Anna und Jan: Die Blinde führt den Sehenden

© gemini

Jan trinkt einen Schluck Wasser. Alkohol ist heute tabu, er ist mit dem Motorrad unterwegs. Suchend blickt er sich im Biergarten um. Eigentlich ist er verabredet. Schon seit einer halben Stunde wartet er auf Bernd, doch von dem ist weit und breit nichts zu sehen. Gemeinsam wollten sie auf eine Party gehen. Der hat mich versetzt, denkt Jan genervt.
Beim Beobachten der anderen Gäste ist ihm vorhin ein Paar aufgefallen. Eigentlich eher die Frau – sie entspricht genau seinem Geschmack: nicht zu dünn, vielleicht 1,60 Meter groß und pechschwarze Haare. Sie trägt Jeans, eine weiße Bluse und eine dunkle Sonnenbrille.
Der Typ an ihrer Seite redet aggressiv auf sie ein. Ein Streit, so viel ist klar. Sie wirkt cool und versucht ab und zu, etwas zu erwidern. Er gestikuliert wild mit den Armen. „Dann ist es eben aus, du dumme Kuh!“, hört Jan den Typen noch rufen. Dann stürmt der Kerl davon.
Das war eindeutig, denkt Jan. Und immer noch kein Bernd in Sicht. Viel länger kann und will er sich nicht an seinem Wasserglas festhalten. Mit zwei großen Schlucken trinkt er es aus.
Er beobachtet, wie die Frau mit der Sonnenbrille aufsteht. Mit einem geschickten Handgriff klappt sie einen Blindenstock aus.
Jan ist überrascht. Oh, das hätte ich nicht gedacht. Aber woran soll man auch erkennen, dass jemand nicht sehen kann?
Er geht zum Tresen, um sein Glas abzugeben, steckt das Pfandgeld ein und macht sich auf den Weg zu seiner Maschine.
Plötzlich steht SIE vor ihm. Beinahe rennt er sie um.
„Oh, entschuldige! Ich habe dich gar nicht gesehen“, platzt es aus ihm heraus.
„Macht fast nichts, ich habe dich auch nicht gesehen“, antwortet sie prompt und etwas zickig.
„Ich habe hinten eben keine Augen“, entgegnet Jan im selben Ton. Sie stehen sich immer noch im Weg.
„Ich suche den Taxistand. Kannst du mir sagen, wo der ist?“, fragt sie, noch immer recht unfreundlich.
Jan überlegt kurz, ob er ihr überhaupt helfen will.
„Bitte“, schiebt sie hinterher, kurz angebunden.
„Na gut“, sagt er. Er greift nach ihrer Hand und zieht sie in Richtung Ausgang. Ehrlich gesagt hat er selbst keine Ahnung, wo hier ein Taxistand sein soll, aber das wird sich schon finden.
Beim Hinausgehen versucht er, den Hindernissen auszuweichen. Doch ohne Übung ist das gar nicht so einfach. Ungelenk navigiert er sie um die Tische und Stühle herum. Schon nach wenigen Metern stoppt sie ihn und lächelt zum ersten Mal.
„Das ist nett von dir, aber ich habe doch meinen Stock dabei. Lass mich lieber bei dir einhaken.“
Tatsächlich klappt es so viel besser. Als eingespieltes Gespann kommen sie zügig durch das Gewirr der Gartentische. Wenn Jan zu schnell wird, bremst sie ihn sanft aus. So erreichen sie sicher den Ausgang. Nur noch eine Stufe hinab auf den Bürgersteig.
Obwohl sie sich bei ihm eingehängt hat, hängt sie nicht schwer an seinem Arm. Sie läuft aufrecht und selbstbewusst neben ihm her. Ihr Griff ist fest. Das gefällt Jan. Es ist ein schönes Gefühl, sie an seiner Seite zu haben.
Sie stehen auf der Straße, Arm in Arm. Jan blickt sich suchend um, kann aber kein Taxi entdecken.
„Gibt es hier gar keinen Taxistand?“, fragt sie.
„Nein, ich sehe keinen. Tut mir leid.“ Es tut ihm wirklich leid, dass er ihr nicht helfen kann.
„Dann muss ich wohl mit den Öffis fahren. Bringst du mich zur Haltestelle? Ich heiße übrigens Anna.“ Ihre Stimme klingt jetzt fast freundlich.
„Ich bin Jan. Na klar, das mache ich. Ich glaube, hier fährt eine Tram. Wir müssen nur bis zur Ecke und dann geradeaus. In fünfzehn Minuten sind wir da.“
„Wie bist du denn eigentlich hier? Auch mit der Tram?“, fragt Anna auf dem Weg.
Jan erzählt ihr von seinem Motorrad und der Party, zu der er wollte. Es sprudelt nur so aus ihm heraus. Schließlich fasst er sich ein Herz: „Möchtest du vielleicht mitkommen? Ich kenne dort wahrscheinlich auch niemanden.“
Eine kurze Pause entsteht. Jan merkt, wie Anna nachdenkt.
„Ich kenne dich zwar kaum, aber... ja, ich komme mit“, sagt sie schließlich. „Ich bin allerdings noch nie Motorrad gefahren. Du musst mir genau sagen, was ich tun muss.“ Sie zieht ihn ein Stück dichter an sich heran. „Aber fahr vorsichtig und mach keinen Scheiß. Sonst erwürge ich dich.“
Sie steht so nah vor ihm, dass kein Blatt Papier mehr zwischen sie passt. Jan sieht sie an, doch ihr Blick geht leicht an ihm vorbei. Am liebsten würde er ihr einen Kuss auf die Wange geben. Halt, ich kenne sie doch gar nicht. Nein, das macht man nicht, überschlagen sich seine Gedanken. In so einer Situation war er noch nie.
„Du, Anna, ich muss auch Vertrauen zu dir haben“, sagt er ruhig. „Wenn du dich auf der Maschine falsch bewegst, können wir stürzen. Aber wir probieren das einfach. Eigentlich ist es ganz leicht: Du musst dich nur an mir festhalten und mit meinen Bewegungen mitgehen. Gegenseitiges Vertrauen eben.“
An seinem Motorrad angekommen – er hat zum Glück einen zweiten Helm für Bernd dabei – hilft er ihr beim Aufsetzen und schließt den Kinnriemen. Auch das Aufsteigen ist eine kleine Herausforderung, da sie noch nie auf einer Maschine gesessen hat.
Jan fährt behutsam los. Anna klammert sich an ihm fest wie ein kleines Äffchen an seiner Mutter. Jan genießt die Nähe. In der ersten Kurve legt sie sich bereits überraschend gut mit in die Schräge. Auf der geraden Straße gibt er etwas mehr Gas.
„Hui!“, entfährt es ihr.
Es folgt eine lang gezogene Kurve. Jan beschleunigt – ein bisschen zu schnell für die Stadt. Doch Anna verhält sich vorbildlich, als hätte sie im Leben nie etwas anderes getan, als Motorrad zu fahren. Sie klammert sich nicht mehr verkrampft an ihn. Fast zärtlich umschließt sie seinen Körper und folgt jeder seiner Bewegungen, als wären sie eins. Noch nie hatte Jan einen so perfekten Sozius.
„Wir sind gleich da!“, ruft er gegen den Fahrtwind an.
„Lass uns noch eine Runde fahren! Bitte, es ist so schön!“, bittet Anna.
Jan zögert nicht lange. Er steuert direkt auf die Stadtautobahn zu. Die Auffahrt ist eine lange, geschwungene Kurve. Im Scheitelpunkt beschleunigt er. Sie legen sich immer tiefer hinein, bis die Fußrasten leise über den Asphalt schleifen. Seine Maschine hat zwar nicht viel PS, aber er holt heute alles aus ihr heraus. Das kurze Stück bis zur nächsten Ausfahrt fühlt sich an wie Fliegen. Scharfes Anbremsen, die Maschine wieder in die nächste Kurve werfen.
Schließlich sind sie zurück im Stadtgebiet. Ganz ruhig und langsam rollen sie an einer Polizeistreife vorbei, bis sie das Haus erreichen, in dem die Party steigt.
Jan schaltet den Motor aus. Es wird still. Anna hält ihn immer noch fest umschlungen. Sie bleiben einfach so auf der Maschine sitzen und genießen schweigend den Augenblick.

Auf dem Weg nach oben flüstert Anna Jan ins Ohr: „Es wäre schön, wenn die Leute nicht gleich mitbekommen, dass ich nichts sehe. Du führst mich einfach durch die Räumlichkeiten und sagst mir, wie es dort aussieht und wo was steht. Aber als Erstes ist eine Toilette wichtig.“
„Und nein, das liegt nicht an deinem Fahrstil“, fügt sie schmunzelnd hinzu. „Ich musste eigentlich schon im Biergarten. Ich muss jetzt wirklich dringend.“
Er lacht leise. „Keine Sorge, ich muss auch dringend mal für kleine Jungs.“
Da die Party in einem großen Loft stattfindet, gibt es sogar zwei getrennte Sanitärräume – einen für die Mädels und einen für die Jungs.
Vor dem Frauenklo hat sich allerdings schon eine beachtliche Schlange gebildet.
„Soll ich hier draußen vor dem Frauenklo auf dich warten, oder kann ich schnell auf die Herrentoilette huschen?“, fragt Jan.
Anna horcht auf. „Verstehe ich das richtig? Die Frauen stehen sich hier die Beine in den Bauch und das Männerklo ist frei?“
Eine Frau, die in der Schlange vor ihnen wartet, klärt sie auf: „Bei uns gibt es eben nur ein einziges Klobecken. Bei den Männern gibt es eine Kabine mit Tür und zusätzlich ein Pissoir.“
Anna flüstert Jan verschmitzt zu: „Los, wir gehen aufs Herrenklo! Ich besetze die Kabine und du pinkelst ins Pissoir. Los, hopp, hopp!“
Jan muss grinsen. Er zögert nicht lange und tut genau das, was sie sagt. Die Herrentoilette ist tatsächlich frei, als sie eintreten. Er führt sie zielsicher zur Kabinentür, schiebt sie sanft hinein und stellt sich selbst ans Becken. Als er fertig ist, wartet er kurz auf sie und führt sie wieder hinaus. Ein Mann, der ihnen im Eingang entgegenkommt, starrt sie zwar ziemlich verdutzt an, aber das ist den beiden völlig egal.
Als sie an der wartenden Frauenschlange vorbeigehen, hören sie, wie manche tuscheln, dass das ganz schön frech – aber eigentlich auch verdammt mutig war.
Eng umschlungen schlendern sie anschließend durch das Loft. Jan fällt es gar nicht so leicht, all seine optischen Eindrücke in Worte zu fassen und ihr die Umgebung zu beschreiben; er ist vollkommen konzentriert.
Er merkt deshalb erst gar nicht, dass ihn jemand von der Seite anspricht. Es ist Bernd. Mit vielen Worten entschuldigt er sich dafür, dass er es nicht rechtzeitig zum Treffpunkt geschafft hat. Während er redet, wandert sein Blick immer wieder neugierig zu Anna. „Wen hast du denn da Schönes mitgebracht?“, fragt er schließlich grinsend.
„Ach so, das ist Anna. Wir kennen uns schon länger“, flunkert Jan spontan. „Anna, das ist Bernd. Bernd, das ist Anna.“ Leise flüstert er ihr zu: „Er will dir die Hand geben.“
Anna bleibt völlig cool. Sie legt majestätisch eine Hand auf ihre Brust und verneigt sich kurz in die Richtung, aus der Bernds Stimme kam. Nach ein paar gewechselten Worten rettet Jan die Situation: Er erklärt, dass sie sich erst einmal den Balkon ansehen wollen – auch wegen der frischen Luft. Arm in Arm ziehen die beiden weiter.
An der Tanzfläche bleiben sie stehen. Gerade läuft das erste langsame Lied des Abends.
Anna schlingt ihre Arme um Jans Hals und legt ihren Kopf an seinen. Ein heftiges Kribbeln durchfährt ihn. Er wiederum legt seine Hände behutsam auf ihre Hüften. Jetzt ist es Anna, die den Takt vorgibt, in dem sie sich wiegen – sanft, aber bestimmt. Um sie herum verschwimmt der Raum. Es gibt nur noch die Musik und sie beide.
Ihr Duft ist betörend. Ihr warmer Körper und ihre Brust, die sich eng an ihn schmiegt, rauben ihm fast den Atem.
Sie flüstert an seinem Ohr: „Sag mal, Jan... wir kennen uns doch noch gar nicht so lange.“ Sie kichert leise. „Machst du jedem Mädchen gleich so ein Angebot?“
Jetzt fällt es ihm auch auf. Es fühlt sich einfach alles so natürlich und vertraut an, so nahe bei ihr zu sein. Seine Hose spant ein wenig. „Entschuldige bitte, das ist mir jetzt peinlich“, stammelt er und schiebt sie sachte ein Stück von sich weg.
Doch Anna lässt das nicht zu. Sie nimmt einen Arm von seinem Hals, greift beherzt an seinen Po und zieht ihn wieder ganz dicht an sich heran.
„Das Motorradfahren hat riesigen Spaß gemacht“, flüstert sie mit rauer Stimme. „Und ich hätte heute gerne noch mehr Spaß mit dir.“
Kurz darauf wechselt die Musik. Ein schneller, hämmernder Techno-Rhythmus dröhnt durch das Loft. Anna scheint sich völlig frei zu fühlen, und genau so tanzt sie auch – wild und absolut unbeschwert. Jan ist völlig fasziniert von ihr. Er könnte ihr stundenlang einfach nur zusehen. Schließlich bahnt er sich einen Weg zur Bar, um für beide ein Wasser zu holen.
Als er mit den Gläsern zur Tanzfläche zurückkehrt, ist Anna verschwunden. Ein wenig besorgt blickt er sich um und sucht die Menge ab. Schließlich geht er nach draußen auf den Balkon. Hier weht ein leichter, angenehmer Wind, der für Abkühlung sorgt.
Dort steht sie. Er nähert sich ihr leise und will sie gerade ansprechen, als sie ihm zuvorkommt: „Na, Jan? Hast du uns was zu trinken besorgt?“
Jan ist verblüfft. Gut, dass sie sein verdutztes Gesicht nicht sehen kann. „Ja... aber woher weißt du, dass ich das bin?“
Sie rückt ein Stück näher und flüstert ihm ins Ohr, dass sie schrecklichen Durst hat – und dass er ganz schön trampelt. „Ich erkenne meine Schweinchen eben am Galopp“, neckt sie ihn lachend. Dann wird sie wieder leiser: „Was siehst du von hier draußen?“
Mit gedämpfter Stimme beschreibt er ihr die Aussicht, die Lichter der Stadt und den Nachthimmel. Dabei stehen sie sich unglaublich nahe. Seine Wange berührt ihre, er spürt ihre Wärme, und in seiner Hose wird es augenblicklich wieder eng.
Da raunt sie ihm ins Ohr: „Lass uns zu mir fahren.“ Sie flüstert ihm eine Adresse zu.
„Die Gegend kenne ich“, erwidert Jan mit klopfendem Herzen.
„Gut“, flüstert Anna heiß. „Aber mach ruhig einen Umweg.“

Diesmal hat Anna bereits Übung. Das Aufsetzen des Helms und das Aufsteigen auf die Maschine gehen wie von selbst. Der Motor heult auf, und los geht die wilde Fahrt. Jan spürt, wie sehr sie die Beschleunigung und die schnellen, engen Kurven genießt. Wenn es nach Anna ginge, könnten sie wohl noch stundenlang so weiterfliegen.
Abbremsen, die Maschine tief in die nächste Kurve legen, wieder beschleunigen...
Doch genau in diesem Moment passiert es. Auf dem Asphalt liegt wohl etwas Schmutz oder Öl. Das Hinterrad verliert den Grip und rutscht weg. Es fühlt sich an wie in Zeitlupe – ein winziger, erschreckender Moment der Schwerelosigkeit. Aber Anna reagiert sofort und geht mit.
Jan bleibt erstaunlich ruhig, geht extrem vorsichtig vom Gas und fängt die Maschine gerade noch ab. Das Rutschen stoppt, die Reifen greifen wieder.
Mit klopfendem Herzen steuert Jan den nächsten Bordstein an und hält an.
„Tut mir leid, Anna!“, sagt er mit belegter Stimme, während er das Visier hochklappt. „Das wollte ich nicht. Ich habe selbst einen Riesenschreck bekommen.“
Anna atmet einmal tief durch, dann klopft sie ihm beruhigend auf die Schulter. „Schon gut, Jan. Ich hatte nur für einen kurzen Moment vergessen, dass Motorradfahren eben auch gefährlich sein kann. Keine Sorge, wir sind ja fast bei mir.“
Wenig später hält Jan direkt vor ihrer Haustür. Anna steigt geschickt ab, nimmt den Helm ab und reicht ihn ihm.
Sie steht vor ihm und stutzt, als der Motor im Leerlauf weiter vor sich hin blubbert. „Willst du deine Maschine denn gar nicht ausmachen?“, fragt sie überrascht.
„Äh... ja, doch“, stammelt Jan. „Ich war mir nur nicht sicher... ob du vielleicht sauer auf mich bist? Wegen des Fahrfehlers eben.“
Anna lächelt warm. „Nein, ich bin absolut nicht sauer. Komm ruhig mit nach oben. Oder hast du etwa Angst?“
„Natürlich nicht!“, entgegnet er schnell, obwohl sein Herz gerade ganz andere Signale sendet.
Er schaltet die Zündung aus, schließt die beiden Helme am Motorrad an und folgt ihr mit weichen Knien zum Hauseingang. Jan ist unglaublich aufgeregt. Er hat diese faszinierende Frau erst vor wenigen Stunden im Biergarten getroffen und jetzt steht er kurz davor, ihre Wohnung zu betreten.
Ihre Wohnung liegt im zweiten Stock. Anna steigt die Treppen mit einer verblüffenden Leichtigkeit und Sicherheit hinauf, als würde sie den Weg im Schlaf kennen.
„Komm rein, Jan“, sagt sie leise, als sie die Wohnungstür aufschließt.
Sie treten über die Schwelle und Anna schließt die schwere Tür hinter ihnen. Im selben Moment umhüllt sie eine absolute, undurchdringliche Finsternis. In dem fensterlosen Flur ist es so stockfinster, dass Jan sprichwörtlich die Hand vor Augen nicht sehen kann. Seine Augen suchen verzweifelt nach einem Lichtschalter oder einem Schimmer von der Straße, doch da ist absolut nichts.
Mitten in diesem Nichts spürt er Annas Atem ganz nah an seinem Gesicht.
„Herzlich willkommen in meiner Welt“, flüstert sie.

Anna nimmt Jan fest an die Hand. Ihr Griff ist kalt. Sie zieht ihn unnachgiebig mit sich in die Finsternis.
„Hier gleich die erste Tür, dort ist die Küche“, flüstert ihre Stimme aus dem Nichts. „Gleich dahinter ist das Bad, und am Ende des kurzen Flurs liegt mein Wohn- und Schlafzimmer.“
Jan lässt sich widerstandslos mitziehen. Ein lähmendes Gefühl der Hilflosigkeit kriecht in ihm hoch. Als sie an der Küche vorbeigehen, sieht er das winzige, eisige Leuchten des Kühlschrank-Displays. Im Bad glimmt das giftgrüne Licht einer elektrischen Zahnbürste – wie ein einzelnes, starrendes Auge. Im Wohnzimmer, das sie nun erreichen, brennt nur das matte, rote Lämpchen einer Steckdosenleiste. Ansonsten ist da nichts. Nur gähnende, schwere Schwärze.
Unsicher, mit winzigen, tastenden Schritten, folgt er ihr, bis seine Schienbeine gegen etwas Weiches stoßen.
„Setz dich“, befiehlt sie leise. „Möchtest du was trinken? Ich hole uns Wasser, okay?“
Jan sieht absolut nichts. Das einzige Geräusch im Raum ist das langsame, rhythmische Knarren der Dielen, als Anna sich entfernt. Das Geräusch verliert sich im Flur.
Mit feuchten Händen tastet er nach der Oberfläche, auf der er sitzt. Es fühlt sich an wie ein abgenutztes Sofa, aber die Dunkelheit drückt so schwer auf seine Brust, dass er kaum atmen kann. Ein beklemmender Gedanke schießt ihm durch den Kopf: Wie muss sich Anna vorhin auf dem Motorrad gefühlt haben? Völlig ausgeliefert. Doch hier ist er es, der blind ist. Gefangen in einer fremden Wohnung, mit einer Frau, die er kaum kennt.
Plötzlich berührt ihn etwas im Nacken.
Ein eisiger Schreck durchfährt Jan wie ein Blitzschlag. Er zuckt heftig zusammen.
„Ups, Jan... habe ich dich etwa erschreckt?“, flüstert sie direkt an seinem Ohr. Ihr Atem ist kalt. Sie lacht – ein leises, kehlige Kichern. War das die Revanche für seinen Fahrfehler auf der Straße?
„Hast du etwa Angst? So ein starker Kerl wie du...“ Ihre Stimme klingt nicht mehr warm. Sie klingt hämisch, fast bösartig.
Jans Mund ist staubtrocken. Seine Stimme zittert leicht. „Wo... wo steht denn das Wasser?“
Mit einer tiefen, unnatürlich düsteren Stimme antwortet sie: „Ich dachte, du trinkst von meinem Blut... und ich von deinem.“
Noch bevor Jan die Worte ganz begreifen kann, spürt er spitze, harte Zähne an seiner Halsschlagader. Sie beißt zu. Nicht fest genug, um die Haut zu zerreißen, aber fest genug, um ihm den Verstand zu rauben.
„Ahhh! Hilfe!“, schreit er auf.
Mit purer Adrenalingewalt stößt er sie von sich. Jan verliert das Gleichgewicht, stürzt vom Sofa und prallt hart auf den Boden. Panik übernimmt die Kontrolle. Völlig desorientiert kriecht er auf allen vieren los. Er tastet blind um sich, schlägt sich die Knie an, krabbelt hektisch im Kreis. Er hat jede Richtung verloren.
„Du entkommst mir nicht“, hallt ihr tiefes, sadistisches Lachen durch den dunklen Raum. Es scheint von überall gleichzeitig zu kommen.
Kalter Schweiß bricht Jan auf der Stirn aus. Sein Herz rast wie wild. Plötzlich schlingt sich ein Arm von hinten um seine Kehle. Er wird ruckartig nach hinten gerissen. Sie würgt ihn.
Warum ist ihm vorher nicht aufgefallen, wie unglaublich stark sie ist? Ihr Arm fühlt sich an wie eine eiserne Schraubzwinge, die ihm unbarmherzig die Luft abschnürt.
Jan strampelt panisch mit den Beinen, windet sich auf dem Boden und versucht verzweifelt, ihren Arm von seinem Hals zu reißen. Er kratzt an ihrer Haut, mobilisiert jede Faser seines Körpers. Seine Lungen brennen. Mit dem allerletzten Rest seiner schwindenden Kraft gelingt es ihm, ihren Griff für einen Sekundenbruchteil zu lockern, und er reißt sich los.
Keuchend und nach Luft ringend robbt er weiter über den Boden. Er glaubt zu wissen, wo die Tür ist. Er muss hier raus. Einfach nur raus.
Da ertönt ihre Stimme wieder, direkt über ihm, flüsternd und unendlich kalt:
„Du entkommst mir nicht.“
Noch im selben Moment spürt er etwas Metallisches, Eiskaltes an seiner Kehle. Eine Klinge?

Jan versucht verzweifelt, das Zittern in seiner Stimme zu unterdrücken. „Was... was willst du? Ich habe dir doch nichts getan.“
Einen endlosen Moment lang herrscht eisige Stille im Raum. Jan hört nur das wilde Hämmern seines eigenen Herzens.
Plötzlich bricht Anna in ein herzliches Lachen aus.
„Entschuldige, Jan!“, kichert sie und nimmt das metallische Ding – das sich jetzt als ein schlichter Löffel entpuppt – von seiner Kehle. Mit einer überraschend sanften, liebevollen Bewegung drückt sie ihn flach auf den Rücken. „Ich weiß, ich habe einen verdammt schrägen, schwarzen Humor. Es kommt manchmal einfach über mich. Ich finde es einfach zum Schreien komisch.“
Sie beugt sich tiefer zu ihm herab, ihr Atem streift seine Wange. „Aber im Ernst: Ich verstehe vollkommen, wenn du jetzt lieber gehen willst. Wenn du bleibst... würde ich mich aber riesig freuen.“
Jan atmet zittrig aus, während das Adrenalin langsam der Erleichterung weicht. Er packt sie sanft an den Hüften. „Auf gar keinen Fall bleibe ich hier“, raunt er mit gespieltem Ernst. „Du hast mich zu Tode erschreckt. Ich bekomme immer noch keine Luft. Du musst mir helfen... ich glaube, ich brauche dringend eine Mund-zu-Mund-Beatmung.“
Anna seufzt theatralisch. „Oh nein, Jan, was habe ich nur getan! Natürlich muss ich dich retten.“
Sie schwingt sich geschickt über ihn und setzt sich rittlings auf seine Hüfte. Die Hitze ihres Körpers ist durch den dünnen Stoff ihrer Kleidung sofort zu spüren. Sie beugt sich langsam hinab, bis ihre Lippen die seinen finden. Zuerst ist es nur ein sanftes Hauch, dann fordert ihr Mund mehr. Ihre Zunge sucht die seine, entfacht ein zärtliches, feuchtes Spiel, das Jan sofort den Verstand raubt.
Er will sie fester an sich ziehen, will mit den Händen unter ihr Hemd wandern, doch Anna bremst ihn aus. Ein spielerisches, sanftes Ringen beginnt im Dunkeln. Mit einer schnellen, fließenden Bewegung packt sie seine Handgelenke, drückt sie über seinem Kopf auf den Boden und hält sie dort mit überraschender Kraft fest.
„Anna... was machst du mit mir?“, keucht Jan. Seine Hüfte bewegt sich bereits wie von selbst, drückt rhythmisch gegen ihr Becken. „Das hier ist fast noch schlimmer als das Würgen eben.“
Sie lacht leise, ein dunkles, raues Geräusch, das direkt in seine Glieder fährt. „Das mit dem Würgen können wir gerne später noch mal ausprobieren. Jetzt macht es mich erst mal an, dich noch ein bisschen zappeln zu lassen.“
Sie lässt seine Handgelenke los, greift nach dem Saum ihres Hemdes und zieht es sich mit einer fließenden Bewegung über den Kopf. Dann hilft sie ihm aus seinem Shirt. Als ihre nackten Oberkörper aufeinanderliegen, gibt es kein Halten mehr. Die nackte Haut auf Haut schickt eine Welle puren Verlangens durch ihre Körper.
Jan greift nach dem Bund seiner Hose, doch Anna legt ihm eine Hand auf die Brust.
„Halt“, flüstert sie ganz nah an seinen Lippen. „Ich habe keine Kondome hier. Hast du welche dabei?“
Jan hält inne. Die Hitze in seinem Körper drängt nach vorn, aber die Vernunft siegt. „Nein... verdammt. Aber du hast recht. Ich werde mich beherrschen, auch wenn es mir verdammt schwerfällt.“
Anna kichert leise. „Mir fällt es auch nicht gerade leicht. Aber wir kennen uns ja kaum. Willst du gleich aufs Ganze gehen oder nicht?“
Sie küssen sich weiter, wilder und drängender als zuvor. Jan genießt das Gefühl ihrer festen Griffe auf seiner Haut. „Ich liebe es, wenn Frauen so viel Kraft haben wie du“, gesteht er atemlos.
„Du fühlst dich aber auch nicht schlecht an“, flüstert sie zurück, wandert mit ihren Händen an seinen Rücken hinab und kneift ihn herzhaft in den Po.
Sie atmet heiß an seinem Hals. „Bevor wir uns hier gegenseitig quälen... wie wäre es mit einem kleinen Wettkampf?“
Jan horcht auf, seine Neugier ist sofort geweckt. „Was für ein Wettkampf?“
„Wir verwöhnen uns selbst... direkt nebeneinander. Wer zuerst kommt, hat verloren.“
Später liegen sie eng aneinandergeschmiegt im Bett. Die Dunkelheit ist nicht mehr bedrohlich; sie hüllt sie ein wie eine schützende Decke. Jan hält ihre Hand, streicht mit dem Daumen über ihre weiche Haut.
„Ich glaube... ich habe mich ein bisschen in dich verliebt, Anna“, gesteht er leise in die Stille hinein. Er zögert kurz. „Aber... wie soll das funktionieren? Wie lebt man so zusammen?“
Anna rückt noch ein Stück näher, legt ihren Kopf auf seine Brust und lauscht dem ruhigen Schlagen seines Herzens.
„Wir können es ganz langsam angehen lassen, Jan“, flüstert sie lächelnd. „Wir haben doch Zeit. Mindestens ein- oder zweihundert Jahre.“


© Horst


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Beschreibung des Autors zu "Anna und Jan: Die Blinde führt den Sehenden"

Vorwort
Diese Geschichte ist reine Fiktion. Als sehender Mensch, der keine blinden Personen persönlich kennt, habe ich versucht, die Perspektive einer blinden Protagonistin einfühlsam darzustellen.
Sollte ich dabei unbewusst Klischees bedient oder jemandes Gefühle verletzt haben, tut mir das leid – das war nicht meine Absicht.
Über konstruktive Verbesserungsvorschläge würde ich mich sehr freuen.
Viel Spaß beim Lesen!




Kommentare zu "Anna und Jan: Die Blinde führt den Sehenden"

Re: Anna und Jan: Die Blinde führt den Sehenden

Autor: Gunnar Buchheister   Datum: 16.07.2026 16:42 Uhr

Kommentar: Hallo Horst.
Zunächst einmal fällt mir nichts Verbesserungswürdiges auf. Was die blinde Protagonistin angeht, mag ich dir einen Tipp geben. Nicht was du jetzt vielleicht denkst - jemand Blindes interviewen, wie sich das anfühlt - nein ganz praktisch. Du brauchst dazu aber einen Partner oder eine Partnerin, dem/der du vollkommen vertraust. Lass dir die Augen verbinden, sodass du wirklich nichts mehr siehst. Und dann macht ihr einen Spaziergang. Das erste Mal vielleicht nur kurz, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Und dann einen richtig langen Spaziergang. Möglichst durch unterschiedliches Gelände, wie Wiese, Wald, enge Straße, weite Straße, belebt oder still. Zuerst an der Hand, später nur nebeneinander, Schulter an Schulter. Der Partner/die Partnerin muss aber auch richtig führen, muss selber auf Hindernisse usw. achten, denn er/sie muss für dich mit sehen. Ist ja klar.
Ich sage dir, das wird eine Erfahrung, die du so schnell nicht vergessen wirst. Und wenn sich die erste Unsicherheit erst einmal gegeben hat, ist das richtig spannend, die Welt einmal völlig anders wahrzunehmen.
Ich hab das jetzt schon zwei Mal gemacht (einmal im Winter bei und mit Schnee und einmal kürzlich im Sommer) und es ist immer wieder spannend. Und so etwas fließt dann auch in meine Geschichten ein - wie sollte es anders sein.
Davon ab ist es auch für Paare wirklich ein fantastisches "Spiel" um gegenseitiges Vertrauen zu lernen und zu bewahren.
Liebe Grüße
Gunnar

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