Der Wunschbrunnen

Wenn ich vor diesem Brunnen steh,
greif ich sofort zum Portemonnaie.
Ich glaube schon seit Kindestagen
den alten Märchen, alten Sagen,
dass so ein Brunnen Glück verschenkt
dem, der sein Münzgeld dort versenkt.
Auch ich werf’ gleich 'ne Münze rein,
und werd’ von da ab glücklich sein,

Ich wünsch mir Glück – und davon viel!
Die Münze hat nur dieses Ziel.
Drum nehm’ ich auch kein Fünf-Cent-Stück,
Denn das brächt’ ja nur kleines Glück,
Zwei Euro sollten es schon sein,
Dann ist das Glück in Massen mein.

Der Parkplatz draußen wartet schon,
Nur schnell ins Auto, und davon
Und dann gleich ins Hotel zurück,
Den ganzen Kofferraum voll Glück.

Jedoch der Motor startet nicht,
schuld ist nur das verdammte Licht,
das ich nicht richtig abgestellt,
Klar, dass der Strom so lang nicht hält.

Na gut, das war kein großes Glück,
Ich geh und hol mein Geld zurück,
Ich beug mich über’n Brunnenrand,
Da kommt ein Polizist gerannt.
„Nix holen Sie hier wieder raus,
die Münzen gehn ans Waisenhaus“.

Der Brunnen hat zwar Glück versprochen,
Doch vielleicht erst in ein paar Wochen,
So geh’ ich ins Hotel zu Fuß
denn lang schon fuhr der letzte Bus,
Zwei Stunden Fußmarsch sind gesund,
Nur nicht für Füße, die schon wund.

Wo ist der Schlüssel zum Hotel?
Ich wühl in meinen Taschen schnell,
Mein Läuten hört kein Nachtportier,
weshalb ich dort ein Stündchen steh.
Dann leg ich meine müden Glieder
direkt vor der Hoteltür nieder.

Ein Polizist stark wie ein Baum
Reißt mich brutal aus meinem Traum,
„Was machen Sie hier?“, fragt er barsch,
Stupst mit dem Fuß mir in den A...rm.
„Hier wurd’ schon viermal eingebrochen,
Man sucht die Täter schon seit Wochen!“

Dann will er meinen Ausweis sehn,
Der liegt im Hotel, Zimmer 10.
Schon bricht er mir die Arme schier
und schleppt mich mit auf das Revier.
Dort schnell ein Anruf im Hotel!
Doch wie hieß das Hotel noch schnell?
Es kommt mir nicht mehr in den Sinn,
verdrossen fährt man mich dann hin,
Zwei Polizisten folgen mir
hinauf bis vor die Zimmertür.

Der Schlüssel? Wo ist der noch rasch?
Zumindest nicht in meiner Tasch’.
Dem Polizist reißt die Geduld,
es schwindet – scheint mir – seine Huld
und seine Lust mich zu bewachen.
Will er sich aus dem Staube machen?

Ja, richtig, er beschließt zu geh’n,
lässt mich vor Zimmer 10 dumm steh’n.
Ich bin so müde, jetzt und hier
und werf’ mich vor die Zimmertür,
Leg’ eine Socke auf die Augen,
Sie soll mir dort als Lichtschutz taugen.
Und schon umfängt mich tiefer Schlummer,
Es schwinden Unglück, Zweifel, Kummer.

Doch als ich aufwach’, wird mir bang –
ein neuer Portier am Empfang.
Der gute Mann will mich nicht kennen
ich muss erst meinen Namen nennen,
dann will er auch den Ausweis sehn,
doch der liegt – Pech! – in Zimmer 10.

Ich knie’ mich weinend vor ihn hin:
„Jetzt glauben Sie doch, dass ich’s bin!“
Ein wenig Wirkung hat mein Fleh’n,
denn er folgt mir zum Zimmer 10
und öffnet mit dem Passepartout.
Ich eil’ zum Schreibtisch, doch im Nu’
werden mir beide Beine schwach –
der Ausweis liegt im Handschuhfach!

Dort habe ich ihn reingelegt,
als sich die Karre nicht bewegt.
Also noch mal zwei Stunden laufen!
’Ne Taxifahrt kann ich nicht kaufen,
weil all mein Geld still und vergnügt
ja ebenfalls im Auto liegt.

Als ich dann auf dem Parkplatz steh,
gibt’s etwas, was ich gar nicht seh’:
Mein Auto! – Mist! Ich fluche laut,
vermutlich hat es wer geklaut.
Ich frage einen alten Mann,
Der mir nicht viel mehr sagen kann
als doch zum Schrottplatz mal zu laufen
und mein Gefährt zurückzukaufen.

Kaufen??!! Das kann’s doch wohl nicht sein!
Ich zeig’ denen den Fahrzeugschein
und krieg mein Auto! Diese Deppen!
Von denen lass ich mich nicht neppen!

Ich geh zum Schrottplatz guten Mutes,
Hoffnungen haben stets was Gutes.
Doch als ich zwischen Rostmüll stehe,
man glaubt es nicht, was ich dort sehe:
Mein Auto!!! ––– ... in der Autopresse,
mein „Stopp!“-Schrei findet kein Interesse,

Ich hör’ noch laut die Hupe tönen,
dann biegt sich Blech mit grellem Stöhnen.
Geld, Ausweis und den Fahrzeugschein,
Schließt jetzt ein hübscher Würfel ein.

Ich häng mich auf! Gleich jetzt und hier!
Doch plötzlich kommt die Einsicht mir:
Das Glück, das scheinbar mir genommen,
Jetzt ist es doch noch angekommen.
Das Glück, das werd’ ich nie vergessen,
Ist, dass ich da nicht dringesessen.
Und aus den zweifelhaften Lehren,
dass Münzwürfe mein Glück vermehren,
Zieh ich den Schluss, nach all dem Schrecken,

nur noch Papiergeld einzustecken.


© Peter Heinrichs


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Kommentare zu "Der Wunschbrunnen (Poetry Slam)"

Re: Der Wunschbrunnen (Poetry Slam)

Autor: Ella Sander   Datum: 08.09.2018 11:09 Uhr

Kommentar: Lustig und unterhaltsam, lieber Peter :D
Gefällt mir gut :)

Lieben Gruß,
Ella

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