Vor langer, langer Zeit lebten in den Höhlen der Schwäbischen Alb merkwürdige kleine Wesen, die Labertaschen. Sie waren winzig, kaum größer als Ameisen. Doch man konnte sie hören. Sie schwätzten, babbelten, tratschten und laberten den ganzen Tag. Manche sprachen ganz tief, andere ganz hoch, einige laut und andere leise.
Doch drei Labertaschen plapperten am allermeisten. Nicht eine Minute waren sie still. Sie hießen Ix, Ux und Ax. Jeden Morgen bei Sonnenaufgang trafen sie sich am großen Lindenbaum und erzählten sich, was sie in der Nacht geträumt hatten. Anschließend besprachen sie, was sie an diesem Tag unternehmen wollten.
Einmal gingen sie zum Angeln. Doch weil ihr Mund nie stille stand, biss kein Fisch an.
Ein anderes Mal wollten sie Vögel beobachten. Durch ihre ständige Laberei schreckten sie jedoch die Vögel auf und diese flogen eilig davon.
Dann wollten sie im See baden. Weil Ax jedoch ständig erzählen musste, schluckte sie viel Wasser und ihr wurde schlecht.
Ix stieg auf einen Baum und wollte bei den Wildbienen Honig naschen. Da er aber Ux und Ax ständig über sein Tun informierte, bemerkten ihn die Bienen frühzeitig und griffen ihn an. Ix sprang vom Baum und rannte kreischend davon.
Ux war extrem neugierig. Er krabbelte in ein Mauseloch. Dabei brabbelte er ständig vor sich hin und bekam viel Erde in den Mund. Wütend kroch er wieder heraus.
So ging es den lieben langen Tag. Weil Ix, Ax und Ux so viel laberten, kamen sie auch kaum zum Essen. Daher gingen sie oft hungrig ins Bett. Das störte sie aber nicht. Alle drei plapperten, babbelten, ratschten, schwätzten, tratschten und laberten bis sie einschliefen.
Eines Tages planten die drei Labertaschen einen großen Ausflug. Munter machten sie sich auf den Weg. Doch weil sie die ganze Zeit tratschten und laberten, kamen Ix, Ax und Ux vom Wege ab und verirrten sich. Schließlich kamen sie zu einem großen Hügel. Um besser sehen zu können, stiegen die drei Labertaschen hinauf. Oben angekommen entdeckte Ux zwei kleine nebeneinanderliegende Höhlen. Neugierig krabbelte er in die rechte Höhle hinein. Da bewegte sich plötzlich der Hügel. Ux war in die Nase eines Riesen gekrabbelt. Dieser nieste nun so kräftig, dass Ux aus dem Nasenloch schoss und bis nach Afrika flog.
Ix und Ax purzelten ins Gras. Sie suchten Ux und riefen nach ihm. Weil er aber in Afrika war, konnte Ux seine Freunde natürlich nicht hören.
Der Riese stapfte davon und die zwei Labertaschen mussten aufpassen, dass sie nicht unter seine Riesenfüße gerieten. Schnell versteckten sie sich unter einer Wurzel. Dort jammerten und klagten sie, weil Ux verschwunden war. Endlich suchten sie den Heimweg. Doch das war gar nicht so leicht. Ix und Ax bekamen großen Hunger. Sie fanden einen Löwenzahn und nagten den Stiel an. Plötzlich fiel die Blume um und hätte beinahe Ax erschlagen. Sie konnte gerade noch zur Seite springen. Allerdings landete sie in einem Spinnennetz. Gleich kam die Spinne herbei und wollte Ax aufessen.
Ax schlotterte vor Angst. Die Spinne war sehr haarig und riesengroß. Und die arme Labertasche war so klein. Immer näher kam die Spinne. Ix sah hinauf und bangte um seine Freundin.
Da begann Ax zu reden. Sie laberte, babbelte, ratschte, tratschte, schwätzte, quasselte und plapperte, dass der Spinne die Ohren klingelten und sie Kopfschmerzen bekam. Schnell nagte sie ihre Fäden durch und Ax stürzte zu Boden. Endlich war die Labertasche still und die Spinne atmete erleichtert auf.
Vor Freude führten Ix und Ax ein Tänzchen auf. Dabei quasselten und laberten sie die ganze Zeit.
„Haut bloß ab!“, schrie die Spinne, „sonst fresse ich euch beide doch noch auf!“.
Schnell sprangen die Labertaschen davon. Doch sie liefen in die falsche Richtung und entfernten sich immer mehr von ihrem Volk.
Auf einmal sah Ix etwas Puscheliges auf einem Baum. Das musste er sich unbedingt näher ansehen. Schnell kletterte er hinauf und wollte das puschelige Etwas genauer untersuchen. Am Ende des Puschels fand er ein Loch und kroch hinein. Der Puschel war der Schwanz eines Eichhörnchens. Es tat einen gewaltigen Pups und Ix wurde in die Luft geschleudert. Er flog und flog und flog – und landete ebenfalls in Afrika. Genau auf dem Rücken von Ux. War das eine Freude, dass sie wieder beisammen waren.
Doch was war mit Ax? Die arme war nun ganz allein.
Traurig und leise vor sich hin labernd irrte Ax durch den Wald. Sie achtete nicht darauf wohin sie ging. Dicke Tränen kullerten über ihr Gesicht. Schließlich war sie still. Beunruhigend still.
„Nanu, was ist denn passiert? Du laberst ja gar nicht mehr“, wurde sie freundlich angesprochen.
Ax blickte auf. Vor ihr stand ein geflügeltes Wesen und sah sie freundlich an.
„Ich bin die Waldfee“, erklärte das Wesen. „Warum bist du so traurig?“
„Meine Freunde sind verschwunden“, schniefte Ax. „Ux krabbelte in das Nasenloch eines Riesen. Der musste niesen und Ux flog davon. Ix kroch unter den Schwanz eines Eichhörnchens. Und als dieses pupste, flog er auch davon. Jetzt bin ich ganz allein“.
Die Waldfee zog einen Tautropfen hervor und sprach: „Schau, kleine Labertasche. Ich werde den Tautropfen fragen, wo deine Freunde sind:
Lirum, larum, laschen,
wo sind die beiden Labertaschen?“
Der Tautropfen verdunkelte sich erst, dann hellte er sich wieder auf. Eine fremde Landschaft mit merkwürdigen Tieren spiegelte sich darin. Eines der Tiere hatte ganz dünne Beine und einen sehr langen Hals. Auf seinem Rücken waren zwei dunkle Punkte zu sehen. Der Ausschnitt vergrößerte sich und Ax konnte Ix und Ux erkennen.
„Hurra!“, jubelte sie, „du hast sie gefunden!“
„Nun, so einfach ist das nicht“, meinte die Waldfee. „Die beiden sind in Afrika gelandet“.
„Afrika? Ist das weit weg?“, wollte Ax wissen.
„O ja, Afrika ist sehr weit weg“, sprach die Waldfee.
„Ich will zu ihnen“, weinte Ax.
„Bist du mutig?“, wollte die Waldfee wissen.
Die kleine Labertasche nickte.
„Also gut, hör zu. Ich werde einen Zauberspruch sagen und der Tautropfen wird dich einsaugen. Dann fliegt er mit dir nach Afrika. Bist du bereit?“
Ax nickte erneut.
Nun schwang die Waldfee ihren Zauberstab und sprach:
„Lirum, larum, lasche,
nimm die kleine Labertasche,
bringe sie nach Afrika,
tirili und tirila“.
Der Tautropfen stülpte sich über Ax und umschloss die kleine Labertasche. Dann stieg er auf und schwebte mit ihr davon.
Lange waren sie unterwegs. Doch endlich sank der Tautropfen nieder, landete zwischen Ux und Ix und zerplatzte. Ax purzelt heraus.
War das eine Freude, als sie wieder alle zusammen waren. Sie suchten sich einen schattigen Platz und erzählten sich ihre Abenteuer.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann labern sie noch heute.


© Sabine Axnick


1 Lesern gefällt dieser Text.


Diesen Text als PDF downloaden




Kommentare zu "Die drei Labertaschen"

Re: Die drei Labertaschen

Autor: Angélique Duvier   Datum: 17.05.2022 13:00 Uhr

Kommentar: Eine süße und lustige Geschichte ist Dir gelungen, liebe Sabine!

Liebe Grüße,

Angélique

Kommentar schreiben zu "Die drei Labertaschen"

Möchten Sie dem Autor einen Kommentar hinterlassen? Dann Loggen Sie sich ein oder Registrieren Sie sich in unserem Netzwerk.