Manchmal sitze ich einfach da
und beobachte andere Frauen.

Reine Wissenschaft.
Feldforschung.

Da gibt es jene,
die so verliebt in ihr Spiegelbild sind,
dass ich mich frage,
ob der Spiegel irgendwann
um ihre Hand anhalten wird.

Andere wiederum
balancieren auf High Heels,
als hätten sie beim Kauf übersehen,
dass diese Schuhe
auch zum Gehen gedacht sind.

Sie staksen.
Sie schlurfen.
Sie knicken um.

Und schauen dabei so würdevoll,
als gehöre das alles
zur Choreographie.

Dann gibt es die,
die gehen und sich ständig umsehen,
als wollten sie sagen:

Seht mich an.
Ich bin ein Star.

Manche schreiten sogar
so majestätisch durch die Gegend,
dass ich kurz überlege,
ob die Wiedergeburt
der Königin von Saba
an mir vorbeigeschwebt ist.

Und dann,
sobald die ersten Sonnenstrahlen
auch nur andeutungsweise
den Frühling versprechen,
öffnet sich eine ganz besondere Schatztruhe:

die der knappen Shorts.

Plötzlich sieht man sie überall.

Hinterteile,
Beine,
Beinchen
und entschlossene Stampfer.

Dazu nackte Bäuche
und eine erstaunliche Menge
Oberweite.

Manche frieren tapfer
mit hervorquellender Blöße
durch die noch frische Frühlingsluft –

nur um am nächsten Tag
mit Schnupfen
und Schal
durch die Gegend zu laufen.

Aber das ist egal.

Denn das Ganze wirkt
ein bisschen wie ein Showlaufen.

Der Laufsteg des Alltags –
zwischen Bäckerei,
Bushaltestelle
und Supermarkt.

Und dann –
gibt es noch die anderen.

Die stillen Schönheiten.

Die mit dem leicht unsicheren Lächeln.
Die denken,
ihre Nase sei zu groß
oder ihr Lächeln zu schief.

Die nicht wissen,
dass ihre Augen
ganze Räume heller machen.

Und während draußen
die High Heels
noch mit der Erdanziehung ringen,

steht irgendwo
eine Frau ganz ruhig da.

Vielleicht mit zerzausten Haaren.
Vielleicht mit einem schiefen Lächeln.

Aber mit einer Ausstrahlung,
die jeden Spiegel
vor Neid erblassen lässt.

Und plötzlich merkt man:

Schönheit
hat gar nichts mit High Heels
oder Shorts zu tun.

Sie kommt einfach herein,
setzt sich hin –

und der ganze Raum
fühlt sich
ein bisschen schöner.

Und während ich das alles beobachte,
denke ich manchmal still:

Die Natur
hat wirklich Humor.

Sie verteilt Schönheit
auf die unterschiedlichsten Arten.

Und zum Glück
braucht man dafür
weder einen Laufsteg
noch High Heels.

Manchmal reicht schon
ein schiefes Lächeln –
und ein bisschen Selbstironie.

Denn seien wir ehrlich:

Die wirklich schönsten Frauen
sind meistens die,
die über sich selbst
noch lachen können.

Und ich hoffe sehr,
dass ich
heute auch dazugehöre.

© Angélique Duvier

Schönheit - Eine Feldstudie

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© 2026 Angélique Duvier, Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, sowie des öffentlichen Vortrags. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren reproduziert werden.


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Kommentare zu "Schönheit - Eine Feldstudie"

Re: Schönheit - Eine Feldstudie

Autor: Uschi Rischanek   Datum: 16.04.2026 9:35 Uhr

Kommentar: Nun liebe Angélique, dann gibt es noch jene weiblichen Wesen, die es vermögen in sich hineinzuhorchen um Stille einfach zu begreifen...

Gerne eingetaucht!
Libe Grüße
Uschi

Re: Schönheit - Eine Feldstudie

Autor: Michael Dierl   Datum: 25.04.2026 8:11 Uhr

Kommentar: Da möchte ich mich gerne anschließen. Und da gibt es noch diejenigen, die in so knappen Jeans stecken, dass sie beim Bücken ihr Spaltmaß ihres Hinterteils zeigen und nicht bemerken, dass ihre Nieren darüber freudig in die Luft springen. Hast Du sehr schön beobachtet und mir eine Freude bereitet beim Lesen! :-))

lg Michael

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