ADVENT IM HAUS AUS ATMEN
Die Dunkelheit draußen ist so voll,
dass sie an die Fenster klopft wie ein Tier.
Wir aber haben das Licht kleiner Rebellionen angezündet:
einen Wachsberg auf dem Tisch,
vier Flammen, die zitternd sich halten
an den Händen aus Docht.
Du schälst Mandeln. Ein klares Klicken
jeder Schale – ein winziger Herzschlag
in der Stille. Der Duft von Zimt
steigt aus der Tasse wie eine unsichtbare Treppe,
die ins Jahr unserer Kindheit zurückführt.
Ich sehe dir zu, wie du die Orangenscheiben
auf den Faden fädelst – bernsteinfarbene Perlen
für einen unsichtbaren Hals.
Draußen der Frost, der Bäume in Glas verwandelt.
Hier drinnen: dein Atem, der sich an meiner Wange
zum Tau taut. Das Knistern des Holzes
ist die einzige Sprache, die wir jetzt brauchen.
Deine Hand sucht die meine unter der Decke,
findet sie, hält sie, als wäre sie ein Vogel,
der verlernt hat, dass es eine Welt
jenseits dieser Faust aus Wärme gibt.
Auf dem Ofen brummt der Tee sein altes Lied.
Jeder Dampfring ist ein schwebender Kreis,
ein Nirgendwo, das genau groß genug ist
für ein Versprechen, das wir nie ausgesprochen haben:
Dass wir, solange einer den anderen atmen hört,
nie ganz im Winter sind. Dass jede Kerze
nicht gegen die Finsternis kämpft,
sondern einfach unseren eigenen kleinen Teil
der Dunkelheit in etwas verwandelt, das sich
anschauen lässt. In etwas Zartes. Gebeugtes.
Unbesiegbares.
Und wenn wir später die Äpfel schneiden,
wird in jedem Kerngehäuse ein kleiner Stern liegen.
Fünfzackig. Feucht. Ein winziges Universum
in unserer hohlen Hand.
Wir werden ihn nicht essen.
Wir werden ihn auf die Fensterbank legen,
damit er der kommenden Kälte zeigt:
In diesem Haus wohnen Menschen,
die wissen, wie man Sterne züchtet
aus dem Kern des Vergehens.
Später, im Bett, wirst du murmeln:
„Der Tannenbaum duftet nach Wald,
den wir nie betreten haben.“
Und ich werde denken:
Alles, was wir je suchten, war dieser eine Raum –
wo das Eis an den Scheiben Blumen malt,
wo die Zeit stillsteht wie ein atemloser Schrei,
wo dein Haar in meinem Mund
nach Brot und Honig schmeckt
und nach der unerhörten Gewissheit,
dass selbst die längste Nacht
irgendwann zerbricht
an der schieren Hartnäckigkeit
zweier Körper, die beschlossen haben,
einander Heimat zu sein.
In staubigen Archiven, zwischen Namen und Jahreszahlen,
flüstert Geschichte aus brüchigem Papier.
Alte Zeitungen berichten von fernen Tagen
und von Leben, die längst vergangen sind.
Wem gehört die Fantasie?
Seepferdchenkuschelig dehnt sich mein Geist in den Raum hinein.
Mein Geist sitzt am blaumuschelfarbigen Ozean.
Mein Körper sitzt sanft ruhend am kurkumazitronengelben [ ... ]
Ob beim Schreiben, beim Malen, beim Musizieren, beim Spazieren gehen...
Dann, wenn ich ganz "leer" bin, meine Gedanken still stehen,
wenn ich irgendwo in einem "freien Raum" bin,
undefinierbar [ ... ]