Kapitel -2: Tatort 3.6

© grok

Tatort 3.6
Horst war ein Überbleibsel einer alten Welt. Als Privatdetektiv wurde er immer dann gerufen, wenn die staatliche Bürokratie an ihre Grenzen stieß. Es gab zu wenig Kommissare für zu viele Verbrechen in diesem neuen Berlin, und die künstliche Intelligenz der Behörden konnte nur das verarbeiten, was man ihr fütterte. Roboter patrouillierten zwar durch die Sektoren, doch das Misstrauen der Menschen gegenüber den emotionslosen Maschinen saß tief. So landeten die Akten schließlich bei Männern wie ihm.
Horst blätterte durch die digitalen Berichte. Viel war bisher nicht zusammengetragen worden. Zwei Mordfälle, beide Male waren die Täterinnen geständig. Sein Auftrag klang nach Routine: Die Daten für die KI aufbereiten, alles verknüpfen und an die Staatsanwaltschaft übermitteln.
Doch etwas stimmte nicht. Beide Frauen gaben an, sich an die Tat zu erinnern, konnten aber beim besten Willen nicht erklären, warum sie gemordet hatten. „Für diesen Kleinkram bin ich mir eigentlich zu schade“, grummelte Horst vor sich hin.
Die KI braucht ungewöhnlich lange zum Bearbeiten. Hat er zu viele Parameter zum Überprüfen eingegeben? Der Job muss schnell gehen, sein Geld wurde schon überwiesen. Endlich warf der Rechner das Ergebnis aus. Das Programm blinkte: Bitte überprüfen – es gibt Überschneidungen.
Er blätterte durch die Seiten. Dick hervorgehoben: Psychiater Dr. Prügel.
Horst muss lachen: Kinderpsychologe Dr. Prügel – Peitsch. Ein Witz von einem alten Komiker, irgendwas mit »O« im Namen. Er erinnerte sich kaum – das war vor seiner Zeit.
Jetzt kommt doch der Schnüffler in ihm durch. Er gibt der KI die Aufgabe, nach weiteren Fällen im Zusammenhang mit Dr. Prügel zu suchen. Er beantragt, dass er weiter und außerhalb ermitteln darf, und macht sich schon mal auf den Weg.
Horst fährt mit dem Fahrrad. Private Autos gibt es fast gar nicht mehr – zu teuer, wenige Ersatzteile, und Strom gibt es nur zwölf Stunden am Tag. Die öffentlichen Verkehrsmittel können besser planen und werden auch von Firmen gesponsert.
Auf dem Weg zu dem Herrn Doktor macht er einen kurzen Stopp am Imbiss: Eierreis mit Tofu, etwas scharf, ein kleines Bier dazu. Lecker.
So gestärkt fährt er weiter. Mittlerweile hat er auch das Okay von der Polizei. Auf seinem Kommunikator sieht er, dass es zehn weitere Fälle gab, in denen der Name des Doktors vorkam.
Vor dem Haus, in dem Dr. Prügel seine Praxis hat, schließt er sein Rad an und geht, nachdem er sich am Eingang legitimiert hat, die Treppe hinauf. Es kommt ihm eine unscheinbare Frau entgegen. Beim Vorbeigehen bemerkt er einen Duft, der von der Frau ausgeht. Automatisch blickt er ihr nach.
Horst geht weiter bis zur Praxis. An der Anmeldung schildert er sein Anliegen, aber schon hier wird er unter dem Vorwand der ärztlichen Schweigepflicht hinauskomplimentiert. Schon beim Eintreten und jetzt beim Rausgehen sieht er die vielen Fortbildungsurkunden. Bei den meisten Fortbildungen ging es um Hypnose.
Auf dem Weg zum Ausgang bekommt er weitere Infos zu Dr. Prügel. Auch bei den zehn alten Fällen ging es um Mord, und die Frauen konnten sich alle nicht erinnern, warum sie es taten.
Horst setzte sich auf sein Bike. Langsam radelte er los. Er überlegte. Eigentlich war die Sache klar: Der Doktor mit den Hypnose Kenntnissen war verantwortlich. Warum, wusste er nicht.
Beim Dahinrollen nahm er einen Duft wahr – den hatte er vor Kurzem erst gerochen. Er sah sich um. Die Frau aus dem Treppenhaus bog in die Seitenstraße ab.
Horst folgte ihr. Sie lief schnell und zielstrebig die Straße entlang. Nach einer halben Stunde blieb sie vor einem Haus stehen, guckte sich das Klingelschild an. Die Haustür war offen. Sie ging hinein.
Schnell schloss Horst sein Rad an und folgte der Frau. Im Vorderhaus hörte er Lärm. Er rannte nach oben. Eine Tür im zweiten Stock war geöffnet. Aus der Wohnung kam der Lärm. Er stürmte hinein. Es rumpelte aus der Küche. Horst rannte hinein und sah, wie die Frau einen älteren Herrn zu Boden gebracht hatte. Er wehrte sich, so gut er konnte, hatte aber keine Chance gegen die Frau, die ihn jetzt mit beiden Händen würgte.
Horst riss an ihrem Arm, um sie vom Mann zu lösen. Sie machte eine schnelle Drehung ihres Oberkörpers und schlug ihm mit der Faust in den Bauch. Horst taumelte zwei Schritte zurück. Vor Schmerz krümmte er sich. Die Frau war sofort wieder bei dem Mann, um ihn weiter zu würgen. Horst nahm sich zusammen, legte seinen Arm V-förmig von hinten um ihren Hals und hielt seinen eigenen Bizeps. Mit der anderen Hand konnte er nun ihren Kopf nach vorne schieben und so die Schlagadern blockieren.
Sie ließ von ihrem Opfer ab und versuchte sich zu befreien. Sie griff nach Horsts Arm und versuchte ihn wegzudrücken. Horst musste alle Kraft aufwenden, um dagegenzuhalten. Er war überrascht, wie viel Energie sie hatte. Die Sekunden kamen ihm vor wie Minuten. Seine Kraft schwand. Als ob er im Todeskampf wäre, gab er alles, um sie nicht loszulassen. Seine Atmung ging nur noch stoßweise. Er ächzte.
Nach sehr langen zehn Sekunden merkte er, wie sie merklich an Kraft verlor und zusammensackte. Er hielt noch kurz – es könnte ja ein Trick sein – dann ließ er sie los. Er wollte sie ja nicht umbringen.
Der ältere Herr fragte: „Ist sie tot? Wer ist sie? Wer sind Sie?“
Völlig erschöpft und schwer atmend: „Ich bin im Auftrag der Polizei hier. Sie ist nicht tot. Weiteres kann und darf ich nicht sagen.“
„Dann sollten Sie die Frau fesseln. Die ist doch sehr gefährlich.“
Gute Idee, denkt Horst, er muss sich erst mal sammeln. Erst jetzt dämmert es ihm: Das war sehr gefährlich. Er holt einen Kabelbinder aus seiner Tasche und fesselt mit zitternden Händen ihre Hände.
Jetzt erst sieht er sich die Frau richtig an. Er schätzt, dass sie um die 30 ist. Schlanke bis athletische Figur, wie er gerade am eigenen Leib feststellen konnte. Die Kleidung: ein Rock bis knapp unter die Knie, grau. Ausgetretene Schuhe, schwarz. Sweatshirt, dunkelblau. Alles sauber, aber auch nicht neu. Schwarze Haare bis zur Schulter. Wundervoll. Nach Horsts Nase riecht sie auch gut.
Auf dem Küchenstuhl liegt ein Kissen; er nimmt es und legt es der Frau unter den Kopf.
Der alte Mann protestiert: „Nehmen Sie das Monster mit. Raus aus meiner Wohnung. Dann noch verhätscheln – wollen Sie auch noch ’ne Decke, damit es der Mörderin gut geht?“
Horst versucht zu erklären: „Die Frau war hypnotisiert. Sie weiß nicht, was sie tut, und sie ist eine Zeugin, um den wahren Täter zu entlarven.“ … „Weswegen haben Sie die Tür überhaupt geöffnet?“
„Ich habe einen Handwerker erwartet. Der sollte den Auslauf für den Wasserhahn erneuern. Ich muss mit meiner Firma telefonieren.“ Er sprach es und ging ins Zimmer zum Telefonieren.
Die Frau wachte auf, Plötzlich schlug sie die Augen auf. Strahlendes Blau traf auf seinen Blick. Sie war etwas benommen. Sie guckte sich verwundert um. Horst nahm seinen Kommunikator und scannte ihre Arme. Ein Piep. Er sah auf den Bildschirm: „Aha, Josefine. 36 Jahre alt. Arbeitgeber: Zeitarbeit. Versicherungsnummer … egal. Also, Josefine, was weißt du? Woran erinnerst du dich?“
„Wer bist du? Und wo bin ich? Warum bin ich gefesselt?“ Josefine setzte sich auf. „Danke für das Kissen.“
„Ich bin Horst, arbeite für die Polizei und habe gerade verhindert, dass du jemanden tötest.“
Josefine versucht, auf ihre Beine zu kommen. Horst schickt eine Sprachnachricht an die Polizei. Nach 20 Sekunden kommt die Antwort: „Danke für deine Ermittlungen. Josefine weiter beobachten, aber nicht festsetzen. Keine Fluchtgefahr. Ende.“
Der alte Mann kommt in die Küche: „Typisch, da wird eine fast Mörderin einfach laufengelassen. Und wer repariert meinen Wasserhahn? Alles Scheiße! Nehmen Sie das Stück … und verschwinden Sie, ich muss zur Arbeit.“
Josefine hatte es geschafft aufzustehen. Sie stand vor dem Werkzeugkasten, den der ältere Mann hingestellt hatte, kramte darin herum, nahm einen Seitenschneider und schnitt geschickt ihre Fessel ab. „Als Entschuldigung für den Überfall kann ich Ihren Auslauf tauschen?“ Sie wartete die Antwort nicht ab, griff sich einen Universalschlüssel, stellte die Größe der Sechskantmutter ein, mit der der Auslauf befestigt war, schraubte den alten ab und den neuen wieder ran. Sie legte das Werkzeug zurück in den Kasten.
„Fertig. Komm, du Hilfspolizist, wir können gehen.“ Josefine sah Horst mit einem neckischen Blick an. „Ich muss nach Hause, mich umziehen und dann zur Arbeit. Hast du ein Fahrzeug?“
Horst war von ihrem Auftreten überrascht. „Ich habe ein Fahrrad.“
„Dann kann ich ja auf deiner Stange sitzen.“ Sie lächelt. „Deine Fahrradstange meine ich natürlich.“
Horst fand keine Worte, aber ihre freche Art fand er schön.
Der ältere Herr drängte sie aus der Wohnung: „Ich habe es eilig.“
Am Hauseingang stieg der Mann in ein schon wartendes Fahrzeug ein. Die Scheiben verdunkelten sich, und der Wagen surrte davon. „Er hätte uns wenigstens mitnehmen können“, witzelte Josefine, „immerhin lebt er noch.“
Gemeinsam auf dem Fahrrad radeln sie in Richtung von Josefines Wohnung. Sie sagt, wo es langgeht: links, jetzt rechts, geradeaus. Um sich festzuhalten, hat sie ihren Arm um Horsts Hals gelegt. Er genießt die Berührung sehr. Sie lachen viel auf dem Weg zu ihrer Wohnung – fast wie Teenager.
Nach einer Viertelstunde Fahrt: „Da vorne, das gelbe Haus, da ist mein Palast“, sagt Josefine. Vor der Tür schließt Horst sein Bike an und folgt ihr schnellen Schrittes.
Josefine geht durch das Vorderhaus durch, auf den Hof, dort zum Kellerabgang. Fünf Stufen nach unten, einen Gang entlang bis zum Ende, an mehreren Türen vorbei. Die letzte Tür schließt sie auf – Josefines Souterrainwohnung. „Komm rein, Kommissar, willkommen in meinem Reich.“
Die Wohnung – wobei »Wohnung« übertrieben war – ist ein karges Zimmer im Keller, die Küche direkt neben dem Klo. Mit Aussicht auf den Gehweg. Was er nicht gedacht hat: eine ganze Wand voll mit Bücherregalen. Davor ein Schreibtisch, auch voll mit Papieren.
„Ich bin überrascht, Josefine. Man erwartet nicht so viele Bücher bei einer Handwerkerin.“
„Na ja, Handwerkerin? Ich habe schon viele Jobs gemacht: am Imbiss, als Kraftfahrerin, auch im Büro, und jetzt als Hilfsarbeiterin, die Baumaschinen wartet, weil Roboter dabei kaputtgehen könnten. Was macht man nicht alles, um seiner Tochter ein besseres Leben zu ermöglichen.“
„Von einer Tochter stand gar nichts im Bericht über dich“, sagte Horst.
„Da steht auch nur drin, was die Sanduhr für wichtig hält.“
„Sanduhr?“ Horst war überrascht. Er überlegt. „Ah, du meinst EndZeit? Darüber hatte ich noch gar nicht so nachgedacht. Du hast aber recht – seitdem die Polizei nicht mehr staatlich ist, bezahlt die Firma alles. Kein Wunder, dass sie dich freigelassen haben. Aber warum …?“
„Ich habe mitbekommen, dass du Dr. Prügel im Verdacht hast“, denkt Josefine laut. „Die Sanduhr wird sich schon kümmern. Keiner entkommt denen.“
Sie geht zum Fenster und guckt hinaus. „Meine Tochter ist auf einer Ganztagsschule 24/5. Sonnabend und Sonntag ist sie bei mir – wenn ich Zeit habe. Sie heißt Thea und möchte Pilotin werden.“
Horst stellt sich hinter sie, ziemlich dicht. „Ist deine Tochter auch so schön wie du?“
Josefine greift nach hinten, nimmt seine Hände und führt sie nach vorne auf ihren Bauch. „Ich finde dich auch zum Anbeißen. Das hast du doch gemeint?“
Sie neigt ihren Kopf zur Seite, entblößt ihren Hals. „Ich habe Lust auf dich, aber kaum Zeit. Die Arbeit ruft.“ Sie führt eine Hand in ihren Schritt, die andere zur Brust. Die Hand im Schritt führt sie. Er beißt ihr zart in den Hals und knabbert daran. Sie schließt ihre Augen und genießt es.
Josefine kann sein bestes Stück spüren, seine Erregung. Sie greift nach hinten in seine Hose und reibt an seinem Schwanz. Sie hebt ihren Rock hoch, greift sich selbst in den Slip und befriedigt sich selbst. Man kann sagen: Josefine hat alles im Griff. Horst kommt zuerst, dann etwas später auch Josefine.
„Halt mich noch fest, Horst.“
Dass der Tag so eine Wendung nimmt, hätte er nicht gedacht. „Ich glaube, ich bin verliebt in dich“, gesteht er Josefine. Sie dreht sich zu ihm um und lächelt. Ein zarter Kuss auf seinen Mund.
Dann geht sie zum Kleiderschrank und holt einen Overall heraus. Sie zieht sich bis auf die Unterwäsche aus.
Horst sieht ihr zu: „Wow, Josefine, du siehst wirklich fantastisch aus. Wirklich athletisch.“
„Mund zu, Horst, nicht dass du sabberst.“ Provokativ flex sie mit dem Bizeps. Horst ist beeindruckt.
„Du hast mich von hinten gewürgt, als ich den alten Kerl angegriffen habe?“ fragt Josefine
Horst nickt. Fast schämt er sich dafür.
„Ich muss hypnotisiert gewesen sein. Sonst hättest du das nicht geschafft. Ich hatte mehrere Selbstverteidigungskurse gehabt.“ Sie lacht und zieht sich lasziv den Overall an. Der sitzt körperbetont.
„Kann man sich, Frau, darin bewegen?“ fragt Horst. Sie macht ein paar Kniebeugen, rudert mit den Armen und macht noch schnell drei Liegestütze.
„So, Horst, komm, bring mich zur Arbeit. Wenn ich vor dir sitze, verdecke ich auch den Fleck an deiner Hose.“
Er guckt an sich herunter – Samenerguss. Er zuckt mit den Achseln und folgt Josefine.
Die Fahrt zur Arbeit ist wieder sehr vergnüglich. Während der Fahrt fragt er sie, ob und wann sie sich wiedersehen können. „Gerne, aber ich werde demnächst zu einer anderen Baustelle versetzt. Ich weiß nicht, wie lange – ich werde mich melden.“
Am zukünftigen Raumhafen Tempelhof setzt er sie ab. Noch ein langer, intensiver Kuss. Dann verschwindet sie im Staub der Baumaschinen.
Bevor er sich auf den Drahtesel schwingt, klingelt sein Handy. Eine Sprachnachricht: „Ermittlungen im Fall Dr. Prügel beendet. Beschuldigter hat sich der Verhaftung widersetzt. Ist dabei verstorben.“
Hat Josefine recht gehabt – er entkommt nicht, denkt er sich. Und radelt nach Hause.
Unterwegs lässt er den Tag noch einmal an sich vorbeiziehen. Ein schöner und erfolgreicher Tag.
Ich liebe meinen Job.


© wunsch.zeit


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