Sie durchquerten einen Raumsektor, in dem es außer einer undurchdringlichen Schwärze, nichts gab, dass seine Aufmerksamkeit erfordert hätte. Der Bildschirm an der vorderen Wand der Brücke war dunkel, und die Crew war in eine meditative Starre gefallen. So konnte er der Frau seine volle Aufmerksamkeit schenken. Sie arbeitete an der vorderen Wissenschaftskonsole, stand also mit dem Rücken zu ihm. Er hatte ihr Gesicht noch nie bewusst wahrgenommen. In der Hierarchie an Bord stand er über ihr, er ging zuerst durch jede Tür, benutzte zuerst den Turbolift und auch an der Essensausgabe musste sie sich hinter ihm einreihen. Auf der Brücke kehrte sie ihm den Rücken zu. Warum drehte sie sich niemals um? Sie musste doch spüren, dass er sie ansah, dass er sie begehrte. Sie spielte mit ihm, so wie er mit ihr.
Seine Blicke versanken in ihren Locken. Widerspenstig standen sie nach allen Seiten ab, als hätte er… nein, er wollte den Gedanken nicht zu Ende denken. Locken. Locken verfolgten ihn überall. Vor einiger Zeit hatte er geäußert, dass er Frauen mit Locken bevorzuge. Und dass Frauen mit glatten Haaren ihn – wie hatte der Captain gesagt? – nicht anturnten. Daraufhin waren alle Frauen der wissenschaftlichen Abteilungen zum Bordfriseur gegangen, um sich ihre Haare in Locken legen zu lassen. Ein Meer aus Locken, schwarz, braun, golden. Er hatte sich darin verloren, hatte mit der Hand darin gespielt und sie sich um den Finger gewickelt. Jedes Mal war er mit einem verführerischen Blick oder mit einem koketten Lächeln bedacht worden. Nur die Frau auf der Brücke drehte ihm weiterhin den Rücken zu. Dabei waren es gerade ihre Locken, die ihn schon einige Male fast um seine Selbstbeherrschung gebracht hatten. Denn als alle anderen Damen mit ihren wallenden Mähnen vom Friseur gekommen waren, hatte sie sich ihre natürliche Lockenpracht abschneiden lassen. So kurz, dass er die geschwungene Linie ihres Nackens bewundern konnte. Jeden Tag, acht Stunden lang auf der Brücke. Und es war ihm klar geworden, dass sie das Spiel eröffnet hatte. Damengambit.
Jetzt löste sich sein Blick von ihrem widerspenstigen Haarschopf und wanderte den Nacken hinunter. Er glitt an der oberen Kante ihres Uniformjäckchens entlang, über die sie den Kragen einer weißen Bluse gelegt hatte. In seinem Tagtraum schob er seine Hand unter diesen Kragen und streichelte die zarte Haut. Dann ließ er die Hand nach vorn wandern und begann, ihre Bluse aufzuknöpfen. Er ertastete den Büstenhalter, schob sich darunter und… ein scharfes Einatmen riss ihn in die Wirklichkeit zurück. Verdammt… sie konnte es doch nicht gemerkt haben… wie weit ging dieses Spiel? Er holte selbst tief Luft und konzentrierte sich wieder auf seine Konsole. Erleichtert stellte er fest, dass seine Hände dort lagen, wo sie hingehörten, an den Reglern. Aber schon nach kurzer Zeit gingen seine Gedanken wieder auf Abwege. Wenn er die Temperatur auf der Brücke erhöhte, würde sie vielleicht dieses blaue Jäckchen ausziehen wollen. Sie müsste ihn aber erst fragen und sich dabei zu ihm umdrehen. Er würde ihr Gesicht sehen, die aufgeknöpfte Bluse, den Büstenhalter… Noch bevor er auch dieses innere Bild beiseiteschieben konnte, drehte sich die Frau an der vorderen Wissenschaftskonsole tatsächlich um. Sie zeigte zwar einen angemessen ernsten Gesichtsausdruck, aber er sah, dass ihre Augen vergnügt funkelten.
„Sir, es ist kühl hier…“


© Susanna-Ka


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Kommentare zu "Damengambit"

Re: Damengambit

Autor: Gunnar Buchheister   Datum: 31.05.2026 16:22 Uhr

Kommentar: Wunderbar. Erotik, ohne explizit zu werden. Ich liebe das Angedeutete, die Ebenen unter dem Sichtbaren, die Fäden, die unsichtbar Verbindungen knüpfen, ohne dass man es direkt bemerkt. Das ist mir in deinen Krimigeschichten schon aufgefallen, und das finde ich ausgezeichnet.

Re: Damengambit

Autor: Grafeneder Johann   Datum: 31.05.2026 17:08 Uhr

Kommentar: Dieser Text lebt von dem, was er nicht ausspricht.
Er wirkt im Zwischenraum, im Atem der Zeilen.
Stark im Subtext, getragen von einer Stille, die lauter ist als jedes Wort.
Der Schluss — ein sanfter Schlag, ein Aufwachen.
Ich habe ihn nicht einfach gelesen, ich habe ihn gespürt.“

Liebe Grüße,
Johann

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