Erfahrungen in den Dolomiten

© Wolfgang Sonntag

Passo Pordoi, Dolomiten, Italien, Höhe 2239 Meter, plus 5 Grad Celsius, Datum 04.07.2019, Uhrzeit 5:30 morgens.
Ich sitze allein in meinem Dicken (Spitzname meines Autos), das Verdeck bereits geöffnet, gut eingemummelt und angeschnallt.
Warum hier? Warum allein? Warum so früh? …

Langsam, eins nach dem anderen. Ich, genauer gesagt wir, meine Frau und ich, machen hier Urlaub. Mir war aber schon bei der Planung klar, dass das ein Urlaub mit dieser Option wird. Welche Option? Nun, drei Faktoren müssen aufeinander treffen, um diese Reaktion auszulösen: Ein Fahrer der will, ein Auto das kann, und eine Straße, die dieses Paket in den Spaß Olymp katapultiert.

Da war aber noch das Kleingedruckte. Ich musste meiner Frau schonend beibringen, dass ich am Urlaubsort das Auto mal so eine knappe Stunde allein brauchte. Sie kennt mich, Widerstand ist zwecklos und sie war tatsächlich einverstanden.
Warum ich sie bei dieser Fahrt nicht mitnehme? Nun, weil ich dabei keinen Bremsklotz gebrauchen kann. Der Autor Robert Louis Stevenson möge mir den Vergleich erlauben: Meine Frau kennt nur meinen Dr.-Jekyll-Fahrstil. Wenn ich allein mit meinem Dicken bin, werde ich zu Mr. Hyde.

Oh nein, ich bringe niemanden in Gefahr. Deshalb so früh morgens. Dieser Pass ist das Eldorado für Radfahrer. Ich habe schon Tage vorher sondiert, dass um diese Uhrzeit die Strecke frei ist. Sollte sich trotzdem mal jemand mit mir eine Stelle teilen wollen; diese Serpentinen haben übersichtliche Kehren.

So, ich muss mich losmachen, 5:45 ist Sonnenaufgang, und den will ich auf der Strecke erleben. Als ich meiner Frau heute morgen tschüss sagte, murmelte sie verschlafen: Und fahr vorsichtig, wir brauchen das Auto für die Rückfahrt ...
Ich versprach es ihr. Moment mal, da kommt mir grad in den Sinn, ja, das Auto; und was ist mit mir, bin ich ihr egal? Ach, sie war noch halb am Schlafen. Los jetzt.

5:36, ich zögere beim Drehen des Zündschlüssels. Der Hintern des Autos zeigt in Richtung Hotel, und es ist noch sehr früh. Es hilft nichts, ich kann ihn ja nicht vom Parkplatz schieben. Also, starten. Die 6 Töpfe geben ihr früh morgens Konzert. Ich habe das erste Mal ein schlechtes Gewissen bei seinen lautstarken Lebenszeichen und beobachte die Hotelfenster. Alles ok, schnell weg. Naja, schnell erst mal nicht, denn Motor, Getriebe und Reifen sind kalt. Aber es geht ja jetzt erst mal nur bergab bis ins nächste 9 Kilometer entfernte Dorf. Da wende ich und dann gehts los. Unter Last, also bergauf, hat ein Motor sowieso einen viel besseren Sound.

Die Entscheidung, ob ich die Ost oder West Serpentinen des Passes nehme, war schon vorher gefallen. West hat unterhalb der Baumgrenze unübersichtlichen Baumwuchs und Ost ist frei und herrlich vorausschaubar. Nicht nur deshalb Ost, sondern, wenn ich jetzt gemächlich zum Aufwärmen die Strecke hinunterfahre, kann ich voll den Sonnenaufgang vor mir genießen. Bei der Rückfahrt habe ich die Sonne im Rücken. Sie blendet mich nicht, und der Tatort ist gut ausgeleuchtet.

Ein atemberaubendes Gefühl, allein mit der Natur. Die Sonne spielt noch Verstecken mit mir, aber der Punkt, an dem sie sich zeigen wird, ist vorhersehbar.
Dann erscheint sie stolz zwischen den zerklüfteten Monolithen, als wenn sie sagen will:
Ihr seid Nutznießer meines Lichts, aber ich verbiete euch nichts.
Die schon so dominanten Farben im Gebirge werden durch die Lichtbrechung des flachen Bestrahlungswinkels in ein Kunstwerk verwandelt. Trotz meines aufsaugens dieser Erlebnisse vergesse ich nicht, jede Kurve, jeden Meter der Straße, besonders die Beschaffenheit des Asphalts in mir zu speichern; wichtig für die Rückfahrt.

Trotz Kriechfahrt bin ich recht schnell in diesem Dorf im Tal angekommen. Kurzer Stopp auf einem Parkplatz. Check: Motortemperatur ok, Getriebetemperatur ok, Reifentemperatur ... zu gering, naja das wird gleich. Sport plus Taste drücken. Doppelkupplungsgetriebe auf manuell, schaltbar am Lenkrad.
Und dann lacht mich wieder die PSM Taste an. Damit wird das Stabilitätsmanagement ausgeschaltet. Aber seit einem Zwischenfall ganz am Anfang der Beziehung mit meinem gelben Monster ist diese Taste tabu. Ich hatte sie damals gedrückt und hatte um ein Haar das Auto verloren. Also, Finger weg.

Ich straffe den Gurt, atme tief ein und aus, freue mich auf das, was jetzt kommt. Aber auch mit einer angemessenen Portion Respekt, Verantwortung und Vorsicht. Voller Vorfreude fahre ich vom Parkplatz in die Richtung, wo ich gerade hergekommen bin. Noch im Dorf peile ich am Ortsschild vorbei und nehme die lange Gerade bis zur ersten Kehre ins Visier. Dann am Ortsschild: Kickdown. Die brachiale Beschleunigung presst mich in den Sitz. Der Sound des Motors durchpflügt mehrere Oktaven, diese Mischung aus brüllendem Löwen und Kreissäge. Das Doppelkupplungsgetriebe wechselt unglaublich schnell die Gänge und verwandelt den Drehzahlüberschuss jeden Gangs in Vorschub, was Mensch und Maschine noch mal zusätzlichen Druck nach vorn verschafft. Hier spürt man, dass gearbeitet wird. Nicht wie bei diesen Wandlergetrieben mancher Mitbewerber. Naja, die Getriebeart wird bei Omnibussen und Bummelzügen ziehenden Diesellokomotiven verwendet. Ich sitze in einem Sportwagen.

Ich lege mir die erste Kehre zurecht, voll in die Bremsen. Das ABS lobt mich: Gut, weitermachen. Die vorher zurechtgelegte Ideallinie habe ich genau eingehalten. Das kurveninnere Rad des Heckantriebs faucht mich kurz an, dreht durch, Traktionsverlust, leider kein Sperrdifferential, PSM korrigiert kurz.

Die nächste Gerade, Sekunden zum Verschnaufen. Ich schaue kurz auf meinen leeren Beifahrersitz. Ja, wen möchte ich da jetzt sitzen haben? Egal wen, aber vor meinem geistigen Kino läuft gerade dieser Streifen, wie derjenige auf Grund meiner Fahrkünste mit dem Zurückhalten seines Mageninhalts kämpft … und verliert. Die Natur sucht sich ihren Weg, aber nicht so elegant durch Peristaltik wie bei der Nahrungsaufnahme. Die andere Richtung ist direkter, druckvoller, eben zum Kotzen. Da hilft auch nicht die berühmte Hand vor dem Mund. Die hält nur die Bröckchen zurück. Aber diese braun-grün-gelbe mit Magensäure kontaminierte, stinkende Brühe spritzt durch die Finger von innen an die Windschutzscheibe und verteilt sich … stopp, sofort stopp mit diesen Fantasien, die nächste Kehre liegt an.

Schon bei der Hinfahrt fiel mir bei dieser Kehre auf, dass die Witterung die Straßenmitte etwas ausgespült hat, aber keine bedenkliche Vertiefung. Der Asphalt sieht rau aus, also besserer Grip, kein Grund die Taktik zu ändern; viel von dem vorhandenen Schwung mit in die Kurve nehmen. Es ist eine Linkskehre etwa 170 Grad. Ich fahre Ideallinie, im Zenit total links. Mit einem breiten Grinsen spüre ich, wie das rechte Vorderrad in meine Supergripmulde eintaucht ... und das Grinsen vergeht mir spontan. Von wegen Supergrip; in dieser Mulde hat sich Rollsplitt gesammelt. Schlagartig folgt der Bolide nicht mehr der Kurve und meinem Willen, sondern die Physik dominiert und es geht ab Richtung Straßenrand. In so einer Situation denkst du nicht viel, du reagierst, aber was soll ich machen. Das Einzige was ich mache, ich nehme etwas Gas weg, nicht zuviel, sonst stempeln die Hinterräder und durch den Rollsplitt gehts noch schneller ins Abseits.
Was die Situation etwas entschärft: Am Straßenrand lauert kein gähnender Abgrund, sondern eine Mauer. Senkrecht, hoch, Naturstein, nicht mit künstlichem Mörtel verschandelt, eigentlich schick, was für unseren Garten … hallo? Bin ich eigentlich krank? Da rausche ich mit einem Auto im knapp sechsstelligen Euro Neuwert-Preis auf eine Mauer zu, bekomme sehr wahrscheinlich eine volle Breitseite, die man garantiert nicht herauspolieren kann, und ich begeistere mich an dieser scheiß Mauer.
Das Auto rutscht bis kurz vor den Straßenrand … und dann geschieht das, was ich erhofft habe, aber nicht mit gerechnet habe: Alle 4 Räder bekommen auf den letzten Zentimetern so ziemlich gleichzeitig Grip. Alles stabil, alles unter Kontrolle, schnell weg hier.

Diese nächste Gerade brauche ich tatsächlich, um mich zu erholen. Mir wird erst viel später bewusst, was ich hier für ein Glück hatte. Da es die Floskel „Gott sei Dank“ in meinem Wortschatz nicht gibt, bedanke ich mich bei den Konstrukteuren und Erbauern dieses wunderbaren Fahrzeugs, in dem ich hier sitze. Ein berühmter Formel 1 Fahrer sagte mal: Wer wissen möchte, wo das Limit ist, muss es kurz überschreiten … ehrlich gesagt, darauf kann ich in Zukunft verzichten.

Ich bin nach der Aktion noch etwas zittrig, als ich mich wundere, dass er plötzlich nicht mehr zieht. Der Drehzahlbegrenzer hat weich und elegant bei 7500 U/min abgeregelt. Ich fahre noch im manuellen Getriebe Modus und habe es einfach versäumt zu schalten.
Mein Dicker meckert mich an: Konzentriere dich jetzt mal, ich habe auch meine Grenzen … und du auch, Alter ... komm, mach Schluss und fahr ins Hotel.

Er hat recht. Die kommenden Kehren und Geraden genieße ich im Normaltempo. Da kann er auch ein bisschen abkühlen. Am Hotel angekommen fahre ich auf meinen Parkplatz, schließe Dach und Fenster und schalte die Zündung aus. Mit einem stolzen Röcheln verstummt der Motor. Ich bleibe noch ein paar Minuten sitzen und genieße das gerade erlebte.

Nach dem Aussteigen streiche ich über sein Verdeck und murmele ihm zu: Danke, es hat Spaß gemacht mit dir. Und das mit dem Ausrutscher, das bleibt unter uns ...


© Wolfgang Sonntag


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Kommentare zu "Erfahrungen in den Dolomiten"

Re: Erfahrungen in den Dolomiten

Autor: Wolfgang Sonntag   Datum: 24.07.2019 19:41 Uhr

Kommentar: Dieser wertvolle Kommentar ist von meinem Freund und Neffen. Den ursprünglich englisch geschriebenen Text habe ich übersetzt und bearbeitet. Der Sinn und die Gefühle sind dadurch erhalten geblieben. Mich begeistert, wie treffend er meine Geschichte und meine Emotionen sondiert hat und in diesem Kommentar wiedergibt:

Lieber Wolfgang,
ich frage mich, warum du nicht vor Jahren angefangen hast zu schreiben. Ich mag es sehr. Du hast ein großes Talent. Ich gebe zu, dass ich kein begeisterter Dichter bin, aber deine Prosa mag ich sehr. Die Art und Weise, wie du die Geschichte strukturiert hast, ist professionell. Die Einführung ist besonders: Ich spürte die 2200 m, den Nebel und die 5-Grad-Temperatur. Man erkennt einen Widerspruch zwischen der warmen Umgebung, dem Bett, dem Hotel, in dem es schläfrig bleibt, und dem, was du als nächstes tun wirst. Du hast die Leidenschaft, den Traum, deine Komfortzone zu verlassen. Dann wirst du eins mit dem Auto. Wie in einer Science-Fiction-Adaption verschmilzt das Auto mit dir. Die Art und Weise, wie du die folgenden Zeilen beschreibst, festigt die Beziehung zwischen euch. Du bist nicht derjenige, der das Auto kontrolliert, es ist nicht das Auto, das auf deine Befehle hört. Beide in einer Symbiose machen diese Route. Sehr schön geschrieben. Dann wird das Auto am Ende nicht zu deinem Auto, sondern zu deinem Freund. Ihr habt eine einzigartige, sogar intime Erfahrung geteilt. Ich denke, es ist die schönste Geschichte, die du geschrieben hast. Vielleicht ist es ein Fehler, aber sie gefällt mir am Besten. Ich habe nichts hinzuzufügen, außer es war eine Freude, sie zu lesen, es als Passagier an deiner rechten Seite erlebt zu haben oder als derjenige, der die Handlung gefilmt hat.

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