Der Motor murmelte im Standgas ruhig vor sich hin und freute sich auch auf das, was sich da anbahnte. Weniger Freude strahlte meine Frau aus; doch sie vertraute meinen Fahrkünsten und unserem Boliden.
„Fahr vorsichtig“, mahnte sie mich liebevoll mit einer Lautstärke, die nicht von dem Sechszylinder knapp hinter unseren Rücken übertönt wurde.
Alles gecheckt, es ging los, Gas. Der Löwe brüllte heiser und der Heckantrieb malte zwei schwarze Striche auf den Asphalt nach dem Motto: Hey Berg, ich komme.
Ja, was denn überhaupt für ein Berg? Na, der Pass der Pässe, 48 Kehren bis auf die Passhöhe von 2757 Metern, ein Muss für Motorradfahrer und Sportwagenfahrer: Das Stilfser Joch. Auf italienisch zergeht der Begriff auf der Zunge: Passo dello Stelvio.
Gierig fraß das gelbe Monster die schmale Straße in sich hinein. In vielen der engen Kehren kämpfte ich, dass Schmutz, Rollsplitt und die richtige Dosierung des Gaspedals den dicken Hintern nicht ausbrechen ließen. Es war ein unbeschreibliches Gefühl mit so einem Cabrio Straße und Natur zu genießen. Es ging unglaublich schnell Richtung Passhöhe, da kein anderes Fahrzeug als Hindernis vor uns war. Die Baumgrenze hatten wir passiert. Selbst Ende Juli sah man in der steilen und steinigen Landschaft Schneefelder.
Geschafft, Passhöhe erreicht. Auf dem großen Gemeinschaftsparkplatz mehrerer Hotels fanden wir schnell einen Parkplatz. Zündung aus; der Motor verstummte mit einem satten Röcheln. Als ich dem Backofen Knistern der heißen Edelstahl Abgasanlage lauschte, hatte ich das Gefühl immer noch am Fahren zu sein. Dazu kam plötzlich ein Verschwimmen der Umgebung. Puls und Atmung wurden immer schneller. Meine Frau fragte mich mit einem hämischen Unterton:
„Na, alter Mann, du bist ja ganz blass, war wohl eben ein bisschen flott?!“
„Hör auf zu lästern, mir ist gar nicht gut. Ich weiß nicht was ich habe“, antwortete ich nassgeschwitzt, obwohl das Verdeck noch offen war bei einer Außentemperatur von nur plus vier Grad. Anschließend fror ich wie ein Hund, fing an zu zittern und zu schlottern. Nun erkannte auch meine Frau den Ernst der Lage:
„Los, ab ins Warme, wir gehen hier nebenan in das Hotel Restaurant. Verdeck zu, steig aus, abschließen … kannst du überhaupt gehen?“
Gute Frage. Ich wälzte mich aus dem Auto. Gehen ging, aber mein Kreislauf hatte sein Eigenleben und auf dem Weg zum Hotel war einmal die Straße vor mir hochgeklappt. Das Hotel Restaurant hatte zum Glück geöffnet. Drinnen waren keine Gäste. Das war gut, denn ich hätte mich doch geschämt in meinem Zustand. Meine Frau holte schnell zwei Wasser:
„Trink, du bist bestimmt dehydriert. Wie geht es dir?“
„Ich habe furchtbare Kopfschmerzen. Ich habe Angst, da drin ist etwas kaputt gegangen.“
„Ich hole dir Kopfschmerztabletten aus dem Auto. Gib mir mal den Schlüssel, und trink.“
Und ich trank, nicht hastig, aber ein bisschen mit Gewalt … beide Flaschen Mineralwasser. Der Schädel hämmerte, hatte das Gefühl Blut spritzte aus meinen Ohren. Jetzt nur nicht sterben. Wohin mit meiner Leiche, meine Frau allein, der ganze Papierkram ...
Ich konnte meine düsteren Gedanken nicht weiterspinnen, weil eine nette Abwechslung den Raum betrat. Ein hübsches junges Ding mit kurzem Rock und langer Leiter. Sie fing an die Fenster zu putzen, welche ungünstig auf halber Deckenhöhe des Raumes lagen. In der Ecke, leider weit weg von mir, legte sie los. Ihre Taktik weckte mein Interesse. Sportlich mit kleinem Eimer und Putzzeug turnte sie die lange Haushaltsleiter hoch. Dann eine Grätsche auf die Fensterbank. Fenster auf, von außen geputzt; Fenster wieder zu, von innen geputzt. Und immer wieder breitbeinig in luftiger Höhe. Mir ging es schlagartig besser, als ich mir diese Gedanken machte: Welche Farbe hat wohl ihr Slip, … wenn sie überhaupt einen trägt. Dieser bohrenden Frage sollte schneller eine Antwort folgen als ich dachte. Die Dame mit dem extrem kurzen Rock arbeitete sich schnell in meine Richtung vor. Dann endlich das Fenster neben mir. Da stand sie nun mit ihren gespreizten Beinen fast über mir … wooaahh, ein roter String-Tanga, der teilweise in ihre Körperöffnungen hinein gerutscht war. Ich spürte auf einmal, wie sich der Druck aus meinem Kopf anderweitig verlagerte.
Dann hatten wir das erste Mal Blickkontakt. Sie lächelte mich an; es war eine Mischung aus -Hallo- und -Sorry, wie ich hier stehe-. Sie versuchte wohl mein Lächeln zu deuten, mit dem ich ihr antwortete. Doch meinen Gesichtsausdruck konnte man garantiert nicht Lächeln nennen. Meine Augen waren bestimmt einige Zentimeter aus ihren Höhlen herausgetreten und mein Mund stand offen.
Schluss mit der Peepshow; meine Frau war zurück. Sie schaute mir ins Gesicht und sprach: „Oh, dir scheint es besser zu gehen. Du hast ja wieder Farbe bekommen.“
„Ja, ich hatte angenehme Ablenkung“, erwiderte ich und deutete auf die Fensterputzerin.
„Ach so“, schmunzelte sie, „egal, Hauptsache es geht dir besser. Bezahl die Getränke und lass uns weiter fahren.“
Meine Frau verließ das Restaurant und ich bezahlte. Beim Rausgehen drehte ich mich noch einmal um und verabschiedete mich mit einem dezenten Winken und Lächeln von der Fensterputzerin, meiner Lebensretterin. Sie lächelte auch und winkte zurück.
Draußen fragte mich meine Frau:
„Bist du wirklich wieder in Ordnung? Und warum grinst du so?“
„Ja, ich bin wieder fit. Und ich grinse, weil … ich spüre, wie schön das Leben ist.“
Beschreibung des Autors zu "Jetzt nur nicht sterben"
Wieder einmal eine Geschichte nach wahrer Begebenheit. Zu meinem dort beschriebenen Gesundheitszustand die Entwarnung: Ich war tatsächlich dehydriert. Vor lauter Vorfreude hatte ich vor der Tour zu wenig getrunken. Während der rasanten Fahrt Richtung Passhöhe konnte mein dickflüssiges Blut zu wenig des schnell abnehmenden Sauerstoffs aufnehmen. Ja, alte Menschen trinken zu wenig.
Die Prise Erotik in der zweiten Hälfte meiner Geschichte soll euch bei der Textflut zum Durchhalten animieren.
Kommentar:Liebes Vergissmeinnicht,
du hast recht, so schnell stirbt es sich nicht. Da sich aber meine Überschrift wie ein James-Bond-Film anhört, kann das -Ins Gras beißen- schon mal vorkommen.
Hi Michael,
hihi, aber ich muss meine Frau auch mal loben. Meine Racing-Eskapaden filmt sie; und das ist bei knapp zwei G Kurvenfliehkräften nicht ganz einfach. Naja, und von meiner Spannerei mit der Fensterputzerin hat sie ja nichts mitbekommen. Oh fuck, sie wird irgendwann diese Geschichte lesen ...
was für eine tolle Geschichte, flüssig geschrieben und mit dem nötigen Quäntchen Humor gewürzt. Ich kann mir das gut vorstellen, na ja nicht unbedingt das Ding mit er Fensterputzerin aber sehr wohl die Bergfahrt mit dem Cabrio, hatte ich doch jahrelang selber welche.
Ein Erlebnis im November, ebenfalls bei geschätzten maximal 4° den Großglockner in der Abenddämmerung, traumhaft, Heizung hoch gedreht, die beiden Felligen auf den billigen hinteren Plätzen mit einer dicken Wolldecke zugedeckt und ab ging es ;-))
Habe gerne hineingespürt in deine spannende Geschichte, hoffentlich war mein Augenzwinkerkommi gestern nicht in die falsche Kehle geraten?
Kommentar:Herzlichen Dank liebe Uschi,
dein Lob ist für mich etwas Besonderes. Schön, dass du auch dieses Cabrio Feeling erlebt hast. Naja, im Winter musste man sich eben etwas anders behelfen :-)
Und Kommentare geraten bei mir nur in die richtige Kehle. Ein Gedicht / eine Geschichte sagt etwas über die Autorin / den Autor aus, aber ein Kommentar lässt in den Menschen am anderen Ende der Leitung blicken ...
Kommentar:Hallo Wolfgang
eine Ablenkung, wie die Sache mit der Fensterputzerin, ist doch bestimmt hilfreicher Dings. War es doch ihrer Erfahrungen geschuldet, des öfteren als Ersthelferin zu agieren.
Kommentar:Vielen Dank lieber Jens,
so habe ich diese Situation noch gar nicht gesehen. Du könntest verdammt recht haben; also nochmal ab zum Stilfser Joch ...
Und fein, dass du dir die Zeit genommen hast meine Geschichte zu lesen. Aus Erfahrung wird lieber (schnell) ein Gedicht gelesen als so ein Geschichten Schinken. Aber ich mache mir schon Gedanken, wenn Kolleginnen/Kollegen bei der Bewertung fehlen: Sind sie nicht da, haben sie keine Zeit oder gefällt mein Werk nicht? Da ist mir eine lesbare konstruktive Kritik lieber. Naja, vielleicht kommt ja noch was.
Liebe Grüße Wolfgang
Kommentar schreiben zu "Jetzt nur nicht sterben"
Möchten Sie dem Autor einen Kommentar hinterlassen? Dann Loggen Sie sich ein oder Registrieren Sie sich in unserem Netzwerk.
Das Leben ist ein Geschenk wie eine Wundertüte
Auf dass jeder der dieses Geschenk bekommt es gut hüte
Und wie bei einer Wundertüte jeder ganz schnell merkt
Keiner kann im Voraus wissen was da [ ... ]
Ich trage ein T Shirt, nur so mal zum Schlecken,
um vielleicht irgendwo mein Eis zu entdecken.
Habs immer dabei, für die Spontanität,
falls mein Auge nen cremigen Laden erspäht.
Vor langer Zeit
wartete ich
auf die Erfüllung meiner Wünsche.
Erst später spürte ich,
dass meine Erwartungen
nicht durch Andere entstehen,
sondern in mir.
Inzwischen haben sich
meine [ ... ]
Die raue Rinde des Baumes fühlte sich kühl an. Ihre Brüste pressten unter ihrem Sommerkleid gegen sie und sie spürte bei jeder Bewegung das Reiben. Sie spürte seinen Atem im Nacken. Er war [ ... ]
Vermögen wir Unendlichkeiten zu begreifen,
sobald des nachts hinauf zum Firmament geblickt?
Verschwendend scheint in Relation dann Zeiten,
in denen oft in Nichtigkeiten [ ... ]