Ein Topfen saß im weißen Tuch
und tropfte still vor sich dahin.
Er las dabei in einem Buch,
doch stand vom Tropfen nichts darin.

Die Molke sprach: „Ich geh voraus.“
Der Topfen rief: „Dann geh nur raus!“
Und weil sie ging und er verblieb,
ward er sich selber langsam lieb.

Die Milch, die vorher Milch noch war,
gerann auf einmal sonderbar.
Durch Säure, Lab und etwas Zeit
war sie zur Trennung nun bereit.

Der Bruch blieb da. Die Molke rann.
So fängt das Käsewesen an.
Man schöpft und salzt und presst mit Maß
und wartet dann – worauf denn? Spaß?

Nein: Reifung heißt das Zauberwort.
Der Käse bleibt. Die Zeit läuft fort.
Bakterien, winzig und gescheit,
betreiben Käsearbeit.

Der eine Käse bleibt noch jung,
der andre übt sich in Reifung.
Der dritte riecht nach kurzer Frist,
als ob er selbst sein Nachbar ist.

Ein vierter duftet derart kühn,
dass Petersilie beginnt zu fliehn.
Die Butter sagt: „Ich halte still.“
Der Schinken geht, wohin er will.

Nur unser Quark sitzt frisch dabei
und sagt: „Ich bin auch Käserei!“
Das stimmt sogar. Denn Quark gehört
zum Frischkäse – falls das wen stört.

Er braucht kein Alter, keinen Bart,
kein Kellerloch für seine Art.
Er bleibt ganz jung und ziemlich weiß
und kostet meistens keinen Preis
an monatelanger Warterei –
und ist doch Käse. Einerlei.

Was tropfen darf, verliert dabei,
doch wird durch Trennung keineswegs entzwei.
Es wird nur dichter, Stück für Stück –
die Molke fort, der Topfen dick.

So ward aus Milch und Menschenhand
der Käse vielerorts bekannt.
Doch fragt man mich nach seinem Sinn:

Er tropft.

Er reift.

Und manchmal stinkt er hin.

© Timo Ertel, 2026


© TIMO ERTEL


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