I
Wir hatten diese Reise nicht geplant,
obwohl uns Nostalgie zehn Jahre nagte.
Zur Heimat waren Brücken längst verbrannt.
So schien es uns. Nur stumpfe Pfeiler ragten.

"Ich möchte, möchte gerne mal daham!" -
einst sagte unser Sohn ganz zuvorkommend:
"Nun wollen wir verreisen, Pap und Mam!
Zurück nach Shchüchinsk möcht’ ich diesen Sommer."

Uns, Eltern, hat' es kalt dabei erwischt.
Dann überlegten wir all pro und kontra.
Gefühle und Gedanken kam'n gemischt.
Was wird mit unsrer Tochter, die nicht wollte?

Wildenten fliegen, jagen durch die Luft,
ganz ohne Sprit! Da müssen wir noch lernen!
Die Nüchternheit nimmt zu. Man sieht ein Ort,
Doch Lena sagte: "Keine Panik, ha!

Ich finde schon zurecht, entspannt euch dreier".
Zum Sommeranfang war das Visum da.
Das Weitere geschah, wie üblich nach der Reihe.
Am Ende machte Artur doch nicht mit.

Es war nun so - er hatte seine Gründe.
Uns flog Kasachen-Jet, der sicher glitt,
wie Wolkensurfer. Zeitvorsprung fünf Stunden.
TU-154 hob ab zum Himmel uns empor.

Erst über Lettland, über Wolga-Quellen,
und über den Ural verlief der Korridor.
Der Mond ließ unten Flüsse sich erhellen.
Die Landung in der Hauptstadt Astana,

die mitten in Kasachen-Steppe strahlte
mit grellen Lichtern der Paläste. Hollila!
Das Neue vorn - im Intergrund das Alte.
Der Zoll um Mitternacht wirkt richtig krass.

Kontrolle scharf, ob wir Spionen wären.
Wir sind nun Ausländer mit deutschem Pass,
die in das Steppenland einkehren.
Man weiß ja nie, zu welchem Zweck!

Man spricht vom Ort, den wir so lang ersannen,
wo aufgewachsen, lang gelebt, dann weg
nach Deutschland, in das Land der Ahnen.
Nach ein paar Stunden war es dann so weit.

Uns fuhren Freunde hierzulande.
Der Himmelskessel tief und breit,
gefüllt mit Sternen bis zum Rande.
Die Straße führte quer durch das Gebiet,

wo niemand lebte außer Nagetieren.
In Wermutstauden sang der Wind ein Lied,
das voller Wehmut ging uns an die Nieren!
Der Heidenkräuter bitterer Geruch -

wie konnten wir ihn überhaupt vergessen!
Verschwand von uns verhängter böser Fluch,
auf alte uns geprägte Interessen!
Raus aus den Hüllen! Halt mal VW-Bus!

Wir wollen uns die Beine jetzt vertreten.
Ein Gläschen Schnaps, ein feuriger Genuss
am jungen Morgen - Zeit für den Poeten!
Gewaltig strömt am Horizont Frührot,

als überschwemmt die Heide heiße Lava!
Der Sterne-Phönix jagt zum Himmel flott.
Die Seele nimmt die oberen Oktaven!
Noch einen Schluck! So lautet Freundes Ruf.

Da vorne wartet die begehrte Ferne.
der einsam liegt am Birkenhain beiseite.
Kein Mensch, kein Vieh, kein Leben dort.
Sowchosenhöfe gingen schon längst pleite.

Beton-Gerippe zeigt ein Rinderstall,
wie Dinos Überreste in der Jura.
Zehn müde Jahre Umbruchs und Verfalls.
Es stehen still am toten Punkt die Uhren.

Man sieht Getreide auf dem Felde kaum.
Doch die Natur schließt diese große Lücke.
Ein Meer aus Federgras wie Silberflaum
schwingt in die Uhrzeit zu Nomaden-Glücke.

Die lange Fahrt ermüdet unsern Blick.
Am Steppenrande - scharfe Granitrücken.
Das wahre Zeichen, das wir mit Geschick
an Reiseziel schon immer näher rücken.

II

Ans Blaugebirge schmiegte sich die Stadt*,
wo wir die Jugendzeit verbrachten.
Am Höhenflug beruflich und privat
schien uns gegönnt der Traum, wonach wir strebten.

Doch plötzlich wurden wir hellwach,
erschüttert von der schnellen Wende,
die unsere schönen Träume unterbrach.
Dem Sozialismus machte sie ein Ende.

Das Kollektiv zerfiel im Nu total.
Nun dachte jeder für sich selber.
Den Sozi fegte weg das Kapital.
Wir standen ratlos, wie die Kälber

und fragten, was wird jetzt geschehen?
Wer wird für uns nun weiter sorgen?
Man gab uns langsam zu verstehen,
dass niemand wusste, was wird Morgen!

Entstand ein Vakuum im Landes-Raum.
Nationalgefühle schlossen diese Lücke.
Erinnerte sich jeder an den Baum
der Genealogie, der Ahnen-Brücke.

Geburtenheimat nahmen wir nicht wahr.
Wo wir gelebt - war nicht mehr wichtig!
In Deutschland stand ein leuchtender Altar.
Vorfahrens Geist bestimmte unsere Richtung.

Dahin, dahin, wo Milch und Honig fließt!
Nach zwei Jahrhunderte zurück und ohne Zweifel!
Aussiedler-Wind im Rücken bliest.
Und wehe dem, wer da noch kneife!
Migrationsstrom hatte uns erfasst.
Die Euphorie schoss hoch in ersten Zeiten.
Am neuen Ort von altem man vergaß...
Zehn Jahre futsch! Vorüber laue Tage gleiten...

III

Vergangenheit schien doch uns eingeholt!
Verlorene Welt stand da im Morgenlichte!
Beschleunigte Herzklopfen ungewollt
ein Neugier-Ausdruck im Gesichte.

Kein Traum! Wir trafen wirklich ein!
Was Erstes sahen - war ein Schreck!
Einst gute Häuser standen da allein -
statt Fenster - Löcher, Dächer - weg.

Voll ausgeplündert! Wie im Krieg,
verlassen wurden diese Bauten.
Die Perestrojka feierte ihr Sieg.
Dann kam die große trübe Flaute...

Es wurde uns erzählt, dass nie Gewalt
in diesem Ort den Umbruch prägte.
Nur gab’s kein Geld für Unterhalt.
Die Mieter flohen - Nachbarn sägten

und schleppten alles für sich raus.
Gespenstisch standen die fünfstöckigen Ruinen,
als Zeichen für das wirtschaftliche Aus.
Als Wirte galten nur noch Spinnen.

Surrealistisch tauchten andere Bauten auf.
ganz kleine Läden, Apotheken überall.
Tankstelle – Riesenmonstrum für Verkauf
ganz teuren Sprit an Arbeitslose ohne Zahl.

IV

Stark überfordert fuhren aus der Stadt hinaus.
Es schimmerte der Hechten-See von linker Seite.
Von rechter stand im Wald das alte Krankenhaus.
Dann kam die kleine Glasfabrik und weiter, weiter...

Am stillen Teich, dem Förster-College gegenüber,
stand das Haus am Waldessaume, wo wir wohnen sollten.
Ein alter Freund empfing uns. Langfahrt war vorüber.
In Köpfen rauschte es, als wir zu Bette wollten.

Am späten Nachmittag erwachten wir in Stille,
gespannt vom Wiedersehen mit der vertrauten Gegend.
"Komm an den See, wo wir verlebt gemeinsam die Idylle." -
Lud meine Frau mich ein. Ihr’ Stimme klang aufregend.

Wir gingen durch den hohen dichten Kiefernwald.
Ein Duft vom heißen Harz schlug in die Lungen ein.
Es war wie damals, vor zehn Jahren. Genau so prahlt
die Hitze, Erdbeeren röten sich verloren klein.

Uns war’s, als hörten wir ein’ lauten Kinderkrach:
"Mama, Papa! Kommt her! Wir haben was gefunden!"
Wir zu... Zwei Kleine wälzten sich am Bach
und aßen Beeren mit Glück im vollen Munde!

Jetzt sahen wir dieselbe Lichtung ohne Stimmen.
Verwachsen schlängelt sich der Pfad im Dasein.
Verlorene Träume im Gehölze glimmen.
Heuschrecken zirpen in metallischer Ekstase...

Schnell weiter. Wir erreichen Waldesrand.
Hier lag der Strand, an dem mal Wellen klatschten.
Kein Wasser jetzt, nur Weiden auf dem weißen Sand.
Noch hundert Schritte bis die Möwen quatschten.

Erreichten endlich wir den See, der schrumpfend ruhte,
umrahmt von blauen Bergen, steilen Klippen.
Nach so viel Jahren - da! Uns war es recht zumute.
Begrüßungsworte flüstern still die Lippen.

Der blonde Sanddorn säumt das flache Ufer.
Getarnte Stacheln zerren an den Beinen.
Hier, wo die hohen Büsche wellig wuchern,
stand mal das klare Wasser und zwei Steine.

Auf denen angelten einst ich und Sohn am Sommermorgen.
Von blauen Wellen wurden nass die Füße...
Auf kleinen Inseln gab es keine Sorgen.
Die mitgebrachten Brötchen schmeckten süße.

Doch Silberfische bissen gar nicht an.
Darüber freute sich großäugig Artur.
Er fand sogar das irgendwie human,
und hatte deshalb keinen Fang erwartet.

Ein andermal an diesem selben Strand
lief unser Sohn mit seiner Schwester Lena
den ganzen Tag am flachen Wasserrand.
Genossen wir als Eltern diese Szenen.

Der Sanddorn beugte sich von schwerer Last
der Beeren, die Zitronengelb verstrahlten.
Wir sammelten die Früchte von dem Ast,
da konnten scharfe Stacheln nicht aufhalten.

Ein Eimervoll - das kostete ein Tag.
Es reichte aber für drei Jahreszeiten.
Der saure Saft - ein heilender Ertrag –
im trüben kranken Winter das Geleite.

Zu viert beladen gingen wir nach Haus' -
wir von der Ernte - Kinder - von der Sonne.
Die flinke Lena lief uns weit voraus
und schrie: "Da! Oma! Oma!“ - unbesonnen.

Ein weißes Kopftuch trug 'ne fremde Frau.
Genau wie Oma, die die Enkeln liebte.
Sie schaute jetzt vom hohen Himmelblau.
Ihr Mitgefühl als Regen uns durchsiebte...

V

Nach diesem Rückblick schauten wir uns um.
Der blaue Berg "Sinjucha - Kokschetau"
mit seinem fast vulkanischen Profil
erhob sich in der Ferne unverkennbar.

Am anderen Morgen führen wir dahin.
Da lag ein anderer See am Berges Fuße.
'Ne Kurortsiedlung, rundum Kiefernwald.
Der Ort hieß "Borowoye - Burabay".

Bizarre Felsen an dem Küstenrand,
umwoben von Kasachischen Legenden.
Die hohe Pyramide "Ok-Jetpes"
bedeutet: "Von den Pfeilen unerreichbar".

Von da aus stürzte ab die schöne "Kyz",
ein Mädchen, in die tiefen Fluten.
Dann wurde sie zu Felsen: "Jumbaktas" -
ein ewiges Rätsel diese Stapel-Steine.

Das Phänomen verändert sein Profil,
sobald man wechselt seinen Standort.
Von einer Seite: Mädchen wunderschön,
von anderer - 'ne schauderhafte Hexe.

Bald sieht es wie 'ne weise Sphinx,
bald wie ein Wesen unvergleichbar.
Von einer Aura eindrucksvoll geprägt,
für jedermann ein ewiges Geheimnis.

Nun fragt man sich, warum das Mädchen sprang
einst in die stille friedliche Gewässer?
Bedrängt von einem simplen Heiratszwang,
floh sie, verfolgt von tosend-böser Sippe...

'Ne Story alt, wie die gesamte Welt
und doch mit einem mysteriösen Ende...
Ein Mitgefühl für diese junge Frau
weckt der für immer rätselhafte Anblick.

VI

Nun gingen wir den Küstenrand entlang.
Die alte Straße schlängelte sich reizend.
Im Ersten Weltkrieg wurde sie erbaut
von Kriegsgefangenen Österreicher.

Die Stützwand hoch gemauert aus Granit
verleite einen hellen Pastell-Schimmer.
Kristall-blau planschte kuscheliger See.
Das Kieferngrün bedeckte steile Hänge...

Die heiße Luft durchrang das Nadelharz.
Die Heiterkeit verjüngte unsere Seelen.
Am "Goluboy Saliv" - am " Himmelblauen Golf"
bestaunten wir die bergige Landenge,

die von einander hier zwei Seen trennt.
Ein kleiner Kiosk bat uns Coca-Cola.
Ansonsten - die Natur hier unberührt.
Ein paar Touristen hockten nah am Wasser.

Da etwas weiter stand der "Ok-Jetpes",
die von mir schon erwähnten Felsen
und nebenbei die Klippe "Jumbaktas"
mit seiner weiblichen Profile...

Das Sanatorium verbarg das Nadelgrün –
die siebenstöckig Muschelkalkfassade.
Da hatte ich geholfen mal beim Bau.
bekannt war uns die reizvolle Umgebung.

Im kleinen Laden kauften wir 'ne Wurst
und ein paar Brötchen, Fläschchen Wasser.
Am stillen Strand die Mittagszeit
verbrachten wir in Sommerlaube.

Wir saßen da so unbesorgt wie nie!
Dein träumerischer Blick, gebräunte Schultern.
Dies harmonierte mit dem klaren See
und zartem Grün der weißen Birke.

Verliebt war ich erneut in dich, mein Schatz!
Du ähneltest dem Reh am Wasserrande...
Ich wünschte mir 'ne Ewigkeit mit dir
zusammen sein und in die Zukunft springen

Hals über Kopf, besinnungslos, spontan -
und ohne halt das Kommende erleben.
Dein Wesen blieb und bleibt für mich geheim.
Ich möchte dich so gern erneut entdecken.

Nun gingen wir durch sonnenhellen Wald
zur "Klaren Wiese" - "Jasnaya Polyana".
Von dieser Ansicht waren wir entzückt.
Erleuchtung pur am Fuße blauen Berges.

Im Freudentaumel liefen wir,
wie Kinder mit den Wiesenblumen spielend,
zurück zum See, wo warmer Wellengang
an unsere nackte Haut sich wie ‚ne Katze schmiegte.

VII

Am Nachmittag - die Fahrt zum "Hechten-See",
dem Ausgangsziel für diesen Tagesausflug.
Bedrückte Stimmung lag hier in der Luft.
Der Abschied nahte unausweichlich...

Noch einen Abstecher machten wir ganz kurz
in den "Karyer-Wald" - Tal erhellt von Birken,
wo ich in jungen Jahren Versen schrieb
auf weißer jungfräulicher Rinde.

Und "Kosiy Lug" - "Reh-Wiese" auf der Höhe
empfing uns freudig mit viel Süßholz.
Stets holte die Vergangenheit uns ein.
Die Sehnsucht nach der Jugend in uns brannte...

Stieß zu den Wolken "Ritters tiefer Schlaf" -
gezackte Riesen-Gipfeln "Jeke-Bator".
Das weiße Trampeltier versteinert "Ak-Bura"...
Besungen von Akynen* diese Gipfeln.

Nun war’s so weit - verließen wir den Ort,
wo wir gelebt, geliebt und nimmer kehren!
Ade! Ade! Ein Gläschen noch mal drauf!
Bleib' wie du warst und bist! Prost Burabay!
In blauen Strahlen glänze Borowoye!
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Anmerkungen:
* - Seite 3 – die Stadt Shchuchinsk
* - Seite 9 – Akyn – Volksdichter oder Volkssänger


© Heinrich_Rahn


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