Sabrina zögerte vor der Eingangstür. Das dröhnende Bassgewitter aus dem Inneren der Wohnung ließ die Luft vibrieren. Normalerweise wurde sie nicht zu Partys eingeladen. Warum auch heute? Sie hatte schon den Absatz gedreht, um wieder zu gehen, als die Tür mit einem Knall aufgerissen wurde. Ein Junge flog heraus, gefolgt von einem wütenden Tritt und dem Ruf: „Verpiss dich, du Grapscher!“ Er stolperte die Treppe hinab, und Sabrina musste ein überraschtes Lachen unterdrücken. Interessant. Vielleicht war die Stimmung hier ja doch nicht so bedrohlich, wie sie befürchtet hatte.
„Herzlich willkommen auf meinem Fest! Komm rein und hab Spaß – vor allem: Bring Spaß mit!“ Eine Stimme, warm und einladend, riss sie aus ihren Gedanken. Sabrina trat ein und spürte sofort die Energie des Raumes. Die große Wohnung war voller Lachen, Musik und vertrauter Gesichter. Da – Lisa! Ihre Kommilitonin von der Uni, die gerade mit einer Gruppe lachte. Und neben ihr... ihre Ex.
Lisa bemerkte Sabrina sofort und winkte sie heran. „Endlich! Ich dachte schon, du kommst nicht.“ Sie senkte die Stimme. „Seit vierzehn Tagen sind wir durch. Und jetzt versucht er, alle meine Freundinnen abzuschleppen. Siehst du Lotta da drüben? Die redet gerade mit ihm.“ Sie rollte die Augen. „Er denkt, ich würde mich aufregen. Dabei ist mir das egal. Wie ich nur so lange mit dem Typen zusammen sein konnte... Über dich hat er übrigens immer nur gelästert: Zu dick, platte Füße, eine Mannsfrau.“
Sabrina zuckte mit den Schultern. „Ach, ich find seinen Körper ganz in Ordnung. Mehr brauch ich nicht.“
Lisa starrte sie an – dann brachen beide in schallendes Gelächter aus. „Du sprichst wie der Arsch selbst!“
Sabrina spürt, wie die Müdigkeit sie langsam übermannt. Die Fete tobt noch immer, doch sie überlegt, ob es Zeit ist, nach Hause zu gehen. Bevor sie geht, möchte sie sich von Lisa verabschieden. Sie sucht ihre Freundin in der Menge – und entdeckt sie schließlich, eng an einen Jungen geschmiegt, auf einem der Sofas.
Da störe ich lieber nicht, denkt sie und wendet sich ab.
Erst jetzt bemerkt sie eine zweiflügelige Tür, die auf einen Balkon führt. Ein letzter Blick auf die Nacht, bevor sie geht. Warum nicht?
Draußen steht Lisas Ex. Er lehnt am Geländer, das Gesicht der Stadt zugewandt. Sabrina stellt sich neben ihn. Kein Wort. Kein Blick. Nur das leise Summen der Musik, die jetzt gedämpft durch die geschlossene Tür dringt. Ein langsames Lied beginnt.
Plötzlich spürt sie seinen Blick auf sich. Vielleicht hat sie es nur geahnt, aus dem Augenwinkel. Sie dreht sich zu ihm. Er sieht sie an – nicht fordernd, nicht abweisend, nur ... neugierig.
Sie weiß, wie er Lisa behandelt hat. Die Geschichten, die Lisa ihr unter Tränen anvertraut hat, die intimen Details, die sie nie hätte preisgeben sollen. Und doch ... er gefällt ihr. Bin ich blöd? Der Gedanke blitzt in ihr auf, doch sie schiebt ihn beiseite.
Heute will sie mutig sein. Ohne ein Wort legt sie ihre Arme um seinen Hals und drängt sich an ihn. Im Takt der Musik wiegt sie sich leicht. Zu ihrer Überraschung folgt er ihr. Erst zögerlich, dann mit mehr Hingabe, als würde er sich dem Moment hingeben.
Doch dann betritt eine kleine Gruppe lachend den Balkon. Sofort löst er sich von ihr, geht sogar einen Schritt zurück. Beide starren wieder in die dunkle Nacht. Schweigend.
Als die Gruppe weiterzieht und es wieder leiser wird, bricht Sabrina das Schweigen. „Es ist dir peinlich, mit mir gesehen zu werden.“ Ihre Stimme ist ruhig, aber die Enttäuschung schwingt mit. „Schade. Beinahe hätte ich gedacht, du bist nett. So kann man sich täuschen.“ Sie dreht sich um und geht.
Die Treppe hinab läuft sie schnell, als könnte sie die Traurigkeit abschütteln. Erst auf der Straße wird ihr Schritt langsamer, ihr Atem gleichmäßiger. Sie atmet tief ein. Einfach nur spazieren. Das ist alles, was sie jetzt will.
„Ist es nicht zu gefährlich, so allein in der Nacht unterwegs zu sein?“
Sie bleibt stehen, dreht sich um. Da steht er – Lisas Ex. Etwas außer Atem, als hätte er sie verfolgt.
„Habe ich etwas vergessen?“ Ihre Stimme ist scharf, fast abweisend.
„Ich glaube nicht.“ Er zuckt mit den Schultern, als wäre es ihm unangenehm, die Worte auszusprechen. „Ich wollte mich nur entschuldigen. Du hast recht – mein Verhalten war scheiße. Ich sollte zu dem stehen, was ich mache und was ich gut finde.“
„Aha.“ Sabrina verschränkt die Arme, hält Abstand. „Ja, du hast mich verletzt.“
„Es tut mir wirklich leid, aber egal, was ich sage – du glaubst mir eh nicht.“ Seine Stimme klingt resigniert.
Sabrina legt ihm einen Finger auf die Lippen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Ihre Blicke treffen sich. Sein Atem streift ihre Haut. Sein Mund ist warm. Sie spürt, wie er sanft nach ihrem Finger schnappt – nicht aufdringlich, sondern spielerisch. Ein zartes Beißen, ein Kitzeln mit den Lippen.
Ein seltsames Gefühl durchströmt sie. Vertraut. Als gehöre das hier schon immer so. Sie schiebt den Finger tiefer in seinen Mund, tritt näher. Er weicht nicht zurück. Im Gegenteil: Er saugt leicht daran, seine Zunge streift ihre Haut. Ein Schauer läuft ihr den Rücken hinab.
Am liebsten würde sie ihn küssen.
„Ich habe schon von deinen Verführungskünsten gehört“, flüstert sie, während er ihren Finger langsam aus seinem Mund gleiten lässt.
„Ich meine es ernst“, sagt er. „Ja, ich spiele gern – aber ich will dich nicht verletzen. Wirklich nicht.“
Er ist so süß. Und verdammt hübsch. Der Gedanke blitzt in ihr auf, doch sie lässt ihn nicht zu Wort kommen.
„Wenn du es ernst meinst, dann komm mit auf die Party. Tanz mit mir. Vor aller Augen.“
Sie nimmt seine Hand und zieht ihn sanft in Richtung der Feier. Bereitwillig folgt er. Kein Wort. Kein Zögern. Nur ihre Finger, die sich ineinander verschränken, als sie die Treppe hinaufsteigen.
Die Tür steht offen. Die Musik dröhnt – ein treibender Techno-Beat. Die Tanzfläche ist trotz der späten Stunde noch voll. Körper bewegen sich im Takt, manche wie in Trance, andere wild und frei.
Sabrina und er stellen sich in die Mitte. Wie auf dem Balkon schlingt sie die Arme um seinen Hals. Seine Hände finden ihre Hüften. Sie schmiegen sich aneinander, bewegen sich im eigenen Rhythmus, als wäre die Musik nur noch Hintergrundrauschen.
Seine Hand wandert tiefer, gleitet in ihre Gesäßtasche. Sie spürt die Wärme seiner Handfläche durch den Stoff. Mit geschlossenen Augen gibt sie sich dem Moment hin. Eine kleine Ewigkeit.
Sie spürt seine Erregung, die sich gegen ihr Becken drückt. Glücklich. Das ist das einzige Wort, das ihr durch den Kopf geht.
Langsam öffnet sie die Augen, zieht an seinem Nacken. Er beugt sich zu ihr herab. Als sein Mund auf ihrer Höhe ist, küsst sie ihn. Nicht zart. Nicht fragend. Fordernd.
Ihm bleibt fast die Luft weg.
„Wo wohnst du?“, fragt sie, ihr Atem streift seine Lippen. „Ist es weit?“
„Durch den Park sind es fünfzehn Minuten. Wenn wir schnell sind.“
„Dann lass uns schnell sein.“ Ihr Blick ist klar. „Ich will dich. Aber vergiss nicht – ich bin kein Notnagel.“
Ohne ein weiteres Wort verlassen sie die Fete. Die Nacht gehört ihnen.
Sie joggen durch den Park, als wären sie schon immer ein Paar gewesen. Ihre Schritte sind schnell, fast Wett Kampf artig. Immer wieder schubsen sie sich gegenseitig vom Weg, als könnte einer den anderen überholen – als ginge es um mehr als nur um Geschwindigkeit.
Doch das hohe Tempo fordert seinen Tribut. Beide keuchen, die Luft brennt in ihren Lungen.
„Das hätte ich nicht gedacht, dass du das Tempo schaffst“, keucht der Ex anerkennend.
„Ach so?“ Sabrina wirft ihm einen Seitenblick zu. „Weil ich zehn Kilo mehr auf den Rippen habe?“
„Ich dachte nur …“ Er zögert, als suche er nach den richtigen Worten.
„Ich gehe regelmäßig ins Gym. Und einmal die Woche zum Gewichtheben.“ Sie betont jedes Wort. „Und du?“
„Ich auch. Gym. Ab und zu Joggen.“ Er grinst. „Aber ich wusste nicht, dass du Gewichtheben machst. Das erklärt, warum du dich so … muskulös anfühlst.“
Jetzt laufen sie langsamer. Sabrina greift nach seiner Hand, mustert ihn von der Seite. Wie reagiert er? Sein Lächeln ist die Antwort.
„Muskulös?“ Ihre Stimme hat einen spöttischen Unterton. „Dachtest du etwa, ich wäre ein kleiner Schwabbel?“
„Nein, Sabrina, natürlich nicht!“ Er schüttelt den Kopf. „Ich habe nur nicht damit gerechnet, dass du so … stark bist. Nicht, dass du das falsch verstehst – mir gefällt das.“ Er zögert kurz. „Ich kenne das nur nicht von anderen Frauen.“
„Ich bin nicht wie andere Frauen.“ Ihre Worte sind klar, fast herausfordernd.
„Ich weiß.“ der Ex nickt. „Ich hatte nie den Mut, dich anzusprechen. Lisa ist lieb und nett, sieht auch gut aus … aber sie hat keine eigene Meinung. Sagt meistens nur Ja. Du bist anders. Du hast eine eigene Meinung. Und du sagst, was du denkst.“
Sabrina bleibt stehen, dreht sich zu ihm. „Danke, Ex. Aber das wird dann nicht einfach mit uns. Willst du das wirklich? Oder ist es nur ein kleines Abenteuer?“
„Ich heiße übrigens Frank. Nicht Ex.“ Ein leichtes Lächeln spielt um seine Lippen. „Ich würde es gerne versuchen. Mit uns. Als Paar.“
„Also gut, Frank.“ Sie seufzt, wird langsamer. „Allerdings werde ich langsam müde. So lange bin ich meist nicht auf. Bist du jetzt sauer auf mich?“
„Nein.“ Er schüttelt den Kopf. „Du kannst gerne bei mir schlafen. Ich gehe aufs Sofa.“
Sabrina knufft ihn leicht in die Rippen. „So machen wir das. Aber ein Gute-Nacht-Küsschen kannst du trotzdem haben.“
Sie sind angekommen. Vor dem Haus, in dem Frank seine Wohnung hat.
Die Wohnung ist klein: ein Zimmer, Küche, Bad. Der Blick fällt auf den Hof. Frank zeigt ihr alles – schnell, fast als wolle er den Moment nicht mit Erklärungen füllen. Doch als sie das Bett sieht, muss Sabrina lachen.
„Jetzt weiß ich auch, warum du lieber bei Lisa warst.“
Das Bett ist ein Futon, direkt auf dem Fußboden ausgebreitet. Kein Rahmen, kein Gestell – nur eine dünne Matte.
„Weich sind die Dinger aber nicht?“, fragt sie und stupst mit dem Fuß dagegen.
Frank schüttelt den Kopf, ein leichtes Lächeln im Gesicht. „Nein. Hart schlafen soll gesund sein. Willst du zuerst ins Bad?“
Sabrina winkt ab, lässt ihren Blick durch den Raum schweifen. Einfach. Sparsam. Typisch Frank.
Er beginnt, sich auszuziehen – ohne Scham, ohne Eile. Jedes Kleidungsstück fällt zu Boden, bis er nackt vor ihr steht. Sabrina kann nicht anders: Sie lässt ihren Blick über seinen Körper gleiten. Knackig. Definiert. Jeder Muskel zeugt von Disziplin.
Frank geht ins Bad, die Tür bleibt einen Spalt offen. Sabrina bleibt zurück, geht in die Küche. Sie findet eine Flasche Wasser, nimmt einen großen Schluck. Dann setzt sie sich auf das durchgesessene Sofa. Bequem ist anders. Aber das ist ihr egal. Ihr Blick wandert zurück zum Bad.
Frank steht am Waschbecken, wäscht sich mit einem Lappen – seltsam langsam, fast Ritual Haft. Jede Bewegung ist bedacht, gründlich. Sabrina beobachtet ihn, ein kleines Lächeln auf den Lippen. Ob er weiß, dass sie zuschaut?
Plötzlich dreht er sich leicht zu ihr, blickt sie an. Ihre Augen treffen sich. Er hat es gewusst.
Sabrina lacht leise. „Tolle Show. Extra für mich? Fanden das die anderen Frauen auch so gut?“
Frank zuckt mit den Schultern, schließt dann die Tür.
Nach kurzer Zeit kommt er heraus, ein Handtuch locker um die Hüften geschlungen. Sabrina steht auf, geht am ihm vorbei ins Bad. „Legst du den Futon schon mal hin.“
Die Tür fällt ins Schloss. Alles ist vorbereitet: ein großes Handtuch, eine neue Zahnbürste, ein frischer Waschlappen. Er hat an alles gedacht.
Als sie fertig ist, geht sie zurück ins Zimmer. Und da liegt er – wie sie es sich schon gedacht hat: Frank, ausgebreitet auf dem Futon, die Decke nur halb über sich gezogen. Sein Blick ist warm, einladend.
Sabrina legt sich zu ihm, zieht die Decke über sich. „Ich bin wirklich sehr müde. Das ist doch okay für dich, oder?“ Ihr Blick ist neckisch, ihre Finger schon unter seiner Decke. Sie streichelt seinen Bauch, wandert tiefer. Langsam. Absichtlich.
Sie rutscht näher, bis er ihre Brust an seinem Arm spürt. Ihr Atem streift seine Haut. „Du kannst dich doch beherrschen?“, flüstert sie, während ihre Hand schneller wird. Fordernd. Spielend.
Es ist zu viel für ihn. Ein erstickter Laut, dann kommt er in ihrer Hand.
Sabrina beugt sich über ihn, küsst ihn – nicht zart, sondern mit einer Hingabe, die keine Fragen offenlässt. Dann säubert sie ihre Hand am Handtuch, legt sich zurück auf den Rücken. Zufrieden.
Frank dreht sich zu ihr, sein Blick ist voller Bewunderung. Zärtlich küsst er sie – ihren Hals, ihr Dekolleté, ihren Bauch. Langsam, als wolle er jeden Zentimeter auswendig lernen. Seine Lippen wandern tiefer, zwischen ihre Beine. Sabrina atmet schwer, ihre Finger vergraben sich in seinen Haaren, führen ihn sanft. Genau dort. Genau so.
Bis sie kommt. Ein Zittern, ein Stöhnen, dann Stille.
Sie liegen nebeneinander, Hände ineinander verschränkt. Keine Worte. Keine Zweifel. Beide wissen es: Sie haben ihre Liebe gefunden.
So schlafen sie ein.
Kommentar:Hi, ich war noch nicht auf deinem Profil, aber ich hab schon ein wenig von dir gelesen. Und hier bin ich richtig hängengeblieben.
Für meinen Geschmack bisher das Beste, was ich von dir zu sehen bekommen habe.
Hat mich auch schon ein wenig neugierig gemacht.
Was mich immer wieder amüsiert, ist übrigens der unregistrierte Besucher. Der kann ja oft gar nicht genug bekommen. Hier war er auch schon vier Mal. ;-D
LG Gunnar
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