Das Letzte Loch

Der Geruch war das erste, was einem auffiel, wenn man die Tür zum »Letzten Loch« aufstieß. Nicht der Geruch von Bier oder Schweiß oder den anderen Säften, die sich in die Holzdielen gefressen hatten wie Maden in einen verendeten Hund. Nein. Es war der Geruch von Gelegenheit. Von Ware, die darauf wartete, gekauft zu werden. Vom Menschen als das, was er immer schon war: ein Paket Fleisch mit einem Preisschild um den Hals, das nur darauf wartete, dass jemand die Verpackung aufriss.

Ich lehnte an der Theke. Das Bier war warm. Das Bier war hier immer warm. Wahrscheinlich hatte der Wirt kapiert, dass Kälte ein Luxus ist, und Luxus interessiert hier niemanden. Hier interessierte nur der Tausch.

»Du siehst aus wie jemand, der was loswerden will«, sagte die Frau neben mir.

Ich drehte mich nicht um. Ihre Stimme klang wie abgestandener Tabak und billiges Parfüm, das etwas überdecken sollte, was sich nicht überdecken ließ.

»Jeder will hier was loswerden«, sagte ich. »Das ist der Sinn des Ladens.«

»Ich mein nicht Zeug«, sagte sie. Ihr Finger tippte auf meinen Unterarm. Der Nagel war abgekaut, der Nagelrand rot und entzündet. »Ich mein das da drin.« Sie tippte gegen meine Brust. »Schuld. Oder Scham. Oft ist es Scham. Riech ich sofort. Scham stinkt nach kaltem Schweiß und verpassten Chancen.«

Jetzt drehte ich mich doch um. Sie war vielleicht vierzig. Vielleicht fünfzig. Vielleicht dreißig, die das Leben nachgeholt hatte wie ein Penner, der einen verlorenen Zehner im Rinnstein sucht. Ihre Augen waren grau wie Asphalt, und in ihren Falten hatte sich der Dreck von zu vielen Nächten festgesetzt.

»Und was zahlst du?«, fragte ich.

Sie lachte. Es war kein schönes Lachen. Glas auf Glas.

»Zahlen? Schatz. Hier zahlst du. Ich nehm dir deine Scheiße ab, und du zahlst mir dafür. Das ist der Deal. Ich krieg deine Scham, du kriegst...« Sie machte eine vage Geste, die den ganzen Dreckladen umfasste. »...das hier. Für eine Nacht. Das Gefühl, leichter zu sein. Morgen früh wachst du auf, und die Scham ist weg. Gegen die kommt dann die neue an, klar. Aber für einen Moment...« Sie zuckte mit den Schultern. Ein Achselzucken, das gelernt hatte, dass Perfektion Zeitverschwendung ist.

»Du kaufst also Scham«, sagte ich. »Was machst du damit?«

»Weiterverkaufen«, sagte sie. »An die, die sie brauchen. Priester, Chefs, Mütter. Scham ist ein Rohstoff, Süßer. Wie Öl. Nur dass man sie nicht verbrennen kann. Man füttert sie in die Seelen von anderen. Und die wachsen dann schön brav und gerade, weil sie Angst haben, krumm zu sein.«

Sie beugte sich näher. Ihr Atem roch nach Minze und nach etwas, das die Minze überdecken sollte.

»Du hast viel davon. Rieche ich von hier. Du schämst dich für deinen Körper. Dass er weich ist an den falschen Stellen. Dass er riecht. Dass er denkt, während du’s tust. Dass da immer dieser kleine Richter sitzt, der protokolliert: falsches Stöhnen, falsche Bewegung, falscher Gedanke – und du kannst nichts tun, außer weiterzumachen, als ob du nicht wüsstest, dass er zusieht.«

Sie traf ins Schwarze. So tief, dass ich dachte, sie müsse einen Spiegel in meiner Seele haben.

»Wie viel?«, fragte ich.

Sie grinste. Zwei Zähne fehlten. Eine Ruine, in der jemand Party feierte.

»Hundert Euro. Für die akute Ladung. Die, die dich heute Nacht wach halten würde. Die chronische, die du seit der Kindheit mit dir rumträgst, kostet extra. Die sitzt tief. Muss geätzt werden.«

Ich kramte in meiner Tasche. Zwei Fünfziger. Zerknittert, verschwitzt, aber noch gültig. Das Gute am Geld: Es riecht nie nach seinem Gebrauch.

Sie nahm die Scheine, steckte sie zwischen ihre Brüste, wo schon andere Scheine auf ihre Ablösung warteten. Dann legte sie ihre Hand auf meine Brust. Warm. Weich. Fleisch, das noch nicht wusste, dass es tot war.

»Atmen. Und denken: Das da ist nicht ich. Das ist nur ein Paket. Ein Paket, das ich gerade verschicke. An niemanden. Für immer.«

Ich atmete.

Und dann zog sie. Sie zog mit ihrer Hand, als würde sie einen Faden aus mir herausziehen, der tief drin mit einem Widerhaken verankert war. Es tat nicht weh. Es fühlte sich an, wie wenn man einen Splitter entfernt, der so lange drin war, dass man vergessen hatte, dass er da war. Ein kurzes Ziehen, ein kurzes Brennen, und dann war es weg.

Sie hielt etwas in der Hand. Unsichtbar. Zappelnd wie ein Fisch am Haken.

»Na also«, sagte sie. »Geht doch.«

Sie steckte die Scham ebenfalls zwischen ihre Brüste. Für einen Moment beulte sich der Stoff ihrer Bluse. Vielleicht war es Einbildung.

»Und jetzt?«

»Und jetzt kannst du gehen. Oder noch ein Bier trinken. Oder mit mir nach hinten kommen. Nichts Besonderes. Ein Bett. Aber du wirst feststellen...« Sie zwinkerte. Das Lid rutschte schwerfällig über das graue Auge. »...der Richter ist weg. Für heute Nacht. Du kannst einfach machen, ohne dass einer Notizen macht. Das hast du gekauft. Die Erlaubnis, Tier zu sein. Für hundert Euro.«

Ich stand auf. Die Beine waren schwer, der Kopf leicht. So leicht, dass er sich gleich von den Schultern lösen und gegen die schmutzige Decke stoßen musste.

»Und wenn ich wieder Scham hab? Morgen?«

Sie zuckte wieder mit den Schultern. Dieses Achselzucken, das die unrasierten Achselhöhlen zeigte.

»Dann kommst du wieder. Die Scham geht nie aus. Das ist das Geschäft mit der Natur des Menschen, Süßer. Sie produziert unendlich. Du musst sie nur ernten.«

Ich ging zur Tür. Draußen war die Nacht kalt und klar, und der Himmel voller Sterne, die so taten, als ob sie nichts gesehen hätten. Aber ich wusste es besser. Die Sterne glotzen runter wie Voyeure auf einen Pornodreh, und sie machen sich Notizen. Jede Nacht. Notizen über das, was wir tun, wenn keiner hinschaut.

Und dann, zum ersten Mal seit Jahren, war es mir egal.

Bis morgen.


© Grafeneder Johann


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Kommentare zu "Das Letzte Loch"

Re: Das Letzte Loch

Autor: Gunnar Buchheister   Datum: 02.03.2026 0:23 Uhr

Kommentar: Hallo Johann. Ich sag jetzt mal "hallo", weil "lieber Johann" irgendwie unpassend klingen würde bei dieser Geschichte und wahrscheinlich eins von beiden zerspringen würde wie ein Glas in einer Hand, die zu fest zudrückt.
Ganz ehrlich, eine Geschichte nach meinem Geschmack. Ich hab nur die ersten Zeilen gelesen, da wusste ich es schon, dass ich diese Geschichte zu Ende lesen würde und den ganzen Film sehen, mit allen Attributen, die dazugehören, die kein Film bringen kann.
Und ich kann dir sagen, ich hab die Scham riechen können. Ich hab die Alte sehen können und ich wusste, dass die Sterne da oben sich Notizen machen über das, was wir tun, wenn keiner hinschaut. Ich hab gesehen, wie sie die Scham rausgezogen hat und die Idee, sie weiterzuverkaufen - echt klasse.
So wusste ich, dass ich heute noch einmal im Netzwerk vorbeischauen muss, genauso wie ich neuerdings auch andere Dinge wieder vorher spüre und weiß, was ich tun muss, wer sich wie entscheiden wird, wen ich anrufen soll und solche Dinge.
Das war schon ganz lange Zeit verschüttet - oder eingefroren. Früher ging das noch, aber das Eis wurde immer mehr. Bis jetzt. Jetzt taut es.
Mein nächstes Kapitel ist bis jetzt noch nicht ganz fertig. Es kommt noch die erste Nacht in der Hütte.
Ich grüße dich und freue mich auf deine nächste Geschichte
Gunnar

Re: Das Letzte Loch

Autor: Grafeneder Johann   Datum: 02.03.2026 8:12 Uhr

Kommentar: Lieber Gunnar,
dein Kommentar hat mich richtig gepackt – rau, ehrlich, direkt. Dass du „hallo“ sagst statt „lieber“, weil alles andere zerspringen würde, trifft den Ton genau. Die Geschichte ist dreckig, sie stinkt, sie beißt – und du hast sie bis zum Schluss gelesen. Das freut mich mehr, als ich in netten Worten sagen könnte. Dass du die Scham riechen konntest, die Alte sehen, die Sterne als Voyeure spüren – das ist das Schönste, was ein Text schaffen kann. Und die Idee, Scham als Ware zu verkaufen, die nie ausgeht… ja, das wollte ich genau so haben. Weil sie nachwächst. Weil der Mensch eine Schamfabrik ist. Und dass du jetzt wieder vorher spürst, was kommt, wen du anrufen musst – das ist stark. Das Eis taut. Es bewegt sich wieder. Und das passt zu allem, was gerade bei dir passiert: Refugium, Anna am Meer, das Auftauen. Ich freu mich schon auf die erste Nacht in der Hütte. Lass sie kommen, wie sie will. Kein Druck. Danke, dass du die Geschichte so gelesen hast – mit allen Sinnen, mit allem, was wieder lebendig wird. Rau, aber ehrlich – ich grüße dich zurück.
Johann

Re: Das Letzte Loch

Autor: Michael Dierl   Datum: 02.03.2026 16:56 Uhr

Kommentar: Hi,
ich überlege gerade wie würde wohl Don Trumpel in Deiner Geschichte spielen wo doch bei ihm alles in Gold glänzen muss, ob er sich auf seinen triebhaften Abwegen sich solch eine Spelunke antut? Oder doch lieber zu Kinderspielzeug neigt?

lg Michael

Re: Das Letzte Loch

Autor: Grafeneder Johann   Datum: 02.03.2026 18:09 Uhr

Kommentar: Hi Michael,
gute Frage – und ehrlich gesagt, bei Don Trumpel würde ich mir das „Letzte Loch“ erst gar nicht vorstellen müssen. Der würde da nicht mal reingehen, weil der Geruch von Gelegenheit für ihn nicht nach Tausch riecht, sondern nach Verlierer. Er würde die Tür gar nicht erst aufstoßen, sondern draußen stehen bleiben und rufen: „Das ist ein Loch! Ein totales Loch! Die schlechteste Kneipe, die ich je gesehen habe – und ich habe die besten gesehen, glaubt mir!“Und dann würde er wahrscheinlich eine goldene Kette um den Hals tragen, die schwerer ist als sein Gewissen, und erzählen, wie er früher mal eine noch bessere Spelunke hatte, die er selbst gebaut hat, die allerbeste, niemand hat je bessere gebaut, und die Frau hinter der Theke? Die wäre in Wirklichkeit eine Top-Model-Agentin, die nur undercover arbeitet, weil sie ihn liebt – oder so ähnlich. Am Ende würde er die ganze Bude kaufen, umdrehen, in Gold tauchen und „Trump’s Golden Shame Emporium“ draus machen. Eintritt nur für die, die genug zahlen können, um sich ihre Scham in 24-Karat zurückkaufen zu können. Aber ehrlich? Er würde die echte Scham gar nicht abgeben. Die braucht er. Die ist sein Treibstoff. Ohne die könnte er nicht jeden Morgen aufwachen und sich sagen: „Ich bin der Beste – und alle anderen sind Loser.“Kinderspielzeug? Vielleicht. Aber nur, wenn’s golden ist und „The Best Toy Ever“ draufsteht.
lg
Johann

Re: Das Letzte Loch

Autor: Michael Dierl   Datum: 02.03.2026 18:41 Uhr

Kommentar: Sorry, ich bin auf 'nem Trumpel Tripp und solche Spelunken kenne ich noch aus meiner Zeit als Musikus. Da brauchte man nur mit einem feuchten Finger über die Tresen fahren und ihn in den Mund stecken und schon war man high! :-) Da haben wir für vielleicht 20 - 30 Leute gespielt. Hat aber trotzdem Spaß gemacht.

lg Michael

Re: Das Letzte Loch

Autor: Grafeneder Johann   Datum: 02.03.2026 19:13 Uhr

Kommentar: Hi Michael, haha, der feuchte Finger-Test – das kenn ich aus alten Geschichten von Kollegen, die in den 80ern/90ern unterwegs waren. Diese Spelunken hatten ihren eigenen Dreck-Charme: klebriger Boden, warme Bierpfützen und trotzdem eine Energie, die man in keinem schicken Club findet. 20–30 Leute, und trotzdem fühlst du dich wie auf der größten Bühne der Welt, weil alle so nah dran sind und jeder Schweiß und jeder falsche Ton sofort auffällt. Freut mich, dass du den Text mochtest und dass er dich an deine Musiker-Zeit erinnert hat. Solche Orte sterben nie aus – sie wechseln nur die Adresse.
lg
Johann

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