© Harald (Tom) Gressel
Der Mann aus dem Schacht
oder
Leben leben und nicht Leben streiten
Ich fuhr empor
mit den Männern aus der Tiefe.
Das Tagwerk
hing noch an unseren Schultern
wie nasser Fels.
Mein weißes Hemd
hatte längst vergessen,
dass Weiß einmal seine Heimat war.
Fliegen umkreisten mich.
Staub wohnte
in Haaren,
Ohren,
Nüstern.
Aus einem Gesicht
schwarz wie verbrannte Erde
blickten zwei Augen,
die mehr gesehen hatten,
als ein Mensch sehen sollte.
Jeder Schritt
war schwer von Stunden,
die mir einer genommen
und gegen Münzen getauscht hatte.
Die Haut
lag straff auf den Knochen,
der Bauch war leer,
die Kleidung trug
mehr Körper als ich.
Ein Duschraum
für hundert Männer.
Kein Schweigen.
Kein Alleinsein.
Seit vielen Stunden
nicht einmal sich selbst begegnet.
Daheim
warteten Frau und Kind,
nicht auf mich,
sondern auf den Lohn,
den ich ihnen
mit meiner Würde bezahlte.
Und am Ende der Jahre
legte sich der Staub,
der außen auf mir lag,
lautlos
in meine Lunge.
So starb ich.
Wie fast alle,
die mit mir
den Schacht befuhren.
Grubentier,
kein Mensch.
Ausgeschlachtet
für ein paar Mäuse
und einen kurzen Eintrag
im Gedächtnis der Welt.
Nun stehe ich hier
und erzähle
von einem Leben,
das ich einst bestritt.
Ja—
bestritt.
Wie seltsam dieses Wort.
Leben
sollte man leben,
nicht bestreiten.
Doch diese Einsicht
kam,
als die Zeit
mich längst verlassen hatte.
Nun sehe ich alles
von oben.
Oder von unten.
Auf jeden Fall
nicht mehr
von dieser Welt.
Ich trage
weißes Leinen,
dass der Wind
wie Wolken bewegt.
Mein Haar
ist grau geworden,
mein Bart
reicht bis auf die Brust.
Mein Gesicht
hat das Licht
zurückbekommen.
Eine leise Gitarre
atmet durch die Stille.
Über mir
ein Himmel,
der nichts mehr erklären muss.
Ein Bach
erzählt dem Moos
alte Geschichten.
Schmetterlinge
schreiben lautlose Briefe
zwischen den Blumen.
Bienen
vergessen die Zeit.
Und ich
liege mit geschlossenen Augen
im weichen Grün,
bis selbst die Erinnerung
an das irdische Leben
nur noch
ein fernes Echo ist.
Da—
ein warmer Atem.
Etwas Feuchtes
an meiner Wange.
Ich öffne die Augen.
Neben meinem Bett
steht Emma.
Meine treue Freundin.
Sie führt mich,
ohne ein einziges Wort,
aus einem fremden Leben
zurück
in meinen eigenen Morgen.
© Harald (Tom) Gressel
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l.Maja
Uschi Rischanek
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Kommentare zu "Der Mann aus dem Schacht"
Re: Der Mann aus dem Schacht
Autor: l.Maja Datum: 26.07.2026 13:56 Uhr
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Re: Der Mann aus dem Schacht
Autor: Uschi Rischanek Datum: 26.07.2026 14:59 Uhr
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