Die Sonne ist dem Mond gewichen. Gedämpft ertönt ein monotoner Rhythmus, um schon bald vom sanften Sommerwind hinfort getragen zu werden. Ein guter Tag, dachte Jonas.

Er hatte sich in einer Bar eingefunden und war gerade bei seinen zweiten Bier angelangt. Sein weibliches Gegenüber schien Interesse an ihm zu haben, sah aber nicht aus wie Helen. Ihr Haar war schwarz, ihre Lippen schmal, das Kinn hingegen unauffällig flüchtend. Alles war eben anders.

Er nahm einen letzten Schluck, bestellte ein weiteres Bier, ohne das vorherige ausgetrunken zu haben und beschloss, nicht zu gehen, sie nicht anzusprechen. Nicht von sich aus. Er musste an Helen denken, an die gemeinsame Zeit mit ihr, an ihrer Seite. Eine schöne Zeit, dachte Jonas.

Er wagte es, nochmals auf die andere Seite der Bar zu sehen. Sie war weg. Jonas wandte sich um, suchte nach ihr. Jetzt erst, mit einem neuen Bier in der Hand, nahm er wahr, wie viele Menschen um ihn herum waren. Es waren bestimmt an die fünfzig Personen, versammelt in einem Raum, größer als ein Zimmer, kleiner als ein Saal. Alle atmeten sie dieselbe Luft, lauschten derselben lauten Musik, tanzten nahezu im selben Takt, tranken mehr oder weniger die selben Getränke und doch waren sie von Grund auf verschieden. Er kannte keinen einzigen, zumindest erkannte er keinen.

Nur diese eine Frau mit diesen schwarzen Haaren. Und genau diese Frau erwiderte schließlich auch seinen verzweifelt einsamen Blick. Sie ließ von ihrem Tanzgesellen ab, löste sich allmählich aus der Menge und schlich auf ihn zu, setzte sich und schwieg. Jonas auch.

Sie mustert seine Bierflaschen. Eine Flasche war leer, die andere bis auf einen Schluck ausgetrunken, eine weitere fast voll und diejenige, welche bis zur Mitte gefüllt war, befand sich gerade in der Hand des Barkeepers, der damit bemüht war, Ordnung zu schaffen.

Jonas rülpste. Ungeniert. Er entschuldigte sich, schien sich aber nicht zu schämen.

Sie stütze ihre Arme auf die Theke und fragte ohne gegebenen Anlass:

"Was war der glücklichste Tag deines Lebens?"

Jonas lachte abwesend, wurde jedoch sichtlich aus etwas heraus gerissen.

"Was?"

"Ja."

"Heute Nachmittag. Habe früher aufgehört. Mit der Arbeit. Bin zu einer Freundin. Hab Helen, meine Frau betrogen. Bin dann heim. Da lag Helen tot da."

Bevor er weinen konnte, hatte sie die Bar verlassen...


© M.Glass


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Beschreibung des Autors zu "Der glücklichste Tag deines Lebens?"

Stark an die Jonas-Romane von Thomas Glavinic angelehnt...




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