Der letzte Vorhang

© Harald (Tom) Gressel

Der Vorhang fällt

Die Luft hängt schwer,
ein dichter Mantel über Raum und Sein,
Lavendel, Patschuli, Bier – ein Duft, der Schichten trägt,
der sich in Körper mischt, in jede Pore legt,
und doch in seinem Chaos fast poetisch scheint.

Gedrängte Menge, vor und hinter mir, ein Strom aus Blicken,
der letzte Akt verraucht, ein brennendes flackerndes Gesicht,
manch einer schwitzt, manch einer sinkt ins Dunkel, hält es nicht,
ein Schläfer riskiert, mit Schnarchen den Takt zu flicken.

Ein kurzer Riss in der Stille, bevor das Brausen sich erhebt,
Applaus entfaltet Flügel, schlägt sich durch den Saal,
ein Jubel wie Gewitter, ungezügelt, laut und einmalig ohne Qual
das ganze Haus erzittert, als ob ein Herz im Mauerwerk noch lebt.

Der Tenor verstummt, sein letzter Ton liegt schmal im Licht,
der Sopran lächelt gequält, vom Scheinwerfer wie festgenäht,
ihr Blick geblendet, ein Funken Stolz, der kaum vergeht,
aus dem Graben, der Dirigent hebt sein fernes Angesicht.

Verneigt sich der Meister, müde, stolz und schwer,
„È stato magnifico – vi preghiamo di fare un bis!“ ruft einer, voll Gewicht,
keine Zugabe, der Vorhang fällt, die Bühne bleibt im Schweigen dicht,
die Menschen steigen auf, kein Halten mehr.

Ich bleib zurück, mein Stuhl hält mich, als wär er Teil von mir,
die Ruhe wächst, sie sickert in den Boden, tastet still mein Herz,
dann spring ich auf, ein Satz – befreit von Müdigkeit und Schmerz,
„È stato magnifico“ sag ich leise, „ein Glücksmoment – jetzt bin ich hier.“ 

© Harald (Tom) Gressel


© Harald (Tom) Gressel


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