(…)
Er konnte sich nur verlegen räuspern. Sekunden verstrichen, und er schwieg weiter in durchaus glücklicher Nachdenklichkeit. Ergötzte sich bald an jedem verlangsamten Atemzug dieses Abends, den Zentimetern prickelnder Luft zwischen seiner und ihrer Hand, dem sehnigen, Sehnsucht weckenden Geräusch ihrer brustlangen, brünetten, zu einem unkomplizierten Zopf zusammengebundenen Haare, wenn sie sie hin und her warf, um Keilformationen von Gänsen im tintentiefblauen Himmel zu beobachten.
Was interessierte ihn der tägliche Morgen, der noch so ferne Sonntag, selbst die Unberechenbarkeit der kommenden Nacht! Julia war jetzt da, das Leben vor dem kleinen Tod. Sie hatte ihn nicht auf ihre schwarze Liste gesetzt, und am Ende … also, am richtigen Ende jenes zweiten Dates fiel sie Daniel in die Arme – gleich einen halben Kopf kleiner als er. Und dann entschuldigte sie sich noch dafür.
„… dass ich so rührselig geworden bin. Ich bin schon 35 und müde … von allem.“
„Oh!“, rief er. Elf Jahre älter!
„Ja. Das hast du nicht erwartet? Aber spielt es eine Rolle? Keine. Und das Spiel hat auch keine Regeln.“
„Welches Spiel?“, fragte er misstrauisch und doch ausgesprochen begierig.
„Vergiss es. Ich spiele nicht mit dir. Ich bin nur mega müde. Selbst jeder Urlaub ist so rosig wie der Novemberhimmel. Ein Trip durch den Regen, der, obwohl er meine flüchtigen Tagträume verdunkelt, mir die Augen aufmacht für meine Einsamkeit. Halt mich fest, denn genau das will ich – endlich anhalten.“
Und so hielt Daniel sie zaghaft wie ein absolut tierfremder Mensch eine schmusende Katze in seinen Armen und dachte, dass das schnell mit den Wimpern schlagende Einstürzen ihrer hartweiblichen Fassade so gut wie einer Entscheidung für ihn gleichkam.
Nun stand er leicht zitternd vor Aufregung mit dem Rücken zu ihr in der Kochnische seiner Einzimmerwohnung und kochte Spaghetti ohne Bolognese. Sie beobachtete ihn gefühlt minutenlang. Was fand sie an ihm? Äußerlich war Daniel nichts Besonderes. Und innerlich war da ein Hauch des Rätsels, mit dem auch Männer – schüchterne Männer – sich unbewusst umgeben und das einen gewissen Reiz auf Frauen gerade vom Gegenpol ausübt.
Ja, das war es vielleicht. Der Rest purer Lottogewinn, dass Julia in ihrer ewig langen Partnersuche gerade bei ihm stehen bleiben wollte. Eine 20-Jährige, die vom Alter her eigentlich viel besser zu ihm passen würde, wäre nicht so schnell bereit, ihre Ansprüche herunterzuschrauben, gar über Bord zu werfen … womit Julia im Prinzip ihr Segelschiff, das sein heimisches Ufer ansteuerte, von der Last der Jahre befreite.
Die bisher längste Sendepause zwischen ihnen dehnte sich weiter. Schließlich warnte Daniel Julia, die an dem kleinen, runden Esstisch wartete, vor den Fremdgeräuschen um seine Wohnung herum, auf die sie sich schon mal einzustellen hätte, wenn … Wenn was? Wenn sie bei ihm statt im Hotel übernachtete? Heb bloß nicht ab, Junge! Hoch oben im Weltraum sind zu viele Wege offen. Du würdest vor Aufregung gar keine Luft mehr kriegen.
Julia wollte gerade etwas sagen, vielleicht dass ihr das nichts ausmachte, als ein Poltergeist quer über die gesamte Decke mit High Heels klopfte, in den Flur hinausstürmte, begleitet von einem zweiten mit Krücken. Der Krach ließ das Treppenhaus gleich daneben erzittern, als ob eine Horde durstiger Nashörner eine Wasserquelle in einer unaufgeräumten Lagerhalle entdeckt hätte. Nichts gegen den vorübergehend behinderten jungen Mann (warum benutzte er nur den Aufzug nicht?), doch seine Freundin nahm aus Freude über ein geiles Leben, wo man wahrscheinlich nicht jeden Morgen zur Arbeit aufstehen musste, anscheinend bis zu fünf Treppenstufen auf einmal.
„O nee!“, gab Julia bei. „Wie kannst du dich bei dem Lärm in deine Skripte reindenken?“
Weg waren sie. Und würden bestimmt mitten in der Nacht mit Fanfaren zurückkehren …
„Das ist deine Zahnpasta!“, meldete sich wie ein Echo eine einsame, umso lautere Stimme aus der Wohnung unten – der mit dem verzweifelten, mal ganz hart arbeitenden, mal ganz arbeitslosen Vater und seinem pubertierenden Sohn. Da erschrak Julia wirklich. Auch Daniel stieß versehentlich einen Holzrührlöffel vom Spaghetti-Topf weg. Der Löffel ging auf eine weitere Reise als erwartet – bis vor Julias Füße.
„Streiten die jetzt auch noch darüber, wer in der Familie so unsparsam die Zahnpasta von der Bürste ins Waschbecken fallen lässt?“, versuchte Daniel einen winzigen Scherz. Seinen ersten. Er hob den Rührlöffel auf.
Der fiel ihm fast wieder aus der Hand, weil er bei vollem Licht Julias Gesicht ganz kurz in seiner Nähe hatte. Jetzt, wo sie ihm ihr wahres Alter verraten hatte (im Dating-Portal war sie nur 27), wusste er, woher die ersten Fältchen, Grübchen und Hügelchen darauf rührten. Und sie hatte etliche kleine Pickel. Sie unterstrichen seiner Einschätzung nach nur ihre natürliche Schönheit.
In ihr Gesicht mit den vollen Lippen zu blicken, war wie einen vollmundigen Wein vom besten Jahrgang zu trinken.
Ihre Nasenflügel hoben und senkten sich hauchzart wie das zitternde Fell eines Mäuschens.
Den colabraunen Augen war jede Unschuld verlorengegangen, und doch schaukelte bedenkenlos Vorfreude in ihnen gleich einem Boot auf nächtlichem See.
Ihre dünne Bluse straffte sich über ihre rundseitigen Brüste und brachte sie einladend zur Geltung. Schau, auch wenn wir für dich ganz verdeckt sind – wir sind da.
Indessen traute er sich nicht zu der Taktlosigkeit, dies nicht auszublenden. Es war Julias Körper, bei dem für ihn die Regel galt: im Notfall gucken, aber nicht anfassen.
Das Spiel hat keine Regeln.
Ein Mann empfindet überwiegend optisch, doch Daniel war der schöne Klang ihrer perfekt artikulierenden Stimme nicht entgangen. Es machte ihn schwindlig, wenn sie so unbefangen, voller Lust sich mit ihm unterhielt, während sie sich die karge Abendmahlzeit schmecken ließen. Sie ging auf jede noch so aus den Fingern gesaugte Bemerkung von ihm ein und senkte lediglich den Blick auf ihren Teller, wenn sie nachfragte.
Weil er mit der Sauce Bolognese nicht zurechtgekommen war, hatte er einfach Würstchen gebraten; dazu gab es Ketchup und Salat aus Paprika und Gurken. Julia aß alles manierlich wie in einem Restaurant auf, wie damals beim ersten Date.
Nach dem Essen machte er sofort den Abwasch. Wieder stand er gleich einem für seine Streiche in die Ecke gestellten Lausbuben mit dem Rücken zu ihr und dachte: Ende der Vorstellung, als sie plötzlich aufstand und ihn von hinten umarmte.
Röte kroch über Daniels Gesicht. Aber vielleicht war sie schon lange da, wie die Hitze auf der Sonnenseite vom Merkur. Ein lächerlicher Gedanke, sich jetzt noch aufs Abspülen zu konzentrieren! Er drehte sich bangen Herzens um, die Restwärme des Kochtopfs im Rücken, und in diesem Moment stürzten sich Julias Lippen auf seine.
Ihm wurde schwarz vor Augen … und nass. Gott, sein halbes Gesicht war nass! Er hatte einfach nicht gewusst, dass das Küssen etwas so Chaotisches sein konnte. Julia war in seine Umarmung gerutscht wie schon bei dem letzten Mal im Park, doch diesmal presste sie sich regelrecht an ihn. Er spürte ihre Brüste zwischen ihren Körpern, so deutlich wie ein Märchenprinz zwei Erbsen, aber eher Wassermelonen unter seiner Matratze und Eiderdaunendecke. Und das Erstaunlichste war nicht einmal das gnadenlose Zupfen ihrer Lippen an seinen, nicht der vage Mentholgeschmack aus ihrem Mund zusammen mit ihrem Damenduft Chanel, sondern dass Julia die Augen geschlossen hielt. Ob sie es wirklich so genoss, es mit dem Vorspielen des Genusses ein wenig übertrieb oder geschlossene Augen automatisch zu einem richtigen, langen Kuss gehörten – der Anblick ihrer halbmondigen, schwarzen Wimpern stahl ihm endgültig den Atem.
Natürlich war es sie, die den Kuss abbrach. Daniel hatte noch kein Gefühl für den passenden Zeitpunkt. So bewegte er vermutlich komisch einige Sekunden lang seine Lippen durch leere Luft. Bis er selbst die Augen öffnete … Auf Julias Gesicht lag ein Musenlächeln, ihre Augen waren jetzt schmal und leuchteten verführerisch wie helle Sterne hinter dunklen Planeten. Er wähnte sich wahrhaftig nicht mehr auf dieser Erde, im fortgeschrittenen Stadium der Trunkenheit. Selbst verflüssigt zum süßen Wein, verlangte es ihn, weiter in Julias Mund zu fließen. Er zog sie zum Bett, und sie ließ sich ziehen, nein, sie presste sich gegen ihn Richtung Bett. Sie waren zwei, die dasselbe wollten, aber, überrascht von der Leichtigkeit der Hormone, noch Widerstand erwarteten.
Es kam der Moment, da benötigte Daniel eine Verschnaufpause, um zu sich zurückzufinden, zu verarbeiten, was das viel zu schnell sich drehende Riesenrad der Empfindungen mit ihm anstellte. Doch die Zeit gab sie ihm nicht. Ihre Erfahrung überwog die der weiblichen Natur eigene Zögerlichkeit.
Mit einer raschen, geübten Bewegung flog ihre rote, mit einem Muster aus Glitzersteinchen bestickte Bluse gegen die Gardinen. Bei so viel von Julias langbeinigem Körper war da immer noch ihr schönes Gesicht, auf welches er sich konzentrierte … Julia, nur Julia … Ihr leicht offener Mund lockte ihn, wie gefährliche Sackgassen einer wildfremden Stadt eine mutige Nachtabenteurerin unterbewusst locken. Woran dachte sie gerade, kaum hörbar die Luft einsaugend? Er glaubte, dass das Begehren einer Frau selbst in so einer intimen Situation sich ihm nicht erschließen würde …
„Darf ich?“, hauchte er ihr leise wie von Blume zu Blume ins Ohr.
Julias BH war am mittleren von drei Ösen-Paaren eingehakt. Die erste Öse hakte Daniel praktisch mit einem Finger aus. Was soll man dazu sagen – handwerkliches Talent. Die zweite Öse leistete mit vermehrter Zugkraft gemeinen Widerstand.
„Versuch’s mit den Zähnen“, scherzte Julia, in die Nervosität einer gerade flugfähig gewordenen, jungen Schwalbe vor dem Gewitter verfallend.
Einem treuen Diener gleich, beherzigte der Unerfahrene den Tipp, wo ihre Hand sich doch schon zum Hakenverschluss schlängelte, um ihm die Arbeit abzunehmen. Nichtsdestotrotz landete sein Mund auf ihrem Rücken. Wie ein liebevoller Tornado die tropisch heiße Erde küsste er sie wüst … ihre mit feinsten Härchen bedeckte, makellos kondensmilchweiße Haut mit dem leicht salzigen Geschmack archaischer Fleischeslust, bereitwilliger Ergebenheit. Längst hatte er sie auf der kühlen Bettdecke, die sich von ihrem selbstvergessenen Duett schnell wärmte, umgedreht. Etwas Gläsernes kollidierte kalt mit seinen Zähnen – ihr Halsketten-Herzchen aus Lamellenobsidian. Wahnsinn, dass er bei alledem wohl wenig falsch machte, keine seiner Liebkosungen ihr unangenehm war! Immer wilder berauschte er sich an der endlosen salzigen Süße ihres Oberkörpers, ihrer weiblichen Weichheit …
Des Vollmonds durch rauchige Gardinen noch matteres, milchiges Licht triefte genau auf Julias entblößte Oberschenkel. Ihr traumhaftes Becken zitterte in angespannter Erwartung. Das obligatorische Getue der überkinderten Familie rechts und natürlich der Heimkehrer aus irgendeinem Tanzlokal für Jugendliche oben, das ihn immer paranoid stimmte, hatte sich zerstreut in gelegentliche, harmlose Lärmimpulse. Vielleicht hielt das Nachbarpärchen ja gerade wie zwei Seetaucher die Luft an, durch die selbst verursachten Gucklöcher im Fußboden das melonenklebrige Abenteuer zwischen Julias gespreizten Beinen spannend. Wie Daniel, beinahe verzagend, die Rollen von seinen verwöhnenden Lippen und Fingern immer wieder vertauschte, auf der Suche nach einer bequemeren Variante des immer noch männermäßig spärlichen Multitasking. Bis die letzte Eisscholle aus vom Alltag unterdrücktem Verlangen einen dampfenden Wasserfall hinunterstürzte. Innerhalb von Sekunden durchlief Daniel eine kleine emotionale Evolution. Wie von Sinnen küsste er Julias Gesicht ab … auf Augen, Wangen, Mund … während sie bar jeglicher Selbstbeherrschung einen gewaltigen Höhepunkt erlebte, der sie von den lila pedikürten Zehen bis in die Haarspitzen durchschüttelte …
Die Nacht ging mit dem Mond fort. Das Bett war etwas zu eng für Bequemlichkeitswünsche. Wo sein angehobenes Knie sich positionieren wollte, war ihr Allerwertester in gewitterblauem Tanga, der die Sintflut überstanden hatte, ihm im Weg.
Er ließ bis zum Schluss seine Jeans an. Fast wie einen Trauerhandschuh, den man noch lange weiter trägt, zu Ehren des Beerdigten.
Beim Aufwachen strich ein warmer Wind über Daniels Mund. Ein rhythmischer, zärtlicher Wind. Die nebeneinander ans Ufer gespülten und ewig verharrenden Muscheln ihrer Lippen waren sich so nah, dass zwischen ihnen fast das Perlmutt des Speichels floss. Sie atmete in seine Nase aus, er in ihre. Eine Art Kohlendioxid-Abtausch. Doch erschienen diese Hauche nicht verbraucht, sondern lebendig, wattiert mit bereits keimender Vertrautheit.
Ihre Augenbrauen faszinierten ihn nicht minder wie ihre Wimpern. Es waren schwarze Regenbögen, welche die subtile Schönheit ihres höchstens für jemand, der täglich mit Topmodels zu tun hatte, nicht außergewöhnlichen Gesichts unterstrichen. Daniel verirrte im Chaos der Bewunderung dieser Schönheit, die man besonders im Morgenlicht, das den Raum okkupierte, für einen unfassbaren Moment entdeckte. Glücklich derjenige, der diesen Moment der Erhellung in seiner Blindheit nicht verlor.
Diesen Samstag mit seinen Fliedergerüchen und Frühlingsgefühlen; mit dem erlaubt verbotenen Rauchen der Drogen aus von der Nacht zu Füßen von Weisheitshügeln gerollten und manchmal auf deren Gipfel getragenen Wahrheitskugeln; mit der Erinnerung an Julias glänzend dunkle Bettfluten im Pfauenauge eines Ölflecks auf dem Asphalt wie auch in den Regentropfen, von einer sich waschenden Amsel versprüht … diesen Samstag mit den panischen Tanzschritten vor einer flitzenden Küchenschabe, und sogar die erschienen Daniel romantisch, widmeten sie ganz einander, nur einander.
Ella Sommerhain
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Beschreibung des Autors zu "Nur ein Wochenende"
Das ist ein Auszug aus der Erzählung "Nur ein Wochenende", enthalten im Erzählband "Sonnen und Kometen", 2025. Mehr zu diesem Buch auf der Autoren-Website: https://schachmax.jimdofree.com/deutsch/bücher/sonnen-und-kometen-2025/
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