere Elfen starben. Das Allerschlimmste ist, dass auch meine Eltern ums Leben gekommen sind.« Die junge Elfe wischte sich eine Träne aus dem Auge, bevor sie fortfuhr: »Zur Strafe für diese Schandtat haben die Eiselfen uns beide verbannt. Unki und ich dürfen Ice Planet nie wieder betreten, sonst werden wir hingerichtet. Wir machten uns also auf den Weg nach Süden, ohne zu wissen, wohin die Reise gehen würde. Wir sind den ganzen Tag marschiert, bis wir die arktische Tundra erreichten. Nie zuvor hatte ich so etwas Schönes gesehen. Farne, Glockenblumen und strahlende Nachtkerzen behaupteten sich hier hartnäckig gegen die klirrende Kälte. Heidekraut tauchte die Landschaft in ein Meer aus bunter Farbe. Manchmal kreuzten Polarwölfe unseren Weg, doch sie waren ganz zahm. Nie hat uns eins dieser so fremdartigen Wesen angegriffen. Wir hatten auf dem Weg kein Wort miteinander gesprochen. Nach einer Weile marschierten wir durch einen riesigen Nadelwald. Überall erhoben sich die Fichten in ihrer ganzen bedrohlichen Größe. Und da platzte uns beiden gleichzeitig der Kragen; ich machte Unki Vorwürfe, und er mir. Die Verbannung hat unseren Hass aufeinander verstärkt. Ich beleidigte ihn, als ein seltsames Wesen aus den Büschen auftauchte. Ich konnte nicht sehen, was es war, aber ich habe deutlich verstanden, was es durch die Stille der Nacht brüllte: ›Das sind Eiselfen! Es gibt sie also doch – sie und ihre sagenumwobenen Schätze! Erledigt die beiden!‹ Ich wehrte mich mit meiner Magie, doch es half nicht. Sobald meine Eiszapfen die Angreifer berührten, schmolzen sie einfach, weil die Haut der Kreaturen heiß wie Feuer war.« Anira schauderte. Sie hatte die Begegnung mit den Feuerelfen nur mit Hängen und Würgen überlebt.
 »Das sind wahrhaft schlechte Nachrichten. Die Feuerelfen werden dieser Tage immer dreister.« Die Hexe machte ein besorgtes Gesicht. »Früher war mein Wäldchen sicher vor ihnen, da sie das Feuergebirge im Normalfall nicht verlassen. Irgendwas muss sie aus der Geborgenheit ihrer Heimat gelockt haben. Du solltest dich nicht lange in diesen Arealen aufhalten, sonst erwischen sie dich am Ende doch noch, Kindchen.«
 »Verzeihung, eine Frage habe ich noch«, hob Anira an, obwohl sie die Antwort fürchtete, »Der Eiself, der mich begleitet hat, haben Sie ihn gefunden? War er auch bewusstlos oder … tot?« Von allen Elfen, die sie kannte, war Unki mit Sicherheit der Letzte, um den sie sich Sorgen machte. Allerdings war der Umstand, in fremden Gefilden die einzige ihrer Art zu sein und zudem von feindlichen Elfen gejagt zu werden, nicht sonderlich angenehm.
Die Hexe schüttelte den Kopf. »Ich bin untröstlich, aber deinen Freund habe ich nirgends gefunden.«
 »Er ist nicht mein Freund – ich hasse ihn!«, entfuhr es Anira, die sich sogleich für ihren Wutausbruch schämte. Etwas leiser fügte sie hinzu: »Trotzdem möchte ich nicht, dass die Feuerelfen ihn umbringen. Wenn ich ihnen schon nicht gewachsen war, dann hat er erst recht keine Chance gegen sie!«
Die alte Frau lachte. »Du hast ein großes Selbstvertrauen. Möge es dir die Kraft geben, den Elfen zu finden und deinen Feinden zu entkommen. Lebe wohl, mein Kind.«
 Am Himmel funkelten die Sterne in ihrer Pracht. Aber auch ohne ihren hellen Schein hätte Anira sich im Wald zurechtgefunden. Ein magisches Lichtlein, das sie geschaffen hatte, hüpfte vor ihr auf und ab.
»Los, liebes Irrlicht, bring mich dahin, wo Unki ist!«, bat sie das beschworene Geisterwesen.

Der Anführer der Feuerelfen stemmte erwartungsvoll die Hände in die Hüften, während er mit glänzenden Augen von seinen Eroberungsplänen berichtete: »Der Meteor wird in zwei Tagen in die Erdatmosphäre stürzen und Ice Planet hinreichend erhitzen, sodass wir einmarschieren und es erobern können. Die Eiselfen werden von der Hitze so geschwächt sein, dass sie uns nicht standhalten können. Wir werden den Ort, der jetzt noch Ice Planet heißt, in eine Vulkanlandschaft verwandeln! Die Glut wird all unsere Widersacher auslöschen!«
 »Ein Hoch auf den Boss!«, jubelten die anderen Feuerelfen im Chor.
 Neben dem Lagerfeuer sah Anira Unki liegen. Er war gefesselt und seine Haut war von der sengenden Hitze des Feuers an einigen Stellen verkohlt.
Wie furchtbar!, dachte Anira. Sie konzentrierte sich auf das Feuer und im Bruchteil einer Sekunde senkte sich eine Eisschicht darauf, die es zum Verlöschen brachte. Das Irrlicht stürzte auf die verwirrten Feuerelfen zu und sorgte für Ablenkung, während die Eiselfe tapfer nähertrat, um ihren Gefährten zu befreien. Sie löste seine Fesseln, nahm ihn wortlos bei der Hand und zog ihn hinter sich her in die schützende Dunkelheit der Baumkronen. Unki war zu erstaunt, um Widerstand zu leisten. Offenbar wurde er gerade von seiner Erzrivalin gerettet. Zum ersten Mal in seinem Leben war er froh, sie zu sehen. Er sah ihr einen Moment zu lange in die Augen und wurde rot, als sie seinen Blick erwiderte.
 »Wir müssen zurück nach Hause und die anderen warnen! Wir sind die Einzigen, die von dem Meteor und der geplanten Invasion wissen, Unki!«
 »Nicht nur das; wir beide sind an der ganzen Sache schuld! Hätten wir Ice Planet nicht verlassen, dann wüssten die Feuerelfen nicht einmal, dass wir existieren, und würden demzufolge keinen Feldzug gegen uns planen«, stimmte Unki ihr zu.
Sie machten sich sofort wieder auf den Weg nach Norden.

Die Eiselfen hatten die Rückkehr ihrer verbannten Kinder bereits erwartet. Alle waren im Zentrum der Provinz auf dem Vorplatz eines Tempels versammelt. Sämtliche unruhige Gespräche verstummten abrupt, als die Verbannten in Erscheinung traten. Mit kalten Blicken des Hasses durchbohrte man Unki und Anira. Anira sah ihre alte Lehrerin, die die mächtigste Magierin von Ice Planet war. Neben dieser stand der Schwertmeister, der früher Unki unterrichtet hatte. Als Herrscher der Eiselfen käme den beiden eigentlich die ehrenvolle Aufgabe zu, Ice Planet zu retten, und zwar durch Benutzung des ältesten magischen Artefaktes: des Schneekristalls.
 »Warum stehen denn alle hier herum? Wieso haben Sie noch nicht den Zauberspruch eingesetzt, der den Meteor aufhalten kann? Worauf warten Sie noch?«, fragte Anira beunruhigt, während Unki und sie den steinernen Boden neben ihren Herrschern und Lehrern betraten.
Frau Flash war außer sich vor Zorn, als sie antwortete: »Das fragst ausgerechnet du, Anira?! Du warst es doch, die vor eurer Verbannung den Schneekristall entwendet und missbraucht hat! Dadurch, dass Unki und du ihn benutzt habt, gehorcht er jetzt keinem anderen mehr! Herr Ice und ich können Ice Planet nicht retten! Die Einzigen, die das könnten, wärt jetzt ihr beide – aber ihr seid untalentiert und habt keinerlei Verantwortungsbewusstsein! Ihr werdet versagen! Heute werden wir alle sterben! Wie fühlt es sich an, für den Tod eines ganzen Volkes verantwortlich zu sein, Anira? Und Unki, du bist auch nicht besser!«
 »Tötet die Verbannten, tötet die Völkermörder!«, brüllte die Menge. Die wütenden Eiselfen hatten schon Schwerter und Zauberstäbe gezückt, doch Herr Ice hielt sie zurück: »Beruhigen Sie sich, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger! Anira und Unki haben großes Unheil über uns alle gebracht, doch nun ist nicht die Zeit für sinnloses Blutvergießen! Allein die beiden sind in der Lage, uns jetzt noch zu retten und dazu soll ihnen die Chance gewährt werden! Wenn sie es schaffen, so soll ihnen ihre Schuld vergeben und die Verbannung aufgehoben werden!«
 »Was müssen wir tun?«, fragte Unki.
 »Der Schneekristall lässt sich nur beherrschen, wenn eine Magierin und ein Wesen mit Magieresistenz in perfekter Harmonie vereinigt sind …«
 »Heißt das, wir müssen uns küssen?«, fragte Unki und handelte sich damit eine Ohrfeige von Anira ein.
 »Warum, zum Teufel, schlägst du mich?! Ich habe doch nur eine Frage gestellt!«
 »Weil du kostbare Zeit, die wir für die Rettung Ice Planets verwenden könnten, mit erbärmlichen Anmachversuchen verschwendest! Erstens würde ich lieber alle Völker dieser Welt untergehen lassen, als dich zu küssen …«
Ehe sie den Satz beenden konnte, knallte ihr Unki eine Faust ins Gesicht.
 »Das glaube ich dir aufs Wort, Anira! Ich verabscheue nämlich niemanden auf der ganzen Welt so sehr wie …« Der Eiself hielt plötzlich inne und staunte. »Tut mir leid, ich hatte nicht damit gerechnet, dass mein Schlag dich treffen würde«, entschuldigte er sich kleinlaut, während Anira den Zahn, den er ihr ausgeschlagen hatte, vom Boden aufhob.
Sie platzierte diesen mithilfe ihrer Magie wieder dort, wo er hingehörte, und spuckte trotzig das Blut aus. Anschließend warf sie Unki einen hasserfüllten Blick zu. Benebelt vom Zorn riss Anira ihrer Lehrerin den Schneekristall aus den Händen, um ihn gegen den erschrockenen Jungen einzusetzen.
 »Anira, hör auf!«, rief Frau Flash und machte ihre Schülerin durch einen Zauberspruch bewegungsunfähig, »ihr müsst euch, verdammt noch mal, nicht küssen! Ihr müsst lediglich versuchen, für ein paar Sekunden eure Feindschaft zu vergessen, während du den Zauberspruch sagst, der den Schneekristall aktiviert! Unki muss dabei deine Hände berühren, damit seine Magieresistenz den Kristall daran hindert, anstatt des Meteors den ganzen Planeten zu zerstören, so wie ihr zwei Deppen es beim letzten Mal beinahe hinbekommen hättet! Nun mach schon, Anira, oder bist du so brutal und rachsüchtig geworden, dass du Unki lieber mit dem Kristall umbringst?! Ich schäme mich, dich je unterrichtet zu haben! Wenn ich geahnt hätte, was für ein Monster aus dir wird, hätte ich dich gleich als Kind hinrichten lassen!«
 Anira zitterte, so tief hatten sie die Worte ihrer ehemaligen Lehrerin getroffen. Früher war Frau Flash stolz auf die junge Elfe gewesen, weil sie so fabelhaft zaubern konnte. Doch nun – Anira sah sich um – stand in den Gesichtern der sie umgebenden Leute keine Bewunderung mehr geschrieben, sondern nur noch Ekel.
Wann?, fragte sich Anira. Wann war der Zeitpunkt gewesen, an dem sie vor lauter Stolz auf ihre Zauberkünste alles andere vergessen und nur noch nach Macht und Rache gestrebt hatte? Wie hatte das alles eigentlich angefangen?
 »Ihr seid auch nicht besser als sie«, sagte Unki plötzlich zu den anderen Eiselfen.
Verwirrt sah Anira durch den Schleier ihrer Tränen auf und in das einzige Gesicht, in dem keine Spur von Abscheu zu finden war.
»Waffenstillstand?«, fragte Unki die erstaunte junge Magierin.
Für einen Moment schwiegen sie beide. Schließlich lächelte Anira und nickte.
Sie umfassten gemeinsam den Schneekristall.
 »Schade, dass wir niemals die Gelegenheit bekommen haben, uns anzufreunden, Unki. Ich glaube nämlich, dass du im Prinzip ganz in Ordnung bist.«
 »Aber wir haben doch gleich die Gelegenheit. Wir müssen nur schnell …« Unki verstummte, denn auch er sah es jetzt: Der Meteor trat mit tosendem Lärm in die Erdatmosphäre ein.
 »Ein Gutes hat die Sache«, beeilte sich Unki noch zu sagen, während der Schneekristall in ihren Händen schmolz, »Du wirst nicht lange genug leben, um mich für das, was ich gleich mache, zu bestrafen.« Er nahm all seinen Mut zusammen und küsste Anira voller Zärtlichkeit.

Dann endete das Zeitalter der Eiselfen.


© Varia Antares


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Beschreibung des Autors zu "Die Verbannten von Ice Planet"

Eine Fantasiegeschichte über Eiselfen, Feuerelfen, Streit, Versöhnung und Liebe.

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Kommentare zu "Die Verbannten von Ice Planet"

Re: Die Verbannten von Ice Planet

Autor: possum   Datum: 24.11.2017 3:25 Uhr

Kommentar: Gerne habe ich hier angehalten liebe Varia, ganz liebe Grüße!

Re: Die Verbannten von Ice Planet

Autor: Varia Antares   Datum: 24.11.2017 21:10 Uhr

Kommentar: Danke!

GLG :)

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