Die Welt geht nicht zugrunde,
sie dreht sich weiter, Tag für Tag.
Doch etwas in den Menschen
verliert sich still und ohne Schlag.
Wir sehen Fehler überall,
in Nachbarn, Politik und Zeit,
doch selten richten wir den Blick
auf unsere eigene Wirklichkeit.
Wir urteilen über fremde Wege,
wissen stets, was richtig wär',
doch würden wir uns selbst befragen,
fänden wir dieselben Lasten schwer.
Denn wer nur auf die anderen zeigt,
läuft oft vor sich selbst davon.
Der Mensch wird laut im Außen,
wird aber leise in sich schon.
Man sagt, die alten Zeiten fehlen,
früher sei alles besser gewesen.
Doch nicht die Zeit hat sich verändert,
nur Menschen haben neu gelesen.
Die Monate kehren immer wieder,
die Tage ziehen ihren Kreis.
Doch Werte wechseln ihre Kleider
und manches Herz zahlt einen Preis.
Aus Stroh wird Papier, aus Benzin wird Strom,
aus Freiheit oft nur Funktionieren.
Man nennt es Fortschritt, nennt es Wandel,
doch manche Seelen frieren.
Wir reden von Gesundheit,
während Rauch durch Straßen zieht.
Wir suchen Glück in Flaschen,
bis das eigene Echo flieht.
Auf Festen wird gelacht,
doch oft nur unter Alkohol.
Als hätte man vergessen,
wie Leichtigkeit einst aus sich selbst hervorquoll.
Wo sind die langen Spieleabende,
die Karten auf dem Küchentisch?
Wo Freunde, die nicht konsumierten,
sondern einfach da waren – menschlich.
Heute zählt die Reichweite,
ein Leben wird zur Galerie.
Man zeigt vom Frühstück bis zum Schlafen
die eigene Biografie.
Und während Millionen Augen urteilen,
wer schöner lebt, wer mehr erreicht,
vergisst man jene stille Frage:
Was in mir selbst vielleicht entweicht.
Freundschaft wird zum Verbrauchsgut,
Kontakte kommen, Kontakte geh'n.
Doch echte Nähe braucht kein WLAN,
nur Menschen, die einander seh'n.
Verlassene Häuser erzählen leise,
was am Ende wirklich bleibt:
Nicht Geld, nicht Macht, nicht Statussymbole,
sondern wie man Herzen schreibt.
Denn irgendwann wird jeder spüren,
dass Zeit kein Mensch besitzt.
Der Körper trägt die Spuren weiter,
bis selbst die stärkste Jugend sitzt.
Krankheit fragt nicht nach Vermögen,
Alter nicht nach Ruhm und Schein.
Und plötzlich werden viele Dinge
erschreckend klein.
Vielleicht besteht die wahre Reife
nicht darin, erwachsen zu sein.
Vielleicht bedeutet sie vielmehr,
das Kind im Herzen nicht zu verleugn'n.
Noch staunen können, lachen lernen,
gemeinsam kochen, Unsinn machen.
Nicht alles messen, nicht bewerten,
und manchmal grundlos herzlich lachen.
Vielleicht beginnt Veränderung dort,
wo man den Spiegel nicht mehr meidet.
Wo man erst sich selbst versteht,
bevor man andere beurteilt.
Und vielleicht ist Weisheit nichts Großes,
kein Titel, keine Wahrheit laut.
Sondern die Erkenntnis,
dass jeder Mensch nach Liebe schaut.
Darum trink den Kaffee mit Ruhe,
lies ein Buch, hör Musik im Licht.
Denn die Welt wird nicht besser durch Urteile –
aber vielleicht durch einen Menschen,
der bei sich selbst beginnt.
Der blinde Spiegel“ ist ein nachdenkliches geprägtes Gedicht über Selbstreflexion, gesellschaftlichen Wandel und den Verlust echter zwischenmenschlicher Werte. Es regt dazu an, weniger über andere zu urteilen und stattdessen den Blick auf das eigene Leben, echte Freundschaften, Menschlichkeit und die Vergänglichkeit des Lebens zu richten.
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