Weit von hier, in einem fernen Land, geschah einmal ein großes Unglück. Dort lebte auf einem hohen Berg der Zauberer Amadeus. Im Grunde war er ein sehr freundlicher und gutmütiger Zauberer. Doch einmal im Jahr, zu Beginn des Frühlings, überkam ihn eine große Wut. Dann war er allen Menschen gram und packte einen Schadenszauber aus.
Sobald die Schneeschmelze einsetzte, bekamen die Menschen Angst und zitterten und bebten. Was würde Amadeus ihnen dieses Mal antun?
Ja, und dann war es so weit. Sie hörten, wie Amadeus auf seinem Berg tobte und raste. Schließlich stieß er eine Verwünschung aus:

„Hokus Pokus Ratzefatz,
alle Menschen auf dem Platz,
alle Menschen hier im Land,
egal ob arm, von hohem Stand,
schlafen auf der Stelle ein,
nur nicht die kleinen Kinderlein!“

Und schon war es passiert:
Der Lokführer schlief ein und alle Passagiere ebenfalls. Nur die Kinder blieben wach.
Der Zug fuhr und fuhr und fuhr. Die Kinder pressten ihre Gesichter an die Abteilfenster und sahen gespannt hinaus. Wo der Zug wohl hinfuhr?
Weiter und immer weiter ging die schnelle Fahrt. Immer geradeaus. Auch, als die Gleise eine Kurve machten. Die Eisenbahn sprang einfach aus den Schienen. Was im Weg lag wurde überrollt. Sie fuhr Berge hinauf und wieder hinunter. Sie fuhr Häuser hinauf und wieder hinunter. Und immer weiter gerade aus bis zum Meer. Es war gerade Ebbe und so fuhr der Zug durch das große weite Meer bis an das Ende der Welt. Und am Ende der Welt lag das Schlaraffenland. Da endlich hielt der Zug und die Kinder stiegen aus. Sie pflückten Brezeln von den Bäumen und lutschten Bonbons, die an den Sträuchern wuchsen. Aus einer Quelle tranken sie Schokolade, und aus dem Sandkasten löffelten die Jüngsten den Grießbrei. Die Kinder fühlten sich wohl im Schlaraffenland und schlemmten und schmatzten.
Doch nicht nur der Lokführer war eingeschlafen, auch der Schneider vor seiner Nähmaschine. Das Schneiderlein nähte gerade am Hochzeitskleid für die Prinzessin. Während er schlief, nähte die Maschine munter weiter. Die Schleppe des Hochzeitskleides wurde länger und länger. Das Fenster in der Nähstube stand offen. Die schöne weiße, spitzenbesetzte Schleppe aus Seide floss durch das Fenster, fiel wie ein Wasserfall an der Hauswand herunter, wallte über die Straße und erreichte schließlich das Feld. Der ganze Kartoffelacker wurde von der Schleppe bedeckt. Die Nähmaschine nähte immer weiter und bald verschwand das ganze Land unter einer weißen Seidendecke.
In der Kirche war es nicht anders. Die Gottesdienstbesucher schliefen ein, der Pfarrer auf der Kanzel schlief, und der Organist an der Orgel ebenfalls. Die Orgel jedoch spielte weiter. Da niemand ihre Register zog und die Pedale trat, dachte sie sich selbst Melodien aus: Sie spielte fröhliche Tanzlieder, muntere Frühlingsweisen, den Hochzeitsmarsch für die Prinzessin und schließlich alle Schlaflieder die sie kannte.
Am Himmel flogen die Piloten in ihren Flugzeugen. Auch sie schliefen ein. Ihre Flugzeuge flogen weiter. Jedes dahin wo es wollte: Eines flog zu den Elefanten nach Afrika, eines an den Nordpol zu den Eisbären, eines besuchte die Steinböcke und Gämsen in den Alpen und ein anderes flog auf den Berg zum Zauberer.
Im Krankenhaus schliefen die Ärzte und ihre Patienten ein.
Eine Ärztin nähte gerade eine Wunde zu. Die Nadel nähte weiter. Als die Wunde verschlossen war, suchte sie sich eine andere Arbeit. Sie sprang an das Fenster und nähte die Vorhänge zusammen. Anschließend nähte sie die Ärmel der Arztkittel zu. Danach lief sie vom Operationssaal in die Bettenkammer. Dort nähte sie alle Kissen- und Bettbezüge zusammen. Die Nadel nähte solange weiter, bis sie alle Stoffe vernäht hatte.
Auf dem Land pflügte der Bauer das Feld. Als er einschlief arbeitete der Traktor weiter. Nach dem Feld pflügte er die Landstraße, danach die Wiese und schließlich die Waldwege. Dass dabei einige Bäume umfielen störte den Traktor nicht. Er pflügte und pflügte und pflügte. So lange, bis er das ganze Land umgepflügt hatte. Erst dann hörte er auf.
In der Bäckerei stand die Bäckermeisterin gerade am Backofen als auch sie einschlief. Das Brot buk weiter, wurde dunkler und schließlich ganz schwarz. Schwarz und hart und immer härter. Plötzlich schoss es wie Kanonenkugeln durch das Ofenrohr und flog davon. Eines landete zischend im Meer, eines stieß gegen die Kirchenglocken, die vor Schreck zu läuten begannen, ein weiteres zu den Pinguinen am Südpol. Ein Pinguin stutzte, setzte sich auf das Brot und wollte es ausbrüten.
Auf dem Meer schliefen alle Matrosen, Steuermänner und Kapitäne ein. Ihre Schiffe irrten auf dem Wasser umher. Auch sie fuhren bis an das Ende der Welt, dorthin, wo sich Himmel und Meer treffen. Die Schiffe fuhren in den Himmel hinein, an Mond und Sternen vorbei und über die Regenbogenbrücke bis in den höchsten Himmel.
Die Schulbusfahrer schliefen ebenfalls. Die Busse fuhren an allen Schulen vorbei. Die Kinder freuten sich, dass sie nicht in die Schule mussten. Doch wohin fuhren sie? Es ging über Berg und Tal, nach links und nach rechts und manchmal im Kreis. Endlich hielten die Busse an einem großen See. Die Kinder sprangen heraus und in das Wasser. Doch was war das? Im See war kein Wasser, sondern süße Limonade!
Mittlerweile hatte sich der Zauberer Amadeus wieder beruhigt. Das Flugzeug, welches bei ihm auf dem Berg gelandet war, erzählte ihm, was er mit seinem Zauber angerichtet hatte.
„Oje, oje“, jammerte Amadeus, „das muss ich aber ganz schnell in Ordnung bringen“.
Amadeus stieg in das Flugzeug und ließ sich zuerst zum Schlaraffenland bringen.
Mit dicken Bäuchen lagen die Kinder im Gras und schliefen. Mitten auf der Wiese stand der Zug mit seinen schlafenden Passagieren und dem schnarchenden Lokführer.
Amadeus schwang seinen Zauberstab:

„Hokus Pokus Ratzeschnauf,
alle Menschen wachen auf.
Es geschieht auf mein Geheiß,
jeder Zug fährt auf sein Gleis.
Alle Kinder steigen ein
und fahren schnellstens wieder heim.“

Nun flog ihn das Flugzeug in die Stadt.




„Hokus Pokus Ratzenmäcker,
ausgeschlafen hat der Bäcker,
auch der Schneider ist erwacht,
jeder in der Kirche lacht.
Ärzte pflegen ihre Kranken,
alle Busse wieder tanken,
fahren Kinder in die Schule,
auch die Lara und die Jule.
Flugzeuge fliegen wieder heim,
der Bauer sät nun aus den Keim.
Jedes Schiff fährt in den Hafen,
jeder Mensch hat ausgeschlafen!“

Was waren die Menschen froh, dass der Schadenszauber wieder von ihnen genommen war.


© Sabine Axnick


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Kommentare zu "Der Schadenszauber"

Re: Der Schadenszauber

Autor: Angélique Duvier   Datum: 08.05.2022 19:45 Uhr

Kommentar: Liebe Sabine, Deine Geschichte ist bezaubernd und wirklich lustig!

Liebe Grüße,

Angélique

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