Im Jahre 1823 herrschte in Wien ein unwirtlicher Frühling. Joseph von Eichendorff besuchte trotzdem wieder einmal den Friedhof, auf dem sein Töchterchen Agnes im Jahr zu­vor in die Erde gebettet worden war. Noch immer trauerte er um sie, die er so sehr, so über alles geliebt hatte. Kein Tag verging, an dem er nicht ihr Bild betrachtete und unter Tränen an sie dachte.

Die kühle Luft duftete nach den ersten Blüten. Wieder brach ein Jahr an, das er mit seinem Kind hätte verbringen können, wenn es nicht in so blutjungen Jahren von ihm ge­gangen wäre.

Eichendorff zog ein Papierblatt aus der Aktentasche, mit der er gerade aus dem Amt gekommen war, und legte es auf deren glatte Rückseite. In Erinnerung an sein Töchter­lein schrieb er im Licht einer trüben Laterne folgendes Ge­dicht:

Für Agnes

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküsst.
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nur träumen müsst.

Ich denk noch an die Stunde,
Da du so klein und rot
Lachtest aus vollem Munde,
Jetzt bist du kalt und tot.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

So sternklar deine Augen
So hoffnungsvoll dein Blick
Was soll dies Sinnen taugen?
Es bringt dich nicht zurück.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Bald werd' auch ich vergehen
Nichts anderes wünsch ich hier –
Dich, Kindlein bald zu sehen,
dann bliebst du ganz bei mir.

Als er nach Hause kam, ging Eichendorff hinauf zu Bert­hold K., dem Studenten, der im oberen Stockwerk wohnte. Er sprach mit ihm über Fichte, dessen philosophische The­sen in dieser Zeit in aller Munde waren und lebhaft disku­tiert wurden. Sein Gedicht legte er auf einem Bücherstapel ab und vergaß es am Ende des Abends. Als er Berthold eine gute Nacht wünschte und wieder in seine eigene Wohnung hinabstieg, geriet das Blatt nach einiger Zeit zwischen den unordentlichen Papierkram des Studenten und blieb dort für Jahre vergraben, bis Berthold K. es nach mehreren Umzügen wiederfand, als er seine Zeugnisse, Vorlesungsaufzeichnungen und andere Notizen nach er­folgreichem medizinischen Examen ordnete.

Als er die traurigen Verse las, erinnerte er sich: „Agnes, ach ja, das war doch das niedliche kleine Mädchen des Freiherrn von Eichendorff, das so früh gestorben ist“. Er schrieb diesem, der inzwischen Regierungsrat in Königs­berg geworden war, einen freundlichen Brief, in dem er auch sein bestandenes Examen erwähnte. Das Gedicht leg­te er sorgsam gefaltet dem Briefe bei.

Eichendorff las die Verse innerlich bewegt. Er erinnerte sich gut an den kühlen Frühjahresabend, an dem er es ge­schrieben hatte. Dass er es vergessen hatte, lag sicher dar­an, dass er damals den Tod seiner kleinen Agnes unbe­wusst nicht hatte wahrhaben wollen. Und wieder sah er sie vor sich, wie sie ihn vor über acht Jahren angelacht und mit ihren drolligen Scherzen erheitert hatte. Ihren Tod hat­te er nach so langer Zeit zwar nicht verwunden, aber zu­mindest so weit verdrängt, dass er nicht mehr täglich unter ihm litt. Die Erinnerung war aber noch immer so stark in ihm lebendig, dass sie durch die Verse sofort wieder ge­weckt wurde.

„Das Bild meiner Kleinen soll für immer tief in meinem Herzen verborgen bleiben“, entschied er und strich die zweite, vierte und sechste Strophe. Daraufhin änderte er den Titel „Für Agnes“ in „Mondnacht“. Jetzt lautete es:

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküsst.
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nur träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Und unter diesem Titel wurde es auf der ganzen Welt be­kannt und berühmt.

Wer den Atem anhält und auf die innere Melodie dieser Verse lauscht, kann darin vielleicht noch das fröhliche Kinderlachen der kleinen Agnes vernehmen, vielleicht sogar das Fallen der Vatertränen.

Aber er kann in diesen zwölf Zeilen auch den Ablauf eines ganzen Lebens erkennen, von der Blütenzeugung über die Ährenreife bis zum Heimflug der Seele nach dem Tode. Wie schmerzhaft muss einem liebenden Vater dann ein Leben erscheinen, das schon in der Zeit des Blütenschimmers endet?

Man weiß, dass Eichendorf seine kleine Agnes über alles liebte, und unter ihrem frühen Tode sehr gelitten hat. Man weiß, dass er in Wien und in Königsberg als Beamter beschäftigt war. Aber weiß man genau, wie sich der Schmerz anfühlte, den er lange mit sich herumtrug? Wer kann schon in die Tiefen eine menschlichen Seele blicken?

Und so wird es viele Menschen geben, die, obgleich sie die biografischen Daten des Dichters kennen und auch von seiner Vaterliebe gelesen haben, diese Geschichte von der Entstehung des bekannten Eichendorff-Gedichtes „Mondnacht“ für unwahr halten; ihnen muss ich sogar recht geben, sie ist in der Tat erfunden. Doch ich gebe zu bedenken, dass Dichter mit ihren Bildern, Vergleichen und Metaphern zu allen Zeiten weiter in die dunklen Tiefen der Wahrheit ein­gedrungen sind, als platte realistische Schilderungen es je könn­ten. Es gibt eine höhere Wahrheit als die Wahrheit.

Man nennt sie die Wahrheit der Dichter.




© Peter Heinrichs


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