Ein Eisesregen geht hernieder,
gepeitscht von einem Höllensturm.
Tödlich bin ich unterlegen,
im wütend' Meer ein nackter Wurm.

Ich habe niemals so gefroren,
bis auf die Knochen längst durchnäßt.
Ist die Hoffnung denn vergebens,
dass mich die Welt am Leben läßt?

Ich schleppe, wo einst feste Wege,
kraftlos mich durch schweren Schlamm.
Nirgends ist ein schüzend' Ort,
der meine Seele retten kann.

Fast erblindet vom prasselnden Regen
hat mich der Sturm schon taubgerüllt.
Durch tiefe, schwarze, hetzende Wolken
wird mein Grauen dem Himmel verhüllt.

Dem wohl letzten, verzweifelten Blick
stellt sich in den Wettern ein kahler Baum.
Ist das Bild, das sich mir dort zeigt,
das Ende, eine Blendung, mein Todestraum?

Elfengleich, mit bloßen Füßen,
ist ein Mädchen in schwebendem Tanz.
Ihr hübsches Gesicht mit einem Lächeln geziert,
der Welt entrückt, in himmlischer Trance.

Wiegend dreht sie ihren Körper.
Im Windhauch wehen Harr und Kleider.
Eine geheime Starre in den Augen
tanzt sie und tanzt, tanzt immer weiter.

Die Kälte flieht aus meinen Gliedern
wie ich nahe diesem treiben.
Schweigen läßt sie alle Stürme
nur mit ihrem Zauberreigen.

Jetzt bin ich unter höh'rem Schutz,
bei ihrem Tanz, in ihrem Bann,
ihrer übersinnlich sinnlichen Kraft,
der ich mich nicht entziehen kann.

Noch mehr verzaubert diese Spiel
als Leben kommt in ihren Blick.
Eine Berührung bewirkt so viel,
reißt mich hinein in kurzes Glück.

Von himmlischer Melodie geführt
setzen wir den Tanz gemeinsam fort.
Ich wünsche mich in meinem Rausch
für immer nur an diesen Ort.

Sie gab das Leben mir zurück
als die Welt mich schon zerstört.
Mit dem Tanz verspricht sie mir,
dass die Welt nur uns gehört.

Doch dann füllen Tränen ihre Augen.
Sie ist entrissen durch eine Kraft,
die mich weitertanzen läßt
und sie hinausstößt, in tödliche Nacht.

Meine Beine tanzen, gehören nicht mir.
Kein Schritt gelingt mir zu ihr hin.
Das tosende Wetter läßt sie entschwinden,
bis mit der Melodie allein ich hier bin.

Ich tanze und tanze, tanze allein,
wie sie zuvor von Göttern geführt.
Ich tanze geschützt vor Sturm und Regen
bis mich ein liebendes Mädchen berührt.


© Matthias Vogel


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