Die Maske (oder: Wer ist hier eigentlich der Schauspieler?)
Jeden Morgen das gleiche Spiel.
Ich wache auf, setze mich auf, und mein Gesicht ist nicht da. Nicht im Sinne von weg, sondern: Es passt nicht. Die Nase sitzt einen halben Zentimeter zu weit links. Der Mund will lächeln, aber ich habe keinen Befehl gegeben. Die Wangenknochen – zu hoch, zu scharf, zu fremd.
Also stehe ich auf. Die Fotos an der Wand starren mich an. Auf jedem Bild: ich. Mit diesem Gesicht. Wie lange schon?
Die Rollen sitzen bereits auf dem Stuhl am Rand des Zimmers. Die nette Kollegin. Der verständnisvolle Freund. Der Sohn, der zurückruft. Alles griffbereit, alles aufgebügelt. Ich setze die Erste auf – sie riecht nach Kaffeepulver und falschem Lächeln.
Dann kommen die Namen. Alle nennen mich beim Namen. Aber der Name klingt wie eine falsche Telefonnummer. Das bin nicht ich, denke ich, während ich nicke und „Hallo, schön dich zu sehen“ sage.
Das Unheimliche passiert nicht nachts. Es passiert am Vormittag, zwischen zehn und elf, wenn der Kaffee kalt ist und die Sonne flach durch die Jalousie fällt.
Dann rutscht etwas.
Die Maske, die ich trage – sie atmet. Nicht ich. Sie. Ganz langsam. Wie eine zweite Lunge unter der Haut.
Ich schweige. Der Zweifel bleibt draußen. Gut so.
Aber tief drunter, unter der Schicht aus Freundlichkeit und funktionierenden Sätzen, liegt meine Seele wie ein Betonklotz. Sie schlägt nicht. Sie liegt da. Schwer. Echt.
Mein Geist hingegen rennt los wie ein Hund ohne Leine. Er will sich zeigen. Er will raus – schreiend, wild, ungeschminkt. Aber das Bewusstsein tanzt dazwischen, fängt ihn ein, dreht ihn im Kreis, bis er nicht mehr weiß, wo vorne ist.
Ich auch nicht.
Die Wohnung hat Gänge. Zu viele. Ich zähle sie jeden Tag. Heute sind es drei mehr als gestern. In diesen Gängen liegen Worte, ungesagt, wie heruntergefallene Münzen. Ich liebe dich – rostig. Ich hab Angst – zertreten. Ich bin nicht der, der du denkst – noch eingeschweißt.
Ich höre mich kluge Dinge reden. „Klar, mach ich.“ „Kein Problem.“ „Alles gut.“ Ein anderer in mir fragt: Sag mal, spinnst du eigentlich?
Zwischen Spiegel und Kalender – der Kalender zeigt März, aber draußen liegt Schnee – da steht ein Mensch. Er leise schweigt. Er ist müde. Wenn ich falle, neigt er mich wieder aufwärts. Nicht weil er stark ist. Sondern weil er keine Wahl hat.
Das bin auch ich, flüstert etwas.
Ich will nicht, dass er recht hat.
In der Bridge meines Lebens (irgendwo zwischen Zahnarzttermin und Einschlafen) passiert das Seltsame:
Ich atme einmal richtig ein. Wirklich richtig. Tief. Bis der Zwerchfell schmerzt.
Und da – ein Stück fällt zu Boden. Ein altes Bild. Die Vorstellung, wer ich sein müsste. Es zerplatzt wie eine Tasse aus billigem Porzellan.
Ich berühre mein nacktes Denken. Es fühlt sich an wie roher Kartoffelteig. Nicht schön. Aber warm. Und für ein paar Sekunden vertraue ich ihm. Das ist der Horror: nicht das Unbekannte. Sondern das Bekannte, das man plötzlich wirklich sieht.
Meine Seele hält mich. Still. Weit. Sie sagt nichts. Sie ist einfach da – schwer, dumm, ehrlich.
Mein Geist formt jede Geste neu. Wie ein Kind, das zum ersten Mal einen Stift hält. Kringelig. Peinlich. Aber seins.
Im zarten Zwischenraum, zwischen Maske und Kern, zwischen Lächeln und Panik, da bin ich kurz bei mir. Ganz treu.
Und das ist das eigentlich Gruselige:
Dass dieses Bei-sich-sein sich anfühlt wie Heimkommen in eine Wohnung, in der jemand anders lebt. Und man sich dennoch einen Schlüssel gemacht hat.
Am Abend legt sich die Maske sanfter auf die Haut. Nicht weil sie nachgibt. Sondern weil ich müde bin.
Ich trage sie nur noch, wenn ich muss. Nicht mehr, weil „man es so baut“. Sondern weil die Leute sonst weglaufen. Verständlich. Wer will schon ein Gesicht sehen, das sich selbst sucht?
Mein Geist darf stolpern. Darf sich zeigen – ohne Schutz, im klaren Licht der Küchenlampe, die flackert, weil die Birne locker ist.
Das Bewusstsein singt dazwischen. Nicht schön. Eher so ein Summen. Wie ein Kühlschrank, der vergessen hat, dass er aus ist.
Und ich erkenne:
Das bin ich.
Die Maske lächelt.
Ich lächle nicht mit.
Aber das ist okay.
Der Horror ist nicht das Ende. Der Horror ist, dass es weitergeht – und dass man sich irgendwann daran gewöhnt.
Ende. (Oder Anfang. Je nachdem, ob der Spiegel morgen zurück nickt.)
Ein Name fällt ins flimmernde Licht,
getragen von Stimmen, doch kennt man ihn nicht.
Ein Flüstern wird lauter, ein Schatten wird groß,
und plötzlich erscheint etwas völlig [ ... ]
Noch hielt mich nicht der erste äußre Drang,
der mich beständig vorwärts treiben hieß;
im Takt der Pflicht verging mein früher Gang,
dem fremden Maß ich folgte, [ ... ]
Der Treppe fehlt eine Stufe.
Die eine Stufe zum Leben. Die
eine Stufe zur Erkenntnis. Die
eine Stufe zur Kunst. Die eine
Stufe zur Liebe. Morgens
war die Stufe einfach weg.
Und keiner weiss [ ... ]
Wenn Lebenslinien sich kreuzen
Fallen Sterne in einen tiefen süßen Schlaf
Hand in Hand gemeinsam sein, solange beide Herzen brennen
Glück ist nicht planbar
Unglück auch nicht
Das Selbst [ ... ]
Der Geier singt ein Lied.
Der Löwe fliegt zur Post.
Der Bär kauft ein Klavier.
Und die Sonne scheint.
Und die Welt spielt. Und
jeder Traum findet Gold.