Altersheim- Mafia

Es ist Nachmittag, an einem gewöhnlichen Wochentag. Ich stehe an der Bushaltestelle und warte wie zwei weitere Damen auf den Bus. Es ist warm und ich rechne schon mit dem Schlimmsten. Ein Gerangel um freie Sitzplätze. Der Bus wird bestimmt überfüllt sein, Menschen die nach draußen gehen, sich im Freibad sonnen lassen. Reisende auf dem Weg zu Freunden. Jene die Familienmitglieder besuchen oder einkaufen gehen. Die Bushaltestelle an der ich einsteigen werde, liegt zentral im Stadtteil Nord. Autos fahren an mir vorbei und manchmal ärgere ich mich darüber, keinen Führerschein gemacht zu haben. Es wäre viel leichter von A nach B zu gelangen. Aus der Ferne nähert sich ein großes Fahrzeug. Endlich, der Bus kommt. Ich kann die Nummer erkennen, 71, es ist der richtige Bus. Manchmal fahren die Busse ohne erkennbare Nummer. Ich bin sogar mal in einen Schulbus eingestiegen, weil dieser nicht beschriftet war. Ich greife schon mal nach meiner Fahrkarte, die ich gleich stempeln werde. Der Bus fährt an und hält. Durch die Fensterscheiben kann ich die Füllung erkennen. Der Bus ist voll. Das bedeutet, dass es wohl überwiegend Stehplätze gibt und keine Sitzplätze. Eine bunte Mischung am Nachmittag. Junge Leute die ausschließlich auf ihre Handys starren, sitzen meist ganz hinten, ungestört. Kinderwagen, Mütter und ein paar alte Leute die bereits sitzen. Die Seitentür öffnet sich, es steigen Fahrgäste aus. Höflich warte ich und lasse sie aussteigen. Ich lasse andere Fahrgäste sogar vor mir einsteigen. Nachdem ich die Fahrkarte entwertet habe, schau ich mich noch einmal nach einem Sitzplatz um. Leider gibt es keinen freien Zweier Sitz. Auf einen Vierer Sitz ganz hinten setze ich mich nicht, da man den Fahrgästen genau gegenüber sitzt und dadurch ständig Blickkontakt hat, wozu? Da man seitlich sitzt, kann man auch schlecht aus dem Fenster schauen und ist somit gezwungen seinem Gegenüber ständig in die Augen zu sehen. Vorne beim Fahrer sitzen mag ich auch nicht. Direkt hinter dem Fahrer, auf der linken Seite ist ein Sitzplatz für Behinderte. Man starrt direkt auf die Rückwand des Fahrers und muss sowieso gleich wieder aufstehen, sobald eine bestimmte Spezies in den Bus einsteigt. Der alte Mensch! Ich beschließe mich in die Mitte zu stellen, zwischen zwei Kinderwagen. Ich quetsche mich also an die Scheibe und halte mich am ausklappbaren Sitz fest. Der Sitz ist ebenfalls für Behinderte bzw. Rollstuhlfahrer. Also stehe ich auch wieder ungünstig. Die Fahrt dauert etwa eine halbe Stunde, „wird schon schief gehen“, denke ich mir. Ich stecke mir die Kopfhörer vom Handy in die Ohren und drehe die Musik laut auf. Es dauert keine fünf Minuten, da dreht sich eine alte Frau vor mir um und fordert mich auf die Musik leiser zu stellen. Ich schaue entsetzt. „Ich habe Kopfhörer auf, Hallo?“, dachte ich mir. Sagen kannst du aber nichts, denn dann wirst du gleich schief angesehen. Nach dem Motto: „Wie kannst du des wagen einer alten Frau zu widersprechen!“ Ich schnaube leise und drehe die Musik leiser. „Sie könnte auch ihr Hörgerät leiser stellen“, denke ich mir in diesem Moment. Der Motor ist übrigens zweimal so laut wie meine Musik. Ich starre aus dem Fenster und beschließe niemanden mehr anzusehen.

Zunächst habe ich auch meine Ruhe, der Bus hält an, Leute steigen ein oder aus. Wenig ältere Leute. Liegt vielleicht auch an der Gegend. Hier steigen meist Arbeiter oder junge Leute ein. In der Nähe befindet sich ein größeres Chemiewerk und mehrere Schulen. Nach etwa 15 Minuten ist es dann so weit. Der Bus nähert sich dem Riedsaumpark. Das bedeutet, dass er gleich abbiegen wird und am Seniorenheim hält. Und da wartet sie schon. Die Altersheim- Mafia. Eine Gruppe bestehend aus mehreren Senioren, die überwiegend in beige und hellgrau gekleidet sind. Sie tragen bequemes Schuhwerk, ebenfalls in den Farben hellgrau oder beige. Es scheint sich hierbei um die Arbeitskleidung der organisierten Belegschaft zu handeln. Ein Erkennungsmerkmal unter den Bandenmitgliedern, in den einzelnen Wohnbezirken gibt es jedoch nicht. Senioren halten überall zusammen. Die Frisuren wurden beim Friseur angefertigt, gelockt und unter der Trockenhaube. Einige tragen Brillen, Hörgeräte, Stöcke und grimmige Gesichter. Ich spüre Konflikt und schlechte Laune. Jedes mal wenn ich mit diesem Bus fahre, wünsche ich mir, dass er doch einfach die gerade, ewig lange Hauptstraße durchfährt ohne diesen unnötigen Zwischenstopp am Altersheim einzulegen. Dummerweise befindet sich hinter dem Altersheim das große Freibad, sodass dem Busfahrer nichts anderes übrig bleibt als dort anzuhalten.

Der Bus nähert sich der Haltestelle. Aus der Ferne kann ich einen kleinen Menschenauflauf erkennen. Mehrere alte Damen und Herren haben sich vor der Haltestelle versammelt und scheinen aufgeregt umher zu laufen. Bei der Anzahl der Fahrgäste könnte man auf einen Bus oder Kaffeefahrt tippen. Der Bus fährt an und hält direkt vor der Haltestelle. Einige Fahrgäste machen sich im Bus bereit aus zusteigen. Jetzt kann ich die Gesichter der alten Herrschaften erkennen. Es sind grimmige Gesichter. Die Seitentür öffnet sich. Die Fahrgäste im Bus machen sich bereit zum Aussteigen. Es wird hektisch und unübersichtlich. Die alten Herrschaften aus dem Seniorenheim drängen in den Bus und lassen den aussteigenden Fahrgästen kaum eine Möglichkeit den Bus zu verlassen. Ein Gerangel beginnt. Die jungen Leute regen sich auf und bitten die älteren Damen und Herren doch gefälligst zu warten, bis diese den Bus vollständig verlassen haben. Nur grimmige Gesichter. Die alten Frauen stürmen in den Bus. Sie teilen sich professionell auf, wie man es sonst nur von Fahrkartenkontrolleuren kennt. Teamwork. Hier sind Profis am Werk. Eine Geste und zwei ältere Damen gehen direkt nach vorne zum Fahrer, setzen sich und winken ihren männlichen Anhang zu sich.
Eine junge Frau sitzt auf dem Behinderten Sitz, direkt an der Fahrer Rückwand. Eine der alten Damen baut sich vor ihr auf. Die junge Frau nimmt die Kopfhörer aus den Ohren und hört der Dame aufmerksam zu. Aber die alte Frau gibt nur komische Laute von sich und winkt hektisch mit der Hand, dass sie gefälligst aufstehen soll. Ein weiterer Finger zeigt auf das Schild an der Fahrzeugdecke. Es liegt zwar keine Berechtigung vor, da die alte Dame nicht behindert zu sein scheint, aber wer diskutiert wohl in einem überfüllten Bus mit Senioren. Was bleibt der jungen Frau also anderes übrig, als sich zu erheben und aufzustehen. Die alte Frau setzt sich hektisch und breitet ihre Tüte aus, damit sich ja niemand neben sie setzen kann. Dieser Platz wurde ja schließlich hart erkämpft. Platz- Markierung moderner Art. Dann dreht sie sich nach hinten und ruft eines ihrer Bandenmitglieder zu sich. Ein etwas dickere Herr eilt nach vorne und setzt sich wie ein Stein auf den Sitz. Die junge Frau hingegen kämpft sich durch den überfüllten Bus und bleibt neben mir mit dem Körper an die Scheibe gepresst stehen und schnaubt. Sie steckt die Kopfhörer in die Ohren und schaut aus dem Fenster. Ich sehe wie sich zwei weitere Herren, Sitzplätze auf die gleiche dreiste Weise ergaunern. Sie fordern sogar schwangere Frauen auf, aufzustehen. Es gibt aber auch ältere Damen die tatsächlich stehen bleiben und sich nicht setzen wollen, da sie ein oder zwei Haltestellen später sowieso aussteigen. Die andere Hälfte der Altersheim- Mafia wandert nach hinten und fordert Alle jungen Leute auf, sich zu erheben und Platz zu machen. Der Bus fährt längst weiter und schüttelt die Fahrgäste durch, die jetzt ihren Platz wechseln müssen. Die schwangere Frau wird nach hinten geschleudert und von anderen Fahrgästen aufgefangen. Ein Gemurmel und Raunen geht umher. Die alten sitzenden Damen bestätigen sich in ihrer Vorgehensweise gegenseitig und wirken zufrieden, fast schon selbstgefällig. Sie haben bekommen was sie wollten, einen Sitzplatz, koste es was es wolle. Die alten Herrschaften unterhalten sich untereinander und demonstrieren ihre Platzhirsch- Qualitäten. Sie reden über den Wetterwechsel und das es früher ganz anders war. Ich lausche zwei befreundeten alten Frauen. Sie unterhalten sich über die steigenden Preise und das es zu D-Mark Zeiten noch ganz anders war. „Heute kann man sich ja schon gar nichts mehr leisten“, sagt eine der beiden Damen und verzieht dabei ihr Gesicht. Ihre Begleitung nickt. Ich muss mir die komplette Krankenakte der Damen anhören. Welche Stellen ihres Körpers schmerzen, bei welchen Ärzten sie schon waren. Angeblich finden die Ärzte ja nichts. Sie jammern über ihre Männer, die noch am Leben sind, Enkel die sie nicht besuchen. Die Kinder die nie anrufen. Die eine Dame starrt abwechselnd aus dem Fenster, dann wieder durch den Bus. Immer auf der Suche nach Lästereien, Unstimmigkeiten. Man hat der schwangeren Frau inzwischen einen Sitzplatz angeboten. Vier Haltestellen weiter, erhebt sich die komplette Altersheim- Mafia und versammelt sich an den jeweiligen Türen. Wir nähern uns einer weiteren Senioren Residenz. Sie drängen sich nach vorne. Als der Bus anhält, drücken sie auf den Halte Knopf und ermahnen den Busfahrer auch zu halten. Dieser hält natürlich vorschriftsgemäß. Jene Fahrgäste die in den Bus einsteigen wollen, kommen nicht dazu, da sich die organisierte Belegschaft herausdrängt und gleichzeitig die neuen Fahrgäste ermahnt, sie erst einmal aussteigen zu lassen. Höflichkeit muss sein. Die Gruppe beschwert sich untereinander, was nur aus den jungen Menschen geworden ist. „Früher hatte es so etwas nicht gegeben, da kannte man noch Anstand und Respekt gegenüber älteren Leuten“, rief eine der alten Damen in den Bus. Die Gruppe zieht ab und der Bus leert sich. Ruhe kehrt ein und ich kann die letzten zwei Haltestellen genießen, bis auch ich aussteige.


© Daniela Schmidt


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Szene aus dem Alltag

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