Kapitel 2: Der Fund
Z kämpfte sich durch das Labyrinth aus rostigen Metallstangen. Von außen mochte es wie ein überdimensionales Klettergerüst wirken, doch die Arbeiter nannten es „The Tube“ – ein Name, der dem chaotischen Gewirr aus verrosteten Streben und verknoteten Rohren kaum gerecht wurde. Es erinnerte eher an ein riesiges, metallisches Wollknäuel, das von Generationen von Technikern notdürftig geflickt worden war. Die Luft roch nach altem Schmierfett und Ozon, und die Enge ließ selbst erfahrene Raumfahrer die Orientierung verlieren.
Die Wegweiser, die hier und da an den Stangen befestigt waren, stammten aus verschiedenen Epochen. Manche waren in Sprachen verfasst, die längst niemand mehr sprach, andere zeigten Symbole, deren Bedeutung sich im Laufe der Jahrzehnte verändert hatte. Gut, dass er seinen Übersetzer dabei hatte. Das Gerät surrte leise in seinem Ohr und flüsterte ihm die Bedeutung der Zeichen zu, als wäre es ein ungeduldiger Geist.
Z hatte alles eingepackt, was er im Laufe seines Arbeitslebens angesammelt hatte. In seinem Alter vergaß man leicht etwas, und er wusste nicht, was er brauchen würde. Sein letzter Außeneinsatz lag sieben Jahre zurück. Damals hatte er noch geglaubt, dass er nie wieder in dieses verdammte Labyrinth zurückkehren müsste. Doch hier war er nun, seit zwei Stunden auf dem Weg zu einer Routineinspektion, die sich längst nicht mehr routinemäßig anfühlte.
Plötzlich blieb er stehen.
Etwas lag vor ihm, das nicht hier hergehörte. Zwischen den riesigen Containern – manche so groß wie Wohnwagen, andere wie kleine Kühlschränke – thronte ein Objekt, das kaum größer war als ein Schuhkarton. Z runzelte die Stirn. Hier gab es nichts, das so klein war. Alles in The Tube war auf Masse ausgelegt, auf tonnenschwere Fracht. Nicht auf etwas, das man mit einer Hand hochheben konnte.
Er kramte in seinem Tornister, bis seine Finger den Scanner fanden. Das Gerät piepte protestierend, als er es aktivierte – der Akku war fast leer, wie immer. Langsam führte er es um das Objekt herum.
Ein kurzes Surren.
Dann die Meldung:
„Objekt zu 90 % mit Sprengstoff gefüllt. Entfernung möglich. Explosionsgefahr: 40 %.“
Z starrte auf den Bildschirm.
„Ein verdammt schönes Geburtstagsgeschenk“, dachte er bitter.
Heute wurde er siebzig.
„Humor ist, wenn man trotzdem lacht“, hatte mal jemand gesagt. Z hatte keinen Humor. Aber Sarkasmus? Den besaß er im Überfluss.
Vorsichtig, als wäre das Paket aus Glas, hob er es auf und befestigte es mit zitternden Fingern an seinem Raumanzug. Jede Bewegung war eine potenzielle Katastrophe. Nicht anstoßen. Nicht fallen lassen. Nicht zu schnell atmen. Sein Herzschlag dröhnte in seinen Ohren, während er den kürzesten Weg zurück zum Schiff suchte.
Sein „Schiff“ war eher ein verrosteter Raumgleiter – ein Relikt aus besseren Tagen, als die Menschheit noch Träume von den Sternen gehabt hatte. Jetzt wurden kaum noch Menschen ins All geschossen. Zu teuer. Zu riskant. Die meisten Einsätze erledigten Miniatursonden oder Roboter, die sich selbst reparierten und selbst entscheiden konnten, was wichtig war. Eine Gesellschaft in der Gesellschaft, wie die Leute flüsterten. Z mochte diese „Blechköpfe“ nicht. Sie erinnerten ihn daran, wie überflüssig er geworden war.
Mit einem Seufzer aktivierte er den Laserkontakt zur Basis.
„Hier ist Z. Ich habe ein Problem. Ein Sprengstoffpaket, Größe Schuhkarton, 90 % Füllung. Was zum Teufel soll ich damit machen?“
Die Antwort kam prompt, in dem typisch emotionslosen Tonfall der Dispatcher:
„Verstanden, Z. Leg das Paket in dein Schiff. Wir übernehmen die Fernsteuerung. Priorität hat jetzt die Überprüfung der Startrampen. Verstärkung ist unterwegs. Ende.“
Z starrte auf den Kommunikator.
„Natürlich. Verstärkung. Als ob die mir helfen, wenn mein Schiffchen in die Luft fliegt.“
Er kannte das Protokoll. Die Startrampen waren das Rückgrat der Station – lange Rohre mit Katapult Systemen, die Satelliten und Sonden auf ihre Reise schickten. Wenn eine davon blockiert war, konnte das die Versorgung der Erde mit kritischen Ressourcen gefährden. Also Priorität. Für ihn blieb nur die Hoffnung, dass die Bombe nicht vor der Verstärkung explodierte.
Ein schrilles Piepen riss ihn aus seinen Gedanken.
„Merde.“
Sauerstoff.
Der Vorrat sank schneller als erwartet. Die Anzeige blinkte rot. Verdammt. Ihm wurde kalt, dann heiß – die Klimaregelung seines Anzugs spielte wieder verrückt. Mit letzter Kraft erreichte er die Schleuse und taumelte in den Sicherheitsraum.
Der Raum war genau das: ein Loch. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Stockbett – alles angeschraubt, damit es nicht durch die Gegend schwebte. An der Wand hing ein vergilbtes Poster von Karl Marx.
„Wenn der wüsste, wie es hier aussieht“, dachte Z müde. „Arbeiter aller Galaxien, vereinigt euch – aber bitte nicht in diesem Loch.“
Er schloss die Sauerstoffversorgung an, warf sich in den Schlafsack und schloss die Augen. Der Tribut des Alters. Die Erschöpfung. Der Gedanke, dass er vielleicht nie wieder aufwachen würde.
Doch bevor der Schlaf ihn übermannte, musste er lächeln.
„Immerhin“, dachte er, „wenn ich hochgehe, ist es wenigstens an meinem Geburtstag.“
Sie hatten einst geschworen sich zu lieben,
was war nunmehr von alledem geblieben?
Vergangen all die Jahre Hoffen, Bangen,
verzweigt Geäst, das sie nun [ ... ]
Zeit trägt Narben
Zeit trägt Liebe
Es gab eine Zeit ohne beides
Und diese Zeit war nicht lebendig
Sie war nur vorhanden
Wie ein Tal ohne Grün
Wie ein Baum ohne Grün
Wie ein Kuss [ ... ]