Wo er sich durch die Schichten fraß, entstand ein Riss – aber kein zerstörerischer. Es war ein feiner, seidener Spalt, eine Lücke zwischen dem, was gewesen war, und dem, was werden sollte. Diese Lücke war still. So still wie die Pause zwischen zwei Atemzügen eines schlafenden Kindes.
Die Bauern über ihm spürten nichts davon. Sie pflügten, sie säten, sie ernteten, und der Pflug schnitt manchmal einen von ihnen entzwei. Aber der Wurm – der blinde Pilger – ließ sich nicht aufhalten. Jeder abgetrennte Teil lebte weiter, jeder Schnitt war nur eine Einladung, neue Gänge zu graben.
In dieser Stille, die er um sich trug, war er völlig allein. Und doch nicht einsam.
Wenn zwei Welten schwingen
Hoch oben, im Reich des Lichts, sangen die Vögel und die Menschen riefen einander zu. Tief unten im Dunkel aber gab es eine Resonanz – zart wie das Läuten zweier Glocken, die nie zur selben Stunde gegossen wurden, aber dennoch denselben Ton trafen.
Der Wurm und die Wurzel: Sie schwiegen zusammen.
Der Wurm und der verrottende Apfel: Sie schmolzen ineinander.
Der Wurm und der Frühling: Sie wussten voneinander, ohne sich je gesehen zu haben.
Wie ein Name, der im finsteren Wald von einem Baum zum nächsten geflüstert wird, breitete sich sein Summen aus – nicht hörbar für Menschenohren, aber spürbar für das Wachstum der Halme, das Blühen der Blüten, das Reifen der Früchte.
Wenn sich die Kreise kreuzen
Doch nicht immer war die Welt unter der Erde mit sich einig. Zwei Geschichten stritten sich in den feuchten Kammern.
Die eine Geschichte erzählte von der Eile: Alles muss schnell zerfallen, schnell verwandelt werden, schnell zurück in den Kreislauf.
Die andere Geschichte flüsterte vom Bleiben: Lass das Alte noch ein wenig liegen, gib ihm Zeit, seine Weisheit ans Neue weiterzugeben.
Und so kam es, dass der Wurm manchmal zögerte. Er fraß nicht alles, was er fand. Er ließ hier einen toten Käfer liegen, dort ein welkes Blatt. Die Wellen seines Tuns kreuzten sich mit den Wellen der Zeit – und aus dieser Interferenz entstand ein Muster, das kein einzelner je überschauen konnte. Ein Wirrwarr, das doch Sinn ergab, wie ein Labyrinth ohne Ausgang, das man dennoch liebevoll durchschreitet.
Der Fluss, der sich selbst verändert
Und der Wurm? Er lernte dazu. Nicht durch Nachdenken – er besaß kein Gehirn im Sinne der Menschen – sondern durch Selbstmodulation. Wie ein Fluss, der nach einem Hochwasser sein eigenes Bett verändert, so passte er seine Tiefe an, seine Geschwindigkeit, seine Richtung.
War die Erde zu trocken, grub er tiefer. War sie zu nass, kam er näher an die Oberfläche. Er roch den Kalk, den Humus, den Sand, und sein Leib wurde mal seidiger, mal widerstandsfester. Kein Ingenieur hätte es schöner konstruieren können, und doch hatte nie einer einen Plan gezeichnet.
Er war der Plan. Er war die Handlung selbst.
Wenn die Welle sich beruhigt
Nach jedem Sturm – nach jedem Pflug, nach jedem Dürresommer, nach jeder Überschwemmung – kam die Entspannung. Die heiße Oberfläche der ausgepumpten Erde kühlte ab. Der Sturm der Regenwürmer, die in Panik an die Oberfläche krochen, legte sich wieder.
Dann lag der Wurm still. Nicht tot – sondern ausruhend. Seine Wellenbewegung wurde langsamer. Er zog sich zurück in die tiefsten Schichten, wo die Temperatur gleich blieb und die Gefahr gering war. Wie ein Herz, das nach einem langen Lauf wieder zu seinem ruhigen Schlag findet, so atmete das Erdreich unter ihm aus.
Und die Menschen, die oben spazieren gingen, merkten nichts von dieser großen Pause.
Die neue Lücke im Alten
Doch in der Stille, die nach der Ruhe kam, entstand ein neuer Riss – nicht im Boden, sondern in der Zeit selbst. Eine Frage, die der Wurm nicht stellen konnte, die aber dennoch gestellt wurde:
Was kommt nach dem Vergehen?
Der Wurm wusste die Antwort, denn er lebte sie jeden Tag: Nach dem Vergehen kommt die Erde, die den Samen nährt. Nach der Dunkelheit kommt nicht sofort das Licht – sondern erst die feuchte, schwarze, schwere Stunde, in der nichts zu sehen ist, aber alles geschieht.
Dieser neue Riss war kein Schmerz. Er war eine Einladung.
Und so begann der Wurm von neuem zu gleiten. Nicht, weil er musste. Sondern weil seine stille Tat das einzige Lied war, das die Tiefe kannte – ein Lied, das leise zog, ohne Anfang, ohne Ende, ohne Applaus.
Epilog für die, die zuhören
Wenn du das nächste Mal auf einer Wiese stehst und der Boden unter deinen Füßen leicht nachgibt – dann denk daran: Unten, unter aller Aufmerksamkeit, arbeitet ein König ohne Glanz. Er trägt keine Krone, aber er trägt die Welt.
Und wenn einst deine eigene Zeit vergeht, wird er auch dich verwandeln – sanft, still, ohne Hast – in etwas, das wieder blüht.
Denn der Wurm ist das Herz des Kreislaufs.
Und das Herz schlägt weiter.
Es ist das Rundumuns, das oftmals uns bestimmt.
Egal dabei warum und auch zu welcher Zeit.
Einzig als Kind erscheint selbst Kleines uns so weit.
So vieles was für uns dabei doch unbestimmt.
Im Lauf von all den vielen Jahren die vergehn,
macht manchesmal uns auch so manche Türe dicht.
Was eminent scheinbar noch kurz zuvor nun schlicht,
denkt man dabei vielleicht im Stillen, wenn besehn
dass alles offenbar irgendwann auch endlich.
Denn ist nicht alles in sich selbst vergänglich.
So reflektiert und selektiert man wohl dabei.
Und ist das Leben selbst, niemals nur einerlei?
Das Tor durch das wir kamen einstmals ganz allein,
wird irgendwann noch einmal zu durchschreiten sein....
Deine Worte fallen wie leise Schritte
durch das Rundumuns, das du beschreibst.
Sie öffnen Türen, die man nicht sieht,
aber spürt — wie Wind, der durch ein altes Haus geht.
Du sagst, dass alles vergeht,
und doch bleibt etwas zurück,
ein feiner Abdruck im Staub der Jahre,
ein Atemzug, der nicht verstummt.
Ja — wir kommen allein,
und wir gehen allein,
doch dazwischen trägt uns ein Gewebe,
gesponnen aus Wegen, Wunden, Wundern.
Manchmal schließt sich eine Tür,
und wir stehen davor wie Kinder,
die nicht wissen, ob dahinter Dunkel wartet
oder ein neuer Raum voller Licht.
Und irgendwann,
wenn das Tor, das du erwähnst,
noch einmal vor uns steht,
werden wir hindurchgehen
wie durch einen vertrauten Gartenpfad,
den wir längst kannten,
bevor wir ihn das erste Mal betraten.
Danke für deine Zeilen —
sie sind wie ein stilles Nicken
aus einer Welt,
die weiß,
dass alles vergeht
und gerade deshalb bleibt.
Kommentar:Ich danke dir lieber Johann für deine Impulse und freue mich es gerade einzusprechen und mit schöner Musik zu versehen. Manchesmal lasse ich mich in einen Text einfach fallen und wenn es dazu führt eigene Gedankenfäden weiterzuführen und zu verweben.
Deine Antwort ist wunderbar dazu!
Liebe Grüße
Uschi
Wie schön, dass du meine Zeilen
in deine Stimme nimmst
und ihnen Klang schenkst,
der weiterträgt,
wo Worte allein nicht reichen.
Danke dir
für dein Echo,
für dein Einsprechen,
für das Licht,
das du in die Zeilen legst.
eine wundersame Geschichte, ein wundersamer Wurm... ich habe sie mehrfach gelesen, um ihre Tiefe ganz zu erfassen. Diese Geschichte, sowie die von dem armen Teufel, haben etwas, das Kinder gut verstehen können, oder das Kind in uns. Sie lässt sich auch gut vorlesen. Mit sanfter ruhiger Stimme ziehst du die Kids in deinen Bann. Diese 'Vorlesbarkeit' ist für mich immer wichtig. Das macht die Geschichte vollkommen.
Und wenn ich nachher im Garten wieder ein Beet anlege, werde ich an den 'König der Unterwelt' denken.
deine Worte haben mich wirklich berührt. Dass du die Geschichte mehrmals gelesen hast, um ihre Tiefe zu erfassen, bedeutet mir viel — mehr, als ich in einem kurzen Satz ausdrücken könnte. Es ist selten, dass jemand so aufmerksam liest und sich wirklich in einen Text hineinfallen lässt.
Und dass du sagst, die Geschichte sei „vorlesbar“ und könne Kinder wie Erwachsene gleichermaßen erreichen — das ist eines der schönsten Komplimente, die man einem Text machen kann. Vielleicht, weil Geschichten, die leise sind, oft am weitesten tragen.
Ich freue mich sehr, dass der „König der Unterwelt“ dich bis in deinen Garten begleitet. Genau dort gehört er hin — zwischen Erde, Wurzeln und dem kleinen Geheimnis, das unter jedem Schritt liegt.
Danke dir für deine Worte. Sie sind ein Geschenk.
Herzliche Grüße
Johann
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