Die Rotbuche gibt ihr Kupfer frei,
der Ahorn legt sein Feuer nieder,
und über abgeernteten Feldern
zieht der Wind die Spuren des Sommers
in die feuchte Erde.

Nichts beginnt bei uns.

Im Humus liegen vergangene Jahre,
Wurzeln trinken aus dem,
was vor ihnen fiel,
und jeder Baum trägt still
die Geschichte seines Bodens.

So sind auch wir
Erben dessen, was andere bauten,
bewahrten, versäumten,
erkannten und zerstörten.

Doch Erbe ist kein Besitz allein.

Was uns die Gegenwart überlässt,
fordert Antwort:
den Boden nicht ärmer,
die Freiheit nicht kleiner,
die Wahrheit nicht bequemer
weiterzugeben.

Der Herbst weiß davon.

Er hält nichts fest,
und dennoch verliert er nichts.
Das Blatt fällt,
wird Erde,
die Erde nährt die Wurzel,
die Wurzel bereitet den Frühling.

Vergangenheit wird Herkunft.
Gegenwart wird Verantwortung.
Zukunft wird aus dem,
was wir heute wachsen lassen.

Darum ist jede Generation
nur eine Jahreszeit im großen Werden:

Erbengemeinschaft der Vergangenheit,
Verantwortungsgemeinschaft der Gegenwart
und Entstehungsgemeinschaft der Zukunft.

© Timo Ertel, 2026


© TIMO ERTEL


2 Lesern gefällt dieser Text.



Diesen Text als PDF downloaden




Kommentare zu "Erbgang des Herbstes"

Re: Erbgang des Herbstes

Autor: IchWillKeinenNamen   Datum: 24.09.2026 13:44 Uhr

Kommentar: Viele schöne Verse. Danke für dein Geschriebenes

Grüße,

Kommentar schreiben zu "Erbgang des Herbstes"

Möchten Sie dem Autor einen Kommentar hinterlassen? Dann Loggen Sie sich ein oder Registrieren Sie sich in unserem Netzwerk.