Er war mir unabhängig voneinander von zwei Freundinnen empfohlen worden. Beide schwärmten beinahe ekstatisch von den Dingen, die dieser Mann mit seiner besonderen Gabe zu leisten vermag: Worte wie “horizonterweiternd”, “übermenschlich”, “unbezahlbar” begleiteten die offensichtlich unbeschreiblichen Erlebnisse, die man sich unter seinen Leistungen so erwarten konnte. “Wenn du ihn siehst, würdest du das echt nicht erwarten …”
Also gut! Als ich endlich zustimmte, die Dienste dieses Wunderknaben in Anspruch zu nehmen, gackerten meine Freundinnen vor lauter Aufregung.
Bis zum ersten Termin sollte es jedoch noch einige Wochen dauern – offensichtlich war die Warteliste entsprechend lange.
Es war ein grauer Dienstagnachmittag. Schwere Regentropfen kündigten den Herbst an, als ich mich in den Hauseingang und auf den goldenen Klingelknopf “Top 4” drückte. Ein Surren ließ mich ins Treppenhaus.
Im Spiegel des Fahrstuhls überprüfte ich mein Erscheinungsbild. Lächerlich, eigentlich, schließlich zahlte ich für die Leistung und musste hier niemanden von mir überzeugen.
“Hallo, schön, dass du da bist”, kam mir eine kräftige Hand aus einem Poloshirt an der Wohnungstüre entgegen, “komm rein und mach’s dir erstmal gemütlich”.
Er deutete auf eine Sitzgruppe, in deren Mitte eine Wasserkaraffe samt Rosmarin und Zitronen bereitstand.
“Du bist zum ersten Mal bei mir, stimmts? Ich werde darauf achten, dass es dir gut geht. Natürlich werde ich nichts machen, was du nicht willst oder dir weh tut. Bitte gib mir das einfach zu verstehen, indem du mich direkt ansprichst oder dich einfach abwendest. Hast du Fragen, oder möchtest du, dass wir beginnen?”
Während seiner Erklärungen schaute mir ein freundliches, grün gesprenkeltes Augenpaar ins Gesicht. Hätten diese schönen Pupillen nicht diesen trüben Schleier, man würde nicht ahnen, dass ihr Besitzer blind ist. Als ob er meine Gedanken lesen könnte, setzte er hinterher “Ich bin übrigens nicht völlig blind, nur zu fünfundachtzig Prozent sehbehindert. Umrisse und starke Kontraste kann ich wahrnehmen, aber für mehr reichts nicht”.
Er lächelte und deutete auf einen Paravant: “Und nun darfst du dich ausziehen”.
Es fiel mir überraschend leicht, mich vor einem Mann auszuziehen, der mich nicht sehen konnte. Als mir das klar wurde, kroch das schlechte Gewissen in mir hoch - seine Sehschwäche machte mich entspannter - wie unsinnig und unfair… Ich schob den Gedanken zur Seite, als ich nur noch im Slip hinter dem Paravent hervor trat.
Draußen trommelte mittlerweile der schwere Sommerregen auf das Fensterbrett. Die wallenden Gardinen ließen die noch warme, feuchte Luft ins alte Mauerwerk einziehen. Dieses Hintergrundgeräusch war mir angenehmer als jede Entspannungsmusik.
Ich legte mich auf den Bauch, meine Arme ganz nah am Körper. Mit eingespielten Handgriffen zog er ein zartes Tuch über meinen Po und meine Beine. Kurz kitzelte es an den Fußsohlen, als sich der kühle Stoff an die Kurven meines Körpers legte.
Ich vernahm das Geräusch reibender Hände, als er das Rosmarinöl in seinen Handflächen wärmte. Die würzige Prise tauchte mich mit einem Atemzug in eine Landschaft sanfter Grüntöne.
Warme, weiche Hände berührten meine Schultern. In flächigen, nahtlosen Kreisen verteilte er das warme Öl auf meinem Rücken, im Nacken, zwischen meinen Schulterblättern, die Wirbelsäule entlang bis an den Poansatz. Ich spürte Wärme und Haut und hätte nicht sagen können, ob es Finger waren oder zerfließende Flächen, die über meine Hüften den Weg zurück auf meine Arme fanden und wieder im Nacken landeten.
Seine Bewegungen lösten sich in meinen Körperteilen auf. Keine Pause unterbrach diesen zarten Fluss, kein Stocken irritierte meine Sinne. Wie Schwanenflügel fühlte ich meine Arme, die er ohne jegliche Mühe meinerseits kreisen ließ. Lag ich überhaupt noch in einem geschlossenen Raum, oder war ich schon davongeflogen?
Berührungen glitten über das zarte Tuch, über meinen Po, weiter entlang der Schenkel. Es war, als kannten seine Hände jede Spur, jede Gabelung, jede Mulde meines Körpers. Kein lautes Wort wollte ich formen, als er sich die Erlaubnis holte, das Tuch abzunehmen. Ein leises Schnurren sollte ihm Zustimmung genug sein. Ölig-weiche Berührungen mischten sich mit unserer Wärme, mischten sich mit Regentropfen und dem Duft des Waldes. Seine Finger glitten an meinen Waden entlang, kneteten jede Zehe, strichen über die Kniekehle, an den Oberschenkeln entlang, wichen aus, wo Intimität beginnt und tauchten meinen Körper für die nächste Stunde in einen See tiefster Entspannung.
“Wenn du so weit bist, kannst du die Augen langsam öffnen.”
Schwerelos und benommen kehrte ich ins Jetzt zurück. Ich bemerkte die Stille, die der Regen hinterlassen hatte, vernahm die hohen Mauern des alten Raumes, atmete den Duft nach Wald und Erde und Rosmarin, der an uns beiden haftete.
Seine trüben Augen schenkten mir ein warmes Lächeln. Ich bin sicher, er konnte meine Glückseligkeit spüren, auch wenn er meinen neugeborenen Körper nicht sehen konnte.
Als ich wieder bekleidet hinterm Paravent hervorkam, drückte mir einen vorgedruckten Rechnungszettel in die Hand. “Einen Teil der Ganzkörpermassage übernimmt übrigens die Krankenkasse. Ich freu mich, wenn du wiederkommst.”
Unregistrierter Besucher Gunnar Buchheister
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Beschreibung des Autors zu "Blindlings"
"Blindlings" entstand nach einer Aufforderung zum gemeinsamen Schreibspiel eines geschätzten Autorenkollegens. Der Titel und das Element "Stoff" nahm ich liebend gern zur Inspiration für den nun daraus entstandenen Text... Nachdem es ja ein Spiel ist, wollte ich mit Erwartungen genauso spielen wie mit Worten. Viel Spaß beim Lesen - ich hatte ihn auf jeden Fall beim Schreiben. :)
Kommentar:Hi, man merkt dir den Schreibspass auch beim Lesen an. Wundervoll. Auch, wie du zunächst auf eine falsche Spur lockst. Ja, unsere Sehnsüchte und Wunschvorstellungen ergänzen oftmals in eine falsche Richtung - aber die Überraschung ist gelungen und in atmosphärischer Dichte darf man sich einer wunderbaren Massage hingeben. Das ist bald so schön, wie selbst massiert zu werden. Wie der Mime mit den Händen eine Welt erschafft, erschaffst du eine Welt mit Worten. Ich hab mich ganz hineinfallen lassen und werde sie sicher noch einmal lesen. Und wer weiß, ob das mentale Erlebnis nicht auch körperlich positive Wirkung zeitigt.
Nach meinem Schreibmarathon bin ich nämlich erst einmal ganz schön verspannt. ;-))
Liebe Grüße
Gunnar
Kommentar:Schön zu lesen, dass du dich fallen lassen konntest. Hoffentlich funktioniert der "Plan", dass die Massage ihre Wirkung voll entfaltet. Sonst vielleicht vorlesen lassen, Augen schließen und entspannen ...
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