Der Schatz der Hexe


Es war einmal eine Familie, die mit Nachnamen Meier hieß. Familie Meier bestand aus einer Mutter, einem Vater, zwei kleinen Mädchen und dem Opa, der mit im Haus wohnte. Sie hatten außerdem zwei Katzen. Die Mutter hatte einen sehr schönen, großen Garten, in dem sie verschiedenes Obst und Gemüse züchtete. Auch verschiedene bunte Blumen blühten dort: rotgelbe und pinke Lilien, eine lila Passionsblume mit gelbschwarzer Mitte, herrlich duftende Rosen in verschiedenen Farben, Mohn und sogar Kornblumen. Der Garten war eine Augenweide und ein Paradies für Mensch und Tier.
 Eines Morgens, als die Mutter gerade in den Garten trat, um dort zu arbeiten, fiel ihr auf, dass der grüne Gartenzwerg an einer anderen Stelle stand als am vorigen Tag. Und dabei hatte sie ihn gar nicht angerührt! Auch an den folgenden Tagen stellte sie immer wieder fest, dass der Zwerg über Nacht seinen Platz gewechselt hatte. Sie vermutete zuerst, dass die Kinder sich einen Spaß erlaubt hätten, und rief sie zu sich: »Anna, Jenny, kommt ihr bitte mal?«
 »Ja, was gibt es, Mami?«
 »Der Gartenzwerg steht schon wieder woanders. Verstellt ihr den heimlich, wenn ich schlafe?«
 Die Kinder blickten sich an. Sie mussten ein Lachen unterdrücken. Dieser Streich war wirklich gut – zu blöd nur, dass er nicht von ihnen war. Sie hatten mit der Sache nichts zu tun.
 »Hmm, komisch. Vielleicht macht das jemand aus der Nachbarschaft. Aber ist ja auch egal; schließlich ist ansonsten alles an seinem Platz. Solange nichts geklaut wird, muss ich mir keine Sorgen machen«, meinte Frau Meier und ließ sie Angelegenheit damit auf sich beruhen.
 Jenny und Anna hingegen hatte die Neugier gepackt, und so legten sie sich nachts auf die Lauer, um die Täter auf frischer Tat zu ertappen. Es dauerte nicht lange. Erst wenige Minuten hatten sie hinter den Büschen gehockt, da sahen sie, dass es um den Zwerg herum glitzerte. Einen Menschen sahen sie nicht. Nur der Zwerg verhielt sich seltsam. Er bestand aus Plastik, doch nun schien er lebendig zu werden. Der Zwerg wechselte seinen Gesichtsausdruck, guckte erst grimmig, grinste, dann lachte er und schritt davon. Anschließend machte er einen Spaziergang.
 Die beiden Mädchen waren ganz aus dem Häuschen. Sie folgten ihm unauffällig.
 Der Zwerg wanderte nicht allzu weit, nur in das kleine Wäldchen, das in der Nähe des Hauses der Familie Meier lag. Noch immer schien er seine Verfolgerinnen nicht bemerkt zu haben, da er sich nicht einmal umdrehte.
 Die Mädchen sahen, wie sich ihr Gartenzwerg mit anderen seiner Art traf. Es waren ganz viele. In dem Wald, den sie so genau zu kennen geglaubt hatten, entdeckten sie plötzlich ein ganzes Dorf voller Zwerge. Ihre Häuser waren liebevoll dekorierte Holzhüttchen. Manchmal wohnte ein Zwerg auch im Stamm eines Baumes oder hatte sich eine gemütliche Höhle in einem Erdloch eingerichtet. In diesen Behausungen wohnten Dutzende dieser kleinen Geschöpfe: Männer, Frauen, kleine Kinder. Es gab sogar winzig kleine Zwergkatzen. Total süß waren die. Eines der kleinen Kätzchen sprang auf Jennys Hand und rieb seinen Kopf an ihr.
 Jenny lächelte entzückt. »Na, du süßes Kätzchen, wie geht’s dir?«
 »Miau!«, antwortete das kleine Tier.
 Dadurch wurden die Zwerge auf die Gegenwart der beiden Schwestern aufmerksam. »Hey, ihr da! Was macht ihr hier? Was haben Menschen in unserem Dorf zu suchen?«
 Die beiden Mädchen schauten sich an. »Ähm … Tja, also … Gute Frage, was wir hier machen«, stammelte Anna, »Nun ja, der Gartenzwerg aus unserem Garten ist lebendig geworden und hier in das Dorf gegangen.«
 »Och! Immer diese Vorurteile!«, beschwerte sich der grüne Gartenzwerg, »Ich bin kein Gartenzwerg.«
 Anna und Jenny brachen in Gelächter aus und mussten sich sogleich dafür entschuldigen.
 »Ich bin ein richtiger, echter, lebendiger Zwerg. Und ich bin nicht lebendig geworden – ich war schon immer lebendig. Das ist der Normalzustand von uns Zwergen.«
 »Ja«, pflichtete ihm ein anderer bei, »Aber wir werden tagsüber leider immer zu Plastikzwergen, weil eine böse Hexe uns verflucht hat. Und bevor ihr nach dem Grund fragt: Es war unsere eigene Schuld. Wir haben ihr nämlich ihren Schatz geklaut.«
 »Können wir euch vielleicht irgendwie helfen?«, fragte Anna.
 »Unmöglich. Die Hexe lässt nicht mit sich reden. Sie befreit uns nur von dem Fluch, wenn sie ihren Schatz zurückbekommt. Den können wir ihr jedoch nicht geben, weil wir ihn gar nicht mehr haben. Wir versteckten ihn in einer Höhle, und dort hat sich jetzt ein böser Geist niedergelassen, der ihn für sich haben will. Er wirft mit Feuerbällen um sich, sobald man ihm zu nahe kommt«, sagte einer der Zwerge.
 »Vielleicht können wir mit ihm über den Schatz reden. Vielleicht können wir ihm irgendetwas zum Tausch anbieten. Uns wird etwas einfallen«, meinte Jenny entschlossen.
 Die beiden Mädchen waren von Natur aus neugierig und schon machten sie sich auf den Weg zu der Höhle. Die Zwerge trauten sich nicht, mitzukommen. Sie hatten zu große Angst vor dem zaubernden Geist.

An der Höhle angekommen, lugten die Schwestern erst einmal vorsichtig hinein. Zunächst war nichts Auffälliges zu sehen. Es war einfach nur eine Höhle, die verlassen schien, obwohl dort Bänke, Tische und kleine Regale aus Holz aufgestellt worden waren, gerade so groß, dass Zwerge oder auch Kinder wie Anna und Jenny darin Platz hatten. Noch war keine Spur von dem Schatz erkennbar, und auch der Geist ließ auf sich warten. Die Mädchen gingen weiter. Skelettknochen lagen auf dem Boden.
 »Das wird richtig spannend«, meinte Anna und fotografierte das Skelett. »Das lasse ich mir als Poster drucken.«
 Ein gruseliges Geräusch ertönte. Plötzlich schoss ein großer Feuerball aus der Wand. Warm und laut zischten seine Flammen. Erschrocken sprangen Anna und Jenny auseinander.
 Der Zauberer-Geist erschien vor ihnen. Er sah aus wie ein durchsichtiges Skelett, dass einen langen Mantel und eine spitze Krone aus Knochen und Gold trug. Er flog ein gutes Stück über dem Boden.
 »Hallo«, begrüßten ihn die Mädchen.
 »Hi«, antwortete der Geist, »Was wollt ihr hier? Warum seid ihr in meine Höhle eingedrungen? Wollt ihr meinen Schatz stehlen?«
 »Genaugenommen ist es gar nicht dein Schatz. Wir wissen, dass der Schatz einer Hexe gehört. Die Zwerge haben ihn ihr gestohlen, und du hast ihn offenbar den Zwergen entwendet.«
 »Tja, aber ich rücke den Schatz jetzt nicht mehr raus.«
 »Aber denk doch mal an die armen Zwerge! Sie wurden von der Hexe verflucht, weil sie den Schatz an sich nahmen. Und die Hexe wird sie erst zurückverwandeln, wenn sie zurückbekommt, was ihr rechtmäßiges Eigentum ist«, erklärte Anna.
 »Es ist übrigens eine sehr hübsche Hexe, genauso hübsch wie du, mächtiger Geist«, versuchte es Jenny jetzt auf die pfiffige Art.
 Der Geist staunte. »Ich bin hübsch?«
 »Ja, total! Und die Hexe ist auch ein wahres Muster weiblicher Schönheit. Ihr beide würdet gut zusammenpassen, glaube ich.«
 »Oh!« Jetzt war der Geist interessiert.
 »Wenn du der Hexe den Schatz zurückgibst, können wir sie vielleicht überreden, sich mit dir zu treffen.«
 »Meint ihr, sie würde sich für mich interessieren?«
 »Na klar, du bist doch so ein mächtiger Zauberer.«
 »Oh! Okay. Ich komme mit.«

Die drei marschierten zum Versteck der Hexe. In der Höhle ließen sie keine Bewachung mehr zurück. Das was auch gar nicht nötig, denn niemand traute sich dort hinein, seit es hieß, ein Zauberer-Geist hause dort.
 »Hallo, ich bin die Hexe«, sagte eine hässliche, knöcherne, alte Frau.
 Der Geist warf den beiden Mädchen einen zornigen Blick zu. »Ihr habt mich angelogen! Die Hexe ist eine alte Schachtel. Ich dachte, sie wäre wunderschön.«
 »Das dachten wir auch«, meinten die Mädchen unschuldig.
 »Ja, ja, ja … Ich glaube, ihr habt sie gar nicht gesehen, bevor ihr mich getroffen habt, richtig?«
 »Merkt man uns das an? Komisch, bei den Hausaufgaben funktioniert dieser Trick immer« überlegte Jenny laut.
 »Ja, vor allem, wenn wir eine Inhaltsangabe über ein Buch schreiben sollen, das wir noch nie gelesen haben«, fügte ihre Schwester hinzu.
 Die Hexe mischte sich wieder in das Gespräch ein: »Wer seid ihr zwei denn überhaupt, und warum habt ihr diesen Zauberer in mein Versteck gebracht?«
 »Mein Name ist Anna, und das ist meine Schwester Jenny. Wir wohnen hier in der Nähe. Wir versuchen, dir, diesem Zauberer und den Zwergen zu helfen.«
 »Oh, diese verfluchten Zwerge! Die haben meinen Schatz gestohlen!«
 »Wieso dein Schatz? Jetzt ist es mein Schatz!« ereiferte sich der Geist. Seine Augen funkelten bedrohlich.
 Die Mädchen mussten unbedingt verhindern, dass die beiden anfingen, zu kämpfen. Wenn sie sich gegenseitig verletzten, wäre niemandem geholfen. Sie hatten eine einzige Idee, und diese war auch noch nicht ganz ausgereift. Aber irgendetwas mussten sie ja tun.
 »Hör mal, lieber Zauberer! Ich finde, du solltest der Hexe den Schatz zurückgeben – auch, wenn du vielleicht denkst, du müsstest es nicht tun, weil du unglaublich böse und mächtig bist, und dich eh keiner bestraft. Wir machen dir ein Angebot. Wenn du der Hexe den Schatz gibst, werden Jenny und ich deine Dienerinnen – natürlich nur in gewissem Rahmen, denn wir haben auch noch andere Verpflichtungen, z. B. die Schule. Wir könnten dir ja beim Zaubern helfen, oder was auch immer du den ganzen Tag so tust.«
 Der Geist ließ sich das durch den Kopf gehen und stimmte schließlich zu. Von den bösen Hintergedanken, die er hatte, wusste in diesem Augenblick noch niemand.

Überglücklich, ihren Schatz wiederzuhaben, erlöste die Hexe die Zwerge von dem Fluch, sodass sie fortan immer ihre normale Gestalt behalten und ihre Zeit im Wald verbringen konnten. Sie feierten ihre Versöhnung alle zusammen im Zwergendorf. Unter den goldgrünen Blättern wurde gesungen, gelacht und getanzt. Sie aßen Moos, was bei den Zwergen als Spezialität galt, und auch einige Speisen, die unter den Menschen üblich waren.
 Glücklich darüber, das Problem gelöst und so viele neue Freunde gefunden zu haben, gingen Anna und Jenny heim.
 Der Dienst für den Zauberer sollte täglich nach der Schule für je zwei Stunden stattfinden, so hatten sie es vereinbart.

Am nächsten Tag nach der Schule gingen sie dorthin. Als sie beim Zauberer-Geist eintrafen, bat er sie, näherzukommen.
 »Und, was ist unsere erste Aufgabe?«, fragte Jenny.
 Der Geist hatte einen seltsam kühlen Gesichtsausdruck – sofern Geister überhaupt einen Gesichtsausdruck haben konnten. »Nun gut. Ist euch jemand gefolgt?« Als die Mädchen dies verneinten, grinste er breit und böse. »Sehr schön. Dann können wir ja jetzt mit eurer ersten Aufgabe beginnen, die zugleich auch eure letzte sein wird.«
 »Was genau meinst …« Jenny konnte ihre Frage nicht vollenden, weil Anna die drohende Gefahr witterte und ihre jüngere Schwester zur Seite stieß. Dann stellte sie sich schützend vor sie. »Lauf weg, hol Hilfe!«, befahl sie Jenny, die sofort gehorchte. Sie selbst ging zum Angriff über.

Zehn Minuten später stürmte eine wahre Armee von Zwergen in die Höhle, bewaffnet mit Äxten und wild entschlossen, ihre Freundin vor dem bösen Geist zu beschützen. Jenny hatte sich mit einem Stock bewaffnet, da die Zwergenäxte für sie zu klein waren. Die Nachhut bildete die Hexe, die bereits die Formel für einen Bannzauber murmelte.
 Der Bösewicht hatte keine Chance. Die bunt gemischte Armee, die Anna zu Hilfe gekommen war, attackierte ihn so lange, bis die Hexe ihren Zauberspruch beenden konnte: »Und hiermit verbanne ich dich, du Bösewicht, in das Land der Toten, das Land ohne Licht!«
 Der Geist verschwand auf der Stelle, und die Freunde kümmerten sich um das bewusstlose Mädchen, das vor ihnen auf dem Boden lag.
 »Dieser Heiltrank wird sie wieder auf die Beine bringen«, erklärte die Hexe, und schritt zur Tat.
 »Woher wusstet ihr eigentlich, dass ich euch zu Hilfe rufen würde? Ihr habt ja verdammt schnell reagiert«, wunderte sich Jenny.
 »Schon vergessen, dass ich eine Hexe bin und eine magische Kristallkugel habe? Übrigens habe ich sie selbst erfunden«, antwortete die alte Frau stolz.

Von da an besuchten die beiden Mädchen jeden Tag nach der Schule ihre magischen Freunde: die Zwerge, die Hexe und die Minikatzen. Sie spielten mit den Zwergenkindern, halfen den Erwachsenen beim Anbau von Gemüse und Waldfrüchten und lernten von der Hexe das Zaubern. Die Hexe half ihnen auch bei den Hausaufgaben, da sie sehr klug war und ihr Wissen gern teilte.

Als Frau Meier sich wunderte, dass der grüne Gartenzwerg nun vollends aus ihrem Garten verschwunden war, lächelten die Kinder nur geheimnisvoll.


© Varia Antares


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Beschreibung des Autors zu "Der Schatz der Hexe"

Familie Meier wundert sich, weil ihr Gartenzwerg jeden Morgen an einem anderen Platz im Garten steht. Die beiden Schwestern Anna und Jenny gehen der Sache auf den Grund und lüften dabei ein magisches Geheimnis ...

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