Ich musste fort

Der Ort, wo ich an Grenzen stieß
War unser Dorf, das ich verließ
Die sturen Köpfe, Weihrauch Duft
Ich dachte immer nur an Flucht.

Ich musste fort aus dieser Enge
Abtauchen in die Menschenmenge
Wo keiner seinen Nachbarn kennt
Niemand dich beim Namen nennt.

Im Dorf wäre ich eine kleine Nummer
Auf Schritt und Tritt verfolgt vom Kummer
Als Außenseiter bleibst du außen vor
Singt man auch im Kirchenchor.

Eigenbrötler, Sonderling -
Vereine waren nie mein Ding
Feuerwehr oder Sportverein
Blieb lieber stets für mich allein.

Selbst Mädchen flochte man das Haar
Wie es Tradition halt war
Ins Dirndl Kleid fest eingeschnürt
Hat manche sich für Jeans geniert.

Als reicher Bauer hatte man das Sagen
Das stand fest seit Kindertagen
Als armer Schlucker wurde ich nicht ernst genommen
Hätte des Bauern Tochter nie zur Frau bekommen.

So blieb als Ausweg nur die Flucht
Hab in der Stadt mein Heil gesucht
Kein Hahn hatte nach mir gekräht
Für Rückkehr ist es viel zu spät.


© Herbert Kaiser


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Kommentare zu "Ich musste fort"

Re: Ich musste fort

Autor: Bluepen   Datum: 20.09.2020 9:04 Uhr

Kommentar: Lieber Herbert,

deine Gedanken sind nur zu gut nachzvollziehen und in meinem Heimatort gab es auch einige, die dieser ländlichen Idylle entflohen.
Sehr gut geschrieben!

LG - Bluepen

Re: Ich musste fort

Autor: agnes29   Datum: 20.09.2020 11:10 Uhr

Kommentar: Lieber Herbert,
du wolltest fort, das wurde mir deutlich, ich kann es nachvollziehen.
Und doch… wenn man ein gewisses Alter erreicht hat macht sich das Heimweh bemerkbar, dann ist der Zug längst abgefahren.
Dein Gedicht hat mir gefallen, sehr schön hast du es beschrieben.

Liebe Grüße,
Agnes

Re: Ich musste fort

Autor: Karl Hausruck   Datum: 22.09.2020 10:48 Uhr

Kommentar: Ja so ist es. Dennoch war ein Großbauernsohn mein Freund. Es war eine schöne Zeit.
In der Millionenstadt ging es mir schlechter, nichts als Designer-Labels und Super-Karossen.
Überall muß man sich schützen. Es stinkt überall.

K.H.

Re: Ich musste fort

Autor: Michael Dierl   Datum: 04.10.2020 2:07 Uhr

Kommentar: Ich habe über 15 Jahre ebenfalls in einer Großstadt gelebt. Bin nun aber froh wieder nach "Hause" gefunden zu haben wenn auch nicht in meine ursprüngliche Heimatstadt, eine Kleinstadt mit ca. 4000 Einwohner im Norden Hessens. Nun hocke ich in der Rhön und finde diese auch recht schön. Nur echte Heimat ist eben Heimat! Ich war einige Male dort aber sie ist mir über all die Jahre immer fremder geworden. Ich wollte nicht mehr dorthin zurück muss ich ehrlich sagen. Man kennt auch niemanden mehr dort. Wenn man heute fragen würde ob die oder derjenige noch dort wohnen bekommt man eine verneinende Antwort. Die Meisten sind fort, so wie ich in die Großstadt vor etlichen Jahren gezogen, weil Arbeit auf dem Land kaum zu haben ist. Nur bin ich heute in einem Kompromiss gelandet und finde das gar nicht mal so übel. Man hat neue Freunde gefunden, wenn auch keine so richtig, echten, wahren auf die man sich verlassen kann! Aber die Welt ist sowieso sehr falsch geworden. Echte Männerfreundschaft, wie sie in den noch alten s/w Streifen (Film) zu sehn ist, gibt es nicht mehr. Dazu muss man zusammen im Sandkasten Regenwürmer sich gegenseitig in den Mund gestopft haben (ein etwas überzogenes Beispiel ich weiß). Nur so oder ähnlich klappt das dann auch mit der Freundschaft.

Herbert das ist ein super Gedicht und deswegen mußte ich mal weit ausholen mit meinem Kommentar!

Gruss Michael

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