Mut des Innenhaltens

© Harald (Tom) Gressel

Mut des Innenhaltens

Noch hielt mich nicht der erste äußre Drang,
der mich beständig vorwärts treiben hieß;
im Takt der Pflicht verging mein früher Gang,
dem fremden Maß ich folgte, still und leis.

„Sei still, sei schnell, nun geh und halte ein,
tu dies und das und frage besser nicht!“
So eng gezwängt erschien mein Dasein klein,
bestimmt von fremdem Wort und fremdem Licht.

Was ich am Sonntag tragen sollte dann,
ward lange schon im Voraus festgelegt;
nicht bunt, nicht schlicht – was man nur wählen kann,
wenn äußre Form die innre Regung prägt.

Der Schulweg war auf Jahre fest bestimmt,
als läg mein Leben längst schon klar bereit;
was gegenwärtig war, erschien gedimmt,
nur Zukunft galt als wahre Wirklichkeit.

Zu laut das Spiel, zu wild das freie Sein,
der Kirchgang rief zur stillen Andacht hin;
am Altar sollte nur das Wahre sein,
doch blieb mir fremd der vorgegebne Sinn.

Ein Fleck am Kleid erschien als großes Leid,
das Waschen selbst als fast zu schwere Pflicht;
der strenge Blick stand jederzeit bereit,
und Strafe fiel im harten Gleichgewicht.

So war ich eingeübt in Zucht und Muss,
Gehorsam trug mich durch die Kinderzeit;
und sah ich andrer Kinder gleichen Fluss,
so schien es überall dieselbe Zeit.

Die Kindheit floh in leisem Drängen fort,
getragen von dem Wunsch, ihr zu entfliehn;
ich suchte Frieden, einen stillen Ort,
wo ich begann, mich selbst als Ich zu ziehn.

Nicht jeder Tag war grau und ohne Klang,
manch einer dunkel, schwarz und ohne Licht;
doch selten fiel auch ein warmer Sonnenhang,
der leise sprach: Vergiss dein Leben nicht.

Nun steh ich hier, am Ende des Beginns,
und suche Spuren, die im Innern liegen;
doch finde ich im Mut des neuen Sinns,
noch Freud und Schmerz, die mich zum Leben biegen.

Den Ursprung seh’n, den Weg, den ich einst ging,
im Jetzt verweilen, still und doch erfüllt;
was einst zerbrach, wird neu in mir zum Ring,
der sanft bewahrt und meine Mitte stillt.


© Harald (Tom) Gressel


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